Arbeit und Freizeit

Evangelische Religionslehre an Beruflichen Schulen

 

Der Bayerische Lehrplan für evangelische Religionslehre an Berufsschulen und Berufsfachschulen bietet zu jedem Themenbereich drei unterschiedliche Hilfen für die Unterrichtspraxis an:

Die untenstehende Gliederung findet sich bei allen 18 Themenbereichen

1. Inhaltliche Überlegungen (   A Gesellschaftlicher Kontext und 
                                                 B Religionspädagogische Erschließung)
2. Methodische Vorschläge   (  C Unterrichtsbausteine)
3. Querverweise                    (  D Medien- und Literaturhinweise)

A Gesellschaftlicher Kontext

Die Verlagerung der Hauptachse des Welthandels vom atlantischen in den pazifischen Raum, die Umstrukturierung der Wirtschaft hin zur Dienstleistungsgesellschaft und die Lasten der deutschen und europäischen Einigung bedingen eine tiefgreifende Veränderung der Qualität und Quantität von Arbeit und Freizeit.

In unserer hochindustrialisierten Gesellschaft mit struktureller Arbeitslosigkeit sinkt zum einen das Angebot an Lehrstellen, zum anderen die Chance, nach beendigter Lehre einen Arbeitsplatz zu finden (Diese Chancenlosigkeit betrifft ganze Klassen; vgl. auch Thema 12.1 "Erwartungen an die eigene Zukunft"). Die Ausbildung in einem Lehrberuf bietet heute auch längerfristig keine Gewähr, in diesem Beruf lebenslang tätig zu sein.

Für viele Schülerinnen und Schüler bedeutet dies, bei der Berufswahl von ihren Wunsch- und Traumvorstellungen weit abrücken zu müssen, obwohl Beruf und Arbeit nach wie vor als erstrebenswertes Ziel und Sinnfaktor im Leben gelten. Arbeit ist der Ort der meisten Sozialkontakte des arbeitenden Menschen und daher von entscheidender Bedeutung für die soziale Entwicklung der Jugendlichen.

Sowohl von der subjektiven Sinnhaftigkeit der Arbeit als auch von der Arbeitsplatzsicherheit her unterscheidet sich die Lage der Schülerinnen und Schüler von der ihres Lehrers bzw. ihrer Lehrerin.

Der Freizeitzuwachs (Freizeitgesellschaft) erfordert sinnvolle Gestaltungsmöglichkeiten über die kommerziellen Angebote an die Zielgruppe jugendlicher Konsumenten hinaus. Das Auseinanderdriften von Arbeitswelt und Freizeit wirft für die individuelle Lebenszeit des Menschen neue Fragen auf, denn er scheint in verschiedenen Welten bzw. Zeiten zu leben.

B Religionspädagogische Erschließung

Zu den Grunderfahrungen im Leben gehört die durch Arbeit vermittelte Lebensgemeinschaft (1. Mose 2,15; 3,19). Arbeit meint dabei nicht nur die Erwerbsarbeit, sondern ebenso Arbeit im Haushalt und soziale Arbeit am Nächsten. Die soziale Dimension der Arbeit sollte Vorrang vor den Eigeninteressen haben- sowohl einzelner als auch von Teilen der Weltbevölkerung. Die Teilhabe an Arbeit ist ein unmittelbares Menschenrecht.

Arbeit ist als Beruf die Verantwortung für die eigene, individuelle Mitwirkung an der Gestaltung einer sozialen Lebensgemeinschaft. Die Humanisierung der Arbeitswelt hat ihr Ziel darin, den Menschen als Subjekt im Verhältnis zur Arbeit ernstzunehmen, etwa im Verhältnis Mensch - Maschine.

Bereits im Judentum gehörte zur Arbeit auch die Arbeitsruhe am Sabbat, nicht zu verwechseln mit der durch die Produktivität von Arbeit ermöglichten Freizeit, sondern als eigenständiges, positives Gebot.

Für die didaktische Erschließung dieses Themenbereichs ist die spezifische Arbeitssituation der Schülerinnen und Schüler maßgeblich, ihre spezifischen Merkmale, Anforderungsprofile und ihr Prestigewert. Manche Ausbildungszweige (z.B. Schreiner) ermöglichen betriebliche Arbeitserfahrungen erst im 2. Lehrjahr.

Durch die Überschneidungen mit dem Sozialkundelehrplan bietet sich hier fächerübergreifende Zusammenarbeit an.

