Kapitel 34: Neurogenetik

34.5.2.1 "Angeborenes" Verhalten

"Angeboren" bedeutet "eingeschränkte Reaktionsnorm": Unter Entwicklungsbiologen besteht Einigkeit darüber, daß der fertige Phänotyp eines Tieres oder einer Pflanze von den Erbanlagen nicht im strengen Sinne determiniert wird. Prinzipiell ist die Entwicklung eines Merkmals auf Umweltfaktoren (z.B. Temperatur, Sauerstoff etc.) angewiesen. Vernünftig ist es jedoch, davon zu sprechen, daß die Erbanlagen für jedes Merkmal eine Reaktionsnorm festlegen. Diese Reaktionsnorm kann weit gespannt sein; dann ist das Merkmal durch Umweltfaktoren leicht zu beeinflussen, so z.B. die Wuchsform von Pflanzen in Abhängigkeit vom Licht. Die Reaktionsnorm kann aber auch sehr eng sein. Dann ist die Ontogenese des Merkmals durch Umwelteinflüsse (innerhalb physiologischer Grenzen) kaum zu beeinflussen: Es ist "angeboren", z.B. die Augenfarbe von Drosophila. Es ist das Verdienst der Ethologie nachgewiesen zu haben, daß auch gewisse tierische und menschliche Verhaltensweisen in diesem Sinne angeboren sind (Instinkthandlungen, unbedingte Reflexe etc.), d.h. das Erscheinen einer Verhaltensweise kann ein normales und vorhersagbares Ergebnis des Entwicklungsprozesses sein. So sind, um nur ein Beispiel zu nennen, brütende Gänse angeborenermaßen in der Lage, ein neben dem Nest liegendes Ei wieder einzurollen (Abb. 34-62).

Zwischen "angeboren" und "erworben" liegt ein Kontinuum: Der Begriff des "angeborenen Verhaltens" wurde zuerst von Ethologen (z.B. von Konrad Lorenz) geprägt, deren Bestreben es war, sich von den verbreiteten behavioristischen Anschauungen abzusetzen, nach denen alles Verhalten erworben sein sollte. Sie tendierten deshalb dazu, "angeboren" in Gegensatz zu "gelernt" zu setzen. Nach heutiger Sicht macht das jedoch wenig Sinn. Geninformation gewinnt immer erst Bedeutung innerhalb eines eng definierten biologischen Zusammenhangs. Deshalb ist es nicht immer möglich, alles "gelernte" vom "angeborenen" Verhalten zu trennen. Immer wenn der Lerninhalt vorhersagbar ist (wegen konstanter vorhersagbarer Umweltbedingungen), kann Lernverhalten als eine Form des epigenetischen Entwicklungsprogramms aufgefaßt werden. So spielt z.B. bei einzeln aufgezogenen Kanarienvögeln das auditive Feedback (das Hören) des eigenen Gesangs bei der Entwicklung des artspezifischen Gesangmusters eine wichtige Rolle. Bei Drosophila werden gewisse Flugparameter durch die Flugerfahrung beeinflußt. Die Entwicklung "angeborenen" Verhaltens kann also durchaus Lernvermögen voraussetzen.

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