Alfred Andersch

Alfred Andersch: Der Vater eines Mörders (11. Klasse)

  • Alfred Andersch autobiographisch bestimmte Erzählung zeigt eine Unterrichtsstunde nicht von irgendeinem Lehrer, sondern von dem Oberstudiendirektor Himmler, Vater von Heinrich Himmler. Der Schüler Franz Kien (= Alfred Andersch) ist genauer Beobachter und Opfer des "Rex" in diesen 45 Minuten.
  • Die Erzählung ist eine kurze, überschaubare Lektüre, die mit wenig Zeitaufwand behandelt werden kann.
  • Inhaltsangabe
  • Im Hintergrund steht dabei die Frage, die Alfred Andersch in seinem Nachwort formuliert: "... Heinrich Himmler [ist] nicht im Lumpenproletariat aufgewachsen ..., sondern in einer Familie aus altem, humanistisch fein gebildetem Bürgertum. Schützt Humanismus denn vor gar nichts?" (zitiert aus: A.Andersch: Der Vater eines Mörders, Diogenes Verlag S. 136.)
© Peter Kopf


üBERSICHT

  1. Exposition, S. 13 - 22
  2. Zeitlicher Aufbau/Zeitgerüst: erzählte Zeit <--> Erzählzeit
  3. Die Hauptpersonen
  4. Der Rex Teil I
  5. Der Rex Teil II; Die Auseinandersetzung Rex von Greiff
  6. Anderschs Andeutungen zur Vater-Sohn Beziehung, zur politischen Situation in Deutschland nach dem 1. Weltkrieg
  7. Der Rex Teil III; Die Auseinandersetzung Rex Kien
  8. Erzähl-Perspektive
  9. Das Nachwort + Schlussbesprechung
  10. Klassenarbeitsthemen

1. Exposition: Personenbeschreibung/Charakteristik

a) Exposition: S. 13-22: was erfährt man über die Situation, die Personen, Ort, Zeit
Ort Wittelsbacher Gymnasium
Zeit ...
Situation Schulleiter inspiziert eine Schulklasse
Hauptpersonen Kandlbinder, Rex, Franz, Schulklasse
Perspektive Franz, Klasse, Erzähler
b) Personenbeschreibung, Charakteristik: der Rex, S. 13 24; evtl. Arbeit für 3 Gruppen:
  • welche Stimmung geht von dem Rex aus, welche Signale gibt es dafür?
  • Was gefällt Franz Kien am Rex, was nicht?
  • wie geht Andersch vor, um den Rex zu beschreiben: was und wie beschreibt er?
c) Einen Mitschüler, einen Lehrer beschreiben.
  • was will man beschreiben, welchen Eindruck will man vermitteln?
  • vorlesen; die anderen raten.
  • jeder denkt sich eine Geschichte aus mit den Wörtern "Pistole, Handschuh, Tomate, Graf/Gräfin", Spiegel... o.ä. . Danach in die Geschichte die Personenbeschreibung des Schülers versuchen einzubauen. Kann ganz witzig sein

2. zeitlicher Aufbau/Zeitgerüst: erzählte Zeit <--> Erzählzeit

a) die wörtliche Rede (S. 13-22) notieren und mit verteilten Rollen lesen/spielen.
Kandlbinder: Aufstehen
Rex: Lassen Sie doch setzen
Kandlbinder: Setzen
Rex: So, so, das ist also meine Untertertia B! Ich freue mich, euch zu sehen.
Rex: Griechisch! Hoffentlich fällt es euch nicht so schwer wie der Untertertia
A! Die haben sich vielleicht angestellt! Tz, tz, tz!
Rex: Lassen Sie sich nicht stören, Herr Doktor! Fahren Sie ruhig fort!
b) zeitlicher Aufbau/Zeitgerüst: erzählte Zeit <--> Erzählzeit

erzählte Zeit:

Diese kurze Einleitungsszene umfasst ca. 2min, das ist die Zeitspanne, die die fiktiven Geschehnisse in der Wirklichkeit benötigen würden. Erzählte Zeit = Zeit des Inhalts.

