Patrick von ZUM-Apps interviewt Wolfgang von der Moodlebande
Patrick:
Hallo liebe ZUM- und H5P-Community, ich darf heute Wolfgang herzlich Willkommen heißen, und freu mich sehr, dass wir endlich zusammenkommen! Vielen Dank! Du hast mit dem H5P Wizard ein Tool entwickelt, welches du natürlich schon beim Moodle-Meeting vorgestellt hast, das viele Lehrkräfte begeistert und darüber wollen wir heute sprechen. Zum Einstieg: Willst du dich kurz vorstellen?
Wolfgang:
Sehr gern, vielen Dank für die Einladung. Mein Name ist Wolfgang Schneider. Ich bin Lehrer am Schönborn Gymnasium in Bruchsal in der Nähe von Karlsruhe. Dort unterrichte ich die Fächer Englisch, Gemeinschaftskunde, Wirtschaft/Berufs- und Studienorientierung sowie Informatik und Medienbildung.
Daneben bin ich seit mittlerweile gut 15 Jahren in Baden-Württemberg in der Lehrerfortbildung tätig – zunächst mit dem Schwerpunkt Moodle, später auch H5P. Inzwischen sind Urheberrecht und Datenschutz sowie Künstliche Intelligenz als weitere Themenfelder hinzugekommen.
Patrick:
Zur Freude aller H5P-Nutzenden! Wie kam dir eigentlich die Idee zu H5P-Wizard? War das so ein „Aha-Moment“ oder eher ein schleichender Prozess?
Wolfgang:
Die Grundidee, interaktive Aufgaben per KI zu erstellen, kam im Grunde zeitgleich mit dem Aufkommen generativer KI. Die ersten Gehversuche mit den frühen Modellen waren aber, sagen wir mal, überschaubar gut.
Mit den neueren Modellen änderte sich das grundlegend: Die Aufgabenerstellung mit KI wurde zu einer ernstzunehmenden Option.
Ich hatte einen Promptgenerator für Unterrichtsmaterial entwickelt, mit dem sich unter anderem Vorlagen für einfachere H5P-Inhaltstypen generieren lassen – das erforderte im Nachgang aber noch einigen manuellen Aufwand.
Aus der Moodlebande kam dann die Anregung, diesen Prozess zu automatisieren. Nachdem die ersten Ergebnisse vielversprechend ausfielen, habe ich mich auf die Entwicklung des H5P Wizards konzentriert.
Patrick:
In den H5P-Workflows auf ZUM-Apps.de bieten wir auch seit Frühjahr 2023 eine Promptsammlung für H5P-Erstellung an. Außerdem habe ich mit KI-Unterstützung via Python eine automatisierte Vervielfältigung umgesetzt. Leiter nicht so elegant wie dein Wizard. Deine Lösung klingt das erstmal wie Zauberei: Man gibt ein paar Parameter ein – und zack – kommt eine fertige H5P-Aufgabe raus. Kannst du uns mal erklären, was da technisch im Hintergrund passiert und wie das Umgesetzt hast?
Wolfgang:
Der H5P Wizard ist eine reine Client-Side-Anwendung – eine einzige HTML-Datei, kein Server, alles läuft im Browser.
Der Nutzer wählt Schulart, Fach, Klasse, Schwierigkeitsgrad und weitere Parameter. Diese Eingaben fließen in JavaScript-Variablen und steuern alle nachfolgenden Schritte.
Auf ihrer Basis konstruiert der Wizard automatisch einen kontextsensitiven Prompt, den der Nutzer in ein KI-Modell eingibt. Das LLM liefert daraufhin strukturiertes JSON zurück – und daraus wird das passende H5P-Format zusammengesetzt.
Vereinfacht ausgedrückt: Das Tool ist ein intelligenter Prompt-Baukasten mit integriertem JSON-zu-H5P-Konverter, der zwischen Nutzer und Sprachmodell vermittelt.
