Georg Büchner  Der Hessische Landbote

Georg Büchner/Ludwig Weidig:
DER HESSISCHE LANDBOTE

(Juli/November 1834)

"Friede den Hütten! Krieg den Palästen!"

Guerre aux châteaux! Paix aux chaumières!
Häufig gebrauchter Wahlspruch während der Französischen Revolution, dem französischen Schriftsteller Nicolas Chamfort zugeschrieben.

1.
Der Flugschrift "Der Hessische Landbote'' gingen besonders zwei Ereignisse voraus, die kennzeichnend für die politische Situation und den Charakter der antifeudalen Opposition in Deutschland waren und aus denen Büchner seine Lehren zog:
Das erste war das Hambacher Fest im Mai 1832, auf dem alle Schattierungen der deutschen Opposition, von der Deutschtümelei bis zur Republikanischen Forderung nach Volkssouveränität, vertreten waren. Diese Koalition war jedoch zu politischem Handeln unfähig, die Delegierten verließen Hambach ohne ein gemeinsames Programm, ohne gemeinsame Aktionen geplant zu haben. Dafür reagierten die herrschenden Mächte um so härter; die Karlsbader Beschlüsse wurden neu aufgelegt, Pressezensur und Demagogenverfolgungen verschärft, die Opposition in den Untergrund gedrängt oder zerschlagen.
Nur die aktivsten Gruppen planten einen bewaffneten Aufstand, der am 30. April 1833 in dem Sturm auf die Frankfurter Konstablerwache gipfelte. Die Aktion war jedoch schlecht geplant und schlecht durchgeführt, die Frankfurter Bürger griffen nicht zu den Waffen und auf dem Land blieben die Bauern ruhig. Büchner distanzierte sich von dieser Aktion, da er den isolierten Charakter dieses Vorgehens erkannt hatte.
Im Brief an die Familie am 5. April 1833 weist Büchner darauf hin, dass Gewalt zwar notwendig sei, dass sie aber auch von den Massen getragen werden müsse. Die Frankfurter Putschisten irrten, indem sie glaubten, dass das Volk zum Aufstand bereit sei:
"Irren ist übrigens keine Sünde und die deutsche Indifferenz ist wirklich von der Art, daß sie alle Berechnungen zuschanden macht."
Und im Juni 1833 schreibt Büchner an seine Familie.
"Ich werde zwar immer meinen Grundsätzen gemäß handeln, habe aber in neuerer Zeit gelernt, daß nur das notwendigste Bedürfnis der großen Masse Umänderungen herbeiführen kann, daß alles Bewegen und Schreien der Einzelnen vergebliches Torwerk ist."

2.
Georg Büchner hatte aus der Revolution von 1830 erkannt, dass das siegreiche Bürgertum die Interessen des Volkes unverzüglich zu verraten bereit war, sobald es seine eigenen Forderungen befriedigt sah. So geschehen auch in Hessen, als im September 1830 ein Bauernaufstand ausbrach, eine Hungerrevolte, die im "Blutbad von Södel'' niedergeschlagen wurde, während das liberale Bürgertum, durch konstitutionelle Zugeständnisse zufriedengestellt, sich auf die Seite der Regierung stellte und in einem Aufruf zum "Gehorsam gegen die Obrigkeit" aufforderte.
Büchner zog daraus die Konsequenz, dass zur Erringung der sozialen Besserstellung der Massen die besitzlosen Klassen sich vom Bürgertum nichts erhoffen durften, dass stattdessen der Kampf auch gegen die "Reichen" geführt werden muss, will er nicht nur Herrschaftsverhältnisse, sondern auch Besitzverhältnisse ändern.
Dementsprechend richtete sich der Büchnersche Entwurf des "Hessischen Landboten" nicht nur gegen die feudalen Mächte, sondern auch gegen das begüterte Bürgertum. Dies war gerade Büchners entscheidende Erkenntnis, durch die er über die damalige bürgerliche Opposition hinausging. Machtverhältnisse waren Fragen der Besitzverhältnisse, hinter politischen Fragen standen letztendlich soziale Fragen.
Anders Friedrich Ludwig Weidig. Er war "christlicher Patriot", der dem "Volkskaisertum'' anhing. Aber er kannte die Not der Bauern aus eigener Erfahrung und richtete seine politischen Aktivitäten auf diese Teile der Gesellschaft aus, ein Vorgehen, wodurch auch er sich von den Burschenschaftlern und begüterten Liberalen schwarz-rot-goldener Couleur unterschied. Denn während es jenen um politische Rechte ging, wollte Weidig die Yerbesserung der sozialen Lage der Bauern und Handwerker erkämpfen. Weidigs Strategie zielte auf eine große Koalition gegen die fürstlichen Machthaber ab. Erfolg versprach er sich allein von einem breiten Zweckbündnis der verschiedensten Fraktionen gegen den gemeinsamen Gegner. Im Interesse dieses Zieles war er zu weitgehenden Kompromissen und zu bewusstem Taktieren bereit. Es kam ihm wenig auf die Klarheit der Perspektive und Schärfe der Analyse an. Büchner hatte ihm deswegen auch den Yorwurf des Opportunismus gemacht.