Erzählzeit:

Für die Beschreibung dieser 2 Minuten braucht Andersch 9 Seiten (zum Lesen braucht man ca. 10 Minuten); diese 9 Seiten, bzw. 10 Minuten Lesezeit entsprechen der Erzählzeit. Sie wird am besten durch die Anzahl der Druckseiten angegeben. Je mehr Seiten, desto länger die Erzählzeit, bzw. die Zeit für die Lektüre.
Erzählzeit = Lesezeit, bzw. Anzahl der Seiten

Vergleich der Dauer von erzählte Zeit und Erzählzeit:

Die Gestaltung der Zeit, bzw. des Erzählens ergibt sich aus dem Verhältnis von erzählter Zeit und =Zeitgerüst des Werkes:

  • zeitdeckendes Erzählen: Erzählteile mit direkter Rede
  • zeitdehnendes Erzählen: vergleiche dem Zeitlupeneffekt des Films; die Handlung kommt kaum voran
  • zeitraffendes Erzählen: bei der erzählten Zeit eines Romans, der mehrere Jahrzehnte oder Generationen umfasst, müssen einzelne Zeitspannen übersprungen, ausgelassen oder gerafft werden; diese Zeitform wird am häufigsten verwendet
c) wie gestaltet Andersch die Zeit?

3. die Hauptpersonen: äueres Verhalten, Ausstrahlung?

Arbeitsauftrag: Die Personen, Seiten 13-22 noch mal lesen und Notizen zu den Personen machen
  • Kandlbinder
  • Rex
  • Franz
  • Klasse
Arbeitsauftrag: Fotos raussuchen, wie könnten die Hauptfiguren (heute) aussehen, welche Merkmale könnte man durch Bilder hervorheben?

4. Der Rex (Teil I): S.23-36:

a) Das Verhalten des Rex betrachten gegenüber:
- Werner Schröter: kein Interesse an Schröter S. 35; warum so teilnahmslos?
- Kandlbinder: degradiert ihn zur Randfigur S. 30; Absicht?
- der Klasse: freundlich, belehrend, aber nicht von oben herab.
b) Der Status von Kandlbinder gegenüber der Klasse, bzw. dem Rex
- zu Beginn der Stunde,
- nach ca. 10 Minuten?

c) Beobachtungen und Gedanken des Franz Kien

- wodurch werden seine Gedanken ausgelöst
- was für Gedanken sind das?
d) Franz Kien bekritzelt während der Schulstunde die Schulbank: Sprüche, Sätze, Bilder ?

5. Die Auseinandersetzung Rex - von Greiff

Gruppenarbeit für 4 Gruppen: G1: S. 36 - 41; G2: 42o - 46u; G3: 46u - 50u; G4: S. 50u - 57;
  • was passiert?
  • welchen Eindruck hinterlässt der Rex bei Franz, bei der Klasse?
  • was hat die Klasse gelernt aus dem bisher Beobachteten, was geht in den Köpfen der Klasse jetzt vor, was erwarten sie?
  • wie beurteilt Franz, wie beurteilen Schüler heute das Verhalten des "von Greiff"?
  • "Der Mann ist gefährlich" (S. 59): trifft das auf den Rex zu?
Aufgaben zur Auswahl:
  • Beschreibe aus der Perspektive eines Rex-Anhängers oder eines Rex-Gegners, was dieser heute als Schüler der Klasse des Wittelbacher Gymnasiums erlebt hat oder
  • Entwerfe ein Gedicht auf den Rex, wie es ein Schüler der Klasse gemacht haben könnte.

6. Andersch zur Vater-Sohn Beziehung, zur politischen Situation in Deutschland nach dem 1. Weltkrieg.

a) Gruppenarbeit für 2 Gruppen: G1 S. 58 65, G2 S. 65 72
Was erfährt man über:
- den Rex, seinen Sohn
- die politischen Verhältnisse
- die vorherrschenden Ansichten der Schüler, bzw. von Franz?
b) Ergänzende Informationen, u.a. zu Heinrich Himmler

7. Der Rex Teil III;

a) Gruppenarbeit: Die Auseinandersetzung Rex - Kien
  • Rex: G1: S. 80 92o; G2: S. 98 121
    • Wie verhält sich der Rex Franz Kien gegenüber, was ist anders im Vergleich zum Verhalten gegenüber dem "von Greiff"?
    • Wie macht der Rex Kien fertig? Das Urteil über den Rex?
  • Franz Kien: G3: S. 78u - 83 + S. 88 - 90; G4: S. 93 - 95 + S. 98u - 99 + S. 110 - 121
  • Wie erlebt er die Situation; bleibt es bei der Hilflosigkeit am Anfang, gibt es hier eine Veränderung?
b) Aufgabe: Was können Schüler an Lehrern nicht leiden?
  • Textbeispiele aus der SZ: "Mein schlimmster Lehrer" s.u.
  • Was würde Franz Kien über den Rex schreiben, welche Strafe würde er sich aussuchen?

