Hermann Hesse „Der Steppenwolf“

Traktat vom Steppenwolf

Inhalt und Gedankengang

S.46 Von der Doppelnatur Harrys (Wolf/Mensch) und was das bedeutet:

S.60 Der Intellektuelle/Künstler hat in sich starke Antriebe zu extremen Existenzformen (Heiliger oder Wüstling), schafft dennoch nicht den Absprung in den "freien wilden Weltraum" (61) und bleibt an das mütterliche Gestirn des Bürgertums gebunden.

Einzig mit "Humor" (Zaubertrank) wäre es ihm möglich, den Sprung ins Weltall zu wagen (62). Dazu aber müsste der Steppenwolf einmal einen Blick in die Abgründe seiner Seele werfen dürfen ('Spiegel'), um sich des in ihm vorhandenen Chaos gewahr zu werden.

62/3 Über die therapeutische Wirkung der Selbstkonfrontation und -erkenntnis

S.63 Aber: Die Zweiteilung in Wolf/Mensch ist letztlich eine Fiktion, eine grobe Vereinfachung, die 'Fiktion vom Ich ' ist insbesondere ein abendländischer Trugschluss (im Gegensatz zur Indischen Inkarnationslehre), seit den Griechen hält man hier an der Einheit der Persönlichkeit fest und glaubt schon eine Zweiteilung (Beispiel FAUST: Zwei Seelen ach in meiner Brust...) als unerträglich empfinden zu müssen. Die Tatsache, dass Haller seine Leiden immer wieder auf die Wolfsnatur zurückführt, zeigt seine Schwäche, seine Nicht-Bereitschft, sich auf die 'Vielspältigkeit' der Person einzulassen.

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Was ist, was soll der "Traktat"?

  1. Eine von einem unbekannten Verfasser in sachlich-distanziertem Ton geschriebene Charakterstudie des modernen, zwischen die Zeiten und Fronten geratenen Intellektuellen/Künstlers.

  2. Zugleich eine Skizze von Hallers Persönlichkeit im besonderen, aus der dessen spätere Erfahrungen verständlich werden. Darüberhinaus wird ein kritischer Blick auf den Protagonisten des Romans ermöglicht.

  3. Er bündelt wie in einem Brennglas (Spiegel?) Harrys Vergangenheit und mögliche Zukunft: Er umfasst die Ausgangslage, Harrys Selbstinterpretation, und deutet schließlich auf Lösungsmöglichkeiten voraus:
    Humor (62),
    Selbstbegegnung im magischen Theater (63),
    Auflösung der Steppenwolf-Fiktion und Sich-Einlassen auf die 'Vielspältigkeit' der Person (Reinkarnationslehre!), dadurch Wagnis und Möglichkeit der Menschwerdung (72), der Weg zu den Unsterblichen.

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Einen Ansatz zum Verständnis der Steppenwolf-Problematik könnten folgende Ausführungen von Carl Gustav JUNG aus der Frühzeit der Psychoanalyse bieten. Hesse hat C.G.Jung 1921 mehrfach zu therapeutischen Gesprächen aufgesucht, um eine eineinhalbjährige Produktionskrise zu überwinden.

C.G.Jung: Über die Psychologie des Unbewußten, 1916

... das Uneinssein mit sich selbst ist überhaupt ein Kennzeichen des Kulturmenschen. Der Neurotiker ist nur ein Spezialfall des mit sich selber uneinigen Menschen, welcher Natur und Kultur in sich vereinigen sollte.
Bekanntlich besteht der Kulturprozeß in einer fortschreitenden Bändigung des Animalischen im Menschen; es ist ein Domestikationsprozeß, der nicht ohne Empörung von seiten der freiheitsdurstigen Tiernatur durchgeführt werden kann. Von Zeit zu Zeit geht es wie ein Rausch durch die in den Kulturzwang sich hineinschraubende Menschheit: Das Altertum hat es erlebt in der aus Osten heranbrandenden Welle der dionysischen Orgien, welche zum wesentlichen und charakteristischen Bestandteil antiker Kultur wurden, und deren Geist nicht wenig dazu beitrug, daß in zahlreichen Sekten und Philosophieschulen des letzten vorchristlichen Jahrhunderts das stoische Ideal sich zur Askese entwickelte, und aus dem polytheistischen Chaos jener Zeit die asketischen Religionen des Mithras und des Christus hervorgingen (...)
Neurose ist die Entzweiung mit sich selbst. Der Grund der Entzweiung ist bei den meisten Menschen der, daß das Bewußtsein sich an sein moralisches Ideal halten möchte, das Unbewußte aber nach seinem unmoralischen Ideal strebt, was das Bewußtsein ableugnen möchte. (...)
Wie komme ich auf dem kürzesten und doch besten Wege zur Kenntnis der unbewußten Geschehnisse beim Patienten? ... Die wichtigste Methode ... ist, wie Freud zuerst gezeigt hat, die Analyse der Träume. Vom Traume läßt sich sagen, daß der Stein, den die Bauleute verworfen haben, zum Eckstein geworden ist. Der Traum, dieses flüchtige und unansehnliche Produkt unserer Seele, hat allerdings erst in moderner Zeit eine so gründliche Mißachtung erfahren. Früher war er geschätzt als ein Schicksalskünder, als Warner und Tröster, als ein Bote der Götter. Jetzt benutzen wir ihn als einen Künder des Unbewußten; er muß uns die Geheimnisse verraten, welche dem Bewußtsein verborgen sind, und er tut es auch mit erstaunlicher Vollständigkeit.“ (Fischer Taschenbuch, 1975 S. 22-24)

