1808

Wie verrückt war Friedrich Hölderlin?

An der Wand des Hölderlin-Turmes in Tübingen steht (immer noch) in Sütterlin-Schrift der Satz: „Der Hölderlin isch et verruckt gwä!“ Dieser ziemlich ungewöhnliche Graffito trifft ins Zentrum einer Diskussion, die Leben, Werk und Nachruhm Hölderlins begleitet: War er verrückt? Wenn ja, wie und warum? Wenn nein, was war er dann?

Die Kunde von Hölderlins 'Wahnsinn' oder - vorsichtiger ausgedrückt - 'Andersgeartetheit' hat Hölderlins Nachruhm nicht geschadet, im Gegenteil: Sie hat ihn und sein Werk eigentlich erst wieder in die Literaturgeschichte zurückgebracht. Man könnte zugespitzt formulieren: Wäre er nicht verrückt gewesen oder gewähnt worden, wäre er möglicherweise im Niemandsland der Literaturgeschichte verschollen geblieben.

Hölderlin und der heilige Wahn

Als vom Wahnsinn besessener Dichter war Friedrich Hölderlin vor allem für junge Romantiker attraktiv. Dem Wahnsinn wurde eine besondere Beseeltheit zugewiesen, man sprach gerne vom 'heiligen' Wahnsinn, wodurch dem ver-rückten, dem aus der schlechten Wirklichkeit gerückten Dichter eine privilegierte Nähe zum Unerforschlichen, Unaussprechlichen, Dunklen zuteil wurde. Der wohlige Schauer, der von dieser Idee ausging, brachte junge Tübinger Studenten dazu, einen Gang zum Turm zu unternehmen, worin Hölderlin wohnte, ihn zu besuchen oder zu besichtigen und sich von ihm ein Gedicht schreiben zu lassen. Der Stiftsstudent Wilhelm Waiblinger, welcher Hölderlin von 1822 bis 1824 mehrfach besuchte, nennt ihn den Wahnsinnigen aus „Gottestrunkenheit“, der 1836 aus dem Tübinger Stift geworfene Georg Herwegh, später ein Dichter der 48er-Revolution, wundert sich:

„Es ist rührend mit anzusehen, welche Anhänglichkeit die akademische Jugend dem wahnsinnigen Dichter in Tübingen bewahrt hat; mehr als Neugierde mag es sein, wenn sie zu dem 70jährigen Greis wallfahrt, der ihr nichts mehr bieten kann, als einige übelgegriffene Akkorde auf einem elenden Klavier.“ (StA 7.3 198f)

Zu diesen Wallfahrern gehörte übrigens auch Eduard Mörike.

Ein krankes Gedicht?

Die eigentliche Entdeckung erfolgte jedoch erst ein Jahrhundert nach Hölderlins Einzug (oder war es ein Rückzug?) in den Turm, nämlich von den jungen Schriftstellern des Expressionismus. Im Jahre 1911, einem von Krisen und Krisenstimmung geprägten Jahr, erschien in der Zeitschrift „Aktion“ das Gedicht „Hälfte des Lebens“. Von diesem Text, der damals durch eine Fehldatierung für ein Gedicht aus seiner Wahnsinnszeit gehalten wurde, ging eine Faszination aus, die der Untergangsstimmung und der Verlorenheit der Jahre vor dem Ersten Weltkrieg geschuldet schien. Die zweite der beiden Strophen lautet:

Das Gedicht entstand 1798, wurde jedoch im Taschenbuch für das Jahr 1805“ als Teil eines Zyklus von neun Nachtgedichten“ veröffentlicht, erreichte also seine Leserschaft erst, als Hölderlin schon für verrückt galt. Noch im Jahre 1909 schreibt der Hölderlin-Biograf Dr. med Wilhelm Lange über das Gedicht:

Das Krankheitsbild der Katatonie, von dem Psychiater Karl Ludwig Kahlbaum 1874 beschrieben, wurde auch als Spannungsirresein“ bezeichnet, und äußert sich in Leibesstarrheit (Stupor), Widerstand gegen Lageänderung, beharrlichem Schweigen (Mutismus), eigentümlichen Erregungszuständen mit verworrenen Wahnideen, Sinnestäuschungen und Bewegungs- und Haltungsstereotypien, eine Form der Dementia praecox, welche wiederum als eine Form der Schizophrenie gilt.

