Ö.v.Horváth

Der Jüngste Tag (1936)

Schauspiel in sieben Bildern

Erstes Bild:

Vor dem Bahnhof eines Ortes mit 2374 Einwohnern warten ein Kosmetikvertreter, die Bäckermeistersgattin Leimgruber und ein Wald- arbeiter auf den Zug, der sich natürlich verspätet. Aus dem Gespräch der Wartenden lernen wir das Wichtigste über den Ort: Der tüchtige Bahnhofsbeamte Hudetz wird von der krankhaften Eifersucht seiner um 13 Jahre älteren Frau verfolgt; deren Bruder, der Apotheker, versucht die über-nervöse Frau zu beruhigen. Die einzige, welche in diesem Nest Kosmetika erworben hat, ist die Tochter des Wirtes und mit einem Fleischhauer (Ferdinand Bichler) verlobt, der nur einmal in der Woche kommt. Diese beiden kommen auch auf den Bahnhof, um sich zu verabschieden. Endlich kommt der Zug, die Reisenden steigen ein und zurück bleiben Thomas Hudetz und Anna. Diese macht sich einen Spaß daraus, mit dem feschen, aber überaus korrekten Mann zu kokettieren, küsst ihn gegen seinen Willen, um die Gattin zu ärgern - da donnert ein Zug vorbei und Hudetz erkennt zu seinem großen Schrecken, dass er es versäumt hat, ein Signal zu stellen.

An der TAFEL zu erarbeiten (TA):

EXPOSITON 
→ Darstellung des KLEINBüRGERTUMS in seinen verschiedenen Arten 
      (zumeist aus dem Munde der Leimgruber - die allerdings völlig
      falsche Personeneinschätzungen gibt, z.B. von Anna): 

- Kosmetikvertreter: pünktlichkeitsliebend, fortschrittsgläubig,
        (ein-)gebildet, konservativ
- Bäckermeistersgattin Leimgruber: geschwätzig, neugierig, boshaft
- Bahnhofsvorsteher Hudetz: "ein gebildeter, höflicher, emsiger Charakter,
        ein selten strammer Mensch"(Leimgruber S.5) - auf
        Beamten-Respektabiität bedacht - verteidigt seine Frau
- Frau Hudetz: 13 Jahre älter, streit- und eifersüchtig, uuml;berreizt,  
        nervös,
        hochnäsig (Leimgruber)
- Apotheker Alfons: Ihr Bruder, auf Respektabilität bedacht, hochnäsig
        (leimgruber)
- Wirtstochter Anna: "hat's hinter den Ohren" - quot;personifizierte  
        Unschuld" (Leimgruber) - kokett, herausfordernd, gedankenlos
- Fleischhauer Ferdinand; ihr Velobter, treuherzig und einfältig
                      ||
                      \/
      Die Gemeinsamkeiten der Hauptpersonen sind:
         - Fassade der Respektierlichkeit
          - untergründige Boshaftigkeit
           - mehr oder minder ausgeprägte Triebhaftigkeit
Zweites Bild

An der Unglücksstelle fünfeinhalb Stunden später sind die 18 Toten - darunter Zugführer und Lokführer - schon geborgen, ein Gendarm, ein Staatsanwalt, ein Kommissar sind mit der Feststellung des Tathergangs beschäftigt, viele Schaulustige sind auch da, z.B. der Wirt und seine Tochter Anna. Die Frage ist: War das Signal auf Rot oder nicht? Der leichtverletzte Heizer wird vernommen und betont die Korrektheit des Lokführers. Hudetz besteht darauf, dass er sich nie etwas hat zuschulden kommen lassen. Da meldet sich Anna als Entlastungszeugin und behauptet, dass Hudetz das Signal rechtzeitig gestellt habe. Vom Wirt erfährt der Staatsanwalt, dass Hudetz eine böse, kranke Frau habe, Hudetz verteidigt sie aber noch. Selbige wird dann auch vom Gendarmen gebracht, vernommen, sie behauptet zunächst, geschlafen zu haben. Dann jedoch, vom Wirt herausgereizt, schildert sie den wahren Hergang und belastet damit ihren Mann zu dessen großem Entsetzen. Anna streitet alles ab, es steht Aussage gegen Aussage und der Staatsanwalt sieht sich gezwungen, Hudetz festzunehmen.

