Heinrich von Kleist: Michael Kohlhaas

     

Michael Kohlhaas Die Räuber

„Michael Kohlhaas” und „Die Räuber”: Ein Vergleich

„Franz heißt die Kanaille?"   ←→   „So, sagte Kohlhaas, Wenzel heißt der Junker?"


1. Gemeinsamkeiten der Ausgangslage, des Anliegens und der Auflösung:


Ein Einzelner reagiert auf eine ihm zugefügte Kränkung, ausgelöst durch eine ungerechte Behandlung, mit gewaltsamen, ungesetzlichen Aktionen: Karl Moor wird vom Vater verstoßen und damit seiner Hoffnungen auf Lebensglück (Vater und Amalia = Erbe und Ehe) beraubt. Auch Kohlhaas beginnt seinen Krieg erst, nachdem er als „Quärulant" bezeichnet, damit in seiner persönlichen Ehre und seinem Rechtsgefühl beleidigt wurde, und er seine Frau verloren hatte.

Beiden geht es um ihr Recht und ihre Rache. Es geht ihnen aber auch um die Wiederherstellung einer gerechten Ordnung (Karl Moor: „Harmonie der Welt", V,2 / Kohlhaas: „Sicherheit" seiner „Mitbürger" vor zukünftigen Kränkungen, S. 11).

Beide Aktionen sind durch ihre Ungesetzlichkeit fragwürdig und entwickeln sich gewalttätiger als beabsichtigt. Die Gewalt verselbstständigt sich und holt den Initiator am Ende ein (auch Spiegelberg, Schufterle, Nagelschmidt).

Beide Protagonisten stehen in der Tradition der Selbsthelfer-Figuren. Am Ende ihres Weges handeln sie moralisch vorbildhaft. Sie entscheiden sich nicht für die Freiheit im Sinne von ‚lebend davonkommen wollen', sondern sie entscheiden sich ‚frei' - um den Preis ihres Untergangs.

Zu dieser autonomen Entscheidung müssen sie aber erst in die Lage versetzt werden: Moor durch die Desillusionierung als Rächer der Enterbten, dessen Aktionen ihm aber entgleiten; bei Kohlhaas bewirkt eine Kette von Zufällen („es traf sich") in Gestalt der Zigeunerin und ihrer Prophezeihung, dass er überhaupt wieder einen Entscheidungsspielraum erhält.

Beide Protagonisten entscheiden sich gegen die Auswege, die sich ihnen bieten: Karl Moor begeht den Selbstmord, den er zunächst als „Gipfel der Freiheit" bezeichnet (IV,5), nicht, Kohlhaas rettet sein Leben nicht im Tausch gegen das Amulett (S. 103). Beide realisieren ihr Menschsein auf der Höhe des „guten Willens" (Immanuel Kant: Grundlegung zur Metaphysik der Sitten 1785) und geben ihr – wie auch immer begründetes - Widerstandsrecht an die Gemeinschaft, den Staat, zurück.


2. Unterschiede der Persönlichkeiten, Wege und Ziele der Protagonisten:


Karl Moor führte ein ausschweifendes studentisches Lotterleben (in Leipzig).

    Michael Kohlhaas war ein Muster an Rechtschaffenheit (→ Exposition), ein Familienmensch und tüchtiger Geschäftsmann (im Brandenburgischen).

Karl Moor erleidet eine Kränkung als verlorener Sohn, der sich der Versöhnung und Wiederaufnahme durch seinen Vater sicher war. Die Geborgenheit spendende Väterwelt, eine patriarchalische, vom Gewohnheits- und Feudalrecht geprägte Welt, nimmt ihn - so scheint es - nicht mehr auf. Er unternimmt keine Versuche, das Verhältnis und die Situation zu klären, er reagiert emotional mit einer Verurteilung des Menschengeschlechts (I,2), die Welt an sich ist sein Gegner.

    Michael Kohlhaas hat einen juristisch und menschlich nachvollziehbaren Schaden erlitten. Er hat es auch mit einem etablierten Rechtsystem und seinen Institutionen zu tun (→ Positives Recht) und versucht auf institutionellen Wegen seinen Rechtsanspruch einzuklagen. Kohlhaas hat klare Vorstellungen, wer ihn um sein Recht betrogen hat und wie es wieder hergestellt werden kann (drei Klagepunkte S. 16). Das Ziel seiner Aktionen ist es, das bestehende Rechtsystem wieder zu seiner Bestimmung als gerechtes System kommen zu lassen, also nicht politischer Umsturz, nicht Revolution, sondern Restitution, Wiederherstellung einer Ordnung, für die z.B. der alte Herr von Tronka (S.4) steht.

