J. W. v. Goethe  Faust  I

Hiob

Hiob

Aus dem Buch Hiob

    Es war ein Mann im Lande Uz, der hieß Hiob. Der war fromm und rechtschaffen, gottesfürchtig und mied das Böse. Und er zeugte sieben Söhne und drei Töchter, und er besaß siebentausend Schafe, dreitausend Kamele, fünfhundert Joch Rinder und fünfhundert Eselinnen und sehr viel Gesinde, und er war reicher als alle, die im Osten wohnten. (...)

    Es begab sich aber eines Tages, da die Gottessöhne kamen und vor den HERRN traten, kam auch der Satan unter ihnen. Der Herr aber sprach zu dem Satan: Wo kommst du her? Der Satan antwortete dem HERRN und sprach: Ich habe die Erde hin und her durchzogen.
    Der Herr sprach zum Satan: Hast du achtgehabt auf meinen Knecht Hiob? Denn es ist seinesgleichen nicht auf Erden, fromm und rechtschaffen, gottesfürchtig und meidet das Böse.
    Der Satan antwortete dem HERRN und sprach: Meinst du, daß Hiob Gott umsonst fürchtet? Hast du doch ihn, sein Haus und alles, was er hat, ringsumher beschützt. Du hast das Werk seiner Hände gesegnet, und sein Besitz hat sich ausgebreitet im Lande. Aber strecke deine Hand aus und taste alles an, was er hat: was gilt's, er wird dir ins Angesicht absagen.
    Der HERR sprach zum Satan: Siehe, alles was er hat, sei in deiner Hand; nur an ihn selbst lege deine Hand nicht. Da ging der Satan hinaus von dem HERRN.
    An dem Tage aber (...) kam ein Bote zu Hiob und sprach: Die Rinder pflügten und die Eselinnen gingen neben ihnen auf der Weise, da fielen die aus Saba ein und nahmen sie weg und erschlugen die Knechte mit der Schärfe des Schwerts, und ich allein bin entronnen, daß ich dir´s ansagte. Als er noch redete, kam ein anderer und sprach: Feuer Gottes fiel vom Himmel und traf Schafe und Knechte und verzehrte sie, und ich allein bin entronnen, daß ich dir´s ansagte. Als er noch redete, kam einer und sprach ....";

(Lutherbibel Standardausgabe der Deutschen Bibelgesellschaft Stuttgart 1985 S.523)

    Vergleichen Sie diesen Text mit der Wette im “Prolog im Himmel“ im Hinblick auf
  1. die Personen Hiob und Faust
  2. und den Inhalt der Wetten.
  3. Beurteilen Sie abschließend Goethes Leistung (oder Versagen) gegenüber diesem Bibeltext .

HIOBFAUST
a) Großbauer und Familienvater
reich, gottesfürchtig, fromm

genügsam und mit sich im Reinen

einsamer Gelehrter, angesehen, jedoch ohne Güter
unzufrieden mit der Welt und den Wissenschaften
dient dem Herrn nur “verworren“(308)
in sich zerrissen (“zwei Seelen, ach“ V.1112)
b) Die Wette dreht sich um Hiobs Festhalten an Gott auch in Not und Unglück

Es gilt zu beweisen, dass der Mensch nicht bloß im Wohlstand gottesfürchtig und fromm ist

Demonstration von Gottes Macht über Mensch und Satan

Es geht um die Richtigkeit von gegensätzlichen Menschenbildern: Streben oder Suhlen?
dass der Mensch ein höheres Bestreben in sich hat, dass er aus sich selbst zur“Klarheit“ gelangen kann

Demonstration der positiven Kräfte im Menschen: “Urquell“(324), “Liebe“(347)

c) Im biblischen “Hiob“ geht es um den gottesfürchtigen, frommen Menschen im alt-testamentarischen Sinne, der die Macht und das Treiben Gottes nicht in Frage stellt bzw. hinterfragt, sondern akzeptiert.
Goethe aber zeigt in seinem Faust die Problematik des modernen (emanzipierten, aufgeklärten, unbefriedigten, unbehausten) Menschen auf: rastlos, unruhig, zerrissen und skrupellos, aber auch selbstbewusst, kritisch, mit eigenen sittlichen Wertvorstellungen ausgestattet und gerade dadurch gefährdet:
Der im Grunde positiv einzuschätzende Wille zum Besseren, Höheren und Vollkommenen ist auch der Stachel, welcher ihn - in frevelhafter Selbstüberschätzung (Hybris) - dazu verführt, an Grenzen zu stoßen und ins Sittenlose, Gesetzlose abzugleiten.


(cc) Klaus Dautel, 2001-10

Ohne ein bisschen Werbung geht es nicht. Ich bitte um Nachsicht, falls diese nicht immer ganz themengerecht sein sollte.
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