Dorfgeschichte, Liebesroman, Künstlerroman, Heiligenlegende?

Dorfgeschichte,um 1840 in verschiedenen europäischen Literaturen hervortretende Erzählform mittlerer Länge, die durch das bäuerlich-dörfliche Milieu geprägt ist und sich durch Lokalkolorit und Detailrealismus auszeichnet, dabei aber – nach frühen sozialkritischen Ansätzen im Vormärz – durch Idealisierung, Harmonisierung oder Sentimentalisierung die wirklichen Verhältnisse auf dem Land häufig verharmlost. Die D. war wie die Bauernliteratur überhaupt eine Sache der Bürger, die einerseits die soziale Realität auf dem Land aufklärerisch zu verbessern suchten, andererseits zivilisationskritisch das ›einfache Leben‹ auf dem Lande der Abstraktheit der modernen Verhältnisse entgegenhielten. Den Tendenzen des Biedermeier entsprach das Vorgehen vieler D.n, die dargestellten sozialen Probleme in eine begrenzte, überschaubare Welt einzuordnen bzw. in den Zusammenhang einer höheren religiösen Ordnung zu stellen. Den Durchbruch der neuen Gattung bedeuteten die Schwarzwälder Dorfgeschichten (1843 ff.) Berthold Auerbachs. Daneben gehörte Jeremias Gotthelf zu den Begründern der Gattung. Vorläufer sind u. a. Johann Heinrich Pestalozzis pädagogischer Roman Lienhard und Gertrud (1781–87), die Kalendergeschichten Johann Peter Hebels, das Genre der Idylle .... Die D.n Auerbachs fanden eine breite Nachfolge, wobei eine ›verklärende‹ Darstellungsweise im Sinn des bürgerlichen Realismus eine bedeutende Rolle spielte und zur zunehmenden Trivialisierung der Gattung seit den 50er-Jahren des 19. Jh.s beitrug (Otto Ludwig, Ludwig Anzengruber, Karl May, Peter Rosegger, Ludwig Ganghofer usw.). Tendenzen der nostalgischen Verklärung und der zivilisationskritischen Ideologisierung als Gegenwelt zur Moderne wurden in der Heimatkunstbewegung und dann in der Blut-und- Boden-Literatur aufgenommen.
[Reclam Volker Meid Sachwörterbuch zur Deutschen Literatur]

Dorfgeschichte: Die D. ist eine im 19. Jh. ausgeprägte Erzählform mit Abgrenzungsproblemen zu Bauernnovelle, - roman (Umfang!), Idylle u. Kalendergeschichte. Übergreifend wird sie als Teil der bäuerl. Epik u. der Hei- matliteratur verstanden. Sie ist charakterisiert durch spezif. Thematisierung dörflich-bäuerl. Lokals u. Milieus zwischen detailrealistischer ›Abbildung‹, Idealisierung oder Sentimentalisierung u. krit. Darstellung der ›wahren‹ sozialen u. ökonomischen Verhältnisse auf dem Lande.
Die D., um 1840 fast überall in Deutschland, Österreich, der Schweiz, Frankreich u. Skandinavien als eigenständige Gattung hervortretend, verdankt ihre Entstehung einer sozialgeschichtl. u. pädagog. Entwicklung. Die in der Literatur seit dem MA zu beobachtende Diskriminierung der Bauern weicht der Entdeckung bäuerl. Sphäre u. Landschaft durch die ›ge- bildete‹ Welt, z. B. in der Idylle u. den pädagog. Dorf-Utopien der Aufklärung. Der Bauer erscheint nun als Vorbild u. Objekt der Erziehung, zgl. wird das städt. Publikum über das ›einfache‹ Leben auf dem Land informiert, das noch keine Zivilisationsschäden aufweise. So verbindet sich für den städt. Leser Unterhaltung mit belehrender Zivilisationskritik; der ländl. Leser soll in allen Lebensbereichen ›aufgeklärt‹ werden, was bis zur konkreten Anleitung für die Landwirtschaft gehen kann. Der Einfluß der Romantik auf die D. ist in der Propagierung der ›Volkstümlichkeit‹ u. im Rückgriff auf Stoffe u. Motive erkennbar; hinzu kommt die verstärkte Besinnung auf die Mundart. Den Zusammenhang von Heimat, Volk u. Sprache greift das Biedermeier auf, verbindet aufklärerische, romant., idyllische u. (früh)realistische Elemente. Die D. wird zum Zeugen der Herausbildung eines selbstbewußten Bauernstandes, sie tritt zumeist für die ›kleinen Leute‹ ein u. spiegelt im Spannungsfeld zwischen Stadt u. Land die Ursachen u. Folgen der sozioökonomischen u. polit. Entwicklung im Vormärz wider (u. a. Bevölke- rungswachstum, Bauernbefreiung, Bürokratismus, Industrialisierung u. Stagnation derselben, Pauperis- mus, Landflucht, allg. Rückständigkeit), wobei die tatsächl. Verhältnisse aber häufig verharmlost werden. ... [Sachlexikon: Dorfgeschichte, Killy Literaturlexikon, S. 24019 (vgl. Killy Bd. 13, S. 185 ff.)]


