Sozialverhalten
Inhalt
I. ALLGEMEINES
Verhaltensweisen zwischen Artgenossen (Fortpflanzungs-, Sexual-, Brutpflege-,
Nachwuchspflege-, Territorial-, Gruppenverhalten, Rangordnung)
- Zusammensetzung aus Signalen, Handlungsbereitschaften, Verhaltensweisen des sozialen
Kontaktes, soziale Distanz (Aggression)
- Einzelgängertum überwiegend Distanzierung
- Leben in Gruppe durch Aggressionsverhalten geordnet
- stammesgeschichtliche Entwicklung à gegenseitige Hilfe
von Artgenossen wegen evolutionsbiologischen Vorteilen
- Art, Intensität und Vielfalt abhängig von Organisationsstufe und sozialer Appetenz
(Partneranspruch)
- bei Tieren mit solitärer Lebensweise (Einzelgänger) gering
- bei Tieren mit sozialer (geselliger) oder eusozialer Lebensweise besser ausgebildet
- eusoziale Tiere: à Leben in besonderen Gemeinschaften
- Mehrzahl der Gemeinschaftsmitglieder pflanzt sich nicht
fort
übernehmen Pflege-, Bau-, Schutz- und
Ernährungsfunktion für Nachkommen anderer Weibchen (Königin)
Bsp.: Bienen-, Termiten- und Ameisenstaaten, Nacktmull- und Graumullkolonien
- Tiere mit ausgeprägter sozialer Appetenz (Tiere, Mensch) wachsen ohne
Kontaktmöglichkeiten zu Artgenossen auf à
umfangreiche
Verhaltensstörungen
- Kinder in frühen Phasen ihrer Entwicklung über längeren Zeitraum ohne vertraute
Bezugsperson (zerrüttete Familien, Heim) à
später
Störung des Sozialverhaltens (fehlende Kontaktbereitschaft, Vermeidung von Blickkontakt
und Partnerzuwendung, soziale Isolation und Aggressivität = Hospitalismus)
- bei vielen Tierarten Zusammentreffen bei Paarung zeitlebens einziger Kontakt zwischen
Artgenossen
- zufälliges Treffen à keinerlei Bindung à
Vertreibung
Bsp.: Insekten-, Krebs- und Spinnenarten
- Zusammenleben in dauerhaften Partnerschaften und Gruppen
II. FORMEN DES ZUSAMMENLEBENS VON TIEREN
EINER ART
- Unterscheidung zwischen Ansammlungen und Sozietäten (Sozialverbände, echte Gruppen)
1. Aggregation (Ansammlungen)
- Tiere dieser Gruppen haben keine erkennbaren sozialen Beziehungen zueinander
- zufällige Ansammlung von Tieren
- durch besondere Umweltbedingungen hervorgerufen
ökologische Faktoren: Wasserstelle in Trockengebieten, optimale Temperatur- und
Feuchtebedingungen am Überwinterungsplatz, optimales Nahrungsangebot
- = Scheingesellschaft
- Bsp.: Quallen von Meeresströmungen in Buchten getrieben
- Kohlweißlinge treffen sich gelegentlich an Futterplätzen oder Tränken
- Mücken und Käfer einer Art kreisen in großer Anzahl um Lichtquellen
2 Anonymer Verband
3.(Geschlossener) Individualisierter Verband
- Gruppen von Vögeln und Säugetieren à
Gruppenmitglieder kennen sich persönlich (individuell) am Geruch, Lauten, Aussehen
- oft Rangordnung
- Hinderung Gruppenfremder an Anschluss
- gelegentlich Zu- und Abwanderungen à genetisch notwendig
- Löwen... Rudel mit 2-9 Weibchen, 1-6 Männchen und Jungtiere (Löwinnen miteinander
verwandt, Vertreibung der Männchen mit 3 Jahren)
4. Sonderfälle in Zusammenlebensformen
- nicht immer eindeutige Abgrenzung der verschiedenen Formen
- Bsp.: Ratten...Gruppen; Erkennung durch Geruch und z.T. individuelle Erkennung
(Vorlieben, Wissen über Stärkeverhältnisse)
- soziale Struktur = Übergangsform vom geschlossenen anonymen zum individualisierten
Verband
III. WERT SOZIALEN VERHALTENS
1. Vorteile des Gruppenverhaltens