Mein schlimmster Lehrer, SZ, 8.11.99

Ulf, 17, aus Fürth:

Sokrates war hässlich. Geradezu abstoend. Niemand war seinerzeit auch nur annähernd so abscheulich anzusehen wie Sokrates. Sagt Herr L., mein Ethiklehrer. "Folgendes ist überliefert", hat er gesagt: "Sokrates war nicht einfach nur unschön er war hässlich wie die Nacht!" Warum das Aussehen eines groen Denkers so wichtig sein soll, dass man darüber in Ethik unterrichtet wird, ist mir zwar nicht klar. Aber was sollÎs. Sokrates war hässlich, ich habe es mir gemerkt. In der nächsten Stunde werde ich ausgefragt und erzähle Blödsinn, verwechsle ihn mit einem anderen Philosophen. An schlechten Tagen ist so etwas für Herrn L. ein Grund für seine allseits gefürchtete Psychonummer. Heute ist ein schlechter Tag; und ich bin sein Opfer.

Er beginnt ganz leise, fast freundlich: "Wohl nichts gelernt, was?", um Sekundenbruchteile später zu brüllen: "Das ist wieder typisch, von dir kenne ich ja nichts anderes!" Herr L. steht vom Lehrerpult auf und kommt langsam auf mich zu. "So einen Unsinn habe ich schon lange nicht gehört", sagt er und schafft es tatsächlich, dass ich mir ziemlich dumm vorkomme. Vor meinem Tisch geht er in die Knie, verschränkt beide Arme darauf und starrt mich an. Sein Gesicht ganz nahe vor meinem: "Weit du eigentlich, dass du ähnlichkeit mit Sokrates hast?" Das ist gemein. Diese Anspielung versteht jeder. Ich muss schlucken. Ist es meine Brille? Vielleicht die Nase? Ich fühle mich unwohl. Wegen der blöden Hufeisen-Stellung der Tische kann mich die ganze Klasse sehen. Niemand sagt etwas, mein Gesicht wird hei.

Herr L. fixiert mich. Das darf doch nicht wahr sein: Ich merke, wie langsam Wasser in meine Augen steigt. Ganz laut und überaus deutlich sagt L.: "Du wirst doch jetzt nicht anfangen zu heulen, oder?" Alle schauen zu mir, ein paar Mädchen stecken die Köpfe zusammen und lachen leise. "Tu' ich doch gar nicht", sage ich, so fest ich kann, und kämpfe mit aller Kraft gegen die Tränen an. Diesen Triumph will ich ihm nicht gönnen, er hat mich schon genug blamiert. Er scheint zu merken, dass da nichts mehr zu holen ist. Langsam geht er zurück an sein Pult, die Blicke der anderen folgen ihm.

Gerechte Strafe: Herrn L. wünsche ich persönlich alle möglichen entstellenden Hautkrankheiten, so dass er sich nicht mehr in den Unterricht traut und überhaupt nur noch nachts auf die Strae gehen kann.

Corinna, 17, aus Stuttgart:

Meine Montage sind schrecklich, wegen des Schwimmunterrichts bei Herrn 0. Zum Beispiel am letzten Montag: Ich bin die letzte, die aus der Dusche in die Halle kommt. Mein gesamter Kurs sitzt am Beckenrand. Zehn Jungs, alle nass. Sind alle schön ein paar Bahnen geschwommen. Sportlehrer 0. steht in grünen Neonbadeschlappen und einer verschwindend kleinen knallroten Dreiecks-Badehose vor uns und erklärt das heutige Programm. Delfinschwimmen.

Die Jungs springen ins Wasser, machen ungefähr sieben lockere Züge im Butterfly-Stil und sind am anderen Beckenrand angelangt. Ein Alptraum: Herr 0. wird sich heute ganz auf mich konzentrieren, alle anderen können bereits Delfinschwimmen! Herr S. schaut zu mir, auf meinen Körper, was wei ich wohin. Seine Augen bleiben überall kleben. In seiner Minibadehose stellt er sich genau vor mich. Unangenehm, im Badeanzug einem beinahe nackten Lehrer gegenüberzustehen. Ihn scheint das jedoch nicht zu stören. Er habe da ein ganz spezielles übungsprogramm für Anfänger zusammmengestellt, sagt er, das mich garantiert zum Erfolg bringen werde.

Nicht sehr überzeugt springe ich vom Startblock ins Wasser. Herr 0. steht am Beckenrand und verdreht die Augen. "Schwimmen, nicht baden, Mädel!", schreit er in meine Richtung. Als ich wieder auf dem Startblock stehe, fragt mich Herr 0., indem er mich mustert, unvermittelt: "Woher sind Sie eigentlich so knackig braun wie eine Nuss?" - "Portugal", schreie ich und springe in das Wasser. Jetzt einfach abtauchen und erst wieder hochkommen, wenn die Stunde vorbei ist, das wär's ... Aber Herr 0. läuft am Beckenrand neben mir her und brüllt Ratschläge wie "Brust raus" oder "die Bahn runterknüppeln". Am Ende der Stunde entschliet sich Herr 0. kurzerhand "auch noch g'schwind ins Wasser reinzukommen". Er entledigt sich seiner Schlappen und stürzt sich ins Wasser. Ich schwimme, was das Zeug hält in die andere Richtung. Wirklich, ich hasse die Montage.

