August von Hennings -
königlicher dänischer Amtsverwalter in Plön

Einige Beiträge von Hennings in seiner Zeitschrift "Der Genius der Zeit"
Hennings (Biographische Angaben)
Passage aus Goethes "Faust" mit Erwähnung Hennings
Erläuterungen zu dieser Passage.
Der Streit mit Matthias Claudius. "Urians Nachrichten von der neuen Aufklärung"

Hennings: August von, (1746-1826), dänisch-holsteinischer Staatsmann, Bruder von Sophie Reimarus.
Herausgeber der Zeitschrift "Genius der Zeit" (1794-1800) und "Genius des neunzehnten Jahrhunderts" (1800-1802). Darin wurde Goethe und Schiller "Immoralität" vorgeworfen. 1798 und 1799 veröffentlichte er unter dem Titel "Der Musaget. Ein Begleiter des Genius der Zeit" in sechs Heften zeitgenössische Gedichte und Essays, in denen u. a. Dichtungen Goethes herabgesetzt wurden, wie "Hermann und Dorothea" und "Wilhelm Meisters Lehrjahre".

Ausführlichere Bemerkungen zu August von Hennings Ausführlichere Bemerkungen zu August von Hennings
Beurteilung Hennings in zwei Reiseberichten des späten 18. Jahrhunderts Beurteilung Hennings in zwei Reiseberichten des späten 18. Jahrhunderts


Amtmann August von Hennings (Landesbibliothek Kiel)

August von Hennings, Landesbibliothek Kiel

Goethe läßt Hennings in der Blocksberg-Szene im ersten Teil des "Faust" auftreten:


Auf dem Blocksberg

Goethes Faust, Vers 4303-4330

XENIEN.
Als Insekten sind wir da,
Mit kleinen scharfen Scheren,
Satan, unsern Herrn Papa,
Nach Würden zu verehren.

HENNINGS.
Seht, wie sie in gedrängter Schar
Naiv zusammen scherzen!
Am Ende sagen sie noch gar,
Sie hätten gute Herzen.

MUSAGET.
Ich mag in diesem Hexenheer
Mich gar zu gern verlieren;
Denn freilich diese wüßt ich eh'r
Als Musen anzuführen.

CI-DEVANT GENIUS DER ZEIT.
Mit rechten Leuten wird man was.
Komm, fasse meinen Zipfel!
Der Blocksberg, wie der deutsche Parnaß,
Hat gar einen breiten Gipfel.

NEUGIERIGER REISENDER.
Sagt, wie heißt der steife Mann?
Er geht mit stolzen Schritten.
Er schnopert, was er schnopern kann.
"Er spürt nach Jesuiten."

KRANICH.
In dem Klaren mag ich gern
Und auch im Trüben fischen;
Darum seht ihr den frommen Herrn
Sich auch mit Teufeln mischen.

WELTKIND.
Ja, für die Frommen, glaubet mir,
Ist alles ein Vehikel;
Sie bilden auf dem Blocksberg hier
Gar manches Konventikel.



Erläuterungen zu Goethes Faust, Vers 4303-4330:

Xenien: Von griech. xenios, gastlich; xenion, Gastgeschenk. Als Gastgeschenke bezeichneten Schiller und Goethe spottend die Stachelverse, die sie ihren Gegnern widmeten.

Hennings: s. o.

Musaget: Griechisch musagètès, Musenführer, Freund, Gönner der Musen. August von Hennings (1746-1826) veröffentlichte 1798f eine Sammlung von Essays und Gedichten unter dem Titel "Der Musaget, Begleiter des Genius der Zeit" (6 Hefte in zwei Bänden). Der Musenführer gibt zu, eher zum Hexenführer zu taugen.

Ci devant: französisch "früher"

Parnaß: Griechisch Parnasòs; Gebirgskette in Mittelgriechenland; auf dem Gipfel ewiger Schnee; auf ihn türmten der Sage nach die Titanen im Übermut den Pelion und Ossa.
Der Parnaß, ist auch der Plöner Hausberg, eine zwischen Trammer und Schöhsee gelegene Endmoräne gegenüber dem Schloßberg. So ergibt sich eine erneute Spitze gegen die aufklärerischen Intentionen von Hennings.

Breiter Gipfel: Das heißt: So haben auch unbegabte Poeten Platz.

Neugieriger Reisender: Nicolai, Friedrich, geb. in Berlin 18. 3. 1733, gest. ebd. 8. 1. 1811, dt. Schriftsteller und Verleger. Begründer und Hg. der Allg. Dt. Bibliothek (107 Bde., 10 Bde. Register, 1765-1805). Nicolai wird hier als religions- und besonders katholizismusfeindlicher Aufklärer betrachtet.

Kranich: Goethe zu Eckermann (17. 2. 1829): "Lavater (Johann Kaspar Lavater (1741-1801), Pfarrer in Zürich) war ein herzlich guter Mann, allein er war gewaltigen Täuschungen unterworfen, und die ganz strenge Wahrheit war nicht seine Sache; er belog sich und andere [...]. Sein Gang war wie der eines Kranichs, weswegen er auf dem Blocksberg als Kranich vorkommt."
Lavater gilt als Begründer der Physiognomik, einer Verbindung von Charakterlehre mit der äußeren Gestalt. Hauptwerk: Physiognomische Fragmente zur Beförderung der Menschenkenntnis und Menschenliebe (1775-78); auch religiöse Gedichte, Epen, bibl. Dramen.
Basedow, Johannes Bernhard, eigtl. Johann Berend Bassedau, geb. Hamburg 11. 9. 1724, gest. Magdeburg 25. 7. 1790, dt. Pädagoge, Hauptvertreter des Philanthropismus, errichtete 1774 in Dessau eine Erziehungsanstalt, Philanthropin. Seine praxisbezogene Erziehung hatte die Glückseligkeit des einzelnen und dessen Gemeinnützigkeit zum Ziel.

