E.T.A. Hoffmann

Der goldene Topf.

Ein Märchen aus der neuen Zeit (1814)

»Mich beschäftigt die Fortsetzung der 'Fantasiestücke in Callot's Manier' ungemein vorzüglich ein Mährchen ... Denken Sie dabey nicht, Bester! an Scheherezaden und Tausend und eine Nacht - Turban und türkische Hosen sind ganz verbannt – feenhaft und wunderbar, aber keck ins gewöhnliche alltägliche Leben tretend und seine Gestalten ergreifend soll das Ganze werden.« (E.T.A. Hoffmann am 19. August 1813 an seinen Verleger C.F.Kunz, in: E.T.A. Hoffmann Werke, Insel Verlag 1967 Bd.1, S.576)

Zur Bedeutung des französischen Malers und Kupferstechers Jacques Callot (1592-1635) für E.T.A. Hoffmanns Poetik liefert das Goethezeitportal hilfreiche Erläuterungen: „Callots Vorbildfunktion - der Dichter als Maler.”

Erste Vigilie

„Am Himmelfahrtstage, nachmittags um drei Uhr, rannte ein junger Mensch in Dresden durchs Schwarze Tor, und geradezu in einen Korb mit Äpfeln und Kuchen hinein, die ein altes häßliches Weib feilbot ...”
Dieser junge Mensch, der Student Anselmus, wird von den wütend keifenden Marktfrauen dazu genötigt, ihnen für den entstandenen Schaden sein ganzes Geld zu geben. Das Apfelweib sendet ihm noch einen Fluch hinterher. Mit dem Geld wollte er sich eigentlich einen vergnüglichen Tag im Feiertagstrubel machen, jetzt ist er es los und seine Hoffnungen auf Verköstigung und Unterhaltung sind dahin.
Er scheint sowieso ein Unglücksrabe bzw. ein Pechvogel zu sein, jedenfalls beklagt er in einem längeren inneren Monolog alle Missgeschicke, die ihm bisher zugestoßen sind und die auch seine beruflichen Hoffnungen, Geheimer Sekretär beim Geheimen Rat zu werden, zunichte zu machen scheinen.
Wie er so unter einem Holunderbaum sitzt und sein Unglück beklagt, hört er Stimmen über sich im Busch und entdeckt drei goldgrüne Schlänglein, die ihm etwas Rätselhaftes zuflüstern, bis sie von einer tiefen, rauen Stimme vertrieben werden.

Zweite Vigilie

„„Der Herr ist wohl nicht recht bei Troste!« sagte eine ehrbare Bürgersfrau, die vom Spaziergange mit der Familie heimkehrend, still stand und mit übereinandergeschlagenen Armen dem tollen Treiben des Studenten Anselmus zusah.”

Anselmus' Verhalten erregt Aufsehen und Tadel bei den vorbeispazierenden „Bürgern“. Auch Konrektor Paulmann und Registrator Heerbrand, beide Gönner des Studenten, befinden sich auf einem Spaziergang. Sie laden Anselmus wird zu einem gemütlichen Abend mit Hausmusik beim Konrektor ein, auf dem Weg dorthin fällt Anselmus durch seltsames Verhalten auf, das sie auf Alkoholgenuss zurückführen. Anselmus gelingt es jedoch im Laufe des Abends, die Aufmerksamkeit der hübschen blauäugigen Tochter Veronika durch gutes Klavierspiel und galantes Verhalten auf sich zu ziehen. Er erhält auch das Angebot, sich als geübter Schreiber und Zeichner bei dem Archivarius Lindhorst einen Freitisch und ein paar Taler zu verdienen, was Anselmus Situation sehr entgegenkommt, befindet er sich doch gerade in der Phase zwischen dem Studium und dem Einstieg in das Arbeitsleben. - Als er tags drauf jedoch an die Tür des Archivars klopfen will, verwandelt sich der Türknauf in das bissige Gesicht des bösen Apfelweibes und er fällt in Ohnmacht.

