E.T.A. Hoffmann

E.T.A. Hoffmann und das Serapiontische Prinzip

„Die Serapionsbrüder ist eine 1819 bis 1821 veröffentlichte Sammlung von Erzählungen und Aufsätzen von E.T.A. Hoffmann. Hoffmann stellte die vier Bände zu großen Teilen aus bereits vorher veröffentlichtem Material zusammen, fügte aber einige neue Erzählungen sowie eine Rahmenhandlung hinzu, in der einige literarisch gebildete Freunde über Probleme der Kunst diskutieren und als fiktive Autoren der Erzählungen auftreten. Vorbild für diesen Freundeskreis waren die Treffen der Serapionsbrüder, eines literarischen Kreises um Hoffmann, dem neben weiteren Schriftstellern auch Adelbert von Chamisso und Friedrich de la Motte Fouqué angehörten. Der Name leitete sich ursprünglich vom Heiligen Serapion her, an dessen Gedenktag – dem 14. November – der Freundeskreis sich zum ersten Mal nach längerer Trennung im Jahr 1818 wieder zusammenfand. Wichtiger als dieser äußere Anlass wird aber das sogenannte serapiontische Prinzip, dem sich die Mitglieder des Kreises verpflichtet fühlen.“ (Aus der „Wikipedia”, Stand 10.12.16)

Bei der Geschichte des Serapion geht es um den jungen, hochbegabten und hoffnungsvollen Adligen P., der eines Tages aus der Stadt B. verschwindet und später als Einsiedler im Wald zwei Stunden außerhalb der Stadt gesichtet wird. Nach vergeblichen Heilungsversuchen wird er vom Arzt für unheilbar geisteskrank erklärt, das Beste sei es, ihn im Wald und in seinem Wahn zu lassen: Er hält sich nämlich für den Märtyrer Serapion, der auf wundersame Weise seinen grausamen Märtyrertod vor über tausend Jahren überwunden und nun zu innerer Ruhe und Weisheit in der Thebäischen Wüste gefunden hat.

Cyprianus, der Erzähler, sucht ihn auf mit der Absicht, ihn durch psychologisches Wissen und logische Argumente von seinem Wahn zu befreien. In eindringlichen Reden erklärt er ihm, dass das alles nicht sein könne und er in Wirklichkeit der Graf P. aus M. sei und zwei Stunden entfernt von der Stadt im Wald und nicht in der Wüste lebe. Der Einsiedler aber reagiert gelassen: Immer wieder erschienen bei ihm Leute, und dazu gehöre wohl der Erzähler, die von der „fixen Idee” getrieben seien, dass er, Serapion, der Graf P. aus M. sein müsse. Diesen Besuchern erläutere er dann in aller Schlüssigkeit („Vernunft“), wie sinnlos und gegen alle Logik es ist, ihn, den Einsiedler Serapion, von einer solchen fixen Idee überzeugen zu wollen.

Dem Erzähler wird klar, dass er mit seiner Vernunft diejenige des Einsiedlers nicht ins Wanken bringen kann, stattdessen muss er anerkennen, dass dieser wahnsinnige Mensch in seinem Wahn „Ruhe und Heiterkeit findet” und aus innerster Überzeugung ihm, dem Eindringling, ein gleiches wünscht. Und schließlich beginnt der Einsiedler eine Novelle zu erzählen, deren Poesie und Eindringlichkeit den Zuhörer beeindruckt:

„Alle Gestalten traten mit einer plastischen Ründung, mit einem glühenden Leben hervor, daß man, fortgerissen, bestrickt von magischer Gewalt wie im Traum, daran glauben mußte, daß Serapion alles selbst von seinem Berge erschaut.”
Der Besucher ist erstaunt und gerührt von diesem „methodischen Wahnsinn” und dem ”hohen Dichtertalent” und in den zahlreichen nachfolgenden Besuchen hütet er sich wohl, „wieder den psychologischen Arzt machen zu wollen.” (E.T.A. Hoffmann, Insel Verlag 1967 Bd.2, S. 225)

„Serapionsbruder” Lothar, als aufmerksamer Zuhörer und Kommentator dieser Geschichte, zieht daraus folgenden Schluss:

Armer Serapion, worin bestand dein Wahnsinn anders, als daß irgendein feindlicher Stern dir die Erkenntnis der Duplizität geraubt hatte, von der eigentlich allein unser irdisches Sein bedingt ist. Es gibt eine innere Welt, und die geistige Kraft, sie in voller Klarheit, in dem vollendetsten Glanze des regesten Lebens zu schauen, aber es ist unser irdisches Erbteil, daß eben die Außenwelt in der wir eingeschachtet, als der Hebel wirkt, der jene Kraft in Bewegung setzt. Die innern Erscheinungen gehen auf in dem Kreise, den die äußeren um uns bilden und den der Geist nur zu überfliegen vermag in dunklen geheimnisvollen Ahnungen, die sich nie zum deutlichen Bilde gestalten. Aber du, o mein Einsiedler! statuiertest keine Außenwelt, ...”