Karl Moor wird desillusioniert und erkennt seinen Irrtum, sein Abirren vom sittlichen Weg (Akt IV/V), vor allem in der Begegnung mit den Figuren der Väterwelt.

    Kohlhaas hält an der Legitimität seines Krieges auch nach dessen Beendigung fest. Sein Handeln ist für ihn kein Irrtum, sondern durch seine Erfahrung des Aus-dem-Recht-gesetzt-Seins begründet.

Karl Moor hat, wenn er vom „beleidigte(n) Gesetz(e)" spricht (V,2), eine höhere ethische Norm, die „Harmonie des Weltenbaus" im Sinn, eine „göttliche Harmonie" (IV,5), die nicht nur in der „see-lenlosen Natur" sondern auch in der „vernünftigen" walten soll.

    Kohlhaas hat eine sehr konkrete Vorstellung vom Gesetz und dessen Funktion, nämlich den Bürger zu schützen und ihm Sicherheit vor Übergriffen anderer zu geben (Gesellschaftsver-trag).

Karl Moors Rachebedürfnis erfährt keine wirkliche Befriedigung oder Genugtuung, durch den Tod Franz' verändert sich seine Situation nicht mehr. Stattdessen: „Triumph der Tugend über das Laster, des Rechts über die Rache, der „misshandelten Ordnung" über den Missetäter" (Klaus R. Scherpe, S. 241)

    Kohlhaas' Rachebedürfnis wird voll befriedigt, auch aus seinem Rechtsstreit geht er als Sieger hervor, die Gerechtigkeit setzt sich im Recht durch (indem sie Kohlhaas bestraft) und seine Nachkommenschaft lebt „frohe und rüstige" Tage im Mecklenburgischen. Aber seine Haltung ist nicht sittlich rein, im Gegensatz zu Karl Moor idealistischem Akt der Selbstauslieferung haftet seinem Verhalten noch zuviel „Ausschweifung" an.

3. Und abschließend - angedeutet: Autor-Intentionen und Wirkungsaspekte


Die Figur Karl Moors und das Drama „Die Räuber" sind mit den rechtsphilosophischen Kategorien (Naturrecht, Gesellschaftsvertrag und Positives Recht) nicht im gleichen Maße zu verstehen wie Kleists Novelle:

Schillers Drama behandelt nicht zuerst rechtsphilosophische Fragestellungen, sondern die Problematik des zerbrochenen Weltbezugs und die Möglichkeiten der Versöhnung mit der Welt in einer individuellen, ethischen Entscheidung. Schillers Werk ist eine dramatische „Experimentalanordnung" (R. Safranski) dieser Thematik. Er spielt daher mit der ganzen Palette wirkungsästhetischer Mittel (Figurengestaltung, Regieanweisungen), um seinen Protagonisten als tragisch – vor allem an sich selbst - scheiternden Stürmer und Dränger erkennbar zu machen. Schiller denkt wirkungsästhetisch, „Wirkung war ihm alles, dem musste sich Ausdrucksgehalt, Machart und Ideengehalt unterordnen" (R. Safranski, S. 118) „Das Drama ist für Schiller eine Affekterregungskunst, es kommt alles auf das virtuose Arrangement der Effekte an, das Theater – eine Maschine zur Herstellung großer Gefühle." (119)

    Kleists Novelle ist dagegen als eine absichtsvolle Auseinandersetzung mit den Rechtspositionen und -verhältnissen seiner Gegenwart zu lesen. Das Verhältnis des Einzelnen zum Staat und zur Rechtsnorm wird durchdekliniert, dabei kommen zeitgenössische rechtsphilosophische Themen wie Vertragstheorie, Widerstandsrecht und die Aufgabe des Staates zur Sprache. Kleist kleidet diese Auseinandersetzung allerdings in die Form einer Chronik aus vergangener Zeit und verfremdet so den vorhandenen Gegenwartsbezug.

    Hier ist allerdings die Rolle des "unzuverlässigen" Erzählers von Bedeutung, der seine neutrale Chronisten-Perspektive immer wieder verlässt und sich in vielfältiger Weise der inneren Regungen des Protagonisten annimmt, mit einer klaren Tendenz: Michael Kohlhaas ist mehr als ein „Räuber und Mörder", sondern ein innerlich zerrissener Mensch: „rechtschaffen" und „entsetzlich" zugleich.

(cc) Klaus Dautel


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