Weltkind: Vielleicht Goethe selbst. Auch er nimmt sich also nicht aus. Blocksberg wie Parnaß werden so zum Bild der gesamten gebildeten Welt.
Mit dem Ausdruck "Weltkind" bezeichnet Goethe vielleicht sich selbst in einer Ergänzung eines auf seiner Rheinreise entstandenen Gedichtes aus dem Jahre 1774 "Zwischen Lavater und Basedow". Nach "Dichtung und Wahrheit" Dritter Teil, Buch 14, hat Goethe die sprichwörtlich gewordenen Verse in Köln in ein Album geschrieben:

"Und, wie nach Emmaus, weiter ging's
Mit Sturm- und Feuerschritten:
Prophete rechts, Prophete links,
Das Weltkind in der Mitten."

"Prophete rechts, Prophete links, das Weltkind in der Mitten" So lauten die Schlußverse von Goethes Gedicht "Diner zu Coblenz" im Sommer 1774, das 1815 erstmals vollständig abgedruckt worden ist. Auf einer Rheinfahrt saß Goethe mit dem Popularphilosophen Johann Bernhard Basedow (1724-1790) und dem Schweizer evangelischen Theologen Johann Kaspar Lavater (1741-1801) beim Essen. Während diese beiden mit ihren Gesprächspartnern eine hochgelehrte Unterhaltung führten, widmete Goethe sich ausschließlich kulinarischen Genüssen. Das Zitat wird heute in der Regel auf jemanden bezogen, der - heiter und in sich ruhend - sich nicht um die Meinungen anderer kümmert, sich nicht von den ihn umgebenden Eiferern, die keinen Blick für das Nützliche oder Angenehme haben, beeinflussen läßt.
Nach: Duden. Zitate und Aussprüche, Mannheim 1994
Die Verknüpfung mit dem Gang nach Emmaus (Vergl. Lukas 24, 13) stellt allerdings auch die Möglichkeit einer besonderen Christologie in den Raum. Bekanntlich erschien Jesus zwei Jüngern auf dem Weg nach Emmaus, die seine Gegenwart zunächst nicht erkannten.
"Weltkind" als Metapher ist dann ein Verweis auf die göttliche Herkunft des Menschen.
Goethe fährt in "Dichtung und Wahrheit" fort: "Glücklicherweise hatte dieses Weltkind auch eine Seite, die nach dem Himmlischen deutete"...
In einem einzigen Wort und seiner Verwendung scheint hier sowohl Theologisches auf, als auch in Analogie dazu eine persönliche Anthropologie, die in eine zwar ironische, jedoch auch spielerisch-poetische Imitatio Christi mündet.
Goethe schmückt (und erhöht ?) sich öfters mit der Verwendung biblischer Wendungen.

Konventikel: Kleinere Versammlung. Goethes "media via" zwischen aufklärerischem einerseits und frömmelndem Denken andererseits -bzw. beider Ablehnung- wird hier sichtbar, indem er auch die "Frommen" sich auf dem Blocksberg einfinden läßt.

Zum interessanten Thema dialektischen Umschlags moralisierenden Denkens ins Negative vergleiche auch:
Th. W. Adorno, M. Horkheimer - Dialektik der Aufklärung. Frankfurt 1969
H. Lübbe - Politischer Moralismus. Der Triumph der Gesinnung über die Urteilskraft. Berlin 1987
Merkur. Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken. Nr. 580, 1996 (=50. Jahrgang, Heft 10)



Der Streit mit Matthias Claudius

Matthias Claudius prangerte gewisse Widersprüchlichkeiten in den Veröffentlichungen der Aufklärer und so auch Hennings' an. Auf die Ankündigung der Zeitschrift "Genius der Zeit" warnt er davor, daß mit dieser Schrift die Autorität des Königs untergraben werden könnte und betont seine Einstellung, daß Gott im Lande gefürchtet und der König geehrt werden müsse. Hennings, der doch selbst Aufgaben der Obrigkeit wahrzunehmen habe und auf das gute Einvernehmen zwischen sich und der Bevölkerung angewiesen sei, gefährde seine eigenen Aufgaben.
Claudius' Spottgedicht auf Hennings "Urians Nachricht von der neuen Aufklärung" ist aus dieser Auseinandersetzung heraus entstanden.
Subjekt des ersten Satzes ist das sogenannte "Licht der Aufklärung".

Urians Nachricht von der neuen Aufklärung

Erst lehrt es Euch die Menschenrechte,
seht, wie es Euch gefällt.
Bis jetzo waren Herr und Knechte.
Von nun an sind nicht Knechte mehr,
sind lauter Herren hin und her. -
Sonst war Verschiedenheit im Schwange,
und Menschen waren klug und dumm.
Es waren kurze, waren lange
und dick und dünne, grad und krumm.
Doch nun, nun sind sie allzumal
schier gleich und glatt wie Plöner Aal!




Matthias Claudius (Zur Biographie) Matthias Claudius (Zur Biographie)
Urians Nachricht von der neuen Aufklärung (Das vollständige Gedicht) Urians Nachricht von der neuen Aufklärung

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