TA: Nach dem Unglück: Vom Umgang mit der WAHRHEIT. 
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                            Hudetz
                      verschanzt sich hinter 
                      Beamtentum und Pflichttreue
                      fühlt sich nicht schuldig
                      
Die Anderen                                      ANNA
verhalten sich nach         WIE HäLT            weiß um die Schuld und
ihren Sympathien und       MAN`S MIT DER       ist zum Meineid bereit
Antipathien                 WAHRHEIT?
                                                Fau Hudetz
            die Ermittlungsbehörden           weiß um die Wahrheit
         verdächtigen zunächst Hudetz       und benutzt sie als Waffe
             schlagen sich dann aber auf         als Mittel der Rache
              die Seite des Beamten

Fazit:
- Die WAHRHEIT kommt nicht aus Wahrheitsliebe, sondern als Rache und Haß
- Die Unwahrheit dagegen wird gerne akzeptiert, weil sie den Status Quo nicht in Frage stellt
- Die Unwahrheit befriedigt das Wunschdenkend er öffentlichen Meinung
- Die Schuld wird von keinem der Betroffenen übernommen.
Drittes Bild:

Vier Monate später: Leni schmückt die Gaststube vom >Wilden Mann< festlich, denn Stationsvorsteher Hudetz soll empfangen werden. Nach vier Monaten Untersuchungshaft ist er nun freigesprochen und rehabilitiert worden. Metzger Ferdinand kommt überraschend vorbei, um seine hübsche und als Kronzeugin im 'Sensationsprozeß' berühmt gewordene Anna zu sehen. Mit Marschmusik und Hochrufen wird Hudetz nun in die Stube geleitet, Anna bekommt Herzbeklemmung dabei, während der Wirt salbungsvolle Begrüßungsreden hält. Hudetz gibt den ihm überreichten Blumenstrauß an seine 'Retterin' Anna weiter Im allgemeinen Trubel taucht Alfons, der Bruder von Frau Hudetz in der Wirtschaft auf. - Anna bittet Hudetz heimlich um eine Aussprache am nächsten Abend unter dem Viadukt. - Alfons bittet Hudetz um Fürsprache bei den anderen. Durch das Verhalten seiner Schwester steht er jetzt vor dem Bankrott. Als der Wirt ihn sieht, wird er auch fast verprügelt.

Situation: Hudetz 'glänzend rehabilitiert'
           Anna ist als 'Kronzeugin' zur bekannten Person geworden,
              Ansehen der Mitbürger & der Stolz ihres Verlobten
           Die Bürgerschaft ist geeint und guter Stimmung
           Die Störenfriede (Frau Hudetz und Bruder Alfons) sind
              gesellschaftlich & geschäftlich isoliert
            /                            \
           /                              \
RUHE UND ORDNUNG          ABER:            \
WIEDERHERGESTELLT,      - die WAHRHEIT noch nicht offengelegt (Tathergang)                                                
Dorffrieden gewahrt      - der VERANTWORTLICHE noch frei  (Täter)          
(Realistischer und       - noch eine SCHULD zu begleichen (Strafe)
  pragmatischer          - GERECHTIGKEIT muss/soll herrschen! 
   Ausgang)                   ||
                              \/
Hier erfolgt die Wendung ins >Metaphysische<: Für Zuschauer und Autor ist
der realistisch-pragmatische Ausgang sowohl künstlerisch als auch moralisch
unbefriedigend, deshalb: 
   =>  Eine überraschende Wandlung ist in Anna vor sich gegangen.
       Eine Art innere Stimme treibt sie um und sie fordert den
            gefeierten Helden des Tages zur Aussprache.
Viertes Bild:

Am folgenden Abend unter dem Viadukt. Anna kommt. Sie hat furchtbare Gewissensbisse wegen ihres Meineides, sie fühlt sich verfolgt von den Schreien der Verletzten und den Toten. Sie will die Schuld nicht alleine tragen, aber Hudetz besteht darauf, dass alle Schuld die Anna trifft wegen ihres dummen Kusses. Dennoch, ihre hilfesuchende Offenheit zieht ihn an - er küsst sie.

