| Lernforum Deutsch - Bonn Buchbesprechung Juliane
Köster: Bernhard Schlink, Der Vorleser / interpretiert von Juliane
Köster,
Oldenbourg Schulbuchverlag, München 2000 Der
im Jahre 1995 erschienene Roman „Der Vorleser“ von Bernhard Schlink
ist nicht nur ein Welterfolg geworden, sondern er gehört inzwischen zu
den erfolgreichsten Schullektüren für die Oberstufe, wenn der Umgang mit
Deutschlands nationalsozialistischer Vergangenheit zu thematisieren ist.
In der bewährten Interpretationsreihe des Oldenbourg-Verlags ist
aus der Feder von Juliane Köster , Professorin für Fachdidaktik Deutsch
an der Friedrich Schiller-Universität Jena,
eine Unterrichtshilfe erschienen, die sich an Lehrer/innen, Schüler/innen
und Studierende wendet. Das
Bändchen hat einen Umfang von 159 Seiten und besteht aus acht Kapiteln
nebst Anhang mit Anmerkungen
und Zeittafel zu Leben und Werk des Romanautors.
Die ersten drei Kapitel stellen mit einer Erörterung der
historisch-soziologischen Grundlagen, mit der Vorstellung des Romanautors
sowie mit Informationen zur Rezeption des Romans eine gute Einleitung und
Vorbereitung der Romanlektüre dar. In
den folgenden vier Kapiteln folgt eine Analyse, die eine differenzierte
Behandlung im Unterricht nach literaturwissenschaftlichen Grundbegriffen
wie Handlung, Raum, Zeit, Figuren, Themen, Erzählweise sowie Bildern und
Motiven ermöglicht. Das
achte Kapitel knüpft an die einleitend gegebenen
historisch-soziologischen Grundlagen an und stellt die Interpretation in
den Kontext des Auschwitzdiskurses. Es
folgen die eigentlichen Unterrichtshilfen mit der Skizzierung von
Unterrichtssequenzen für insgesamt 15 Schulstunden im Grund- oder
Leistungskurs. Dabei werden
Vorschläge für den Stundenverlauf, für Hausaufgaben und Klausuren
gemacht. Eine Textsammlung im
Materialienteil ermöglicht die Ergänzung der Lektüre zur Erörterung
des Holocaust-Themas. Zu
der Frage, wie der Roman im Kontext des Auschwitzdiskurses seine
Wirksamkeit entfalten könne, vertritt die Autorin folgende
Auffassung: In
Ergänzung zu Habermas` Unterscheidung zwischen dem juristischen Verfahren
der Tribunalisierung einerseits und einer Personalisierung andererseits könne
der Roman als Stimulus wirken, um bewusstseinsverändernde Prozesse der
Selbstverständigung im Rahmen einer ethisch-politischen Aufarbeitung der
Vergangenheit einzuleiten. Nach
ihrer Lesart verknüpft der
Roman den „Blick in die Vergangenheit mit der Ausbildung und
Stabilisierung demokratischen Bewusstseins, insofern es um kollektive
Identität geht.“ (S. 95) Die
Autorin sagt in ihrer Vorbemerkung, dass sie die Entwicklung der Beziehung
zwischen dem Ich Erzähler Michael Berg und der NS-Täterin Hanna Schmitz
als exemplarisch für den Umgang mit Nationalsozialismus und Holocaust in
der Bundesrepublik verstehe. (S. 7)
Ihr Interpretationsansatz sei daher auf sozialgeschichtliche Bezüge
und auf „elementare Bausteine psychoanalytischer Theorie“ angewiesen. Am
Ende ihrer Ausführungen zu historisch-soziologischen Grundlagen des
Romans wird kurz auf die Rezeption der Erinnerungsliteratur eingegangen
und kommentarlos referiert, dass es zwischen deutscher und jüdischer
Rezeption Unterschiede zu geben habe.
Da
der Roman die Differenz der Erinnerungsperspektiven von Opfern und Tätern
aufrechterhalte, biete er „die Möglichkeit zur Konfrontation mit der
Verwicklung in historische Schuld.“ (S. 95)
Die Frage der historischen Schuld
wird in der bereits
erwähnten 25 Seiten umfassenden Skizzierung einer Unterrichtssequenz
aufgenommen. Bei ethisch-politischen Selbstverständigungs- prozessen soll
es auf Schülerseite zu einer „Reduktion der Abwehr" kommen, "die Tätergeschichte
als die eigene Geschichte zu akzeptieren“.
Die
Interpretin möchte die Bereitschaft der Nachgeborenen wecken, „für die
NS-Verbrechen zu haften.“ (S. 111) Der
Rezensent vermisst, dass die Autorin Vorschläge macht, wie angesichts der
immer größeren Ferne der nachwachsenden Generationen zum
nationalsozialistischen Gewaltregime eine spezifisch deutsche
Rezeptionsweise in Richtung auf eine universelle zu erweitern wäre.
Dann böte die Lektüre des Romans durch junge Menschen weltweit
auch einen noch wichtigeren Beitrag zur internationalen Verständigungsarbeit. Das insgesamt sehr gut gelungene Bändchen mit einer Fülle von Anregungen und mit der Vorgabe, die Deutung des Romans von verschiedenen Akzentuierungen her zu leisten, wird den angegebenen Leserkreis nicht enttäuschen, wenngleich einige Begriffe im historisch-soziologischen Teil der Interpretationsbegründung für Schüler und Studierende unverständlich sein dürften, da sie die Kenntnis bestimmter Theorien voraussetzen. Abschließend eine mehr technische Anregung: Interpretationsbändchen dieser Art sollten zumindest im Anmerkungsteil nicht darauf verzichten, auf Quellen im Internet hinzuweisen, etwa in unserem Fall auf die Interpretationsergebnisse von Deutschkursen, z. B. des Leistungskurses von Frau Reichel am Pestalozzi-Gymnasium-Unna: http://home.t-online.de/home/vorleser.pgu/ sowie auf die besonders wertvollen Seiten von Ulrich Goerdten, der an der Freien Universität Berlin Interviews, Kurzbiographien, Schulprojekte, Texte und Rezensionen zum Thema gesammelt hat: http://www.ub.fu-berlin.de/internetquellen/fachinformation/germanistik/autoren/multi_pqrs/schlink.html Günther
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