| Sekundärliteratur |
| Antike | Griechenland |
[P|S|M] |
(GES,S) HELLAS, von Wilhelm Wägner, 1. Bd., 6. Aufl., Leipzig 1886 (1.Aufl.1859)
|
Deukalion
(S. 41) Nach uralten hellenischen Sagen waren die Menschen
der Erde entsprossen. Sie entbehrten lange Zeit aller höheren Einsicht und
Erkenntnis. Sie kannten namentlich nicht das Feuer, dessen Anwendung zu einer
bessern Gestaltung des Lebens so unentbehrlich ist. Dies sah voll Erbarmen der
Japetide Prometheus, einer der Titanen, der einst dem Untergange seines
Geschlechtes durch kluge Voraussicht entgangen war. Er entwandte einen Funken
von dem himmlischen Licht und brachte ihn den Sterblichen, ob er gleich wußte,
daß ihn dafür der allwaltende Zeus mit unsäglicher Qual bestrafen werde. So
ward er nach der griechischen Mythe der duldende Wohlthäter des
Menschengeschlechtes.
Indessen wurden die Menschen durch die gewonnene Einsicht,
durch die über Tiere und Natur erlangte Gewalt zu frevelhaftem Übermute
gegen die Götter verleitet. Kein Recht war ihnen mehr heilig, keine Schranke
unübersteiglich. Es war ein ehernes Geschlecht aufgewachsen, das sich nicht
mehr von dem Vater der Götter und Menschen regieren ließ. Daher beschloß
Zeus, die ruchlose Menge durch eine große Wasserflut zu vertilgen. Auf sein
Geheiß thaten sich die Schleusen des Himmels auf, und der Regen strömte Tag
und Nacht; auch die Erde eröffnete ihre Brunnen und spie unendliche Wasserströme
aus. Die Flut aber schwoll bald höher und höher, bis endlich auf die
obersten Berggipfel bedeckt waren. Daher fanden Menschen und Tiere keine
Zufluchtsstätte auf der Erde; sie versanken im Meere, das sich über Höhen
und Tiefen ausbreitete.
Daß die Sage von einer allgemeinen Überschwemmung nur auf
eine ungewöhnliche Flute in den Schluchten von Thälern von Dodona zu
beziehen ist, scheint außer Zweifel. Es wird damit die Erzählung von
Deukalion, einem Herrscher in Epeiros, in Verbindung gesetzt und diese nach
Thessalien übertragen, um die (S. 42) Abstammung der Dorier, Ionier, Achäer
und Äoler von einem gemeinsamen Ahnherrn abzuleiten. Wir geben hier einfach
die Überlieferung.
Lange Zeit vor der allgemeinen Überschwemmung wohnte
Deukalion, ein Sohn des Prometheus, samt seinem Weibe Pyrrha nördlich von den
Bergen des Othrys in dem anmutigen Gefilde Thessaliens, das man Phthiotis
nannte. Er war mit einer Schar Kureten und Leleger aus dem lokrischen Lande
gekommen, lebte schlecht und recht und ehrte in der allgemeinen Verderbnis
allein die Götter. Man pries ihn, einen Sprößling des großen Wohlthäters,
wegen seiner Weisheit, achtete aber nicht auf seine Ratschläge. Er hatte von
seinem Vater erfahren, daß Zeus die Wasserflut senden werde, und beschloß
daher, wenigstens sich, sein Weib und seine Habe zu retten, da das übrige
Volk seinen Worten keinen Glauben beimaß. So baute er denn eine große und
fest Arche, eine Art Kasten oder Fahrzeug. Dieses bestieg er zur Zeit der Not
und fand darin Rettung. Neun Tage trieb er auf dem uferlosen Wasser umher;
dann nahm die Flut endlich ab, die Höhen traten wieder hervor, und die Arche
blieb auf einem Gipfel des Parnassos sitzen. Deukalion und Pyrrha stiegen
heraus, und ihr erstes Beginnen war, daß sie dankbar für ihre Rettung einen
Altar errichteten und dem Kroniden Zeus Opfer und Gebete darbrachten. Dieser,
von den Höhen des Olympos herniederschauend, freute sich der frommen
Spende und sandte Hermes, den Götterboten, zu ihnen, der die frohe Nachricht
brachte, daß Zeus gewähren wolle, was sie auf für Wünsche aussprechen würden.
Sie aber wünschten, es möchten wieder Menschen entstehen, daß sie nicht
mehr allein sein in trauriger Einsamkeit. Sofort erhielten sie den Befehl,
Steine hinter sich zu werfen. Sie thaten es, und siehe, als sie sich
umwandten, waren aus den Steinen Deukalions Knaben, aus denen seiner
Ehegenossin Mädchen entstanden. Die Kinder aber wuchsen in kurzer Zeit auf
und bauten und bevölkerten wieder alles Land bis an das in seine natürlichen
Grenzen zurückgetretene Meer.
Obgleich Deukalion schon bejahrt war, gebar ihm dennoch
seine Lebensgefährtin zwei Söhne, Hellen und Amphiktyon, und eine Tochter,
Protogeneia. Letztere hatte durch Verbindung mit Zeus einen Sohn, Aethlios;
Hellen aber ward Vater des Doros, Authos und Äolos, unter welche er das
gesamte hellenische Land verteilte, so daß der erstere in Thessalien, der
zweite im Peloponnesos, der dritte im eigentlichen Hellas, nördlich vom
korinthischen Meerbusen, regierte. Authos verband sich mit Kreusa, der Tochter
des erdgeborenen attischen Helden Erechtheus, und zeugte mit ihr den Achäos
und Ion. Die Sprößlinge Deukalions waren es, welche nach der Mythe dem
Gesamtvolk, den einzelnen Stämmen und den gefeiertsten Einrichtungen in
Griechenland Entstehung und Namen gaben. Denn Hellen ist der Vater des
hellenischen Volkes und Namens; von Doros leiten die später so mächtigen
Dorier, von Achäos die Achäer, von Ion die Ionier, von Äolos die Äoler
ihre Abkunft her. Amphiktyon wird als der Stifter des nachmals berühmten
amphiktyonischen Bundes, Aethlios als der Urheber der von allen Griechen
gefeierten olympischen Spiele genannt.
[zurück]
[weiter]
| | Wägner, W., Deukalion und seine Nachkommen, in: ders.,
Hellas. Bd. 1, 6. Auflage. Leipzig 1886, S. 41-73 (1. Auflage 1859) |
GM (digitale Edition) für psm-data 
|