Wieder ist ANNA der auslösende Faktor:
1. Zuerst löst sie - durch ihre Koketterie - die Katastrophe aus.
2. Dann behindert sie - durch einen Meineid - die Ermittlungen.
3. Schließlich erinnert sie Hudetz an seine/ihre gemeinsame Schuld und
4. verführt sie ihn erneut - vielleicht zum Mord!

Fünftes Bild:

BILD 5: Fragen zur ANALYSE der Szene:
1. Stellen Sie kurz dar, was dem 5. Bild vorausging.
2. Fassen Sie den Inhalt der Szene zusammen.
3. Vollziehen Sie den Verlauf des Gespräch zwischen Hudetz und Leni nach.
a) Welchen Anteil daran hat Leni,
b) wie reagiert Hudetz' und
c) was kennzeichnet deren Sprache?
4. Welches Gesprächsverhalten legt Hudetz gegenüber dem Polizisten an den Tag?
5. Wie ist es - im Hinblick auf den weiteren Verlauf des Stückes - zu deuten?

Sechstes Bild:

Alfons: "Das hängt alles zusammen."(S.53) - DIMENSIONEN DER SCHULD
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-> im rechtlichen Sinn: Fahrlässigkeit im Dienst (Bild 1)
                        Falschaussage (Bild 2)
                        Zeugenbeseitigung durch Mord (Bild 4)
-> im moralischen Sinne: Verdrängung der Wahrheit 
                         z.b. Eheproblematik (Lebenslüge)
                         Abstreiten von Veranwortung 
                         Verstecken hinter starrer Rollenidentität
                                (Beamten-Respektabilität)
                         Weigerung, sich selbst in Frage zu stellen 
> im religiösen Sinne: Leben heißt, schuldig werden!
                        Jeder hat eine Schuld abzutragen (Erbsünde) 

Die Gerichte können RECHT sprechen, aber GERECHTIGKEIT stellt sich nur 
auf allen drei Ebenen her: Durch die Bereitschaft,
      die Möglichkeit einer MITSCHULD in Betracht zu ziehen
      das Ausmaß der eigenen SCHULD zu erkennen, 
      und die VERANTWORTUNG zu übernehmen.
Siebtes Bild:

→ Totentanz: Um Hudetz kämpfen mehrere Parteien: Die Lebenden, die >Kopf ab< und >irdische Gerechtigkeit< fordern, die Toten, die ihn zum Selbst- mord verführen wollen, und Anna, die ihn vor dem Selbstmord retten will.

Das Stück endet mit der Einsicht Hudetz', dass er am Leben bleiben muss, um die SCHULD auf sich zu nehmen, um sich zu verantworten. Weder darf er
- sich selbst freisprechen (durch Festhalten an einer LEBENSLüGE),
- noch sich selbst richten (durch SELBSTMORD),
- sondern er muss vor hier und jetzt zu der Tat stehen.
Dadurch unterscheidet sich Hudetz von der Masse, dass er sich enwickelt vom kleinbürgerlichen Massenmenschen zu einem Individuum, das die Maßstäbe seines Handelns aus eigenem Erkennen herleitet und nicht aus der jeweils herrschenden öffentlichen Meinung.

Neben ANNA und HUDETZ gibt es noch eine dritte Person, die sich verändert: ALFONS, der sich vom oportunistischen Geschäftmann zur Persönlichkeit wandelt, die Verantwortung auf sich nimmt und über Schuld nachdenkt. Auch er wird dadurch zum AUßENSEITER in dieser Kleinbürgerwelt.

Demgegenüber bleiben die Leimgruber, die Frau Hudetz, der Wirt und Ferdinand unverändert in ihrer kleinen, verlogenen Welt verhaftet und stellen das dar, was man die respektable Gesellschaft nennt.