C Unterrichtsbausteine

 

Arbeit hat viele Gesichter

Intention: Sich auseinandersetzen mit Berufsmerkmalen und eigenen Erwartungen

Mit Hilfe von Bildern aus dem Arbeitsleben (berufsspezifische und andere, die man aus Prospekten für Berufskleidung oder Broschüren über Arbeitssicherheit bekommen kann) werden die Jugendlichen angeregt, sich in Kleingruppen zu überlegen: "Warum ich (nicht) mit dem Menschen auf dem Bild tauschen möchte" So lassen sich Merkmale und Kriterien für verschiedene Berufe erarbeiten und die eigenen Erwartungen an den Beruf abklären.

Ein anderer Zugang könnte das Sammeln von Arbeitsgeräuschen sein, die entweder von den Jugendlichen oder von der Lehrkraft auf Tonband aufgenommen werden, z.B. von einer Tiefbauramme, mit der Stahlstützen eingerammt werden, Computergeräusche, Autolärm, Schreibmaschinengeklapper, eine Säge, Haarschneiden und Haarsprayen oder Küchengeräusche.

Die Schülerinnen und Schüler notieren, was sie gehört haben und überlegen, zu welchen Berufen die Geräusche gehören. Dann ordnen sie den Inhalten Empfindungen zu und beschreiben die Belastungen, die der jeweilige Beruf mit sich bringt.

Man kann Berufe auch pantomimisch oder durch Sketche und Rollenspiele darstellen lassen.

 

Da mach ich nicht mit!

Intention: Nachdenken über berufliche Anforderungen und Eigenverantwortung

Im Buch Freiräume S.102 wird eine berufliche Dilemmasituation geschildert (von Bert S., der belastende Informationen über die Firma, in der er arbeitet, erhält), die sich als Rollenspiel umsetzen läßt. Die Schülerinnen und Schüler werden ermuntert, verschiedene Varianten durchzuspielen. Anschließend tauschen sie sich über ihre Empfindungen beim Spielen und Miterleben aus und diskutieren die entscheidungsleitenden Motive.

Die Schülerinnen und Schüler können hier eigene Erfahrungen einbringen. (Beispiele: Wenn sich der Chef am Telefon verleugnen läßt. Wenn ein Lehrling gebrauchte Teile einbauen soll, die als neue verrechnet werden. Wenn in einer Metzgerei aufgetautes Fleisch als frisches verkauft wird.)

 

Wenn der Fernseher kaputt ist

Intention: Phantasie entwickeln für eine aktive Freizeitgestaltung

Ein Gedicht Mirjam Fances (aus: R. Wunderlich, Umgang mit der Zeit, Gymnasialpäd. Materialstelle) schildert, welche Folgen es für die Familie hat, "Wenn der Fernseher kaputt ist" -so der Titel. Die so vorgegebene Situation läßt sich gut nachspielen. Es sollen verschiedene Möglichkeiten, was man denn nun mit der gewonnenen Zeit anfängt, spielerisch ausprobiert oder diskutiert werden.

Der Artikel von Karsten Plog über die Studie "Freizeit 2001" aus der Frankfurter Rundschau vom 14.1.1992 (abgedruckt in Freiräume S.165) bietet mit seinen pessimistischenen Prognosen über zukünftigen Freizeitstreß eine gute Diskussionsgrundlage.

 

Die gute alte Zeit

Intention: Veränderungen der Arbeitswelt nachempfinden

Anhand von historischen, wenn möglich ortsbezogenen Quellen wie Arbeitsordnungen, Verträgen, Dokumenten der Firmen- und Gewerkschaftsgeschichte (evtl. auch Kinderarbeit in Märchen wie Aschenputtel, Hänsel und Gretel, Frau Holle) kann die Arbeitssituation Gleichaltriger in früheren Zeiten rekonstruiert und nachempfunden werden. Der Akzent liegt auf der Gefühlsebene. Die Empfindungen lassen sich auch in alten Arbeiterliedern entdecken, z.B. Lee Dorsey, Working in a coal mine ("Achtet auf den Rhythmus, die Stimmlage." "Was drückt das alles aus?").

Die Schülerinnen und Schüler werden angeregt zu Interviews über das Arbeitsleben mit verschiedenen Altersstufen und Berufsgruppen, nicht zuletzt in der eigenen Familie, deren Geschichte ja oft unbewußt und unreflektiert bleibt. Wie hat sich die Arbeitssituation im Lauf der Generationen verändert? Wie haben sich Berufe geändert, wie der Tagesablauf von Berufstätigen? Zeigen sich Unterschiede von Männer- und Frauenberufen? Welche Ursachen für die Veränderungen gibt es?