Hier die ausführliche Textstelle zur Analyse des poetischen Programmes, welches vom „Serapionsbruder” Lothar das „serapion(t)ische Prinzip” getauft wird:

»Woher kommt es denn, daß so manches Dichterwerk das keinesweges schlecht zu nennen, wenn von Form und Ausarbeitung die Rede, doch so ganz wirkungslos bleibt wie ein verbleichtes Bild, daß wir nicht davon hingerissen werden, daß die Pracht der Worte nur dazu dient den inneren Frost, der uns durchgleitet, zu vermehren. Woher kommt es anders, als daß der Dichter nicht das wirklich schaute wovon er spricht, daß die Tat, die Begebenheit vor seinen geistigen Augen sich darstellend mit aller Lust, mit allem Entsetzen, mit allem Jubel, mit allen Schauern, ihn nicht begeisterte, entzündete, so daß nur die inneren Flammen ausströmen durften in feurigen Worten: Vergebens ist das Mühen des Dichters uns dahin zu bringen, daß wir daran glauben sollen, woran er selbst nicht glaubt, nicht glauben kann, weil er es nicht erschaute. Was können die Gestalten eines solchen Dichters der jenem alten Wort zufolge nicht auch wahrhafter Seher ist, anderes sein als trügerische Puppen, mühsam zusammengeleimt aus fremdartigen Stoffen! –

Dein Einsiedler, mein Cyprianus, war ein wahrhafter Dichter, er hatte das wirklich geschaut was er verkündete, und deshalb ergriff seine Rede Herz und Gemüt. – Armer Serapion, worin bestand dein Wahnsinn anders, als daß irgendein feindlicher Stern dir die Erkenntnis der Duplizität geraubt hatte, von der eigentlich allein unser irdisches Sein bedingt ist. Es gibt eine innere Welt, und die geistige Kraft, sie in voller Klarheit, in dem vollendetsten Glanze des regesten Lebens zu schauen, aber es ist unser irdisches Erbteil, daß eben die Außenwelt in der wir eingeschachtet, als der Hebel wirkt, der jene Kraft in Bewegung setzt. Die innern Erscheinungen gehen auf in dem Kreise, den die äußeren um uns bilden und den der Geist nur zu überfliegen vermag in dunklen geheimnisvollen Ahnungen, die sich nie zum deutlichen Bilde gestalten. Aber du, o mein Einsiedler! statuiertest keine Außenwelt, du sahst den versteckten Hebel nicht, die auf dein Inneres einwirkende Kraft; und wenn du mit grauenhaftem Scharfsinn behauptetest, daß es nur der Geist sei, der sehe, höre, fühle, der Tat und Begebenheit fasse, und daß also auch sich wirklich das begeben was er dafür anerkenne, so vergaßest du, daß die Außenwelt den in den Körper gebannten Geist zu jenen Funktionen der Wahrnehmung zwingt nach Willkür. Dein Leben, lieber Anachoret, war ein steter Traum, aus dem du in dem Jenseits gewiß nicht schmerzlich erwachtest.

[...] – jeder prüfe wohl, ob er auch wirklich das geschaut, was er zu verkünden unternommen, ehe er es wagt laut damit zu werden. Wenigstens strebe jeder recht ernstlich darnach, das Bild, das ihm im Innern aufgegangen recht zu erfassen mit allen seinen Gestalten, Farben, Lichtern und Schatten, und dann, wenn er sich recht entzündet davon fühlt, die Darstellung ins äußere Leben [zu] tragen. So muß unser Verein auf tüchtige Grundpfeiler gestützt dauern und für jeden von uns allen sich gar erquicklich gestalten. Der Einsiedler Serapion sei unser Schutzpatron, er lasse seine Sehergabe über uns walten, seiner Regel wollen wir folgen, als getreue Serapions-Brüder!

[...] Schweigen wir aber über alles Verfängliche ... und sprechen wir von dem Serapionischen Prinzip! Was haltet ihr davon?« –”

Zitiert nach Bibliothek Gutenberg. Die Textstelle befindet sich zwischen den Erzählungen „Rat Krespel” und „Die Fermate”.

  

Ohne ein bisschen Werbung geht es nicht. Ich bitte um Nachsicht, falls diese nicht immer ganz Themen-gerecht sein sollte.
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