Patrick:
Okay, also kein Server, keine komplizierte Infrastruktur – einfach eine HTML-Datei, die im Browser läuft. Das ist ja genial einfach! Aber eine Frage drängt sich mir auf: Warum gibt es keine direkte API-Anbindung an ein KI-Modell? Das würde doch den Workflow noch weiter vereinfachen, oder?
Wolfgang:
Die großen KI-Modelle entwickeln sich in rasantem Tempo – was heute führend ist, kann morgen schon überholt sein. Hinzu kommt, dass die Nutzer – im H5P-Kontext meist technikaffine Kolleginnen und Kollegen – eigene Präferenzen und Zugänge zu verschiedenen Modellen mitbringen – bis hin zu selbstgehosteten Lösungen.
Der H5P-Wizard verzichtet daher bewusst auf eine feste Anbindung an ein bestimmtes Modell. Stattdessen erzeugt er aus den getätigten Eingaben einen Master Prompt, mit dem sich im bevorzugten LLM passender JSON-Code generieren lässt.
Der Workflow ist denkbar einfach: Didaktische Einstellungen vornehmen, einen kurzen thematischen Prompt verfassen – ohne vorgegebenes Framework –, diesen in das KI-Modell der Wahl einfügen – und den erzeugten Code abschließend in den Wizard kopieren. Die fertige H5P-Datei wird automatisch erstellt und lässt sich direkt weiternutzen, etwa in Moodle.
Das scheinbare Fehlen einer API hat allerdings auch pragmatische Gründe: Der H5P-Wizard ist ein rein privates Projekt ohne institutionelles Backing. Eine direkte API-Anbindung würde nicht nur Kosten verursachen, sondern auch rechtliche Fragen rund um DSGVO und EU AI Act aufwerfen – auf beides verzichte ich gerne.
Patrick:
Flexibilität und Datenschutz gehen hier Hand in Hand. Und genau das ist ja auch bei den Moodlemeetings immer ein großes Thema bzw. bei der ZUM ein Markenkern. Du hast vorhin den automatischen Bibliotheksimport erwähnt – der war ja im Februar 2026 ein großes Update. Warum war das so ein Game-Changer?
Wolfgang:
In den ersten Versionen handelte es sich noch um ein reines Proof-of-Concept: Nutzer mussten selbst eine passende H5P-Datei einfügen, die anschließend die erforderlichen Bibliotheken für den gewählten Inhaltstyp bereitstellte. Für erfahrene H5P-Anwender war das zwar handhabbar, stellte jedoch eine erhebliche Hürde für die Benutzerfreundlichkeit dar.
Der automatische Bibliotheksimport macht diesen Schritt obsolet. Das Tool präsentiert sich nun deutlich intuitiver und ist dank des geführten Workflows auch für Einsteiger leicht bedienbar.
Patrick:
Also von „Proof-of-Concept für Nerds“ zu „Einfach für alle“ – das ist doch mal eine Entwicklung! Aber wenn wir schon beim Thema Datenschutz sind: Wie sieht es da konkret für unsere ZUM-Apps-Community aus? Kann man den Wizard bedenkenlos einsetzen, wenn mit seiner Unterstützung OER-Material erstellt werden soll.
Wolfgang:
Der H5P-Wizard ist grundsätzlich datenschutzfreundlich konzipiert. Da er eine rein clientseitige Anwendung ohne eigenen Server ist, gibt es kaum klassische Datenschutzrisiken.
Wenn Nutzer zur Generierung des benötigten Codes allerdings auf KI-Modelle außerhalb des Geltungsbereichs der DSGVO, also z. B. amerikanische Anbieter wie OpenAI, Microsoft oder Google, zurückgreifen, sollte ihnen natürlich bewusst sein, dass in diesem Rahmen personenbezogene Daten an den jeweiligen Anbieter abfließen und sie die Nutzungsbedingungen des Anbieters akzeptieren.
Das bedeutet: Wenn der Prompt Schülernamen, echte Texte oder andere personenbezogene Daten enthält, landen diese bei einem externen Anbieter. Der Wizard selbst überträgt nichts – aber der Nutzer kann es tun, wenn er unachtsam ist.
