|
2. 4 Humangenetik
Polyphänie =Pleiotropie
Unter Polyphänie oder Pleiotropie
versteht man die Tatsache, daß ein Gen für viele Phänotypen
(Merkmale) zuständig ist. Beispiele sind u.a.:
Marfan-Syndrom, Myotonische Dystrophie, Sichelzellanämie,
Brustkrebs, Phenylketonurie, Albinismus u.a.
| Marfan Syndrom |
Das Marfan Syndrom
ist eine seltene Erbkrankheit, die das Bindegewebe betrifft und in
der Bevölkerung ca. 1: 6 000 auftritt. Sie wurde 1896 durch den
französischen Kinderarzt Antoni Bernad Jean Marfan entdeckt.
Beim Marfan Syndrom ist das Bindegewebe des Betroffenen defekt
und kann seine Aufgaben nicht wahrnehmen. Hauptaufgabe des Bindegewebes
ist es, den Körper zusammenzuhalten und ein Netzwerk für
Wachstum und Entwicklung bereitzustellen.
Da der gesamte Körper Bindegewebe enthält, betrifft das
Marfan Syndrom viele Eigenschaften des Körpers wie Skelett,
Augen, Herz und Blutgefäße, Nervensystem, Haut und Lungen.
|
 |
 |
Symptome der Krankheit sind
exzessive Körpergröße, überlange Arme und Beine
mit langen, schlanken Fingern und Zehen, Kurzsichtigkeit, gekrümmte
Wirbelsäule und z.B. Herzprobleme.
Die Ursache liegt in einer Mutation im Fibrillin-1 Gen (FBN1)
auf Chromosom 15, Genort 15q21.1. Die Krankheit wird also autosomal
dominant vererbt. Fibrillin ist ein großes Glycoprotein
des Bindegewebes und bildet zusammen mit Elastin Mikrofibrillen
z. B. in der Haut, in Blutgefäßen, Knorpel und Zonulafasern
des Auges.
Links der Genort des Marfan Syndroms
auf Chromosom 15 und das Bild eines Jungen mit Marfan Syndrom.
|
Nun sollen noch kurz einige weitere polyphän vererbte Krankheiten
angesprochen werden.
| Albinismus |
| Gene, die an Albinismus beteiligt sind
|
| GEN |
GENORT |
| Tyrosinase |
Chromosom 11 |
| P |
Chromosom 15 |
| Dopachrom Tautomerase (TRP2) |
Chromosom 13 |
| DHICA Oxidase (TRP1) |
Chromosom 9 |
| Hermansky-Pudlak Syndrom (HPS) |
Chromosom 10 |
| Ocula-Albinismus (OA1) |
Chromosom X |
|
Menschen mit Albinismus
besitzen wenig oder keinen Farbstoff in den Augen, der Haut und
den Haaren. Sie haben ein oder mehrere defekte Gene geerbt, die
für die Produktion des Pigments Melanin
zuständig sind.
Neben der Pigmentierung treten fast immer Störungen der Sehfähigkeit
auf. Die Krankheit tritt 1: 17 000 auf.

(Klicken Sie auf den Button
oben und rechts für Albinismus bei Tieren)
|
 |
|
 |
Melanin dient hauptsächlich dazu, den Organismus vor UV Licht
zu schützen.
Es wird in den Melanozyten
gebildet, die in der Haut, den Haarfollikeln, der Iris und der Retina
der Augen vorkommen. Ein Defekt in der Melaninbildung wirkt sich
deshalb polyphän aus.
Man unterscheidet die beim Menschen seltenere völlige Pigmentlosigkeit
(totaler Albinismus)
mit im allgemeinen rezessiven Erbgang vom partiellen
Pigmentmangel (partieller Albinismus), bei dem nur
bestimmte Körperstellen ohne Pigment sind, wodurch es oft zu einer
Weißscheckung der Haut kommt. Der Erbgang
ist hier im allgemeinen dominant. (= OCA, Okulocutaner
Albinismus)
Ist nur die Iris des menschlichen Auges betroffen, liegt vermutlich
ein rezessiv-X-chromosomaler Erbgang vor (= OA, Okular Albinismus,
selten ). Die rötliche Farbe der sehr lichtempfindlichen
Augen bei totalem Albinismus kommt von den durchscheinenden Blutgefäßen.