- in Gruppen lebende Tiere besser vor Feinden geschützt (Krähen, Stare)
- Verteidigung gegen überlegene Feinde à gemeinsam mit
viel Geschrei auf Feind losfliegen und ihn stoßen
- Vertreibung von stärkeren Tieren
- mehrere entdecken Feinde schneller
- Problem für Feind aus Gruppe einzelnes Tier auszusuchen und zu verfolgen
(Konfusionseffekt)
- gemeinsame Jungenaufzucht
- Gruppe entdeckt mehr bei Nahrungssuche (bessere Erschließung neuer Nahrungsquellen)
à besserer Nutzen der Ressourcen
- verbesserte Leistungsfähigkeit durch Arbeitsteilung
- in Gruppen jagende Raubtiere erfolgreicher (geschickte Zusammenarbeit)
àsichert Überleben
- à höhere Erfolgsquote bei kleinen Beutetieren; auch Jagd
nach großen, wehrhaften Beutetieren
à Bsp.: Wildhunde, Wölfe, Löwen
- Einschränkung des aggressiven Verhaltens
- Gruppenverhalten genetisch festgelegt
- Synchronisation des Fortpflanzungsverhaltens
- plastisch und anpassungsfähig
- à Bsp.: Paviane bei großem Nahrungsangebot im Trupp, sonst
einzeln oder als Kleinfamilie
2. Helfer und Altruismus
- Helfer = Tiere ohne eigene Nachkommen (nicht genügend Geschlechtspartner, Territorien,
Brutmöglichkeiten)
- unterstützen Verwandte bei Brutpflege à altruistisch
(gemeinnützig)
- unter Mangelbedingungen Fortbestand der Gene
- Verbindung zwischen altruistischem Verhalten und Verwandtschaftsgrad: je größer
Verwandtschaftsgrad, umso größere Übereinstimmung im Genom à
umfangreiches altruistisches Verhalten
3. Kontaktverhalten
- = Verhaltensweisen zur Verständigung, Annäherung, Körperkontakt, kooperatives
Verhalten
- Zustandekommen durch soziale Signale (Berührungsreiz, Lautäußerung)
- Voraussetzung: Wahrnehmung und Erkennung des Artgenossen (Tasten, Riechen, Hören,
Sehen)
- Aufrechterhaltung durch Lautäußerungen (Vögel, Säugetiere)
à
Kontakt Eltern-Jungtier
- von Brutpflege und Balz stammen Verhaltensweisen der allgemeinen sozialen
Kontaktaufnahme
Körperkontakt
- Kraulen und Putzen besonders bei Vögeln und Säugetieren
- "Lausen" bei Primaten à Befreiung von
Parasiten, Festigung der Bindung zwischen Artgenossen
- Nagetiere ruhen eng aneinander im Nest
- Umarmung, Handkontakt bei Primaten
- bei vielen Tieren kein Körperkontakt à Individualdistanz
(Herstellung durch Distanzierungsverhalten)
IV. TRADITION
- in individualisierten Verbänden
- Weitergabe von erfundenen Verhaltensweisen innerhalb der Gruppe
à Bsp.: Waschen von Süßkartoffeln in einer Gruppe
japanischer Makaken / Würzen von Süßkartoffeln im Meerwasser zur Veränderung des
Geschmacks / Trennung von Weizenkörnern und Sandkörnern durch Auswaschen
- Änderung des Verhaltens der Gruppe à Tiere beziehen
flache Küstenzone um Insel in Lebensraum ein
à neue Nahrung (Tang, Meerestiere)
V. SOZIALNATUR DES MENSCHEN
- Primaten soziale Wesen à brauchen Artgenossen, um
typische Verhaltensweisen, geistige und psychische Eigenschaften zu entfalten
- Funktionieren durch lange Kindheitsentwicklung und hohe Lernfähigkeit
- Halten von vielen Affen in kleinen Käfigen à gestörte
Verhaltensweisen
- normale Entwicklung und Leben nur in Gruppen
- Isolation eines Menschen = Foltermethode ("großer Erfolg")
à psychische, körperliche Störungen (auch bei sonst guter
Behandlung)
- soziale Verhaltensweise des Menschen à kleine,
