Hans-H. Fortmann -
Einige Gedanken
zu zwei Reiseberichten aus Plön gegen Ende des 18. Jahrhunderts


Bereits des öfteren sind die Reiseberichte Humboldts (Vgl.: Tagebuch Wilhelm von Humboldts von seiner Reise nach Norddeutschland im Jahr 1796. Hrsg. von Albert Leitzmann. Weimar 1894, S. 80 - 82 (= Quellenschriften zur neueren deutschen Literatur- und Geistesgeschichte III)) und Ewalds aus Plön besprochen bzw. abgedruckt worden
(Vergl. A. Heggen - Zwei Reiseberichte über Plön am Ende des 18. Jahrhunderts, (reiseber.htm) und auch O. Rönnpag (1982 im Jahrbuch für Heimatkunde Herausgegeben von der Arbeitsgemeinschaft für Heimatkunde im Kreis Plön e.V., 1970 ff ).
Die seit den letzten Besprechungen vergangene Zeit und einige strittige sachliche Erwägungen machen meines Erachtens in einigen Aspekten eine Revision erforderlich. Zunächst seien hier aber die entscheidenden Textabschnitte wiedergegeben.

Humboldt berichtet:
Von Eutin bis Plön fährt man durchaus zwischen lachenden Feldern, und angenehmen Gehölzen hin, und an mehreren Steilen hat man schöne Aussichten auf die Seen um Eutin und Plön. Vorzüglich schön ist die, welche man etwa auf der Hälfte des Weges nach dem Plöner See, und auf das Plöner Schloß hat. Von da an fährt man auch meistentheils neben dem See hin. Das Plöner Schloß hat eine überaus schöne Lage. Es ist von beiden Seiten von dem See, der sich durch eine Landenge in den kleinen und den großen teilt, umgeben, und da die Ufer des Sees viele Landengen , kleine Vorgebirge und Erdzungen bilden, auch im See selbst einige Inseln sind, so ist der Anblick überaus wechselnd und mannigfaltig. Das Wasser ist bald durch und durch vom Land durch- und eingeschnitten, bald sieht man eine große und schöne Masse auf eine weite Entfernung hin. - Der Schloßgarten ist eine in den See hinein gehende Erdzunge. Er ist mit großen schönen Buchen bepflanzt, in welchen einzelne Alleen gehauen sind, und der Weg längs den Ufern des Sees ist überaus angenehm....
Kammerherr von Hennings. - Er ist Amtmann in Plön. Wir aßen den Mittag bei ihm. Da er den Morgen Gerichtstag hatte, so sah ich ihn nur sehr wenig. Indes scheint er auch auf keine Weise interessant. Er ist ein großer, steifer und kalter Mann auf den ersten Anblick, und soviel ich schon in der kurzen Zeit hörte, voll von Klagen über unsere Zeit, über den Despotismus unsrer Regierungen u.s.f.. Seine Frau ist aus Kopenhagen und nicht interessant. Beide affektieren, wie es scheint, einen vornehmen und französischen Ton....


