Liebeslyrik   ♥   Unterrichtsvorschläge

Liebe und Lyrik - Denkanstöße

Denkanstöße
    Liebeslyrik: Ein weites Feld, auf dem es schon genügend didaktisch und methodisch aufbereitetes Material gibt. Ich sehe darum keine Notwendigkeit, dem noch ein weiteres hinzuzufügen. Stattdessen biete ich eine Reihe von Fundstücken zu diesem Thema an - als Gedankenfutter oder Gesprächsimpuls, als Denkanstöße zunächst zu der Frage: Was ist LIEBE?
    Denkanstöße zum historischen Stellenwert von Liebes-LYRIK folgen auf der nächsten Seite.

„Es war Liebe auf den ersten Blick und damit ein Verbot von Alternativen,
eine Reduktion der unendlichen Menge an Möglichkeiten auf ein Jetzt und Hier.“

(Juli Zeh, Schilf. btb 2009 S. 16)

Niklas Luhmann: LIEBE - eine Übung 1969 (Suhrkamp 2008)

In Niklas Luhmanns aus dem Jahre 1969 stammendem Aufsatz mit dem Titel „Liebe - eine Übung“ geht es nicht um Liebes- oder Leibesübungen, sondern um die Untersuchung „eines sozialen Tatbestandes mit unbestreitbarer Bedeutung“ (9). Luhmanns Sprache und Terminologie sind dabei höchst unromantisch, zuweilen soziologisch und systemtheoretisch verstellt, in vielen Passagen aber auch von großartiger Prägnanz. Hier einige Gedanken und Formulierungen daraus, die auch für Schüler interessant und eine gute Übung ihres Leseverständnisses sein können.

Niklas Luhmann bezeichnet LIEBE als eines von mehreren „Kommunikationsmedium“, das in einer Welt, die vom Zufälligen bestimmt ist („komplex“ und „kontingent“), die „Selektion von Erlebnisperspektiven aus einem weiten Bereich anderer Möglichkeiten“ (S.13) erlaubt. In dieser Funktion ist Liebe mehr als eine „Motivation zu bestimmtem Handeln - etwa zu geschlechtlicher Hingabe“ (15). Vielmehr „färbt (sie) zunächst das Erleben, verändert damit die Welt als Horizont des Erlebens und Handelns. Sie verleiht gewissen Dingen und Ereignissen, Personen und Kommunikationen eine besondere Überzeugungskraft.“ (15/16)

Geschichtlich wird das Phänomen LIEBE in zwei historischen Ausdrucksformen dargestellt:
Einmal das antike und mittelalterliche Verständnis von Liebe als Bekanntheit, Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft einem bekannten Menschen gegenüber, also eine für den Erhalt von Gemeinschaft, Sippe oder Stamm relevante Haltung (philia/amicitia). Liebe ist so gesehen eine „Interaktionserleichterung“, die „positive Empfindungen ihrer Mitglieder zueinander, nicht aber gegenüber Fremden erwartet - Liebe aufgrund von Bekanntheit und Vertrautheit, Zugehörigkeit und wechselseitiger Hilfe. Das Erotische ist nicht ausgeschlossen, aber ... nicht wesentlich.“ (29/30)
Die damit verbundene Hoffnung, dass in diesen überschaubaren Gemeinschaft alle einander liebevoll zugetan sind, hat sich nicht realisiert, ist „utopisch“ geblieben, vielmehr ging die Entwicklung in die entgegengesetzte Richtung, nicht „dass man alle liebt, sondern ... dass man einen beliebigen, ausgewählten anderen Menschen liebt.“ (30)

Mit dem Ausgang des Mittelalters wird das Kommunikationsmedium LIEBE neu umrissen, nämlich als „Passion“, als Leidenschaft, die das Verhältnis der Individuen in der Gemeinschaft neu gestalten lässt, dadurch eine Reihe von Problemen löst und dafür neue Dysfunktionalitäten aufweist. Liebe, als Passion, zuvor zwar vorhanden, aber ohne gesellschaftliche Funktion, wird nun zum zentralen Merkmal:

Hiermit ist der „romantische Liebesmythos“ bezeichnet, dass es „bei wahrer, echter Liebe ... weder auf Stand noch auf Geld, weder auf Reputation noch auf Familie noch auf sonstige ältere Loyalitäten ankommen kann. Das Zerstörerische daran wird gesehen - und gerade mitgenossen.“ Davon gebe das „große literarische Thema der standeswidrigen oder im weitesten Sinne unvernünftigen Liebe“ Belege und Beispiele genug. (33)

Die „Institutionalisierung“ des romantischen Liebesmythos als „Ehegrundlage“ ist für Luhmann eine „entschieden neuzeitliche Errungenschaft“ (33). Sie ist in ihren ersten Formulierungen „dem Sentimentalismus des 18. Jahrhunderts zu danken und dort Bestandteil bürgerlicher Kritik (an) aristokratischer Unmoral“. Dadrch aber wird passionierte Liebe zum gesellschaftlichen Programm, mit dem soziale Erwartungen verknüpft werden. Passioniertes Lieben wird zur Erwartung, auf die hin gelernt und erzogen wird.“ (34) Am Ende dieser Entwicklung finden wir in hochmodernen Gesellschaften schließlich „die Liebesheirat“ (36).

In der Literatur des 18. Jahrhunderts werde dann vollends die „Reflexivität des Liebens“ (39) registriert und legitimiert:

Aufgabe:
  1. Unterstreiche im Text die drei für Dich wichtigsten Stellen.
  2. Nenne literarische Texte, auf welche die Ausführungen Luhmanns zutreffen könnten.
  3. Hat sich in der Gegenwart des 21. Jahrhunderts Entscheidendes an Liebe und Liebesgefühl verändert?

   

(cc) Klaus Dautel, 2015



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