3.
Der ''Hessische Landbote" hatte also zwei Verfasser mit unterschiedlichen politischen Auffassungen. Der Grundbestand der Schrift entstammte Büchners Feder: Er machte in wirksamer Weise von den agitatorischen Mitteln der Bildersprache und der Statistik Gebrauch. Er sprach auf den Besitzstand an, auf das Schmarotzertum der Fürsten und liberalen Bürger, er argumentierte weder mit Gott noch mit der Verfassung.
Dem gegenüber hat Weidig die Schrift weitgehend verändert. Diese Veränderungen sind bekannt durch August Becker einem Mitverschworer Büchners, auch der "Rote August" genannt. Weidig versah die Schrift mit dem Vorspann, revidierte die Stoßrichtung an wichtigen Punkten im Sinne seiner angestrebten Koalition mit dem liberalen Bürgertum und entwickelte zum Schluss der Schrift eine christliche Vision. Er bestand darauf, dass die "Reichen" durch die "Vornehmen" ersetzt werden und spitzte die Schrift auf die Polemik gegen den Großherzog, den Hof, die Beamtenschaft und die adligen Stützen des Regimes zu. Auf diese Weise wurde die angestrebte soziale Revolution umgedeutet und zurückdatiert zu einer Kampf der bürgerlichen Klasse gegen das monarchische und feudale System. Des weiteren setzte Weidig neben die Bilder und Zahlen von Büchner biblische Zitate, Jesaias und Ezechiel, schließlich wusste er, dass für die hessischen Bauern Jesaias und Ezechiel eher Autoritäten waren als Robespierre und Babeuf. Wo Büchner die Kritik an Fürst und Adel zur Kampfansage gegen die bürgerliche Wirtschaft und Gesellschaft weiterführt , setzt Weidig das Ideal des Volkskaisertums ''Christlicher Prägung", das Ideal eines ständischen deutschen Einheitstaates, mit einem großen Reichs- und Volkstage" und "freie(r) Wahl ihrer Mitbürger''.


4.
Die theoretische Konzeption Büchners war der Weidigs überlegen. Sie war in sich schlüssig, bekam die historische Entwicklung besonders des Bürgertums klarer in den Griff, reichte über den Horizont der deutschen "Winkeltyranneien" hinaus, überschätzte jedoch die revolutionäre Tatkraft der Bauern . Der "Hessische Landbote" zeitigte keine Wirkung, die Bauern lieferten das Flugblatt gewissenhaft an die Polizeibehörden ab, ein weiterer Teil der Flugschrift wurde vor der Verteilung beschlagnahmt, da das Vorhaben verraten worden war. Eine Reihe von ''Verschwörern" wurde verhaftet, Büchner - steckbrieflich gesucht - musste schließlich nach Frankreich fliehen und um Weidig zog sich das Polizeinetz zusammen: Er wurde eingekerkert und erlag schließlich den zermürbenden Haftbedingungen und der sadistischen Behandlung durch den Untersuchungsrichter Georgi, seines Zeichens Regierungskommissar für Oberhessen und Alkokoliker.

(Exzerpt aus H.M.Enzensberger: Georg Büchner. Ludwig Weidig. Der Hessische Landbote. Texte, Briefe Prozeßakten. Kommentiert von H.M.E. Frankfurt 1974 )


5.
In der Frage, was im "Hessischen Landboten" Büchner und was Weidig zuzuordnen ist, geht man von Folgendem aus: Die Vorlage für den ersten (Juli-)Druck setzte sich aus zwei verchiedenen Handschriften zusammen: Die erste Hälfte der Druckvorlage bis zu dem Bild von den "Lampen", aus denen man "mit dem Fett der Bauern illuminiert", stamme von Büchner und sei wahrscheinlich nur an vier oder fünf Stellen von Weidig handschriftlich überarbeitet worden. Die gesamte zweite Hälfte des Landboten-Textes ab der Stelle "Das alles duldet ihr, weil euch Schurken sagen: diese Regierung sei von Gott" gelangte in Weidigs Handschrift zum Setzer und Drucker.

Quellen:
Mayer, Thomas Michael: Büchner und Weidig - Frühkommunismus und revolutionäre Demokratie. Zur Textverteilung des "Hessischen Landboten", in Georg Büchner I/II, Text + Kritik, München 1979/82
Georg Büchner, Werke und Briefe, Hanser Verlag München 1980, Kommentar S. 452


© Klaus Dautel, 2001

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