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2. 4 Humangenetik
Die genetische Forschung beim Menschen muß andere
Methoden anwenden, um Erkenntnisse zu gewinnen, da die direkte Kreuzung
aus ethischen Gründen nicht in Frage kommt.
Weiterhin hat man es beim Menschen mit recht langen Generationszeiten
zu tun.
Deshalb wurden zunächst Erbkrankheiten in Stammbäumen
untersucht. Weiterhin liefert die Zwillingsforschung und die Analyse
von Karyogrammen viele Hinweise.
Außerdem kann man die Vererbung leicht erkennbarer Merkmale
wie Blutgruppen und Pigmentierung gut verfolgen.
Die Tatsache, daß die heutigen Säugetiere samt
dem Menschen nach tausenden von Jahren Evolution stark heterozygot sind
erschwert die Analyse.
Erst die Gentechnik klärte viele Sachverhalte, die
aus besagten Gründen noch im Dunkeln lagen genau auf.
| 2.4.1 Vererbung der Blutgruppen |
Im Kapitel Immunbiologie der Klasse 12
haben wir uns genauer mit Blutgruppen beschäftigt. Von dort wissen
wir, daß es zwar viele verschiedene Blutgruppen, jedoch das ABO-System
einen besondere Rolle spielt.
Bezüglich der Vererbung des ABO-Systems können wir eine
weitere Ausnahme zu den Mendelschen Regeln feststellen: die Kodominanz.
Bei einem Erbgang spricht man von Kodominanz, wenn zwei oder mehr
Allele im Phänotyp gleichzeitig feststellbar sind. Daneben wird von
multipler Allelie (=Polymorphismus)
gesprochen, wenn mehrere Allele einen Phänotyp bestimmen, bzw. an
einem Genort vorhanden sind.
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Das Gen für das Blutgruppensystem ABO liegt auf dem
Chromosom 9 und codiert für eine
Glycosyl-Transferase, die das Oberflächenantigen H (Kohlenhydrat)
der Erythrozyten modifiziert. Es kommt in 3 Allelen vor:
- Blutgruppe A --> das Allel codiert ein Enzym, das
N-Acetylgalactosamin an das Ende von H anhängt.
- Blutgruppe B --> das Allel codiert ein Enzym, das
D-Galactose hinzufügt
- Blutgruppe O --> das Allel codiert ein mutiertes Enzym,
das H nicht modifizieren kann
Genort ABO Blutgruppe Chromosom 9 bei 9q34,1 - q34,2:
Transferase A, alpha 1-3-N-Acetylgalactosaminyltransferase;
Transferase B, alpha 1-3-Galactosyltransferase
Das q bei 9q34,1 bedeutet der
lange Arm des Chromosoms. Ein p würde
auf den kurzen, oberen Arm als Genort hinweisen.
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ABO Genotypen und Phänotypen
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Genotyp
|
Phänotyp
|
Antigene
|
Serum Antikörper
|
|
Menschen
mit der Blutgruppe A besitzen Antikörper gegen B in Ihrem Serum
und umgekehrt.
Phänotyp O hat Antikörper gegen A und B.
AB- Individuen besitzen keine Antikörper.
Ignoriert man die Untergruppen, ergeben sich die links abgebildeten
Phäno-und Genotypen. |
|
AA
|
A
|
A
|
Anti-B
|
|
AO
|
A
|
A
|
Anti-B
|
|
BB
|
B
|
B
|
Anti-A
|
|
BO
|
B
|
B
|
Anti-A
|
|
AB
|
AB
|
A and B
|
keine
|
|
OO
|
O
|
keine
|
Anti-A and Anti-B
|
A und B sind kodominant, O ist rezessiv. Neben der Kodominanz vererben
sich die Blutgruppen nach den Mendelschen Gesetzen.
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|
|
|
|
P
|
AA
|
X
|
OO
|
A
(dominant) x O (rezessiv)
|
|
Gameten
|
Ah
|
|
O
|
|
|
F1
|
AO
|
X
|
AO
|
uniform AO
mit Blutgruppe A (= 1.
Mendelsche Regel)
|
|
Gameten
|
A
und O
|
|
A und O
|
|
|
|
|
F2
|
AA
|
AO
|
AO
|
OO
|
A
: O = 3: 1 (=2. Mendelsche Regel)
|

Von den 6 Genotypen können mit Anti-A und Anti-B nur 4 nachgewiesen
werden.