Dritte Vigilie

Um Anselmus dem Archivarius vorzustellen, suchen sie dessen Stammkneipe auf. Sie treffen dort Archivar Lindhorst, wie er gerade in geselliger Abendrunde wundersame Geschichten von sich und seiner Herkunft erzählt. Deren Fantastik bringt die Herren zum Lachen, aber Lindhorst besteht auf deren Realität. Dann wird ihm Anselmus vorgestellt und als Schreiber und Zeichner empfohlen, Lindhorst stimmt zu.

Vierte Vigilie

Die Vigilie wird vom Erzähler mit einer programmatischen Ansprache an den „geneigten Leser” eingeleitet:

„Überhaupt wünschte ich, es wäre mir schon jetzt gelungen, dir, geneigter Leser, den Studenten Anselmus recht lebhaft vor Augen zu bringen. Denn in der Tat, ich habe in den Nachtwachen, die ich dazu verwende, seine höchst sonderbare Geschichte aufzuschreiben, noch so viel Wunderliches, das wie eine spukhafte Erscheinung das alltägliche Leben ganz gewöhnlicher Menschen ins Blaue hinausrückte, zu erzählen, daß mir bange ist, du werdest am Ende weder an den Studenten Anselmus, noch an den Archivarius Lindhorst glauben, ja wohl gar einige ungerechte Zweifel gegen den Konrektor Paulmann und den Registrator Heerbrand hegen, unerachtet wenigstens die letztgenannten achtbaren Männer noch jetzt in Dresden umherwandeln. Versuche es, geneigter Leser, in dem feenhaften Reiche voll herrlicher Wunder ... – ja! in diesem Reiche, das uns der Geist so oft, wenigstens im Traume aufschließt, versuche es, geneigter Leser, die bekannten Gestalten, wie sie täglich, wie man zu sagen pflegt im gemeinen Leben, um dich herwandeln, wiederzuerkennen. Du wirst dann glauben, daß dir jenes herrliche Reich viel näher liege, als du sonst wohl meintest, welches ich nun eben recht herzlich wünsche und dir in der seltsamen Geschichte des Studenten Anselmus anzudeuten strebe.”

Anselmus hat es immer noch nicht geschafft, beim Archivar vorzusprechen, die Begegnung mit dem Türknauf hat ihn abgeschreckt. Stattdessen zieht es ihn zu dem Holunderbusch, wo ihm tatsächlich auch wieder das Schlänglein zusäuselt und mit seinen dunkelblauen Augen bezaubert. Dabei wird er von dem Archivarius Lindhorst aufgeschreckt, diesem erzählt er das Erlebnis mit den drei Schlänglein. Der Geheime Archivar teilt ihm zu dessen Erstaunen mit, dass es sich dabei um seine drei Töchter gehandelt habe, eine davon heißt Serpentina, diejenige mit den dunkelblauen Augen, in die Anselmus nun heillos verliebt ist. - Der Archivar gibt ihm noch eine Tinktur, mit der er den bissigen Türknauf beim nächsten Besuch unschädlich machen kann.

Fünfte Vigilie

Registrator Heerbrand will gehört haben, dass es Anselmus beim Archivar bis zum Hofrat bringen könnte. Veronika, Paulmanns Tochter, beginnt sofort, sich ein Leben als Ehefrau und Hofrätin an der Seite des Anselmus vorzustellen. Doch der Wunschtraum wird immer wieder von Zweifeln gestört. - Da kommt es gerade recht, dass eine Freundin ihr von einer alten Hellseherin berichtet, die ihr Erfreuliches vorausgesagt hat. Veronika sucht tags darauf diese Alte auf, eine hässliche, hexenartige Erscheinung mit Brandspuren im Gesicht, umgeben von allen Utensilien einer Hexenstube und einem schwarzen Kater. Sie warnt Veronika davor, auf Anselmus zu hoffen, denn der sei schon in den Händen des Archivars und seiner Serpentina gefangen und werde nie Hofrat. Viktoria will das nicht akzeptieren, da verwandelt sich das Apfelweib in Veronikas alte Kinderfrau Lise und verspricht ihr, behiflich zu sein, Anselmus aus den Fängen des Archivarius zu befreien: Der Archivar sei nämlich ihr Erzfeind.

