Linguistik für die Oberstufe Eine Unterrichtseinheit

Schritt 1: Angewandte Linguistik

Stellen Sie sich vor,
Sie sind angestellt bei einer Firma namens Goggle im aufstrebenden Techno-Park Großneudorf!
Und Sie sind Teil eines bahnbrechenden Großprojektes: Intelligentes Wohnen!

Sie arbeiten am Großprojekt: Spracherkennung!
Konkret heißt die Aufgabe: Wie versteht mich mein Kühlschrank?
Sie gehören zum Team D, D wie Deutsch. 

Der Kühlschrank soll in der Lage sein,
die Anweisungen aller Mitglieder der vierköpfigen Familie zu verstehen (für die nachfolgende korrekte Umsetzung), 
ohne dass die Sprecher eine dazu angepasste Goggle-Sprechweise erlernen müssen (denn sonst wird das Gerät nicht küchenalltagstauglich).

Aufgabe an das Entwicklerteam D:
  1. Führen Sie zuerst eine Situationsanalyse durch, welche Bedingungen das Programm erfüllen muss, um den Auftrag bzw. die Lautkette "Zähle die Eier!" oder die Frage "Wieviel Eier sind noch da?" (bzw. Lautkette) zu verstehen.
  2. Erfassen Sie dann im Detail, welche Schritte der Spracherkennungsprozess durchlaufen muss - entwerfen Sie einen möglichst detaillierten Prozessplan.
  3. Visualisieren Sie diesen und stellen ihn dem CEO (Chief Executive Officer) vor (Hinweis: unter Vermeidung von "und dann", "also", "keine Ahnung" und so).

   

Die Schülerinnen und Schüler erarbeiteten u.a. folgende Lösungsansätze:

 

Kurze Ergebnisanalyse:
Die Poster und die dazugehörigen Erläuterungen der Schülergruppen zeigen, dass sie sich der Aufgabe mit Interesse gewidmet haben. Dabei haben sie sich insbesondere klug und kreativ mit der Frage beschäftigt, wie der Kühlschrank die Anzahl der Eier bestimmen kann.
Auch die Notwendigkeit der Segmentierung der Lautkette wurde erkannt, ebenso die Existenz eines Lexikons, mit dem die Lautfolgen abgeglichen werden.
Sogar die Unterscheidung zwischen Aufforderung und Frage wurde berücksichtigt, nicht allein durch Einbeziehung der Intonation, sondern auch der syntaktischen Form

Was erwartungsgemäß wenig Berücksichtigung fand, waren die Feinheiten der Lautdiscriminierung: Die Unterscheidung der Sprecher (alle Familienmitglieder), die Trennung der Lautkette von den Hintergrundgeräuschen, der syntaktische Regelapparat.

Das ist auch der Ansatzpunkt, um dann im Anschluss an die Präsentation in das System Sprache aus Sicht der modernen (strukturalistischen) Linguistik einzuführen: Phonetik, Morphologie, Syntax und Semantik!

   

Doch zurück zu unserem Kühlschrank-Beispiel. Hier ein Vorschlag für die Ergebnis-Sicherung, in der gleich die wesentlichen Begriffe der Linguistik eingeführt werden können:

Welche mentalen/digitalen Prozesse laufen ab beim "Verstehen" einer Lautkette (= Empfängerseite)?
				
	Spracherkennung:
1. Lautkette von Hintergrundgeräuschen trennen       -> akustische Analyse
2. zerlegen in eindeutig unterscheidbare Einzellaute  -> phonetische Merkmalsextraktion
3. Laute bestimmten Kategorien zuordnen          -> Phonem-Analyse: Segmentierung und Klassifikation
4. Phoneme zu Wörtern zusammensetzen und         -> morphemische Analyse
   diese mit dem mentalen/digitalen Lexikon vergleichen   -> Paradigmatische (lexemische) Analyse

	Sprachinterpretation:
5. Beziehung der Wörter zueinander ermitteln      -> Syntaktische Untersuchung
6. Bedeutung der Wortfolge ermitteln              -> Semantische Einordnung
7. Den kontextuellen Sinn ermitteln	           -> Pragmatische Einordnung

Anmerkung: Zu den Grundlagen der digitalen Spracherkennung aus linguistischer und neurologischer Sicht ist bereits 1997 in der Zeitschritft c't ein umfänglicherer Artikel von Jo Bager erschienen.

Computer, ...
Sprache als Forschungsobjekt und Eingabemedium
Als natürlichste Kommunikationsform ist uns die Sprache eine Selbstverständlichkeit. Wie leistungsfähig die ihr zugrundeliegenden Strukturen und Mechanismen sind, zeigt sich erst, wenn man versucht, sie zu entschlüsseln und für Computer nutzbar zu machen."
Die obige Tabelle wird in diesem Artikel vorgestellt und genauer ausgeführt, nicht ohne den Hinweis: "So modular ist der menschliche Parser nicht aufgebaut - die Wechselwirkungen zwischen seinen Komponenten sind erheblich komplexer." (c't 4/1997 S. 285ff)

       

(cc) Klaus Dautel, 2015



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