Der Geisteskranke als Anti-Bürger

Die Wiederentdeckung Hölderlins durch die jungen Expressionisten fand demgegenüber im Lichte eines veränderten Lebensgefühls und einer neuen Ästhetik statt. In der selben Zeitschrift, der AKTION, erscheint 1914 ein Aufsatz über die "Ethik des Geisteskranken". Nicht um irgendwelche Geisteskranken geht es dem Autor Wieland Herzfelde, sondern um jene, "die uns seelisch, ethisch entrückt sind, wie hölderlin, nietzsche." dem Geisteskranken

Der Wahnsinnige befindet sich im Zustand der seelisch-geistigen Schwerelosigkeit. Seine Seinsweise negiert die bürgerlichen Tugenden, und seine befreite Phantasie ermöglicht ihm jene rauschhafte Glückserfahrungen, nach denen der heutige Künstler sich vergeblich sehnt. So sei letztlich der Geisteskranke der wahre Anti-Bürger und folglich auch des (Spieß-)Bürgers bevorzugtes Opfer.

Ehrenrettung: Andersartig, radikal, sensibel, aber nicht krank

Die Frage, ob Hölderlin verrückt war, wurde bis hierher mit einem eindeutigen JA beanwortet, veränderlich war lediglich die Wertung des Wahnsinns: Makel oder Adel? Die Romantiker ebenso wie die Expressionisten näherten sich darin an, dass nur der geisteskranke Dichter der richtige Dichter sei, der wahre Künstler müsse irgendwie verrückt sein.

Fünfzig Jahre später, Ende der 60er Jahre erlebte Hölderlin in der Bundesrepublik eine außerordentlich starke und weit gestreute Rezeption. Diese verdankte sich hauptsächlich zwei Ereignissen:

Hölderlins 200. Geburtstag im Jahre 1970 und Piere Bertaux` Thesen über den Jakobiner Hölderlin. Mit dem Begriff "Jakobiner" sind Anhänger der französischen Revolution gemeint, Revolutionäre also. Piere Bertaux stellte in seinem Buch "Hölderlin und die ‚französische Revolution” die These auf: Hölderlin sei nie verrückt gewesen, er habe sich nur in sich selbst zurück und aus der Welt heraus gezogen. Weil er - wie jeder außerordentliche Dichter - ein hypersensibler Mensch war, verzweifelte er am Scheitern der revolutionären Ideale so sehr, dass er Stück für Stück die Verbindung zur Außenwelt aufgab und sich aus der Welt zurückzog. Niederschmetternd sei noch die Tatsache hinzugekommen, dass seine Geliebte, die Bankiersgattin Susette Gontard, 1802 gestorben war.

Tatsächlich schrieb Isaac von Sinclair, Hölderlins Homburger Freund und Gönner, am 6. August 1804 an Hölderlins Mutter, dass was Gemütsverirrung bei ihm scheint „.... eine aus wohl überdachten Gründen angenommene Äußerungsart“ sei. Wenige Monate später wird Sinclair unter dem Verdacht der Verschwörung gegen den Kurfürsten von Württemberg verhaftet, auch Hölderlins Auslieferung steht im März 1805 an, wird dann aber nicht durchgeführt aufgrund von Berichten und ärztlichen Zeugnissen über seinen „höchsttraurigen Gemütszustand“. Das Gutachten des Homburger Arztes Dr. Müller, der Hölderlin schon 1799 wegen „Hypochondrie“ behandelt hat, stellt im April 1805 nach mehrmaligen Besuchen fest, dass es „jedesmal schlimmer, und sein Reden unverständlicher“ werde, es sei sein „Wahnsinn in Raserei übergangen“. Weiter schreibt er, "daß man sein Reden, das halb deutsch, halb griechisch und halb Lateinisch zu lauten scheinet, schlechterdings nicht versteht.“ (StA 7.2 Nr. 337)