Ewald (1747-1822) erzählt in seinen Fantasien auf einer Reise durch Gegenden des Friedens. Hannover 1799:
Es war einer der lieblichsten Morgen, die der Sommer hervorzubringen vermag. Warm und doch erquickend, wie es auf den Schweizergebirgen, oder in der Gegend von Nizza sein soll. Wir waren mit Lebenslust umschlossen. Der Kellersee vor uns, - er lag nicht, er stand nicht, er lebte vor unseren Augen in tausendfacher Beweglichkeit ein glänzendes Leben. Im vollsten Sonnen lichte waren seine lebendigen kleinen Wogen wie mit blitzenden Brillianten besät. Jede Bewegung, jeder Hauch der Lebenslust zeigte ihn im neuen Glanze, und erhöhte seinen Glanz. Bald zeigte sich in der Ferne das Schloß Plön in stiller, lieblicher Majestät, König der Gegend, nicht durch Konvenienz, sondern durch seine innere Natur. Es beherrscht die Gegend, wie der Riese, weil er alles übersieht, und unwillkürlich alle seine Blicke in seinem Kreise, an sich zieht.. Wir bestiegen gleich die oberste Galerie auf dem Schlosse, und welche Welt öffnete sich unserem Auge! Da hört alle Beschreibung auf. Die Augen irren umher, werden fortgerissen von einem Gegenstande zu dem anderen, wieder zu rückgezogen und wieder fortgerissen. Man weiß nicht, was man sieht, weil man zu viel sieht.—
Man kann kein Wort sagen, Wie die volle Flasche nichts ausläßt, - weil sie zu voll ist. Wenn man zu sich selbst kommt, so zählt man nicht weniger als zwölf Seen, so verschieden voneinander in der Form, Ufern und Farbe des Wassers, wie Seen sein können, und doch so zusammenstimmend, der Gegend einen Charakter zu geben, auf Fantasie und Herz einerlei Eindruck zu machen! Ja, wer hat ein Wort dafür! So muß die Erde erschienen sein nach der Sündflut, von Ararat herab, als das neue Leben in der ganzen Pflanzenwelt sich, nach langem Schlafe, mächtig ermunterte, um einzuholen, was versäumt war. Auf einer Seite leuchtet er dem Auge und lächelt dem Herzen entgegen, der große, an manchen Orten unansehnliche, mit mannigfaltigen Ufern, Inseln, Erdzungen verschönerte, und durch sie vor aller Ermüdung bewahrende Plöner See; daß er durch seinen fischreichen Inhalt Tausende nährt, vergißt man über seinem herrlichen Anblick...
Gegen Plön über liegt ein Dörfchen, das, einer Erdzunge gleich, tief in den See hinein geht, und die Sehnsucht, da zu wohnen, mächtig aufregt. Dicht an dem See entdeckt man einen Kirchhof, und bedauert, daß er zum Aufenthalt für Wesen bestimmt ist, die keine Augen mehr haben zum Sehen, und kein Herz zum Fühlen. Wir dachten an so manche Parks und englische Gärten, die nicht besser genossen werden und genossen werden können von Wesen, die "Augen haben zu sehen, und nicht sehen", deren Herz, wie Richter sich ausdrückt, bloß noch eine große Muskel ist, die das Blut fortspritzt.
In dem Plöner See liegt eine Insel, auf der sich ein Lübecker angesiedelt hat. Man bewundert den Glauben, den der Mann an die gleiche Laune des Sees hat. Die lnsel ist so plan, daß er überschwemmt würde, wenn das Wasser einen halben Fuß stiege! Man freut sich der Gleichheit, ich möchte sagen, der leidenschaftslosen Ruhe des See's. Ganz und innig vertraut man sich solchen Wesen an!
Gegenüber dem Plöner See sieht man eine Menge Seen, wunderbar ineinander geschlungen, als wichen sie sich aus und zögen sich an, als wollten sie sich ineinander ergießen und bedächten sich anders. Die Ufer sieht man in allen möglichen Formen und Krümmungen, kahl und bedeckt, auf die mannigfaltigste Art bedeckt; dunkel und hell, grün und gelb, in allen möglichen Abstufungen, so daß man das Auge nicht davon wegbringen kann. Und dazwischen eine unerschöpfliche Mannigfaltigkeit von Baumgruppen und Wäldchen, und Wiesen und Feldern und Häusern, - von Vieh und Menschen. Alles ist angebaut, mit dem besten Erfolg angebaut. Die Vegetation scheint das Wasser verdrängen zu wollen, um sich mehr ausbreiten zu können; das Wasser, großmütig, die Vegetation noch mehr zu beleben. Doch, das ist ein unpassendes Bild! Beide umarmen sich, vereinigen sich, um aus der Gegend alles zu machen, was den Menschen nähren und seinem Herzen wohlmachen kann.
Es schien mir unmöglich auf der Galerie, daß der Genuß an diesem Naturtableau noch erhöht werden könne, und doch ward er's beträchtlich, als ich es aus Hennings Garten übersah, wo man alles eben so gut sehen kann. Von der Galerie herab hatte ich's gesehen, aber doch nicht ganz genossen; das merkte ich erst jetzt. Ich hatte es gemustert, aber nicht dazwischen gelebt.
Mein Auge hatte es angefeuert, meine Fantasie hatte sich entzündet, aber das Herz war leer geblieben. Mir war's, als hätte ich einen Haufen lieblicher Mädchen bei einer Hofgala gesehen. Ich war ein Fürst, der seinen neu angelegten Park in hohen Augenschein zu nehmen geruht; aber kein Mensch, der ein Paradies der Schöpfung genießt. So viel kommt auf den Standpunkt an, von dem man etwas sieht!
Von dem Garten aus hatten wir eine Erdzunge entdeckt, einen Teil des herzoglichen Gartens, die so malerisch und lieblich in den See hineinging, daß wir uns dort den herrlichsten Platz dachten. Ohne Zweifel hatte man dort eine trauliche Erimitage angelegt, in der man so viel sehen, und nicht gesehen, nicht gestört werden konnte; einen Ort zum Hinbrüten und Schwärmen in eine andere Welt, wie ihn mancher Mensch bedarf. Wir eilten nach der Gegend hin, zwar sagte man uns, daß hier nichts zu sehen sei, wer wollte das aber glauben? - War ja an so vielen Orten gepflanzt und gruppiert, wo die Natur nichts getan hatte. Aber als wir dahin kamen, fanden wir - eine gemähte Wiese, Kartoffelfeld, und an dem See - Sumpf. Mögen andere ökonomische Leute dies bewundern, und uns vorrechnen, daß es mehr als Fichten, Akazien und Platanus einbringe, wir gingen unzufrieden weg.
Hennings sprach ich nur kurze Zeit, fand aber an ihm einen sanften, humanen, und durch eine, über sein Gesicht verbreitet stille Schwermut für mich höchst interessanten Mann. Mich dünkt, es ist auch in einem Paradiese "nicht gut, daß der Mensch allein sei". - Seine Gattin ist lieblich, und seine Kinder sind von ausgezeichneter Schönheit; man erwartet aber auch nichts anderes in einer solchen Natur.