TA:     VOM  S P I E SS E R                      
       ---------------------      zum
 fehlendes Schuldbewusstsein            M E N S C H E N
 allzeit reines Gewissen            --------------------
 Festhalten an Rollenidentität      Bereitschaft zur Verantwortung
  und Lebenslüge                     Fähigkeit, sich selbst in Frage
 schnelle Urteilsbildung                    zu stellen  
 Autoritätsgläubigkeit                Mut zur Veränderung 
 Aggressivität                         Schuldbewusstsein 
 typisches Sprachverhalten              Nachdenklichkeit 
 Selbstgerechtigkeit                     "innere Stimme"=Gewissen 
      ||                                            ||
Anpassungsbedürfnis                        Veränderungsbereitschaft
      ||                                            ||
      \/                                            \/
Frau Leimgruber, Wirt, Ferdinand             ANNA, HUDETZ, Alfons 
 RESPEKTABLE GESELLSCHAFT                    A U ß E N S E I T E R   

Fazit: Die Welt in Ö.v.Horvaths Theaterstück ist von Kleinbürgern bevölkert und durch diese geprägt. Konformität ist Normalität, Nachdenklichkeit und kritische Selbstreflexion sind die Ausnahme. Zwischen der MASSE der Angepassten und den wenigen AUßENSEITERN verschwindet die ausgleichende Mitte. Darin spiegeln sich die gesellschaftlichen Entwicklungen von Horvaths Zeit: Im Deutschland der 30er Jahre nahm der Konformitätsdruck zu, die Ausgrenzung von Außenseitern wurde immer radikaler (& brutaler) und führte schließlich als Massenbewegung ohne Schuldbewusstsein zu Krieg und Vernichtung.

Zur SPRACHE in Horvaths Welt der KLEINBÜRGER

„Es hat sich nun durch das Kleinbügertum eine Zersetzung der eigentlichen Dialekte gebildet, nämlich durch den Bildungsjargon. Um einen heutigen Menschen realistisch schildern zu können, muss ich also den Bildungsjargon sprechen lassen. Der Bildungsjargon (und seine Ursachen) fordert aber natürlich zur Kritik heraus -- und so entsteht der Dialog des neuen Volkstückes, und damit der Mensch, und damit erst die dramatische Handlung -- eine Synthese aus Ernst und Ironie.”
Ö.v.Horvath: Gebrauchsanweisung 1932, Gesammelte Werke Bd. 11 S. 215ff
Die Sprache des Spießers (Bild 3 und Bild 6) 
 liegt irgendwo zwischen Mundart und Hochsprache
   enthält umgangssprachliche und bildungssprachliche Elemente:
     Phrasen, Floskeln, Füllsel, Sprichwörtliches und Fremdwörter
             ||
             \/ 
             Sprache, die keine Identität verleiht
             Sprache ohne Individualität
               \/
             'geborgte', vorgefertigte, nicht eigene Sprache
                 \/
                 BILDUNGSJARGON des Kleinbürgers

Klausur - Ödön v. Horvath: Der jüngste Tag

Bild 6: Ausschnitt S.54 Z.9 (Hudetz tritt ein) bis S.57 (Vorhang)
1. Umreißen Sie, was diesem Auf- bzw. Eintritt unmittelbar vorausging.
2. a) Beschreiben Sie Hudetz' Verhalten (S.54/5), und vergleichen Sie die Verhaltensweisen von Frau Hudetz und Alfons (54-57).
b) Erklären Sie die Veränderung, die bei Hudetz am Ende der Szene (S.56/7) stattfindet.
3. a) Vor welchen Handlungsalternativen steht Hudetz in Bild 7 und wie entscheidet er sich?
b) Fassen Sie - ausgehend von diesem (Ent)Schluss - die Thematik des Stückes zusammen.

 

Ohne etwas Werbung geht es nicht. Ich bitte um Nachsicht, falls diese nicht immer ganz themengerecht sein sollte.
Dautels ZUM-Materialien: Google-Fuss