Wilhelm Lehmann -
Fahrt über den Plöner See

Es schieben sich wie Traumkulissen
Bauminseln stets erneut vorbei,
Als ob ein blaues Fest uns rufe,
Die Landschaft eine Bühne sei.

Sich wandelnd mit des Bootes Gleiten
Erfrischt den Blick Laub, Schilf und See:
Hier könnte Händels Oper spielen,
Vielleicht Acis und Galathee.

Die Finger schleifen durch die Wasser,
Ein Gurgeln quillt um Bordes Wand,
Die Ufer ziehn wie Melodieen,
Und meine sucht nach deiner Hand.

Wenn alle nun das Schifflein räumen,
Wir endigen noch nicht das Spiel.
Fährmann, die runde Fahrt noch einmal!
Sie selbst, ihr Ende nicht, das Ziel.

Es schieben sich wie Traumkulissen
Bauminseln stets erneut vorbei,
Als ob ein blaues Fest uns rufe,
Die Landschaft eine Bühne sei.

Sich wandelnd mit des Bootes Gleiten
Erfrischt den Blick Laub, Schilf und See:
Wir dürfen Händels Oper hören,
Man gibt Acis und Galathee.

Wir sehen, was wir hören, fühlen,
Die Ufer sind die Melodien;
Bei ihrem Nahen, ihrem Schwinden,
Wie gern mag uns das Schifflein ziehn!

Dort schwimmt bebuscht die Prinzeninsel,
Hier steigt die Kirche von Bosau -
Wir fahren durch den Schreck der Zeiten,
Beisammen noch, geliebte Frau.

Heißt solcher Übermut vermessen?
Rächt sich am Traum der harte Tag?
Muß seine Eifersucht uns treffen,
Wie den Acis des Riesen Schlag?

Die Götter sind nicht liebeleer -
Was ihr den beiden tatet, tut!
Die Nymphe flüchtete ins Meer,
Acis zerrann zu Bachesflut.



Der Autor
Wilhelm Lehmann ist am 4. 5. 1882 in Puerto Cabello (Venezuela) geboren, als Sohn eines Lübecker Kaufmanns und einer Hamburger Arzttochter. Gestorben ist er am 17. 11. 1968 in Eckernförde.
Lehmann wuchs im damals noch halb ländlichen Wandsbek auf, studierte in Tübingen, Straßburg, Berlin (Begegnung und Freundschaft mit Moritz Heimann und Oskar Loerke, hörte Vorlesungen über Simmels Lebensphilosophie) und Kiel Philosophie, Naturkunde und Sprachen (1905 Promotion) und war nach dem Staatsexamen für das höhere Lehramt Lehrer in Kiel, Neumünster, Wickersdorf, Holzminden. Er wirkte an verschiedenen Landschulheimen als Erzieher (z. B. 1912-17 in Wickersdorf, Auseinandersetzung mit Gustav Wyneken). Als Soldat des ersten Weltkriegs geriet er in englische Kriegsgefangenschaft, er arbeitete dann von 1923 an als Studienrat in Eckernförde, nach 1947 als freier Schriftsteller. Ausgedehnte Reisen nach England, Irland, Italien, Dänemark, Dalmatien. Alfred Döblin erkannte ihm 1923 zusammen mit Musil den Kleistpreis zu. Zahlreiche weitere Preise; Mitglied mehrerer Akademien.
Lehmanns erzählerisches Werk hat deutlich autobiographischen Charakter (wichtig "Weingott" und "Der Provinzlärm", entstanden 1930, Erstausgabe 1953 unter dem Titel: "Ruhm des Daseins"). Szenerie und Personen entstammen dem Kleinstadt- und Schulmilieu seiner Erfahrung. Im Mittelpunkt stehen Menschen, die zwar im äußeren Lebenskampf scheitern, aber die Ruhe ihrer Naturverbundenheit auch auf ihre Umgebung ausstrahlen. Der Tonfall der Prosa ist trotz lyrischer Überhöhung frei von Pathos. Lehmanns linguistische Studien prägten auch seine Poetik und seine erst spät gereifte Lyrik. In der Sprache kommt die Welt zu sich selbst. Die Einfühlung in die Phänomene kulminiert in mythischer Evokation; beschworen werden Gestalten der antiken und keltischen Mythologie, aber auch Figuren aus der Dichtung. Lehmann hielt am Strophengedicht und Reim fest. Seine Gedichte gelangten erst nach dem Zweiten Weltkrieg zur Wirkung und waren von Einfluß auf Günter Eich, Karl Krolow und Elisabeth Langgässer.