In Ewalds Darstellungen ist von dem Ausblick von einer "obersten Galerie" die Rede. Darunter verstand man gegen Ende des 18. Jahrhunderts vornehmlich einen umlaufenden Gang, der auf der Innenhofseite um das Obergeschoß eines drei- oder vierflügeligen Schlosses, Palastes o. ä. geführt ist. Eine andere Nuance des Wortes bezeichnet einen Saal. (Vergl. auch Hermann Paul - Deutsches Wörterbuch, Tübingen 1992 oder auch Adelung, Johann Christoph - Grammatisch-kritisches Wörterbuch der hochdeutschen Mundart : mit beständiger Vergleichung der übrigen Mundarten, besonders aber der Oberdeutschen / von Johann Christoph Adelung. Mit D. W. Soltau's Beyträgen . - Rev. und berichtiget von Franz Xaver Schönberger . - Wien : Hrsg. , 1808, Th. 2, Spalte 396:
"Die Gallerie [...] aus dem Französ. Galerie und Ital. Gallaria, ein langer zierlicher Gang, ingleichen in Pallästen ein Zimmer, welches ungleich länger als breit ist. Die Bilder=Gallerie, Gewehr=Gallerie u. s. f. Auf den Schiffen ist es ein hervor springender Altan am Hintertheile des Schiffes vor der Kammer des Capitäns; in dem Festungsbaue, ein Gang,, welche [sic!] bey der Belagerung einer Festung über den Hauptgraben gemacht wird, damit die Minirer darüber können.")
Da von der "obersten" Galerie gesprochen wird, ist wohl von ähnlichen unteren Galerien auszugehen. Das würde bedeuten, daß nicht ein Ausblick vom Turm gemeint war, sondern aus dem Schloß selbst, bzw. von noch stehenden Teilen des den Schloßhof umgebenden "Altans", wie er auf dem überlieferten Holzschnitt aus der Bäckerlade von 1729 erkennbar ist.
Die Erwähnung des Blicks auf "zwölf Seen" einige Sätze weiter ist vielleicht nicht Wiedergabe eines realen Anblicks. Heute wäre ein solcher Ausblick auf "zwölf" Seen auch von den Türmen aus nur bei großzügiger Zählung möglich. Ewald spricht auch einen Friedhof in der Nähe eines Dorfes an. Damit meint er entgegen Heggen (a.a.O.) eher als den Plöner wohl den Bosauer Friedhof, dessen Lage auch heute noch zum staunenden und sinnenden Aufenthalt einlädt. Aus der Quelle werden auch Gesichtspunkte zur Beurteilung des Amtmanns von Hennings hergeleitet (Heggen a.a.O.). Auch wenn Ewald mit von Hennings nur kurz gesprochen haben will, lobt er ihn doch sehr.
Die unterschiedliche Beurteilung von Hennings durch von Humboldt und Ewald läßt sich aber schon daraus erklären, daß Ewald in Hennings einen Gesinnungsfreund suchen konnte. Er hat in seinen Schriften "Was sollte der Adel jetzt tun ?" von 1793 und "Über Revolutionen, ihre Quellen und Mittel dagegen." (Berlin 1792) teilweise ähnliche Ansichten vertreten, wie Hennings sie in "Vorurtheilsfreie Gedanken über Adelsgeist und Aristokratism" in: "Kleine ökonomische und cameralistische Schriften", (Copenhagen 1772) veröffentlichte.