Hypochondrie ist im 18. Jahrhundert eine Krankheitsbild, das eher der Melancholie oder Depression vergleichbar ist, nicht wie heute eine Einbildung von Krankheit. Piere Bertaux stellt die Behauptung auf, dass dieser Begriff nicht allzu wörtlich zu nehmen sei, da es sich bei dem Gutachten um eine Gefälligkeit gehandelt habe, um die Auslieferung Hölderlins zu verhindern (P. Bertaux: Friedrich Hölderlin, Frankfurt 1981 S. 73)

Ursachenforschung: Zu viel Liebe und zu viel Studium - zweimal zum Verrücktwerden

Demnach wäre Hölderlins Zustand mehr Taktik als Wirklichkeit, mehr Depression als Wahnsinn gewesen. Isaac von Sinclair hatte jedoch seine Meinung über die Befindlichkeit seines Freundes wenig später selbst revidiert und im August 1806 Hölderlins Überführung von Homburg nach Tübingen veranlasst.

Im Oktober 1806, nach Hölderlins Einlieferung in die Autenriethsche Irren-Anstalt, wird in einem Bericht des Staatsministeriums Stuttgart von einer Nervenkrankheit „... als Folgen von angestrengten Studien, Arbeiten bei Nacht und Unterlassung der nöthigen Bewegung“ geschrieben. (StA 7.2. Nr. 353). Nervenzerrüttung aufgrund angestrengten Studierens war eine gängige Zeitmeinung, wonach Krankheiten auf ein Zuviel oder Zuwenig an Erregung zurückzuführen seien. Sie taucht in einer vom württembergischen Innenministerium 1832 in Auftrag gegebenen statistischen Erfassung aller Geisteskranken im Regierungsbereich wieder auf. In dem zu Friedrich Hölderlin angelegten Datenblatt stehen dort folgende Bemerkungen: „Urs(achen) Schwächung, unglückl(iche) Liebe, Studien“ (Psychiatrie zur Zeit Hölderlins. Ausstellungskatalog der Universität Tübingen Nr. 13, 1980 S. 76).

Zusammenfassend kann über Hölderlins Krankheit festgehalten werden:

Die Antwort auf unsere Ausgangsfrage ist folglich abhängig vom historischen Stand der Psychiatrie und vom jeweiligen Zeitgeist. Ende des 20. Jahrhunderts wird jedenfalls nicht mehr daran gezweifelt, dass Hölderlin an einer „schizo-affektiven Psychose“ litt (Helmut Stierlin: Nietzsche, Hölderlin und das Verrückte, Heidelberg 1992 S. 48ff).

Und das 21. Jahrhundert?

Den Zeitgeist des 21. Jahrhunderts repräsentiert das Internet und die Antworten gibt Google.
Also frage ich: War Hölderlin schizophren? und bekomme zur Antwort: Aber - Google macht einen Vorschlag: "Meinten Sie: War Hölderlin schizophrenie? "
Ich nehme den etwas ungewöhnlichen Vorschlag an und erhalte als Antwort:

Ich mache noch einen Versuch und bringe das Google-Deutsch in die Form der einfachen Aussage: Hölderlin war schizophren.

Und schließlich verkehre ich die Aussage in ihr Gegenteil: Hölderlin war nicht schizophren.

Ich meine, die Zahlen sprechen für sich!

Dieser Aufsatz wurde verfasst für und veröffentlicht
im Jahrbuch 2008 des Hölderlin-Gymnasiums Nürtingen.


Klaus Dautel, 2000-2009

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Ohne ein bisschen Werbung geht es nicht. Ich bitte um Nachsicht, falls diese nicht immer ganz Themen-gerecht sein sollte.
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