Natur & Lyrik Überlegungen und Arbeitsvorschläge

Natur & Lyrik: Wandern, Lustwandeln und Spazierengehen

Einige Fragen als Denkanstöße für diesen Aspekt des Themenbereichs Natur & Lyrik:

Das Wandern - Eine akademische Erfindung

 

 

Das Wanderlied:
Aufbruch, Hoffnung, Heimatlosigkeit

In der ständischen Gesellschaft wurden Wanderlieder traditionell bei den Versammlungen oder Verabschiedungen von Handwerksgesellen gesungen. "Der Geselle bricht in diesen Liedern nicht von zu Hause auf, sondern von einer Station seiner Wanderschaft, wo er überwintert hat, also an den Arbeitsplatz gebunden war." (H. Bosse / H. Neumeyer: "Da blüht der Winter schön". Musensohn und Wanderlied um 1800. Freiburg im Breisgau 1995, S. 10) Der Aufbruch im Frühling bedeutete somit soziale Ungebundenheit und Aussicht auf neue Arbeit.
In der Romantik wird nicht nur das Wandern standesübergreifend, sondern auch das Wanderlied. Auch in den Liedern der "akademisch Gebildeten" bricht der Wanderer üblicherweise im Frühjahr mit positiven Erwartungen auf, z.B. bei J.v.Eichendorff: "Die zwei Gesellen":

    Es zogen zwei rüstge Gesellen 
    zum erstenmal von Haus, 
    so jubelnd recht in die hellen, 
    klingenden, singenden Wellen 
    des vollen Frühlings hinaus. 

    Die strebten nach hohen Dingen, 
    die wollten, trotz Lust und Schmerz, 
    was Rechts in der Welt vollbringen, 
    und wem sie vorübergingen, 
    dem lachten Sinnen und Herz. - 
[...]

In Wilhelm Müllers (1794-1827) Gedicht-Zyklus "Winterreise" ist diese Aufbruchsituation dagegen verkehrt: Schon im ersten Lied des Zyklus' entlässt der Dichter seinen Wanderer in den Winter und damit in eine Zeit der Heimatlosigkeit und Kälte.

Gute Nacht

Fremd bin ich eingezogen,
Fremd zieh ich wieder aus.
Der Mai war mir gewogen
Mit manchem Blumenstrauß.

Das Mädchen sprach von Liebe,
Die Mutter gar von Eh' -
Nun ist die Welt so trübe,
Der Weg gehüllt in Schnee.

Ich kann zu meiner Reisen
Nicht wählen mit der Zeit:
Muß selbst den Weg mir weisen
In dieser Dunkelheit.

Es zieht ein Mondenschatten
Als mein Gefährte mit,
Und auf den weißen Matten
Such ich des Wildes Tritt.
Was soll ich länger weilen,
Daß man mich trieb' hinaus?
Laß irre Hunde heulen
Vor ihres Herren Haus!

Die Liebe liebt das Wandern,
Gott hat sie so gemacht -
Von einem zu dem andern -
Fein Liebchen, gute Nacht!

Will dich im Traum nicht stören,
Wär' schad' um deine Ruh',
Sollst meinen Tritt nicht hören -
Sacht, sacht die Türe zu!

Ich schreibe nur im Gehen
An's Tor dir gute Nacht,
Damit du mögest sehen,
Ich hab' an dich gedacht. 

J.v.Eichendorff: Aus dem Leben eines Taugenichts

Der "Taugenichts" bricht auf in die Welt:

 

 

Und noch einmal J.v. Eichendorff:
Dreifache Sehnsucht! Ein einsames, alterndes Ich hört (oder stellt sich vor), wie zwei nächtlich wandernde Gesellen in ihrem Wanderlied eine andere Welt voll zauberhafter Landschaften entstehen lassen, in denen Mädchen sehnsuchtsvoll am Fenster stehen:

Sehnsucht

Es schienen so golden die Sterne,
Am Fenster ich einsam stand
Und hörte aus weiter Ferne
Ein Posthorn im stillen Land.
Das Herz mir im Leibe entbrennte,
Da hab ich mir heimlich gedacht:
Ach, wer da mitreisen könnte
In der prächtigen Sommernacht!

Zwei junge Gesellen gingen
Vorüber am Bergeshang,
Ich hörte im Wandern sie singen
Die stille Gegend entlang:
Von schwindelnden Felsenschlüften,
Wo die Wälder rauschen so sacht,
Von Quellen, die von den Klüften
Sich stürzen in die Waldesnacht.
Sie sangen von Marmorbildern,
Von Gärten, die überm Gestein
In dämmernden Lauben verwildern,
Palästen im Mondenschein,
Wo die Mädchen am Fenster lauschen,
Wann der Lauten Klang erwacht,
Und die Brunnen verschlafen rauschen
In der prächtigen Sommernacht. -

1834
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Wandern und Naturerleben

Der Wanderer kann Natur in gesteigerter Intensität erleben, sofern er sie nicht als Durchreisender betrachtet, sondern vielmehr ein Teil von ihr wird.

    J.W.Goethe
    
    Wandrers Nachtlied
    
    Über allen Gipfeln 
    Ist Ruh,
    In allen Wipfeln 
    Spürest du
    Kaum einen Hauch;
    Die Vögelein schweigen im Walde.
    Warten nur, balde
    Ruhest du auch.
    
Dämrung senkte sich von oben,
Schon ist alle Nähe fern:
Doch zuerst emporgehoben
Holden Lichts der Abendstern!
Alles schwankt ins Ungewisse,
Nebel schleichen in die Höh;
Schwarzvertiefte Finsternisse
Widerspiegelnd ruht der See.

Nun im östlichen Bereiche
Ahn ich Mondenglanz und -glut;
Schlanker Weiden Haargezweige
Scherzen auf der nächsten Flut.
Durch bewegter Schatten Spiele
Zittert Lunas Zauberschein,
Und durchs Auge schleicht die Kühle
Sänftigend ins Herz hinein.
Mehr zu diesem Gedicht HIER.

 

(cc) Klaus Dautel, 2015

Ohne ein bisschen Werbung geht es nicht. Ich bitte um Nachsicht, falls diese nicht immer ganz themengerecht sein sollte.
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