Liebesroman: ... das Grundschema der Handlung - eine Liebesgeschichte mit Trennung u. Wie- dervereinigung, Prüfung u. Bewährung ... ...die in diesem Handlungsschema angelegten Möglichkeiten, indem sie das glückliche Ende durch das Ersinnen immer neuer Unglücksfälle, Verwirrungen u. Tugendproben hinauszögern u./oder durch die Einführung weiterer Liebespaare mit einer jeweils eigenen, aber doch mit den Schicksalen der anderen verflochtenen Geschichte für gesteigerte Komplexität sorgen. [Killy Literaturlexikon, Bd. 13, S. 411]
Künstlerroman: Abart des Bildungsromans, im wesentlichen Maler-, Dichter- oder Musikerroman. Erzählt vom Werden und Scheitern oder vom schließlichen Ruhm eines genialen Menschen. Der Künstler steht dabei im Konflikt mit seiner Um- und Mitwelt, die sein Genie nicht anerkennen kann oder will. (aus 'Poetik in Stichworten' Hirts Stichwortbücher 1972)

Genie, Begriff der literaturtheoretischen Diskussion des 18. Jh.s zur Bezeichnung des mit überragendem schöpferischem Vermögen begabten Dichters oder Künstlers. Er ist eng mit der Periode des Sturm und Drang verbunden, die man früher auch Geniezeit nannte, und richtete sich gegen die Vorstellungen der klassizistischen Regelpoetik und ihren engen Begriff der Naturnachahmung (Mimesis); die neuen Grundbegriffe der Poetik sind Erfindung, Originalität und Natur.(...). Autoren des Sturm und Drang wie Goethe, Heinrich Wilhelm v. Gerstenberg, Johann Gottfried Herder und Jakob Michael Reinhold Lenz nahmen diese Gedanken auf und lieferten begeisterte Interpretationen vorbildlicher Werke. Das G. erschien ihnen als exemplarische Verwirklichung des allein aus sich schaffenden autonomen Individuums, das kraft seiner Autonomie von vornherein aller Beschränkungen durch konventionelle poetologische Regeln und Normen enthoben war.
[Reclam Volker Meid Sachwörterbuch zur Deutschen Literatur]


"Legende - Lesung ausgewählter Kapitel aus dem Leben eines Heiligen am Tag seines Festes im Kirchenkalender, dann Bezeichnung übertragen allgemein auf die religiös erbauliche Erzählung vom Leben und Leiden eines Heilgen: Heiligensage; ist geistliche Abart der Volkssage, in der Gottes Wirken auf übernatürliche Weise (Wunder) im irdischen Geschehen gezeigt wird. ... mit mehr oder weniger deutlichter Tendenz zur religiösen Erbauung und Belehrung. (aus 'Poetik in Stichworten' Hirts Stichwortbücher 1972)
Heiligenlegende: ... Abfolge von Tod, Kanonisation, Translation u. abschließendem »Mirakel« (bilden) ein Strukturmodell der Heiligenlegende...

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