Gerechte Strafe: An allen Litfass-Säulen in der Nähe der Schule Plakate, auf denen Herr 0. in seiner roten Mini-Badehose zu sehen ist.

8. Erzähl-Perspektive:

a) Wie wird erzählt; die drei Erzählperspektiven, s. Info-Text unten
  • personale Erzählsituation
  • auktoriale Erzählsituation
  • Ich-Erzählsituation
b) Textbeispiele: S. 36 Z6 - Z18; S. 72 Z6 von unten - S. 73 Z5; S. 82 Z4 - Z 16.
weitere Beispiele für die verschiedenen Erzählweisen suchen.

Erzähl-Perspektive: wie wird erzählt? Man unterscheidet drei Formen des Erzählens:

- personale Erzählsituation
Wenn es scheint, als ob eine Person der Handlung, bzw. dem Geschehen zuschaut und davon neutral und sachlich berichtet, so ist ein personale Erzählsituation gegeben.
Es entsteht beim Leser der Eindruck der Unmittelbarkeit, man hört zu, man schaut zu wie bei einer Szene. Es gibt keine Einmischungen oder Wertungen des Autors/Erzählers, es geht nur um die Beschreibung und Schilderung einer Person von auen, ohne Einblicke in innere Vorgänge und Zustände.
- auktoriale* Erzählsituation (* auktorial; s. auktor (lat.) = Autor, Urheber)
Hier hat man den Eindruck, dass ein persönlicher Erzähler anwesend ist, der sich in das Erzählte einmischt. Er überblickt alles, kennt genau, was in den Personen vorgeht (Innensicht) und berichtet über innere Vorgänge seiner Personen, die nur er wissen kann. Beim Leser verstärkt der Eindruck, dass die Handlung durch einen Erzähler vermittelt wird.
- Ich-Erzählsituation
Hier tritt als ICH-Erzähler, eine individuelle, mit Namen vorgestellte Person neben anderen Personen der Handlung auf, die in der Handlung steht und von eigenen Erlebnissen, Gedanken, Gefühlen usw. erzählt. Diese Erzählweise ist unmittelbarer, direkter, ohne souveräne übersicht wie beim auktorialen Erzählen. Als Leser hat man den Eindruck, man bekommt einen Wirklichkeitsbericht.

9. das Nachwort + Schlussbesprechung

a) Das Nachwort; die 3 Teile in GA bearbeiten:
  1. warum die Figur des Franz Kien?
  2. Die Fragen, die hinter der Erzählung stehen
  3. Sprache, Erzählweise = Erzählperspektive
b) Die beiden Zitate von Brecht und Mauthner? Was haben sie mit der Erzählung zu tun?

c) Informationen über: Alfred Andersch 1914 - 1980

10. Klassenarbeitsthemen:

Thema 1: S. 101 107: Rex

  1. Fasse die Situation kurz zusammen und beschreibe die für das Verständnis der Situation notwendigen Zusammenhänge.
  2. Was ist der Rex in deinen Augen für ein Mensch? Was sind seine positiven, was seine negativen Seiten? Beschreibe und begründe dein Urteil.
  3. Welche Erzählperspektiven verwendet A. Andersch; erläutere die Absicht.

Thema 2: S. 109 - 117: Franz Kien

  1. Fasse die Situation kurz zusammen und beschreibe die für das Verständnis der Situation notwendigen Zusammenhänge.
  2. Ausgehend von dieser Textstelle: was ist Franz Kien für ein Mensch?
  3. Welche Erzählperspektiven verwendet A. Andersch; erläutere die Wirkung.

Thema 3: Die Schüer
# Beschreibe kurz den Verlauf der Unterrichtsstunde und vergleiche das Verhalten der 3 Schüler dem Rex gegenüber.
# Erstelle eine Charakteristik der 3 Schüler
# Erläutere das Zeitgerüst in dieser Geschichte und beschreibe die Absicht des Autors, bzw. die Wirkung auf den Leser

Thema 4: freie Aufgabe

Kandlbinder schreibt einige Tage nach dem Besuch des Direktors in seiner Unterrichtsstunde einen Brief an eine vertraute Person, z.B. seine Verlobte, einen Freund und berichtet von diesem Ereignis. Was und wie wird er berichten?


© Peter Kopf - Dezember 1999