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Ein Beitrag der neueren Literaturwissenschaft zum Thema:

"Der 'Tractat' unterscheidet im wesentlichen drei verschiedene Menschentypen, die jeweils nach dem Grad ihrer Individuation differenziert sind. Die außerordentliche Kosmologie, die hier entwickelt wird, kann man sich vorstellen durch die Analogie von einer Kugel auf einer Achse, deren Pole die beiden entgegengesetzten Begriffe von Natur und Geist repräsentieren. Der Mittelpunkt der Kugel als die Stelle, die von allen Extremen am weitesten entfernt ist, entspricht dem bürgerlichen Ich; die kosmischen Bereiche außerhalb der Kugel werden von den »tragischen Naturen« oder »Unsterblichen« bewohnt, die den engen bürgerlichen Begriff der Ichbezogenheit überwunden haben und durch ihren Glauben an die grundsätzliche Einheit allen Lebens in das All ausbrechen konnten. Sie sind sich der Tatsache bewußt, daß die höchste Stufe der Existenz im Erkennen und Bejahen aller Erscheinungsformen des Lebens besteht, und diese Haltung fordert ein Hinausgehen über das eigene Ich im bürgerlichen Sinn. Um dieses »Ich« aufrechterhalten zu können, muß der Bürger jedem Impuls, sich in Extreme zu verlieren, widerstehen: er darf nach keinem der beiden Pole hin tendieren- weder Schurke noch Heiliger sein. Zudem nimmt der Bürger einen ganz fest umrissenen Standpunkt gegenüber der Welt ein, um seine Position der Mitte aufrechtzuerhalten, und auf diesen bezogen, müssen gewisse polare Gegenüberstellungen als böse verurteilt werden. Daher muß der Bürger, dessen spezifische Art zu leben äußerster Weltgeordnetheit bedarf, das entgegengesetzte Extrem von Ungeordnetheit oder Chaos verdammen. Die Unsterblichen dagegen anerkennen das Chaos als natürlichen Zustand des Lebens, denn sie bewegen sich in einem Bereich, wo alle Polarität aufgehört hat und jede Manifestation des Lebens als notwendig und gut angenommen wird. In ihren Augen existiert die Polarität von Natur und Geist gar nicht, denn ihre Sicht der Welt ist umfassend genug, all die scheinbar entgegengesetzten Extreme des begrenzten bürgerlichen Blickfeldes zu vereinbaren.
Verkörpern die Unsterblichen und der Bürger die beiden äußersten Pole von Hesses Skala der Individuation, so steht der Steppenwolf auf einer besonders ausgeprägten und ungewöhnlichen Stufe dazwischen:
'Prüfen wir daraufhin die Seele des Steppenwolfes, so stellt er sich dar als ein Mensch, den schon sein hoher Grad von Individuation zum Nichtbürger bestimmt - denn alle hochgetriebene Individuation kehrt sich gegen das Ich und neigt wieder zu dessen Zerstörung.'"
aus Theodore Ziolkowski: Hermann Hesses "Steppenwolf", in Materialien zu Hermann Hesses "Der Steppenwolf", Hrsg. Volker Michels, Frankfurt 1972


Ohne ein bisschen Werbung geht es nicht. Ich bitte um Nachsicht, falls diese nicht immer ganz themengerecht sein sollte.
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