überschaubare individualisierte Gruppen (Jäger- und Sammlergruppen)
- soziale Bedingungen wegen Gruppengröße angeborenen menschlichen Sozialverhalten
unangemessen
- à Stress
- anonymes Zusammensein ohne Knüpfung sozialer Beziehungen
à
Schwierigkeiten
- anderes Benehmen gegenüber unbekannten Mitmenschen (Massenveranstaltungen) = anonyme
Mitglieder
- kulturelle Überformung aber nicht völlige Änderung à
soziale Zustände entsprechen nicht angeborenem Sozialverhalten
- im Kindergarten altershomogene Kindergruppen à
Fortsetzung durch Jahrgangsklassen in Schule
- à lerntechnisch richtig; entspricht nicht Verhalten, das
sich durch Evolution herausgebildet hat
- altersheterogene Gruppen à altersbedingte, wechselnde
Führung/Rücksichtnahme à weniger Wettbewerb / Kampf um
Führungsposition
VI. DAS SOZIALVERHALTEN AM
BEISPIEL DER MAKAKEN
- gemischte Gruppen mit fester Rangordnung
- meistens 20 bis 100 Tiere
- Familien einer Gruppe matrilinear bestimmt (Stammutter + Töchter + deren Nachkommen)
- Weibchen ganzes Leben in Gruppe
- Verlassen der meisten Männchen mit 4 Jahren à Leben
allein oder Männchenverbände
- als Erwachsene Anschluss an neue Gruppe à Versuch hohen
Rang zu erreichen
- in gemischter Gruppe Weibchen in Überzahl à Sorge für
sozialen Zusammenhalt
- Gruppenmitglieder festen Platz
- Widerspiegelung der Beziehung zu Artgenossen durch Lautäußerungen, Mimik, Kontakt bei
sozialer Pflege
- "Lausen": Tier teilt Fell des Partners à
Entfernung von Ungeziefer (Läuse, Zecken)
à Körperpflege
àAbbau von Spannungen zwischen Gruppenmitgliedern
à Vermeidung von Streitigkeiten
- rangniedrige Tiere säubern Fell von ranghöheren à
Gefälligkeiten (Berührung eines Neugeborenen)
- Mimik Abhängig von Alter, Größe, Stellung des Tiers in Gruppe
à Gesichtsausdrücke zeigen Drohung, Unterwerfung, Angst,
Wohlwollen, Spielstimmung
à Laute unterstützen optische Signale (helle, klare
Schreie, rhythmische Grunzer, Zwitschern, Pfeifen)
- Erkennung an Stimme
- Weibchen vererbt soziale Stellung auf Töchter
- Mutter hoher Rang à bessere Überlebenschancen für
Junge, günstige Ausgangsposition für spätere Stellung
- beim Verlassen des Verbandes verlieren Männchen Status
- in neuer Gruppe muss Rang bestimmt und immer wieder gefestigt werden
Eine Gruppe wandert
- ranghöchste erwachsene Männchen in Mitte
- darum Weibchen und deren Nachkommen jeden Alters
- Familien bleiben immer zusammen
- Männchen, die Gruppe bald verlassen und neue am Rand
- klare Rangordnung unter Männchen
- Leiten und Bewachen der Gruppe (Feinden entgegentreten) entsprechend der Stellung
VII. Aufgaben
- Vergleiche die genannten Formen der Gruppenbildung miteinander (Gemeinsamkeiten,
Unterschiede)!
- Nenne Vorteile der Gruppenbildung!
- Welche Form der Vergesellschaftung stellen folgende Zusammenschlüsse von Tieren bzw.
Menschen dar?
- Brutkolonie von Pinguinen
- Ameisenstaat
- Fledermäuse in einer (Schlaf-)Höhle
- Familie beim Menschen
- Schulklasse
- Besucher eines Konzerts
- Welche Faktoren bewirken eine Aggregation?
- Nenne Beispiele für einen individualisierten Verband!
- Welche Vorteile haben Rangordnungen?
(erstellt von Peggy Schirdewahn 12. Klasse 3/98 im Rahmen eines
Kurzvortrages GK Biologie am Friedrich-Schiller-Gymnasium Bad Lausick)
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