Werke:
Lyrik: "Antwort des Schweigens", 1935; "Gedichte", 1936; "Der grüne Gott", 1942; "Entzückter Staub", 1946; "Noch nicht genug", 1950; "Überlebender Tag", 1954; "Meine Gedichtbücher", 1957; "Abschiedslust", 1962; "Gedichte", 1963; "Sichtbare Zeit", Gedichte 1962-66, 1967; "Gedichte", 1968.
Romane: "Michael Lippstock", 1915 (Nachdruck 1979); "Der Bilderstürmer", 1917; "Die Schmetterlingspuppe", 1918; "Weingott", 1921; "Ruhm des Daseins", 1953; "Der Überläufer", 1964 (entstanden 1925-1927, zuerst erschienen in "Gesammelte Werke"). -
Erzählungen: "Vogel-freier Josef", 1922; "Der Sturz auf die Erde", 1923; "Der bedrängte Seraph", 1924; "Die Hochzeit der Aufrührer", 1934; "Verführerin, Trösterin", 1947; "Der stumme Laufjunge", 1956. -
Essays: "Das Präfix uz- im Altenglischen", 1905 (Dissertation, erweitert 1906); "Bewegliche Ordnung", 1947; "Dichterische Grundsituation und notwendige Besonderheit des Gedichts", 1953; "Dichtung als Dasein", 1956; "Erfahrung mit Gedichten" Rede, 1959; "Kunst des Gedichts", 1961; "Dauer des Staunens", 1962; "Das Drinnen im Draußen oder Verteidigung der Poesie", 1968. -
Autobiographisches: "Bukolisches Tagebuch aus den Jahren 1927-1932", 1948, mit bibliographischem Anhang; "Mühe des Anfangs", 1952. -
Übersetzungen: "Rudyard Kipling - Kleine Geschichten aus den Bergen", 1925; "Rudyard Kipling - In Schwarz und Weiß", 1926; "Rudyard Kipling - Drei Soldaten", 1934. -
Herausgebertätigkeit: "MacDonald - Fairy Tales", 1913; "Theodor Storm - Meistererzählungen", 1956; "M. Heimann, Einführung in seine Werke und Auswahl", 1960. -
Sammel- und Werkausgaben:
- "Sämtliche Werke", 3 Bände, 1962.
- "Gesang der Welt", 1981.
- "Gesammelte Werke", 8 Bände, 1982 ff.

Benutzte Sekundärliteratur: Olles, Helmut - Literaturlexikon des 20. Jahrhunderts, Reinbek 1971
Brauneck, Manfred - Autorenlexikon, München 1996

Preisgünstige Ausgabe: Wilhelm Lehmann - "Gedichte", Reclam 8255, Stuttgart 1963



Hans-H. Fortmann
Interpretationsversuch zu Wilhelm Lehmann - Fahrt über den Plöner See (1996)

Mit Dank an den Kollegen Klaus Kahl, ohne den ich dieses Gedicht und manche Gedanken dazu nicht entdeckt hätte.

