KLASSIK, MODERNE, POSTMODERNE

Unterstreicht das Wesentliche und versucht dann gemeinsam eine Definition des Begriffes 'Postmoderne' zu erstellen.
"Der Klassiker in der Kunst ... glaubt an objektive Gesetze seines Metiers, denen er gehorchen muß, um seine Aufgabe zu erfüllen. Er hält sich zwar für frei, die Gesetze seines Feldes zu verwerfen, aber nicht für fähig, zugleich alternative Gesetze zu befolgen und gute Kunst zu produzieren. Er glaubt, daß die Gesetze seines Feldes zu erkennen ... zu studieren und nachzuahmen sind. Er hält diejenigen für Meister und Klassiker, die den Gesetzen ihres Gebiets am getreuesten gefolgt sind. (... ) Der Moderne in der Kunst glaubt an die Kreativität. Seine Kunst ist ihm nicht Darstellung und Anwendung ewiger Gesetze oder Harmonien, sondern Ausdruck dessen, was aller Vergegenständlichung unendlich überlegen ist, der Subjektivität. Für ihn gibt es keine Klassiker, sondern Genies, bei denen er aber keine Technik studieren, sondern nur zu eigener Genialität inspiriert werden kann."
(Ulrich Steinvorth: Klassische und moderne Ethik, 1990 S.57)


"Postmoderne Phänomene liegen dort vor, wo ein grundsätzlicher Puralismus von Sprachen, Modellen und Verfahrensweisen praktiziert wird, und zwar nicht bloß in verschiedenen Werken nebeneinander, sondern in ein und demselben Werk."
Wolfgang Welsch: Einleitung zu "Wege aus der Moderne: Schlüsseltexte der Postmoderne-Diskussion, Weinheim 1988 (zitiert nach "Der Deutschunterricht" 4/99 S.103 ff)

Merkmale im Einzelnen :
- Aufhebung von U und E (keine Angst vor dem Abgleiten ins Triviale, Kitschige, Allgemeinverständliche)
- Auflösung des Kanons (respektloser, parodistischer, negierender Umgang mit Vorbildern und Mustern)
- Hybridcharakter (Stilmischungen)
- Irrealismen
- Mehrfachcodierung (Vielfalt der Möglichkeiten einen Text zu lesen)
- Intertextualität (Genrezitate)


Postmoderne in den USA und Frankreich:
“Einmal handelt es sich um eine Revolte gegen die ‘klassische Moderne’, die sich seit den 50er Jahren in den USA in Literatur, Musik und Malerei, jedoch am wirkungsvollsten und erfolgreichsten in der Architektur ereignete. ... ‘postmodern’ bezeichnet hier eine künstlerische Avantgarde, die sich gegen die erfolgreiche Institutionalisierung und Systemintegration der Modernen richtete ... Zu ihren konstitutiven Merkmalen gehört die in den 60er Jahren von so unterschiedlichen Künstlern wie John Cage über Warhol bis zu Burroughs praktizierte und von Leslie Fiedler provokativ geforderte Aufhebung der Kluft zwischen ‘niederer’ Massenkultur und ‘hoher’ Kunst. Die Avantgardisten der 60er und 70er Jahre annullieren das Autonomieverständnis der Moderne ... ohne Angst vor TrivialitÄt und Oberflächlichkeit, ... .
Während die ‘klassische’ Moderne (in Deutschland z.B. von Brecht bis Adorno und Enzensberger) den Warencharakter der Kunst in der Industriegesellschaft beklagte, setzt die Postmoderne auf Verwertbarkeit und Warenförmigkeit und beschleunigt die Ästhetisierung des Alltags. Ästhetische Innovationen bleiben nun nicht mehr an die Kunst im engeren Sinne gebunden, sondern werden immer rascher auf Werbung, Waren, Raumplanung usw. (vom Environment bis zu Erlebnis-Kauf- Landschaften) übertragen.”

“Das zweite Entstehungsfeld des Begriffs beeinflußte die akademische ... Diskussion in stärkerem Maße. Der französische POSTSTRUKTURALISMUS hatte seit Ende der 60er Jahre radikal Position gegen die in die Krise geratene rational-aufklärerische moderne Wissenschaft bezogen. ... Programmatisch hat dies Jean-Francois Lyotard unternommen. Lyotard wendet und wertet in seinem Berich DAS POSTMODERNE WISSEN den durch verschiedene Poststrukturalisten (Lacan, Foucault, Derrida) analysierten Geltungsverlust neuzeitlicher Wissenschaft, Erkenntnismethoden und -prämissen positiv. Daß die großen ‘Meta-Erzählungen’: die Befreiung der Menschheit, die Teleologie des Geistes und der unendliche Fortschritt des Verstehens (und der Technik) samt der daran geknüpften Totalitätsvorstellungen immer weniger Glauben fanden, daß Wissen und gesellschaftliches Leben, das sie vereinheitlicht hatten, FRAGMENTALISIERT wird, sieht er als Chance für eine neue Vielfalt (Pluralitat) im Denken und Handeln.”

Veränderungen
“... dazu gehört an erster Stelle die Tatsache, daß ... über eine gemeinsame LEITIDEE kein Konsens mehr herzustellen ist. Die Frage nach dem Sinn des Erkenntnisfortschritts bleibt unbeantwortet, bzw. die bisherigen Legitimationen haben an Plausibilitat enorm eingebüßt. (...) Dazu gehört zweitens, daß die Gesellschaft als Sozietät zunehmend auf historische Erfahrungen verzichtet. An ihre Stelle tritt die ‘Intensität des Augenblicks’. (...) Unabweisbar ist drittens der Einfluß der Medientechnologie auf Sozialisation und Sozialbeziehungen. Ein primär durch Medien geprägte Identität stärkt offensichtlich den ohnehin wachsenden Narzißmus, verhindert soziale Erfahrungen und Kommunikation (bei Förderung anderer Kompetenzen) und liefert vor allem Kinder und Jugendliche in starkem Maße ihren Bedürfnissen und Obsessionen aus, die oft nur noch durch Gewalt oder durch eine nicht abreißende Kette von Simulationen befriedigt werden konnen. Viertens hat postmoderne Kunst, im Sinne einer Gesamtkunst jenseits des traditionellen Systems, durch die Ästhetisierung der Lebenswelt die nicht zu lösende Funktion erhalten, das dennoch nicht verstummende Fragen nach einem übergreifenden Sinn des Heterogenen stillzustellen, indem sie den Sinnen ständig und überall eine ‘Antwort’ gibt.”
(aus Praxis Deutsch Sept.93: Klaus-Michael Bogdal: Postmoderne, die neue Gründerzeit S.8/9)

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