Romantik & Lyrik Überlegungen und Arbeitsvorschläge

Die Gedicht(s)interpretation

gehört zu den größten Herausforderungen, denen sich ein Schüler im Gymnasium zu stellen hat. Mit Recht ergeht darum an Deutschlehrer oder Deutschlehrerin die Forderung, wenigstens einmal eine Muster-Interpretation vorzulegen, die plausibel macht, wie es geht und wozu überhaupt. Ich komme hiermit dieser Forderung nach und wähle als Beispiel von

Peter Härtling

Windgedicht

Ein Pubs
ist ein Wind,
mein Kind,
der schwer aus dem Bauche find'
und darum
knallt oder knattert -
was alle andern verdattert.

(aus: Der letzte Elefant, Ravensburg 1991 S.44)

I. Einleitung

Es gibt Dinge im Leben, die uns so nahe sind, wie sonst kaum etwas, und dennoch finden sie in der Literatur keine Erwähnung; es gibt Erfahrungen, die uns im Innersten zutiefst bewegen, aber kein Roman, kein Drama, keine Poesie zeugt davon. Doch es gibt Ausnahmen und um eine solche handelt es sich in Peter Härtlings kleinem Meisterwerk mit dem Titel 'Windgedicht'.

II. Erster Eindruck, Überschrift und Hypothese

Der auf den ersten Blick sehr schlicht anmutende Text mit seinen wenigen Zeilen und einfachen Reimen scheint sich mit einem ausgesprochen windigen Thema zu beschäftigen, für manchen Leser mag es sogar etwas Anrüchiges haben - doch der Schein trügt. Bei näherer Betrachtung erweist sich das Gedicht als ein Text von äußerster Präzision, enormer Klangfülle und dichtem Bedeutungsgehalt.

III. Form und Sprache

Bereits die äußere Gestalt des ‘Windgedichtes’ ist bemerkenswert. Es besteht aus sieben unterschiedlich langen Zeilen, wobei die mittlere eine auffällige Überlänge zeigt und sich unförmig aus dem Textkorpus herauswölbt. Demgegenüber ist die erste Zeile kurz und bündig, was noch durch die Klangqualität des Schlüsselwortes 'Pubs' (Z.1) unterstrichen wird. Zwischen die beiden Explosivlaute p und b drängt sich ein kurzes u, das Wort klingt dann aus in einem Zischlaut, so dass in der Artikulation des Wortes die Sache selbst schon ihre lautliche Entsprechung findet: Ein Knall, ein Ausatmen und ein Nachzischen, welches in das - an dieser Stelle wohlüberlegt gesetzte - Zeilenende hineinverhallt.
In den nun folgenden Kurzzeilen ändert sich die Klangfarbe, der Ton hellt sich auf und der i-Laut dominiert. Diese Entwicklung vom kurzen u zum mehrfach wiederholten i erzeugt im Ohr des Lesers ein akustisches Assoziationsfeld, das mit den Konnotationen des Wortes 'Wind' (Z.2) harmoniert: u-i-i-i. Wer denkt dabei nicht an das Heulen des Windes, wenn er durch eine Röhre, eine Pfeife oder eine andere Verengung sich zwängt.
Diesem Vokalthema folgt in den letzten beiden Zeilen ein anderes in den Worten 'knallt oder knattert' (Z.6). Nicht allein ist die Assonanz auffällig, auch die lautmalerische Wirkung der Konsonanten bleibt nicht aus: Der Leser ist von dieser Häufung der Explosivlaute k und t irritiert, und genau davon ist auch in der letzten Zeile des Gedichtes die Rede: Von der Verdatterung nämlich, jenem Zustand der Verwirrung, welcher den Menschen entweder handlungsunfähig macht oder ungeahnte Energien in ihm freizusetzen vermag.

IV. Inhalt und Intention

So kann ein harmloser 'Pubs' (Z.1), der dem einen wohltuende Erleichterung verschafft, die 'andern' in Extremsituationen stürzen, die deren Handlungsvermögen möglicherweise überfordern. Die Erkenntnis dieser dem 'Pubs' (Z.1) innewohnenden Gefahr für die Umwelt ist es, die das lyrische Ich einem 'Kind' (Z.3) zu vermitteln versucht. Darin liegt die aufklärerische Dimension von Peter Härtlings Gedicht. Sie findet Gestalt in der fiktiven Konstruktion eines kindlichen Gegenübers, das vom lyrischen Ich pädagogisch behutsam, ja fast väterlich, angesprochen wird. Hier erreicht das Gedicht seine erste Bestimmung, weist es doch darauf hin, daß jedes Handeln Folgen hat, für die das Individuum die Verantwortung zu tragen hat, ob es nun will oder nicht. Dadurch rückt der Text in den Horizont der für unser Jahrhundert so existentiell bedeutsamen Verantwortungsethik.
Aber dies ist nicht die einzige Botschaft von Härtlings 'Windgedicht'. Sein Tief-Sinn ist auf einer höheren, metaphysischen Dimension zu sehen, wird doch der Pubs, sein Werden und Wirken, ins Zentrum unseres Daseins gestellt, als ein Gleichnis für alles, was im Verborgenen entsteht, um dann unerwartet und kraftvoll sich Audruck zu verschaffen. So ist es mit allem Großem, es reift in der Stille, verschafft sich endlich Gehör und hinterlässt Irritation.

V. Abschluss und persönliche Wertung

Von all diesem handelt das Gedicht, doch je näher man es besieht, desto klarer wird: Es ist ein poetologisches Gedicht, ein Gedicht über das Dichten; denn wahre Poesie ist sprachlich verdichteter und aufs äußerste konzentrierter Sinn, der sich gegen alle Widerstände und Selbstzweifel des Schaffenden selbst gebiert und immer neue Verdatterungen provoziert: Das Gedicht als Gehirnpubs!


(cc) Klaus Dautel

Ohne ein bisschen Werbung geht es nicht. Ich bitte um Nachsicht, falls diese nicht immer ganz themengerecht sein sollte.
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