Das Gedicht ist 1942 in dem Band "Der grüne Gott" erschienen.
Gegen die Geschichtswelt mit ihren Gefährdungen und Zerstörungen setzte Lehmann die Welt der Natur mit ihren verborgenen und doch wirksamen und dauernden Kräften. In seiner Naturlyrik, wie in seiner Prosa, ist der Zusammenklang aller Wesen im natürlichen Ganzen eine Quelle der Kraft gegen die politische und in der gesellschaftlichen Auseinandersetzung erwachsende Bedrohung harmonischer Menschlichkeit. Nördliche, melancholisch gefärbte Abschiedsstimmungen gegenüber der nur selten von bewußtem menschlichem Verständnis und von der Kultur überbrückten Fremdheit der Naturerscheinung werden von der Sehnsucht nach Nähe mit südlichen, antiken Mythen verbunden.
Einsamkeit und Vergänglichkeit stehen neben einer Feier des sinnlich Wahrnehmbaren, des Empfundenen, Gewordenen, Daseienden. Wirklichkeit der Natur neben der Bühne des Traums, der Kultur.
Aus dem Zuspiel von Wort und Natur erwächst eine Zärtlichkeit für die Dinge, die dem vergänglichen Einzelnen die Gewähr bleibender Wiederholung und Sinnhaftigkeit nicht zuletzt auch in dem Gedächtnis und der Erinnerung des stillen Lesers verschafft.

In dem Gedicht "Fahrt über den Plöner See" äußert sich diese Wiederholung mehrfach:
Zunächst wird die Bootsfahrt auf dem Plöner See wiederholt. So wiederholt die fünfte Strophe die erste als Beginn einer Variation mit nicht zuletzt musikalischem Charakter, die den gleitenden aktiven Wandel der Dinge vor dem Betrachter beschreibt. Diese Aktivität wird in Personifikationen belegbar: Bauminseln schieben sich vorbei; Laub, Schilf und See erfrischen den Blick.
Mit dem Vergleich, in dem diese Vorgänge - bei denen sich ja in Wirklichkeit der Betrachter bewegt, ohne es immer zu merken - als ein "blaues Fest" bezeichnet werden und die Landschaft zur "Bühne" wird, können festliche Stimmung, Natur und Kunst zu einem auf die menschliche Existenz bezogenen Gesamtbild werden.
Das Zusammenspiel des Klangs der frühen in Italien entstandenen Serenata "Aci, Galatea e Polifemo" läßt mit den traumhaften optischen Eindrücken eine Einheit der Wahrnehmung und der Natur entstehen; das vorher nur assoziativ Verglichene ("Die Ufer ziehn wie Melodien") verschmilzt: "Die Ufer sind die Melodien".
In der Weigerung, das Schifflein zu verlassen, liegt schließlich angesichts dieser Einheit von Natur und Kultur auch eine Weigerung, die Freuden des Lebens und des Spiels der Kunst aufzugeben. Die Anrufung des "Fährmanns" ruft Gedanken an den mythischen Charon hervor.
Die Variation der wiederholten Fahrt wird in der kulturellen Entsprechung und in deren mythischem Gehalt wiederholt, so daß sich ein gleitendes lebendiges Ganzes ergibt.

Aber nun wandelt sich das Bild entscheidend: Die, abgesehen von dem Titel des Gedichts, erste Erwähnung konkreter geographischer Einzelheiten, nämlich der "Kirche von Bosau" und der "Prinzeninsel" endet für den wissenden Leser in einem Mißklang. Im Zwang des bisher unauffälligen, eher beschwingten Metrums ergibt sich eine Beugung der herkömmlichen ortsüblichen Betonung des Ortes Bosau mit langem "o" zu einer Endbetonung.
Hier tritt der Schrecken in die Idylle von der träumerischen Einheit von Natur und Kultur.
Der "Schreck der Zeiten" (8. Strophe) läßt Gedanken an Ende der Fahrt, den Tod, an unfreiwillige Trennung aufkommen, auch wenn "noch" das Zusammensein des Paares Wirklichkeit ist: "Beisammen noch geliebte Frau".
Läßt die ungewöhnliche Betonung des Wortes "Bosau" bereits Assoziationen entstehen, so mußte Apostrophierung des Schrecks der Zeiten 1942 eindeutig verstanden werden.

Damit man das Ende des Gedichtes verstehen kann, muß kurz der Mythos von Galatheia, Akis und Polyphem erläutert werden.

