Hermann Hesse   1877 - 1962

Ein Gedicht - zweieinhalb Fassungen

Vergleichen lohnt sich: Welches ist das beste?
KNARREN EINES GEKNICKTEN ASTES

Erste Fassung

Geknickter Ast, an Splittersträngen 
Noch schaukelnd, ohne Laub noch Rinde, 
Ich seh ihn Jahr um Jahr so hängen, 
Sein Knarren klagt bei jedem Winde.

So knarrt und klagt es in den Knochen 
Von Menschen, die zu lang gelebt, 
Man ist geknickt, noch nicht gebrochen, 
Man knarrt, sobald ein Windhauch bebt.

Ich lausche deinem Liede lange, 
Dem fasrig trocknen, alter Ast, 
Verdrossen klingts und etwas bange, 
Was du gleich mir zu knarren hast.

KNARREN EINES GEKNICKTEN ASTES 

Zweite Fassung 

Splittrig geknickter Ast, 
Hangend schon Jahr um Jahr, 
Trocken knarrt er im Winde sein Lied, 
Ohne Laub, ohne Rinde, 
Kahl, fahl, zu langen Lebens, 
Zu langen Sterbens müd. 
Hart klingt, rauh sein Gesang, 
Klingt trotzig, klingt bang 
Noch einen Sommer, noch einen Winter lang. 
            

KNARREN EINES GEKNICKTEN ASTES 

 Dritte Fassung

Splittrig geknickter Ast, 
Hangend schon Jahr um Jahr, 
Trocken knarrt er im Wind sein Lied, 
Ohne Laub, ohne Rinde, 
Kahl, fahl, zu langen Lebens, 
Zu langen Sterbens müd. 
Hart klingt und zäh sein Gesang, 
Klingt trotzig, klingt heimlich bang 
Noch einen Sommer, 
Noch einen Winter lang.
     
aus: Hermann Hesse, Gesamtausgabe Suhrkamp Verlag Frankfurt, Bd. 1 S.154/5

Klaus Dautel


Ohne ein bisschen Werbung geht es nicht. Ich bitte um Nachsicht, falls diese nicht ganz themengerecht sein sollte.
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