Marius kehrt zurueck - Aus dem Tagebuch eines roemischen Soldaten


1. August 359, 6 Uhr morgens

Liebes Tagebuch:

Kurzerhand entschloss ich mich, meine Eltern in Kaiseraugst zu besuchen. Da der Krieg nun beendet war, konnte mich nichts mehr daran hindern. Schnell packte ich meine Siebensachen und machte mich auf den Weg.

1. August 359, 7 Uhr abends

Der Nieselregen hat endlich aufgehoert und der Wind nachgelassen. Ich bin in der Augusta Rauricorum angekommen und habe einen schweren Marsch hinter mir. Da ich sehr muede war, schaute ich mich nach einer Taverne um, in der ich fuer diese Nacht unterkommen konnte.

2. August 359, 8 Uhr morgens

Ich hatte lange geschlafen, so machte ich mich flink auf den Weg zum Elternhaus, welches innerhalb des Kastells lag.

Unterdessen stellte ich fest, dass sich seit meiner Stationierung in Syrien die Stadt nach so vielen Jahren sehr veraendert hat. Die Oberstadt lliegt aber schon seit rund hundert Jahren mehr oder weniger in Truemmern, und zu verdanken haben wir das den Einfaellen der Alamannen. Desswegen sind auch die ehemals rund 40 000 Einwohner schon laengst auf wenige tausendgeschrumpft.

2. August 359, vormittags

Als ich am Elternhaus angelangt war, oder an dem, was davon noch uebrig war, sah ich nur Zeichen des Verfalls. Wo man hinschaute, broeckelte der Verputz, ebenfalls am Kastell, welches als Schutz am Rhein liegt. Als ich das gewaltige Kastell mit seinen riesigen Abwehrtuermen betrachtete, war es ein ueberwaeltiges Gefuehl. Ich kam mir so klein und nichtig vor. Gleichzeitig erinnerte ich mich an die Zeit, in der ich hier, vor meiner Versetzung, herumkommandiert wurde.

Daraufhin ging ich weiter, um nach einem Lebenszeichen von meinen Eltern zu suchen, denn in diesem abrißreifen Gebaude konnte keine Menschenseele mehr hausen. Deshalb beschloss ich, zuerst das Haus meines Onkels aufzusuchen, in der Hoffnung, dort meine Eltern anzutreffen.

Als ich vor der Tuer stand und anklopfte, oeffnete eine alte Dame. Nach kuerzerem Betrachten fiel sie mir um den Hals und rief : "Marius, mein Sohn, du bist es, nach so vielen Jahren bist du endlich wieder zurueckgekehrt!"

Gemeinsam gingen wir ins Haus und fuehrten lange Gespraeche. Wir sprachen ueber die alten Zeiten und wie schoen es damals gewesen ist, nur war es traurig, dass Papa nicht dabei sein konnte, denn er kam vor Jahren bei einem Unfall ums Leben. Beim Abschied versprach ich wiederzukommen.

2. August 359, nachmittags

Nach diesem ergreifenden Erlebnis ging ich die Bruecke entlang ueber den Rhein und sah einen befestigten Brueckenkopf auf der gegenueberliegenden Flusseite, er diente als zusaetzlicher Schutz des Kastells. Wie das Kastell, das ein Bestandteil des Limes ist, zeigt, ist dieses Gebiet sehr gefaehrdet.

2. August 359, nachmittags 3 Uhr

Danach ging ich zurueck in die Stadt und sah mir die Thermen an, welche groeßer als die uebrigen Gebaude in der Stadt sind. Da die Reichen auf den Luxus nich verzichten wollen, hat fast jede reiche Familie auch noch eine persoenliche Badeanlage.

Ich war sehr erschoepft und nahm desshalb ein kleines Schwitzbad, was mein Wohlbefinden erhoehte.

2. August 359, abends 7 Uhr

Ich ging an einer neuen Kirche vorbei und sah eine grosse Leichenprozession, welche zum Friedhof fuehrte. Es nahmen auffallend viele Christen an der Prozession teil, das erkannte ich daran, dass viele das Kreuzzeichen machten. Vor 20 Jahren war das noch nicht so.

2. August 359, abends

Bei Nachtanbruch kehrte ich zurueck in die Taverne, und beim Schlafengehen dachte ich, dass die Glanzzeit des roemischen Reiches vorueber ist.


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