Galateia ist eine Nereide.
(Die Nereiden wurden als Meer- oder Wassernymphen vorgestellt und kultisch verehrt. Sie waren Töchter des Meergottes Nereus und führten der Vorstellung nach ein heiteres Leben, singend, tanzend und spielerisch.) Sie hatten menschliche Gestalt und trugen lange helle Gewänder oder sie wurden (seit dem 4. Jahrhundert) nackt dargestellt.)
Der Name, ist, wenn überhaupt griechisch , wohl mit "Galene" verwandt, und wurde auf den milchweißen Schaum des Meeres gedeutet (Vergleiche auch Galaxis), auch wurde er auf das milchgebende Vieh bezogen, als dessen Schützerin Galateia am Aetna einen Kult hatte.
Auf Sizilien brachte man sie auch mit dem ungeschlachten Hirten Polyphemos in Verbindung, als dessen Geliebte und Mutter des Gala(te)s; dieser wurde später von Timaios als Eponym der Galater (Gallier) bemüht, während andere ihn von Herakles und einer keltischen Häuptlingstochter abstammen ließen. Das Motiv des ungeschliffenen Liebhabers der zarten, schalkhaften Nereide, die Odysseus ihm ausspannt, benutzte Philoxenos von Kythera in einem als Satire gegen Dionysios von Syrakus gemeinten Dithyrambos. Das Motiv (ohne Odysseus) wurde in der mittleren Komödie mehrfach verwendet und von bekannten hellenistischen Dichtern ebenso brillant variiert wie in der gleichzeitigen Malerei (hellenistische Reliefs und palatinische und pompejanische Wandgemälde). Natürlich fehlt dieses Motiv auch nicht bei Vergil: Eklogen 7,37.9,39; Aen. 9,103. Galateia als Name für geliebte Mädchen: Vergil - Eklogen 1,31.3,64.72. Horaz carmina 3,27,14.
Ovid - Metamorphosen 738ff. steigert die Groteske durch Erfindung eines begünstigten Nebenbuhlers (Akis), der von Polyphemos in rasender Eifersucht mit einem Felsen zerschmettert wird, zur Tragik, - gemildert nur durch die Verwandlung des Toten in einen Fluß.
Bei Properz 3,2,7f erhört Galateia den ungestümen Liebhaber.
(Gekürzt nach: Der Kleine Pauly, München 1975)


Lehmann sieht sich also von einem eifersüchtigen einäugigen Zyklopen Polyphem bedroht, der als "der harte Tag" das Glück eifersüchtig neidet.
Die einzige von den Göttern gewährte Rettung des Glücks ist nur noch in der natürlichen Lösung zu finden: in der Auflösung, der Flucht, dem Zerrinnen in die bewegliche fließende Natur und ihr bleibendes Bild.
Wie etwa auch die Schwentine beständig dem Meer zufließt.

Lehmann gehört damit zu den Dichtern einer inneren Emigration, die in dem Rückzug auf die Natur und in der Beschwörung ihrer Gründe eine letzte Möglichkeit des Einswerdens von Natur und Kultur, von Reflektion und Gemüt sahen.
Das Aufgehen in der Natur und in der diese aufspürenden Kunst des Gedichts macht den Menschen auch einsam, führt ihn zur Bewußtseinsenge:
"Man ist allein mit allem, was man liebt." "Ist nun dieses Alleinsein des einzelnen nichts als ein Mangel, eine Trauer, ein beständiger Gram? Ist es nicht seine Hoffnung, sein bester Besitz, sein Glück? Steht es nicht jedermann herrlich offen?"
(W. L.- Gedichte, Stuttgart 1963, Vom lyrischen Gedicht, S. 64)


Oder hören wir seinen Freund Oskar Loerke in der Widmung seines sechsten Gedichtbandes "Der Silberdistelwald":

"Ich lernte bei Dir das immer geschehende Jüngste Gericht gewahren. Ich lernte bei Dir: Im Dasein des Grünen Gottes (kühler und weniger bestimmt gesagt:der Natur) - in seinem bloßen Dasein als dem währenden Vollzug seiner Gesetze liegt dieses Gericht: das mildeste und härteste, das denkbar ist."

Und er fährt fort:..."durch unser Trauern und Freuen scheint das Endgültige."



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