Bertolt Brecht  Dreigroschenoper 

Die Dreigroschenoper - Eine Übersicht

Wann? Zweite Hälfte 19. Jahrhundert, möglicherweise zur Zeit von Queen Victoria,

Wo? London, Hauptstadt des British Empire, Zentrum des Welthandels

 

PEACHUM

MACHEATH

BROWN

Milieu

Bettlerkönig von London, bürgerlicher Geschäftsmann

Einbrecherkönig von London, zu Hause in Londons Unterwelt und Rotlichtmilieu (Soho)

Polizeichef von London, gehobenes Bürgertum

Familienverhältnisse

verheiratet, eine Tochter, Polly

Wechselnde Frauen-Beziehungen und Ehen, spielt lediglich mit den Ritualen bürgerlicher Moral (Eheschließung mit Priester)

verwitwet, eine Tochter, Lucy

Arbeit

Organisiert das Geschäft mit dem menschlichen Elend

Organisiert das Geschäft mit dem Verbrechen

Organisiert das reibungslose Zusammenwirken von Oberschicht und Unterwelt

Selbstverständnis

Gibt sich als guter Christ, Geschäftsmann, Familienvater und verantwortungsbewusster Bürger

Gibt sich als korrekter Geschäftsmann ("die "Abrechnung"), der auf gutbürgerlichen Stil und Kultur Wert legt (Hochzeitsszene)

versteht sich als loyaler Beamter seiner Majestät

Geschäftsgebaren

harter, gnadenloser, effektiver und skrupelloser Arbeitgeber

herrisch, rechthaberisch, skrupellos, a-moralisch

macht mit der Unterwelt Geschäfte, ist erpressbar und sentimental in seiner Freundschaft mit Mackie

Schlussfolgerungen:

  1. Es gibt keine gute und keine schlechte Gesellschaft: Hier Verbrechertum und Rotlichtmilieu - dort gehobenes und moralisch gefestigtes Bürgertum; sondern nur den Sumpf von London.

  2. Die Kontrahenten (die männlichen wie die weiblichen) dieses Stückes liegen zwar im Streit miteinander, unterscheiden sich aber wenig voneinander.

    Allen gemeinsam ist,
    dass sie Geschäfte treiben, eine durch und durch bürgerliche Tätigkeit!
    dass ihre Moral eine Doppelmoral ist,
    dass sie zwar Wert auf gewisse bürgerliche (Sekundär-)Tugenden legen: Zuverlässigkeit, Verbindlichkeit, Vertragstreue, Hilfsbereitschaft (eine Hand wäscht die andere), gute Organisation; diese Tugenden aber sind moralisch zweckfrei.

  3. Bürgerliches und kriminelles Geschäftsgebaren unterscheiden sich nicht voneinander, sondern bedingen einander. Geschäfte machen und Verbrechen begehen sind zwei Seiten derselben Medaille, sie unterliegen einem ähnlichen Ehrenkodex: Straffe Disziplin, kein Aus-der-Reihe-Tanzen, Unterordnung unter die Organisationsprinzipien, welche allein den Geschäftserfolg garantieren (bei Bettlern ebenso wie bei Einbrecherbanden und Polizisten)

Brechts Wirkungsabsichten mit seinem "epischen Theater":
Den Zuschauer in kritisch beobachtender Distanz zu halten
Keine Identifikationsangebote mit den Protagonisten (denn alle sind moralisch zweifelhaft)
Die bürgerlichen Wertvorstellungen als fragwürdig erkennbar machen.
Das Ineinandergreifen von Geschäft und Verbrechen im Kapitalismus sehen lernen.
Nachdenken über die moralischen Abgründe der eigenen Welt .

Erzielte Wirkung
Beste Unterhaltung, ein Welterfolg, das bürgerliche Publikum amüsiert sich, alle Welt singt die köstlichen Songs.

Denkaufgabe:
Warum ging Brechts Rechnung nicht auf? (Die finanzielle schon, aber die aufklärerische nicht.)
Welche Konsequenzen hat er - für weitere Theaterstücke - daraus gezogen?


© Klaus Dautel, 2001


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Ohne ein bisschen Werbung geht es nicht. Ich bitte um Nachsicht, falls diese nicht immer ganz themengerecht sein sollte.
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