J. M. R. Lenz  Der Hofmeister 

Privaterziehung oder öffentliche Schule?
Die öffentliche Schule setzt sich durch!

Aus Wilhelm Roessler: Die Entstehung des modernen Erziehungswesens in Deutschland, Stuttgart 1961 (S.243 ff)

Die Gründung eines neuen Erziehungswesens (Fünftes Kapitel)

Die Entstehung eines neuen Lehrerstandes und dessen Entwicklung vom verachteten Winkeldasein zum geachteten Beruf ist eine der "merkwürdigsten Erscheinungen in der Geschichte der deutschen Bildung." (Friedrich Thiersch: Über gelehrte Schulen, mit besonderer Rücksicht auf Bayern. 1.Band Stuttgart/ Tübingen 1826). Hieß es von dem Schulmeister noch: "Für den Lehrstuhl bleibt ein Häuflein Armer übrig, deren Mittellosigkeit die Vorbereitung zu einem besseren Berufe unmöglich macht, oder Unglückliche, gleichsam verlorene Kinder der Theologie, der Jurisprudenz, der Heilkunde, die das Katheder noch als den Hafen ansehen, in dessen Schirm sie aus dem Schiffbruch ihrer bürgerlichen Verhältnisse Leib und Leben zu flüchten genötigt sind."

So konnte für den gleichen Stand wenige Jahre später gesagt werden: "Der Lehrstand hat seine Rechte unter den mit Ansehen und Belohnung umgebenen Ständen der Gesellschaft eingenommen, zwar nicht getrennt von dem geistlichen Stande, indem er noch fortdauernd eine beträchtliche Anzahl von Lehrern aus demselben besitzt, aber doch selbständig geworden und einem jeden Talente offen, das durch inneren Beruf in sein Gebiet gezogen wird."

Bereits 1791 wird resümiert: "Der Stand der Erzieher bildet sich jetzt immer mehr zu einem besonderen Stand, der von einem eigentümlichen Geist beseelt wird, der sein Geschäft wie eine egentümliche Kunst treibet, der sich ihm nicht bloß aus Not oder Zwang widmet, sondern aus echter Neigung und, wenn ich so sagen darf, mit einer Art von Künstlerliebe! Nun gibt es schon mehr Jünglinge und Männer, die von ganzem Herzen für die Erziehung tätig sind." (P.J.Lieberkühn, Kleine Schriften, 1791)

ABER: Das Geschäft der Erziehung fordert jetzt auch den ganzen Mann, denn: "Das Schul- und Erziehungswesen ist jetzt mehr als jemals in einer heilsamen Krisis, und fängt, wiewohl nur allmählich an, eine andere Gestalt zu gewinnen."
"Man fängt jetzt an einzusehen, daß der Mensch in den Schulen nicht bloß Lesen, Schreiben, Rechnen, den Katechismus und einige Worte und Formeln oder, wenns hoch kömmt, einige alte Schriftsteller zergliedern und ihre Stücke zu Exerzitien wieder zusammensetzen oder etwa eine Menge ihm unverständlicher oder unnützer wissenschaftlicher Erklärungen, Sätze und Regeln auswendiglernen muß, wenn er nach den jetzigen Umständen und Bedürfnissen der menschlichen Gesellschaft sich und ihr recht nützlich werden soll...."
"Sonst hatte es der Schullehrer viel leichter; er ließ, besonders in den untern Klassen, außer dem Lesen, Schreiben und Rechnen, nicht viel mehr tun als übersetzen, Phrases ausziehen, auswendiglernen und aufsagen; das war heute, wie morgen, das ging seinen gewöhnlichen Gang und war eben nicht beschwerlich."
"Das Amt eines Schullehrers ist jetzt viel schwerer und mühsamer als vorzeiten. Der Lehrer muß jetzt überall bei seinem Unterricht selbst mehr denken, denn der Schüler soll es früher und mehr lernen; er muß, wenn er treu ist, all seine Kraft und Besonnenheit bei jedem Teil seines Unterrichtes beisammen halten und brauchen."

"Er legt es sogar darauf an, alle natürlichen Anlagen und Kräfte seiner Schüler sich recht frei entwickeln und wirken zu lassen, weil das ein Hauptgesetz der vernünftigen Erziehung ist, und doch ist es ungemein schwer, auch nur einen einzigen Menschen von lebhafter Seele gehörig zu behandeln und einzuschränken; er hat mit den Sitten, Verwöhnungen, Verführungen und Widersprüchen eines Zeitalters zu kampfen, das der Erziehung noch mehr Hindernisse entgegensetzt als ehemals."(Lieberkühn S. 95ff)

Anmerkung: Der zitierte Phillip Julius Lieberkühn war zuerst Privatlehrer in Ruppin, dann gründete er auf Wunsch des Magistrats und der Bürgerschaft 1777 eine neue Schule. Magistrat und Bürgerschaft legten übrigens zusammen, um eine anständige Besoldung der Lehrer Lieberkühn und Stuve zu ermöglichen.


© Klaus Dautel, 1998

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