Insgesamt sind an den verschiedenen Albinismusformen mehrere Gene
beteiligt, deren Genorte oben links aufgeführt sind.
|
| Das wichtigste Enzym in der
Melaninproduktion ist die Tyrosinase
(siehe Melanin-Stoffwechsel oben). Es katalysiert die Bildung von
Dopa aus der Aminosäure Tyrosin. Das entsprechende Gen liegt
auf Chomosom 11 am Genort 11q14-q21. Ein Defekt in diesem Gen führt
zu einer bekannten Form von Albinismus. |
| Sichelzellanämie |
 |

|
|
Die Sichelzellanämie ist eine autosomal rezessive Erbkrankheit,
bei der die Betakette des Hämoglobins in Position 6 verändert
ist. Ursache ist eine Punktmutation im entsprechenden Gen auf Chromosom
11, Genort11p15.5. (siehe oben)
Dies führt zu sichzellförmigen Erythrozyten und weiter
Verstopfung der Blutgefäße, Anämie, Gehirndefekte,
Milzdefekte, Schmerzen, Fieber usw.
(siehe auch Kapitel Mutation)
Der Erbgang oben rechts zeigt, daß die Wahrscheinlichkeit
eines Ehepaars, die beide heterozygot krank sind ein gesundes Kind
zu bekommen, 25% beträgt.
|
| Analyse und Aufstellen
von Stammbäumen Teil II |
 |
Autosomale Vererbung
Unten ist ein Stammbaum mit einer autosomal dominanten Krankheit
zu sehen. Merkmale und Krankheiten, die derart vererbt werden sind:
- Haare auf den mittleren Fingergliedern,
- Blutgruppenmerkmale : A, B im ABO-System, M, N, Rhesus positiv,
- Brachydaktylie (Kurzfingrigkeit),
- Achondroplasie,
- Apert-Syndrom,
|
|
Die autosomal dominante Vererbung ist leicht
erkennbar, da nur ein mutiertes Allel notwendig ist, um den
Phänotyp zu erzeugen. Fast immer sind die Merkmalsträger heterozygot,
da:
- Die Krankheit sehr selten ist (z. B. 1:10 000). Für Homozygotie
müssen zwei Heterozygote zusammenkommen was relativ unwahrscheinlich
ist (1: 1000 000)
- In den sehr seltenen Fällen, wenn Homozygotie auftritt sind
die Betroffenen fast immer so schwer krank, daß sie frühzeitig
sterben. (Ausnahme: Huntingtonsche Krankheit).
- Weiterhin ist Inzucht heute selten.
 |
Wir wollen das kranke Allel mit A
und das gesunde mit a bezeichnen.
Alle Merkmalsträger haben dann den Genotyp Aa.
Für diese Form des Erbgangs treffen die unten genannten Kriterien
zu:
|
Unter der Voraussetzung daß die Betroffenen meist heterozygot sind
und die Ehepartner meist homozygot gesund sind, kann man
4
Kriterien für eine autosomal
dominante Vererbung aufstellen:
- Mit Ausnahme von Mutationen, die sehr selten sind und dem Sonderfall
der unvollständigen Penetranz gilt:
jeder Kranke hat einen kranken Elter. Die Krankheit tritt in jeder
Generation auf.
- Frauen und Männer sind gleich von der
Krankheit betroffen. Das Risiko für ein Kind mit einem kranken
Elter die Krankheit zu bekommen ist 1/2.
- Gesunde Kinder kranker Eltern vererben das
Merkmal nicht Ihren Nachkommen.
- Das defekte Genprodukt ist meist ein Strukturprotein
und kein Enzym. Strukturproteine sind meist dann defekt,
wenn eines der Allelprodukte nicht funktioniert. Enzyme benötigen
fast immer zwei defekte Allelprodukte, um einen kranken Phänotypen
hervorzurufen.
Erschwerend für die Analyse können sein: Kodominanz, Penetranzschwankung,
Expressivitätsschwankung, Pleiotropie, Letalfaktor.
|