Daher nochmals der wichtige Hinweis: Schülerdaten dürfen gemäß DSGVO nicht an US-Dienste übertragen werden!
Patrick:
Absolut verständlich – und ein wichtiger Punkt, den wir immer wieder betonen müssen. Aber jetzt Butter bei die Fische und genug über die Technik. Wie können Lehrkräfte, die noch nie mit dem Wizard gearbeitet haben, am besten einsteigen?
Ich stell mir vor, viele Kolleg:innen denken: „Klingt super, aber ich hab keine Ahnung, wie ich anfangen soll.“ Was würdest du denen als allerersten Tipp mit auf den Weg geben?
Wolfgang:
Bevor man irgendetwas im Wizard auswählt, sollte man diese Frage beantworten können: „Was sollen Schüler nach dieser Übung können, die sie vorher nicht konnten?“ Das Lernziel bestimmt den Inhaltstyp, das Niveau und die Qualität der Fragen.
Anfängern würde ich empfehlen, zunächst klein anzufangen und sich mit den einfachen Inhaltstypen wie z. B. Fill in the blanks oder Drag the words vertraut zu machen und eine Übung mit einem Inhaltstyp zu einem bekannten Thema erstellen.
Das fertige H5P-Paket in Moodle – oder ein anderes LMS – einfügen und selbst durchspielen – dann erst optimieren. Der häufigste Fehler ist, gleich eine komplexe Page oder ein Question Set bauen zu wollen, bevor man das Grundprinzip verstanden hat.

Patrick:
Also: Erst das Lernziel klären, dann klein anfangen – und nicht gleich die eierlegende Wollmilchsau bauen wollen. Das ist ein Tipp, den ich so unterschreiben kann! Aber wie sieht es mit dem Prompt aus? Viele haben ja Angst, dass sie da etwas falsch machen. Wie detailliert muss der eigentlich sein?
Wolfgang:
Ein Prompt, der wirklich gute H5P-Aufgaben erzeugt, ist komplex – und das spürt man spätestens beim ersten Versuch. Er muss viele Dinge gleichzeitig berücksichtigen: das passende Sprachniveau für die Klasse, die richtige Schwierigkeitsstufe, das korrekte technische Format je nach Aufgabentyp. Das ist nichts, was man beim ersten Mal intuitiv schreibt.
Genau hier setzt der H5P Wizard an. Er fragt den Nutzer nach dem, was dieser weiß: Schulart, Fach, Klasse, Thema, Lernziel. Den Rest – die technischen Regeln, die didaktischen Leitlinien, die formatspezifischen Vorgaben – generiert er automatisch im Hintergrund.
Der Prompt, den der Wizard ausgibt, ist deutlich länger und präziser als alles, was ein Anfänger selbst schreiben würde.
Was die Nutzerin oder der Nutzer also wirklich einbringen muss, reduziert sich auf drei Dinge: Erstens ein konkretes Thema – nicht „Biologie“, sondern „Zellatmung“. Zweitens ein klares Lernziel und drittens, etwas, das in der Praxis oft unterschätzt wird, eigenes Material als Basis. Wer einen Textausschnitt mit in den Prompt gibt, bekommt präzisere, fachlich korrektere Ergebnisse als jemand, der das Modell frei generieren lässt. Das ist der stärkste Hebel für Qualität – weil das Modell dann nicht erfindet, sondern transformiert.
Patrick:
Also: Je konkreter das Thema und je klarer das Lernziel, desto besser das Ergebnis. Und eigenes Material als Basis – das ist ein sehr guter Tipp, den ich so nur unterschreiben kann! Jetzt interessiert mich: Wie nutzt du den Wizard selbst im Unterricht? Gibt es da ein Fach, in dem er bei dir besonders oft zum Einsatz kommt?