Die Frequenz der 4 Hauptgruppen variiert in den verschiedenen Populationen
auf der Welt. Nachfolgend sind die relative Häufigkeiten der ABO
Blutgruppen in einigen menschlichen Populationen aufgeführt:
|
Population
|
|
Blutgruppen
|
|
|
|
O
|
A
|
B
|
AB
|
|
Armenier |
|
.289
|
.499
|
.132
|
.080
|
| Bolivianische
Indios |
|
.931
|
.053
|
.016
|
.001
|
| Chinesen |
|
.439
|
.270
|
.233
|
.058
|
| Dänen |
|
.423
|
.434
|
.101
|
.042
|
|
Deutsche |
|
.436
|
.430
|
.097
|
.037
|
| Eskimos |
|
.472
|
.452
|
.059
|
.017
|
| Franzosen |
|
.417
|
.453
|
.091
|
.039
|
| Iren |
|
.542
|
.323
|
.106
|
.029
|
| Nigerianer |
|
.515
|
.214
|
.232
|
.039
|
| Österreicher |
|
.427
|
.391
|
.115
|
.066
|
| U.S.
Weiße (St. Louis) |
|
.453
|
.413
|
.099
|
.035
|
| U.S.
Schwarze (Iowa) |
|
.491
|
.265
|
.201
|
.043
|
| Quelle:
Mourant, Kopec, and Domaniewska-Sobczak, 1976, The Distribution
of the Human Blood Groups, 2nd Ed., London, UK: Oxford University
Press |
 |
Mit Hilfe der Blutgruppen kann z.B. ein Vaterschaftsnachweis durchgeführt
werden.
Hat die Mutter z. B. Blutgruppe B und das Kind O
kann der Vater nicht AB sein.
Da doch einige Ungenauigkeiten in der zweifelsfreien Zuordnung
des Vaters bestehen, wird heute vermehrt die eindeutige DNA-Analyse
herangezogen.
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Eine weitere wichtige Blutgruppe ist der Rhesusfaktor Rh/rh (siehe
hier) auf Chromosom 1, Genort 1p36.2-p34.
Im nachfolgenden Erbgang sind die Kinder aus der Ehe einer Rhesus-positiven
Mutter und eines Rhesus-negativen Mannes alle heterozygot Rhesus-positiv.
Der Rhesusfaktor vererbt sich also dominant/rezessiv nach Mendel.
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|
|
|
|
|
P
|
RhRh
|
X
|
rhrh
|
Rh
(dominant) x rh (rezessiv)
|
|
Gameten
|
Rh
|
|
rh
|
|
|
F1
|
Rhrh
|
|
Rhrh
|
uniform Rhrh
Rhesus-positiv (= 1.
Mendelsche Regel)
|
Weitere Beispiele für Polymorphismus
(= multiple Allelie):
Huntington Krankheit (Veitstanz), Myotonische
Dystrophie, Fragiles X-Syndrom u.a.
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Die defekten Gene, die die oben genannten Krankheiten verursachen,
besitzen alle eine Mutation in Form einer Vervielfachung von Triplett-Sequenzen
(CAG, CTG, CGG).
Es kommen viele Formen der Krankheiten vor, die auf unterschiedlichen
Allelen beruhen, je nach Zahl der Vervielfachung der Tripletts.
(siehe links)
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Die Huntington-Krankheit ist
eine autosomal, dominante Erkrankung mit ca. 6000 Patienten in der
BRD, deren ersten Anzeichen sich meistens zwischen dem 35. und 45.
Lebensjahr zeigen. Dabei tritt ein bis zu 60%er Volumenverlust bestimmter
Gehirnbereiche (u.a. Rinde) ein, die auch für die motorische
Steuerung zuständig sind.
Die Mutation im Gen (Genort 4p16) für das Protein Huntingtin
auf Chromosom 4. verändert sich mit zunehmendem Alter:
die sich wiederholende Triplettanzahl - CAG (Cytosin, Adenin, Guanin)
steigt.
Auf diesem Chromosom befindet sich (4q21) ebenfalls
der Gendefekt für Parkinson.
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Links ist ein Erbgang in einer Familie mit der Huntington Krankheit
zu sehen. (autosomal, dominant).
Nachdem das das Gen bekannt war, konnte man mit Hilfe von Primern
vor und nach dem Allel durch die Polymerase-Ketten-Reaktion die
Anzahl der Triplettwiederholungen in den verschiedenen Allelen bestimmen.
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