Sechste Vigilie

Anselmus es also geschafft, das Haus des Archivars - mit Hilfe der Tinktur - zu betreten. Der Archivar empfängt ihn freundlich und führt ihn durch zauberhafte Räume und Gewächshäuser, worin sich exotische Wesen herumtreiben. Anselmus meint Serpentinas Anwesenheit zu spüren, der Archivar führt ihn in ein nüchternes Arbeitszimmer und lässt ihn arabische Texte abschreiben. Dies geht Anselmus zu seinem eigenen Erstaunen vorzüglich von der Hand, in sich meint er dabei Serpentinas Stimme zu vernehmen, die ihn antreibt. Der Archivar scheint zufrieden und verspricht Anselmus, dass er mit Serpentinas Liebe die Wunder des goldenen Topfes erhalten werde, wenn er standhaft an seinen Zielen festhalte:

„Junger Mensch«, fing der Archivarius an im feierlichen Ton, »junger Mensch, ich habe, noch ehe du es ahnetest, all die geheimen Beziehungen erkannt, die dich an mein Liebstes, Heiligstes fesseln! – Serpentina liebt dich, und ein seltsames Geschick, dessen verhängnisvollen Faden feindliche Mächte spannen, ist erfüllt, wenn sie dein wird, und wenn du als notwendige Mitgift den goldnen Topf erhältst, der ihr Eigentum ist. Aber nur dem Kampfe entsprießt dein Glück im höheren Leben. Feindliche Prinzipe fallen dich an, und nur die innere Kraft, mit der du den Anfechtungen widerstehst, kann dich retten von Schmach und Verderben. Indem du hier arbeitest, überstehst du deine Lehrzeit; Glauben und Erkenntnis führen dich zum nahen Ziele, wenn du festhältst an dem, was du beginnen mußtest. Trage sie recht getreulich im Gemüte, sie, die dich liebt, und du wirst die herrlichen Wunder des goldnen Topfs schauen und glücklich sein immerdar. –«”

Siebte Vigilie

Es ist die Nacht zum 23. September, die Tag-und-Nachtgleiche (Äquinoctium) und Veronika schleicht sich in Regen und Wind zur Alten, die ihr versprochen hatte, dass sie heute Nacht den Zauber von Anselmus lösen bzw. auf Veronika richten werde. Auf offenem Felde baut die Alte ihren Hexenkessel auf und beschwört alle dunklen Geister herbei. Wenn der Leser - so fügt der Erzähler hinzu - dies zufällig gesehen hätte, so hätte er das arme Mädchen in einer Art Todesstarre vorgefunden. - Veronika erwacht in ihrem Bett, bald kommt der Doktor, um sie zu untersuchen, sie glaubt zunächst an einen Fiebertraum, doch sie findet dann in ihrem Nachtgewand ein Medaillon mit dem Bild des Anselmus. Sie meint sogar, diesem leibhaftig zu begegnen, doch dann kommt der Doktor und fühlt ihren Puls.

Achte Vigilie

Eines Tages führt der Archivarius Anselm in ein prächtiges Gemach und heißt ihn dort ein besonders exotisches Script zu kopieren. Aber wehe, wenn ein Fleck oder ein Fehler darin auftaucht. Noch bevor er zu schreiben beginnt, wird er von Serpentina umschlängelt und betört: Sie offenbart ihm die Geschichte ihres Vaters, der aus dem Geschlecht der Salamander stamme, aber wegen eines Vergehens gegen den Geisterfürsten Phosphorus seine Feuerkraft eingebüßt habe und nun für seine drei Töchter in der hiesigen Welt der Fantasielosen drei Jünglinge finden muss, die poetisch genug empfinden, um deren Stimmen zu hören. Anselmus ist ein solcher und Serpentina verspricht ihm glückliche Zweisamkeit und die Wunder des Goldenen Topfes, wenn er den bösen Mächten des schwarzen Drachen widerstehen könne. (→ Schlüsselstelle). Wieder scheint es Anselmus, als erwache er aus einem Traum, doch siehe da, das Manuscript liegt wie von Zauberhand kopiert vor ihm, die Arbeit ist getan und der Archivarius auf seine geheimnisvolle Weise zufrieden.