Wolfgang:
Mein persönlicher Schwerpunkt liegt bei der H5P-Nutzung generell eher im Englischunterricht – insbesondere für die Wortschatzarbeit und die Einübung grammatikalischer Strukturen bieten sich hier einfach großartige Möglichkeiten.
Daneben setze ich den Wizard selbstverständlich auch in meinen anderen Fächern ein. Besonders bei jüngeren Schülern beobachte ich immer wieder, wie viel Freude ihnen die Arbeit mit interaktiven Aufgaben bereitet. Die unmittelbare Rückmeldung erweist sich dabei als ausgesprochen hilfreich, und viele tüfteln gemeinsam so lange, bis alles stimmt – also ganz anders als bei „normalen“ Lehrbuchaufgaben.
Patrick:
Das klingt nach einer richtig motivierenden Lernsituation! Aber wo sehen wir die Grenzen? Für welche Szenarien ist der Wizard ideal – und wo sollte man lieber die Finger davon lassen?
Wolfgang:
Allgemein gesprochen ist der Wizard perfekt, um Aufgaben zur Wiederholung und Festigung zu generieren. Klassische Unterrichtsszenarien wie Vokabeltraining, Grammatiktraining oder das Einüben von Fachbegriffen – in z. B. Fächern wie Wirtschaft, Geschichte, Geographie etc. – lassen sich mit Hilfe von KI ausgesprochen gut abbilden. Diese Aufgaben folgen klaren Mustern und entsprechen der Logik von großen Sprachmodellen sehr gut.
Außerdem spielen Fragen der Differenzierung und individuellen Förderung eine große Rolle. Der Wizard eignet sich hervorragend, um Aufgaben auf unterschiedlichen Leistungsniveaus oder Zusatzaufgaben für schnelle Schüler zu erstellen – hier bieten sich enorme Potenziale hinsichtlich des eigenen Vorbereitungsaufwands und der persönlichen Entlastung.
Bei komplexen Aufgaben, die z. B. Analyse, Bewertung oder Transfer erfordern, wäre ich mit dem KI-Einsatz vorsichtig. Der Output auch der größeren Modelle bleibt oft zu oberflächlich und bietet keine echte Tiefenstruktur.
Daneben haben LLM weiterhin das Problem, dass sie zum Konfabulieren neigen und falsche, aber plausibel klingende Inhalte erzeugen. Diese „Halluzinationen“ erfordern vom Nutzer nach wie vor die kritische Überprüfung der Ergebnisse.
Kurz gesagt: Manuell erstellen sollte man alles, was präzise abgestimmt sein muss, tieferes Denken fordert oder pädagogisch „fein“ gebaut sein muss. KI eignet sich eher für Standardisierung, Wiederholung, Variation und Zeitersparnis.
Patrick:
Kann ich das als Fazit so zusammenfassen: KI-Unterstützung bei der H5P-Erstellung ist super für Standardaufgaben, Wiederholung und Differenzierung – aber bei komplexen Denkprozessen oder kreativen Aufgaben lieber selbst ran. Das ist eine wichtige Einordnung! Zum Schluss, gib uns doch bitte noch einen Ausblick? Hast du schon konkrete Pläne für die Weiterentwicklung?
Wolfgang:
Die etwas seltsam anmutende Versionsnummer lässt es schon erahnen: Das Tool ist weiterhin ein Work in Progress. Bisher lassen sich 18 Inhaltstypen generieren – da ist schon noch Raum für den ein oder anderen weiteren Inhaltstyp und für weitere Optimierungen. Aber das ist natürlich immer auch eine Frage der eigenen zeitlichen Ressourcen.
Patrick:
Es bleibt also spannend! Wolfgang, vielen Dank für das Gespräch – und für deine Arbeit am H5P Wizard. Ich bin sicher, viele Lehrkräfte und die ZUM-Apps Community werden davon profitieren. Und an alle: Probiert es aus und gebt uns Feedback! Vielleicht können wir Wolfgang ja überreden, noch den ein oder anderen Inhaltstyp einzubauen.