Ob es wirklich die gute, alte Zeit war, kann diskutiert werden unter dem Aspekt, wo man tauschen möchte mit früher und wo nicht. In Kooperation mit der Lehrkraft für Sozialkunde können die rechtlichen Regelungen behandelt werden.

 

Märchenhafte Fähigkeiten

Intention: Eigene berufliche Qualitäten entdecken und einschätzen können

Die Lehrkraft liest das Grimmsche Märchen "Sechse kommen durch die ganze Welt" vor. Die Schülerinnen und Schüler sollen zu der Einsicht gelangen, daß die märchenhaften Fähigkeiten, die übrigens nur sporadisch beansprucht werden, nur in solidarischer Koordination zum "happy end" führen. (Das Märchen von den drei Sprachen ist ebenfalls geeignet, hat aber einen anderen Skopus.) Jeder hat ein Talent. Ausgehend von den Berufen in den Familien der Schülerinnen und Schüler kann man gemeinsam überlegen, z.B. für einen Hausbau, die Einrichtung einer Wohnung oder ähnliche Projekte: "Was können wir in unserer Familie selber machen? Was können meine Verwandten, Nachbarn, Freunde besonders gut? Was kann ich selber gut?" Im Gespräch läßt sich erörtern, welche persönlichen Talente besonders im Berufsalltag der Schülerinnen und Schüler gefordert werden.

(Evtl. aus Religion in Arbeit und Beruf S. 22: in den Umriß einer Figur die Begabungen und Fähigkeiten eintragen).

Das Gleichnis von den anvertrauten Pfunden (Luk.19) wird als Ermutigungsgeschichte von hier aus verständlich.

 

Eine Lebenswert-Liste erstellen

Intention: Ideen finden zur Freizeitgestaltung

Als Einstieg kann der Zeichentrickfilmklassiker "Ein Leben in der Schachtel" dienen, der die Enge des Daseins in einer modernen Arbeitsgesellschaft zeigt. Im Grau des Alltags taucht immer wieder eine farbige Welt auf. Die Schülerinnen und Schüler überlegen, bei welchen Gelegenheiten Farbe ins Leben kommt und ergänzen die Filmsituationen mit eigenen Beispielen. Sie erstellen zunächst in Einzelarbeit (evtl. auch noch in Kleingruppen) eine Lebenswert-Liste mit mindestens drei Punkten und begründen im anschließenden Gespräch ihre Auswahl. (Anregungen dazu finden sich in "Jetzt. Das Jugendmagazin der Süddeutschen Zeitung." Montagsbeilage.)

 

Zehn Jahre Sonntag

Intention: Entdecken, daß Zeit für Gott die eigene Zeitgestaltung verändern kann

Wer siebzig Jahre alt ist, hat zehn Jahre Sonntag gehabt. Man kann nicht zehn Jahre am Stück "den Feiertag heiligen", aber wenigstens fünf Minuten am Tag die Seele baumeln lassen und darüber nachdenken, was mich selber unbedingt angeht. Die Schülerinnen und Schüler bekommen den Auftrag, sich Fragen zu überlegen für den Tagesbeginn und den Abend als Tagesbilanz z. B. Worauf freue ich mich? Was macht mir Sorge? Was will ich tun, was will ich lassen? Was habe ich eigentlich heute gemacht? Was belastet und was freut mich? Wie ist der Tag gelaufen? Was hat mich genervt und warum? Wofür bin ich dankbar?

Bei meditativer Musik kann man mit den Fragen und Antworten eine kleine Besinnung gestalten. Dazu werden Glocken verschiedener Größe in der Mitte des Sitzkreises auf einem Tuch bereitgestellt und Teelichter angezündet. Eine ganz kleine zarte Glocke wird angeschlagen "wie eine Stimme, die man überhören kann" und kommentiert " Stimmen von Kindern sind so in unserem Land." Mit einer großen Glocke wird demonstriert, wie etwas an die große Glocke gehängt wird. "Wir wollen hören lernen - auf die kleinen Stimmen, die man gern überhört. Das können Stimmen sein von guten Freunden, von Geschwistern oder Eltern. Oder die kleine Stimme, die mir sagt, was ich wirklich will."

D Medien- und Literaturhinweise

1. Audiovisuelle Medien

2. Schulbücher, Lehrerhandbücher, Arbeitshilfen

3. Literatur

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