Neunte Vigilie

Aber auch Veronika geht Anselmus nicht aus dem Sinn, sie erscheint ihm im Traume und ihr Bild verdrängt den ganzen Salamander-Spuk aus dem Hause Lindhorst. Auf dem Weg zum Archivarius begegnet Anselmus dem Konrektor Paulmann, der ihn sofort zu sich einlädt, und Veronikas Nähe und Zärtlichkeit nimmt Anselmus ganz für sie ein, es kommt zu Liebes- und Treueschwüren. Darüber vergisst er zur Arbeit zu gehen. Auch Registrator Heerbrand findet sich ein und bringt die Utensilien für einen Punsch mit, der am Abend dann gebraut wird, allerdings mit ganz fatalen Wirkungen auf alle Herren: Der Spuk kehrt zurück, alle gebärden sich wie vom Wahnsinn gepackt und lassen schließlich den Salamander hochleben. Nur Veronika bleibt nüchtern, aber von den Vorgängen sehr verstört.
Anselmus findet doch noch nach Hause, im Schlaf träumt er von Veronika und am Morgen steht er nüchtern und gestärkt wieder auf. - Als er dann das Haus des Archivarius betritt, erscheint ihm dort alles schal und schäbig, der Zauber scheint verflossen. Der Archivarius gibt ihm wieder etwas zum Kopieren, doch nichts will dem Anselmus nun gelingen, um ihn herum beginnt ein schreckliches Tosen und Toben, Riesenschlangen umschlingen ihn und er findet sich eingequetscht in einer Kristallflasche im Regal des Archivarius wieder.

Zehnte Vigilie

In dieser Flasche leidet Anselmus Höllenqualen (erneute Aufforderung an den Leser, er möge sich in diese Situation hineinversetzen), die er als Bestrafung für seinen Abfall von Serpentina versteht. Er muss auch feststellen, dass noch weitere Jünglinge in Flaschen im Regal stehen, es ist aber nicht klar, ob diese darin wirklich eingeschlossen sind; sie sehen es jedenfalls nicht so, sondern behaupten zusammen mit Anselmus auf der Dresdner Brücke zu stehen und ins Wasser zu schauen. Anselmus jedenfalls ist in der Flasche und wird nun Zeuge eines wilden Kampfes zwischen dem Äpfelweib, unterstützt von ihrem Kater, und dem Archivarius mit seinem Papagei. Die Schlacht um den goldenen Topf tobt hin und her unter Aufbietung von Feuerzungen und Flammen, bis schließlich die Alte zu einer "Runkelrübe" schrumpft und vom Papagei entsorgt wird.

„Aber wie nun der Student Anselmus, hoch erfreut über den Untergang des schnöden Weibes, das ihn ins Verderben gestürzt, den Archivarius anblickte, da war es wieder die hohe majestätische Gestalt des Geisterfürsten, die mit unbeschreiblicher Anmut und Würde zu ihm hinaufschaute. – »Anselmus«, sprach der Geisterfürst, »nicht du, sondern nur ein feindliches Prinzip, das zerstörend in dein Inneres zu dringen und dich mit dir selbst zu entzweien trachtete, war schuld an deinem Unglauben. – Du hast deine Treue bewährt, sei frei und glücklich.« Ein Blitz zuckte durch das Innere des Anselmus, der herrliche Dreiklang der Kristallglocken ertönte stärker und mächtiger, als er ihn je vernommen – seine Fibern und Nerven erbebten – aber immer mehr anschwellend dröhnte der Akkord durch das Zimmer, das Glas, welches den Anselmus umschlossen, zersprang, und er stürzte in die Arme der holden, lieblichen Serpentina.”

Ende gut, alles gut? - Noch nicht!

Ohne etwas Werbung geht es nicht. Ich bitte um Nachsicht, falls diese nicht immer ganz themengerecht sein sollte.
Dautels ZUM-Materialien: Google-Fuss