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Deutschland | Deutscher Bund

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Heinrich von Kleist (1777-1811) "Über den Geist der neuen preußischen Gesetzgebung"
Der Statistiker bestimmt die Rangordnung der Staaten nach ihrer Grundmacht, d.h. nach ihrem Flächeninhalt und nach ihrer Bevölkerung; und im Allgemeinen ist dies sehr richtig. Es gibt aber noch eine Rücksicht, die sich nicht so auf dem Papier berechnen läßt, aber dennoch bei der Balance einen bedeutenden Ausschlag gibt: die Vaterlandsliebe. Man könnte sie das Prinzip der intensiven Macht der Staaten nennen. Bloße Bevölkerung ohne diese Rücksicht: das Prinzip der extensiven Macht.

Die intensive Macht eines Staates verhält sich zur extensiven, wie der innere Handel zum auswärtigen, d.h. sie ist wichtiger und reeller. Eine bloße Vergrößerung des Flächeninhalts und der Volksmenge ist ein sehr zweideutiges Mittel, die Macht eines Staates zu vermehren; ja öfters wird dadurch das Gegenteil bewirkt. Ich darf diese Behauptung wohl nicht näher beweisen, da die unglücklichen Ereignisse unserer Tage noch in jedermanns Andenken sind. Was hat wohl die Besitznehmung der polnischen Provinzen, ohnerachtet aller Wohltaten der mildesten Regierung, zur Vermehrung der Macht der preußischen Monarchie beigetragen?

Also - nicht in der Volksmenge allein besteht die Macht der Staaten, sondern in dem Grade der Anhänglichkeit dieser Volksmenge an die Verfassung und an die Person ihrer Beherrscher. Wir finden in der Geschichte Beispiele genug, daß Staaten, die, bloß nach statistischen Grundsätzen geschätzt, sehr ohnmächtig erschienen, ihren an Volksmenge und Flächeninhalt unendlich überlegenen Feinden siegreich widerstanden. Die kleine Republik Athen schlug das zahllose Heer des Perserkönigs aufs Haupt, welches er selbst das Unüberwindliche nannte. Noch vor wenigen Jahrhunderten scheiterte die furchtbare mit Stahl bedeckte Macht des deutschen Kaisers an den Heroismus eines Häufleins nackter Schweizer. Solche anscheinend wunderbaren Ereignisse werden durch die größere intensive Macht dieser kleinen Staaten zu natürlichen.

Es gibt also Mittel, die Macht der Staaten ohne Vergrößerung des Gebiets und der Volksmenge zu erhöhen. Es gibt Mittel, diejenigen Kräfte, welche ein Staat durch Verkleinerung seines Gebietes und seiner Volksmenge verloren hat, in seinem Inneren zu ersetzen. Diese Mittel, viel sicherer als auswärtige Eroberungen, liegen in der Gewalt einer jeden Regierung, und gedeihen am besten im tiefsten Frieden. Sie darf nur die intensive Macht erhöhen, d.h. die Einwohner mehr als bisher an ihr Interesse knüpfen, und ihnen ihre Verfassung wert machen. Dies geschieht durch Wegräumung alles desjenigen, welches die Anhänglichkeit an diese Verfassung und die Person des Regenten schwächen, und die so natürliche Liebe zu dem vaterländischen Boden verringern kann.

Dieses war die große Aufgabe der preußischen Regierung nach dem Tilsiter Frieden. Mit bedächtiger Weisheit hat sie angefangen, sie zu lösen, und fährt nun damit fort.

Der preußische Staat hat durch diesen Frieden die Hälfte seiner extensiven Macht verloren. Die verlorenen Quadratmeilen und Seelen konnte die Regierung freilich nicht ersetzen, wohl aber durch Eröffnung aller Wege, die zu einem allgemeinen Wohlstand führen können, durch Wegräumung der bisherigen Hindernisse der Industrie und Vaterlandsliebe, die intensive macht der Gesellschaft erhöhen und die Zahl der aktiven Staatsbürger vermehren. Denn gerade die zahlreichste Klasse war bisher nicht zu den Staatsmitgliedern zu rechnen, weil sie kein Interesse an Aufrechterhaltung einer Verfassung haben konnten, von der sie teils aus Mangel an Aufklärung kaum einen Begriff hatten, und die teils in Hinsicht ihrer zu stiefmütterlich war, als daß deren Umsturz ihnen hätte ein großes Übel scheinen können.

Nun aber ist, durch den General-Edict vom 27. Okt. 1810, welches das Edikt vom 9. Oktober 1808 über die Aufhebung der Erbuntertänigkeit, sowie die Militärverfassung und die neue Städte-Ordnung, ergänzt, den Preußischen Staat die frohe Aussicht geworden, das, was er an äußerer Macht verlor, in seinem Inneren wiederzufinden. Noch steht das Werk des erhabenen Gesetzgebers, der unter uns aufgetreten ist, nur unvollkommen vor den Augen der Welt da; gleichwohl werden wir bereits auf das Fundament, auf welchem es ruht, und auch vielleicht schon auf den Zusammenhang mehrerer Teile, im Laufe dieser Blätter erläuternde Blicke werfen können.



Quelle: Berliner Abendblätter, 51. Blatt vom 28. November 1810; zit. nach "Geschichte betrifft uns" 1/1996, S. 26f

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