Alfred Andersch

Der Vater eines Mörders - Erzählung (1980)

(zitiert wird nach Diogenes Verlag AG Zürich 1982)
  • Im Mai 1929 erscheint völlig unangekündigt Oberstudiendirektor Himmler, "Rex" genannt, in einer Griechischstunde der Untertertia des Wittelsbacher Gymnasiums, München. Die Schüler sind etwa 14 Jahre alt, der gerade unterrichtende Lehrer ist der junge, kompetente, aber langweilige Studienrat Dr. Kandlbinder.
  • Ein Schüler dieser Untertertia ist Franz Kien, der Sohn eines verdienten Kriegsverterans, Träger des Verwundetenabzeichens und auf Grund seiner Kriegsverletzungen nur noch bedingt arbeitsfähig, so dass die Familie das Schulgeld für Franz (90 Mark im Monat) nicht zahlen kann und dieser von der Schule ein Stipendium erhält.
  • Das Erscheinen des Rex und der Verlauf dieser schicksalhaften Stunde wird aus der Perspektive von Franz Kien geschildert.

Das unangemeldete Auftauchen des alten, etwa 60-jährigen Rex bringt zunächst den Griechischlehrer in ziemliche Verlegenheit. Gegenüber dem immer noch kraftstrotzenden Schulleiter wirkt er dünn und kümmerlich. Auf die Aufforderung hin, die Griechischstunde fortzusetzen und die Kenntnisse der Schüler vorzuführen, begeht er einen Fehler nach dem anderen, zumindest aus der Sicht des scharfsichtigen Franz Kien.

Als ersten holt Kandlbinder gleich den Klassenprimus Schröter an die Tafel, für dessen korrekte Ausführungen der Rex jedoch demonstratives Desinteresse zeigt.

Aufgefordert, einen anderen Schüler zu prüfen, verfällt Kandlbinder nun auf den in Griechisch zwar guten, aber äuerst frechen und eingebildeten Konrad von Greiff, dessen forsches Auftreten den deutschnational-bürgerlich gesinnten Rex dazu bringt, den Wert des Adelstitels der von Greiffens in Frage zu stellen. Greiff, der sich das nicht gefallen lässt und seinerseits den Oberstudiendirektor als bloßen "Herrn Himmler" tituliert, erhält zuerst Arrest und wird schlielich kurzerhand relegiert, d.h. der Schule verwiesen.

Die Nennung des Namens "Himmler" löst bei Kien Assoziationen aus (60): Vater Kien kennt sowohl den alten wie auch den jungen Himmler und weiß um die Feindschaft, die zwischen beiden herrscht. Nach des Vaters Auskunft ist der alte Himmler gefährlich und der junge, obwohl ein eifriger Hitler-Anhänger, schwer in Ordnung.

Zurück zur Griechischstunde. Wer ist der nächste? Schüler Hugo muss sein selbstgebasteltes Hakenkreuz abnehmen, der Direktor duldet keine politischen Abzeichen in "seiner" Schule. Seiner deutschnationalen Gesinnung sind die zunehmenden "Hakenkreuzler" in der Schule nicht genehm. In dieser Schule gibt es auch noch einige Juden, wie z.B. Kiens Klassenkamerad, der Bernstein Schorsch, von dem Kien viel hält und dessen Vater ein verdienter Kriegsveteran und Deutschnationaler ist.

Jetzt aber trifft es Kien selbst und er muss zur Tafel. Wie sich herausstellt, weiß der Rex genauestens über ihn Bescheid, wie er überhaupt sich für diesen Besuch vorbereitet zu haben scheint. Er kennt nicht nur die Namen der aufgerufenen Schüler, sondern auch deren Noten und häuslichen Verhältnisse, wie sich dann auch bei Kien noch zeigen wird. Die Abfrage an der Tafel gerät zur Katastrophe. Kien hat noch nie etwas in Griechisch gelernt, wie er überhaupt an Schule kein Interesse hat. Er will Schriftsteller werden und liest leidenschaftlich Karl May. Hierzu der Rex: "Karl May ist Gift".

So bleibt die Demütigung durch den Rex nicht aus, ja scheint absichtlich verlängert zu werden. Selbst der Griechischlehrer Kandlbinder wird schließlich an den Pranger gestellt, weil er es zugelassen hat, dass ein schlauer Kopf wie Kien nichts lernt.

Die Frage schließlich, gerichtet an den Klassenlehrer, "Was schlagen sie vor, Herr Doktor?" (115) führt zur völligen Entblößung Kiens. Vor allen Mitschülern raisoniert der Rex die unglückliche familiäre Lage der Kiens, die das Schulgeld nicht bezahlen können und wo der Sohn trotz Stipendium keine Anzeichen von Fleiß und "hervorragenden Leistungen" zeigt. Auch der ältere Bruder Franzens, Karl Kien, sei "zur Ausbildung an höheren Schulen nicht geeignet"(121) und das werde er dem Vater wohl leider mitteilen müssen, auch wenn dieser sehr krank ist. Franz fühlt sich bei dem Gedanken, den Weg zur Schule bald nicht mehr gehen zu müssen, beinahe erleichtert.

Zu Hause wird Vater Kien den Bericht seines Sohnes wider Erwarten ruhig aufnehmen, er nimmt bereits Morphium und ihm steht eine Amputation bevor. Er schläft sogar ein dabei, so dass Franz ihm nicht mehr erzählen kann, wie diese Griechischstunde zu Ende ging, nämlich ohne weitere Katastrophen. Der Rex verlässt rasch die Klasse, der Unterricht ist aus und Franz Kien geht - von niemandem angesprochen oder getröstet - nach Hause. Er hat längst Abschied genommen von dieser Schule.

„Angemerkt sei nur noch, wie des Nachdenkens würdig es doch ist, dass Heinrich Himmler ... nicht ... im Lumpenproletariat aufgewachsen ist, sondern in einer Familie aus altem, humanistisch fein gebildetem Bürgertum. Schützt Humanismus denn vor gar nichts? Die Frage ist geeignet, einen in Verzweiflung zu stürzen." (aus Alfred Andersch "Nachwort für Leser" S. 136)

© Peter Kopf - Dezember 1999

Zentrale für Unterrichtsmedien (ZUM e.V.)