Aus der Nichterwähnung des Barockgartens bei Ewald leitet Heggen (a.a.O.) die These ab, es habe nie eine großzügige von dem Architekten Tschierske geplante Gartenanlage gegeben.
Dazu dürfen folgende Überlegungen nicht außer Acht bleiben: Die im Landesarchiv Schleswig (Abt. 20 Nr. 1146.1 - 1148) aufbewahrten Kammerrechnungen sind neben Zeichnungen aus den Jahren 1772 und 1783, die wohl als Planungsgrundlage für die damals vielleicht aus ökonomischen Gründen eingerichtete Fruchtbaumschule dienten, ein starkes Indiz für das tatsächliche frühere Vorhandensein des Gartens (Vergleiche: Silke Kuhnig - Der Plöner Schloßgarten im 18. Jahrhundert, in: Jahrbuch für Heimatkunde im Kreis Plön, 23. Jahrgang, 1993, S. 106 - 132, insbesondere S. 114 und 120).
Die These, den Garten habe es nie gegeben, ist danach nicht haltbar, wollte man nicht zu der Konstruktion zum Schein ausgestellter Rechnungen greifen.
Ist schon eine Argumentation aus dem Nichterwähnten heraus in sich zweifelhaft, so muß man auch damit rechnen, daß der gewandelte Zeitgeschmack den regelmäßigen französischen Garten, wäre er denn in Resten, die man in der Raumaufteilung ja sogar heute noch zu bemerken meint, noch vorhanden gewesen, nicht mehr schätzte oder ihn zumindest nicht der Erwähnung oder Rede wert hielt.
Besonders in den Ausführungen Ewalds, aber ansatzweise auch in denen Humboldts, ist der empfindsame Ton, ja gar ein romantisch sentimentales Naturempfinden erkennbar, dem das Ineinander von gestalteten und naturbelassenen Prospekten, wie es den sogenannten englischen Garten kennzeichnet, gewiß angenehmer war. (Vergleiche z. B. das Lob des Wechselnden und Mannigfaltigen bei Humboldt und das Schwärmen und ausdrückliche Erwähnen des englischen Gartenideals bei Ewald).

Abschließend ist zu bemerken, daß der begeisterte Ton und die schwärmerische Darstellung Ewalds wohl eher nahelegen, seine Einlassungen nicht als positivistische Wiedergabe der Topographie Plöns gegen Ende des 18. Jahrhunderts auszuwerten, sondern eher als Darstellung des Empfindens einer schönen Seele.

Die Wendung von den
"Wesen, die "Augen haben zu sehen, und nicht sehen", deren Herz, wie Richter sich ausdrückt, bloß noch eine große Muskel ist, die das Blut fortspritzt",
bezieht sich wohl auf die Bemerkung Jean Paul Friedrich Richters in der Vorrede seines Hesperus (1794; gedruckt 1795):
Dort bringt er zum Ausdruck, er wolle sich "vorn an den Hesperus als Pförtner stellen und vorzüglich Leute mit der größten Unhöflichkeit fortschicken, die nichts taugen - für welche, wie für einen Prosektor, das Herz nichts ist als der dickeste Muskel, und welche Gehirn und Herz und alles Innere, wie Formen der Gipsstatuen ihr eingefülltes Gemengsel von Scherwolle, Heu und Ton, nur darum tragen, um hohl gegossen auszufallen."

Sapienti sat.