Genomische Prägung und Klonen

Normalerweise nimmt man an, dass die Gene der Mutter und des Vaters die gleiche Wirkung haben. Oder anders ausgedrückt geht man in der Regel davon aus, dass beide Allele, die immer zu einem Gen gehören, und von denen eines vom Vater und das andere von der Mutter stammt, die gleiche Wirkung haben. Es gibt aber eine Reihe von Fällen auf die das nicht zutrifft. Das liegt dann in der Regel daran, dass entweder das Gen des Vaters oder das der Mutter abgeschaltet ist, d.h. dass nur eines der beiden aktiv ist.
Für das Wachstum des Embryos sind neben dem Wachstumshormon die Faktoren IGF1 und IGF2 von Bedeutung (insulin-like-growth-factor). Beide Faktoren binden an den Insulin-Rezeptor (IR). Zusätzlich gibt es für für beide Faktoren noch Rezeptoren, an die nur sie binden. Der Rezeptor IGF2r hat die Funktion IGF2 aus dem Blut zu entfernen. Nach seiner Bindung wird er in ein Lysosom transportiert um dort abgebaut zu werden.
Um die Auswirkung dieser beiden Faktoren zu prüfen wurden Knock-out-Mäuse hergestellt. Knock-out-Mäuse von IGF1 wiesen eine deutlich verminderte Wachstumsrate auf und 6 Wochen nach der Geburt wogen sie nur 30% von dem wieviel normale Mäuse wiegen. Knock-out-Mäuse des entsprechenden Rezeptorgens IGF1r erreichten ebenfalls nur das halbe Gewicht von normalen Mäusen und wiesen darüber hinaus Schäden an der Haut und den Knochen auf. Das Gen weist einen Mendelschen Erbgang auf.
Beispiel 1: Die Untersuchung des Igf2-Gens zeigte dagegen ein überraschendes Ergebnis. Während homozygot geschädigte Tiere nur 60% des Geburtsgewichtes von normalen Tieren erreichten, zeigte sich bei heterozygoten Tieren, dass sie genauso stark geschädigt waren wie die homozygoten Tiere, wenn das Gen vom Vater kam, dagegen normal waren, wenn es von der Mutter kam. Das läßt den Schluss zu, dass das mütterliche Gen inaktiviert wurde und dass es sich beim Igf2-Gen um einen monoallelischen Erbgang handelt, d.h. dass in jedem Fall nur das väterliche Gen aktiv ist.
Solche Inaktivierungen werden durch epigenetische Mechanismen erreicht. Epigenetisch heißt, dass nachträglich die genetischen Eigenschaften verändert werden. Solche epigenetischen Mechanismen gibt es nur bei Säugetieren und sie sind in deren Entwicklung wichtig. Es wird entweder das maternale oder das paternale Allel inaktiviert oder umgekehrt. Das geschieht dadurch, dass bestimmte Reginonen des Genoms methyliert werden. Eine Methylierung eines Gens kann dessen Inaktivierung oder dessen Aktivierung bewirken. Wenn ein Gen in einem bestimmten Zelltyp inaktiviert wurde, so wird dieses Methylierungsmuster bei einer Zellteilung dieser Zelle weiter gegeben.
Das bedeutet, dass die beiden Chromosomensätze (ein mütterlicher und ein väterlicher) in jeder Körperzelle ein unterschiedliches Methylierungsmuster aufweisen. Für das Zustandekommen dieser Muster hat sich folgendes herausgestellt:
In den Mutterzellen der Keimzellen also in den Oogonien und Spermatogonien wird die Methylierung vollständig aufgehoben. Dadurch wird erreicht, dass auch die mütterlichen Blockierungen aufgehoben werden. Im Verlaufe der Keimzellenbildung wird dann die Prägung erneut vorgenommen, d.h. die Chromosomen der Ei- und Samenzellen werden im Laufe ihrer Entstehung neu geprägt, wodurch also die neu zusammen geführten Chromosomensätze in der Zygote nach der Befruchtung entsprechend geprägt ist. Diese Erscheinung wird als genomische Prägung bezeichnet.
Eine genauere Untersuchung des Igf2-Gens zeigte Folgendes:
Das Igf2-Gen wurde in der Nähe von anderen genomisch geprägten Genen gefunden. Bei der Maus ist das die distale Region von Chromosom 7. Hier liegen folgende genomisch geprägten Gene: Mash2 (mütterlich), das in der Placenta aktiv ist, Insulin-2 (väterlich), das nur im Dottersack aktiv ist, aber nicht im Pancreas, Igf2 (väterlich), wie oben erwähnt, H19 (mütterlich), das nur für eine nicht translatierbare RNA codiert. Ein ähnlicher Gencluster findet sich beim Menschen auf Chromosom 11.
Die neuesten Ergebnisse sprechen für eine enge Kopplung der Gene H19 und Igf2. Sie liegen nur 90 kb voneinander entfernt. Ein Modell der Wirkungsweise zeigt die Abb.1.

Abb. 1 Genomische Prägung von H19 und Igf2-Gen

Methylierung and Expression von Igf2 und H19 Gene in somatischen und Keimzellen.
Chromosomen (grau), maternales (M) oder paternales (P) Chromosom.
Allele: Igf2 und H19, Position wie angezeigt (oben) für das Chromosom des  Eis und des Spermiums.
Allelaktivität: aktiv (), inaktiv ().
ICR Methylierungen: methyliert (), nicht-methyliert (), teilweise methyliert ().
H19 Promotermethylierung: methyliert (), nicht-methyliert (), teilweise methyliert ().
ICR = imprinting control region.

Beispiel 2:Bei dem Gen Igf-2r (Insulin-like-groth-factor-receptor) ist es genau umgekehrt. Das mütterliche Gen ist aktiv und das, das vom Vater stammt, inaktiv. Das Protein das von ihm gebildet wird, ist ein Rezeptorprotein, das den Igf-2-Faktor bindet, wodurch ein Überschuss dieses Proteins abgebaut wird (das Protein wird in Lysosomen geschleust). Ist das mütterliche Gen also defekt, kann es zu einer zu hohen Konzentration von Igf-2 kommen, wodurch der Embryo übermäßig wächst. Stammt dagegen das defekte Gen vom Vater, so ist der Nachkomme ganz normal, weil dessen Gen ja sowieso inaktiviert wurde. In ersterem Fall ist die Maus normalerweise um 30% zu groß und stirbt während der Schwangerschaft.

Nun die Verbindung zum Klonen. Man hat festgestellt, dass geklonte Tiere zu groß sind und an Fehlbildungen des Gefäßsystems und des Kreislaufs leiden. Das hat die Vermutung hervorgerufen, dass vielleicht durch das Klonen die richtige genomischePrägung verloren geht. Humphrey untersuchte bei Mäusen, ob das Igf-2-Gen bei klonierten Tieren überexprimiert wird. Er konnte das dann tatsächlich bestätigen. Daraus geht auch hervor, dass die Arbeit mit embryonalen Stammzellen zu überraschenden Ergebnissen führen kann, weil die genomische Prägung in ihnen nicht korrekt vorgenommen ist. Adulte Stammzellen sind für den entsprechenden Zelltyp natürlich korrekt methyliert.

Quellen:
Gilbert, S.F. Developmental Biology, Sinauer, 2000, S. 126
Skipper, M. Not all Dollys are the same, Nature Reviews Genetics, 2001, Vol.2, S. 568
Humpherys, D. et al. Epigenetic Instability in ES cells and cloned mice, Science, 2001, 293, S. 95

Mario Hupfeld ,78464 Konstanz, Mario.Hupfeld@uni-konstanz.de
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