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Sekundaerliteratur
Deutschland | Kaiserreich v. 1871

[P|S|M]

"Wer macht Geschichte?" - Ein westdeutsches Schulbuch im Jahre 1967 über Kaiser Wilhelm II.
»Als Kronprinz hatte er aus seiner grenzenlosen Bewunderung Bismarcks kein Hehl gemacht, und mit tiefer Devotion hatte ihm dieser bei der Thronbesteigung die Hand geküsst. Bismarck kannte Wilhelms Neigung zur Selbstherrschaft und hatte sie weitgehend unterstützt. Zunächst entschuldigte man die Taktlosigkeiten des Kaisers, seine Sprunghaftigkeit, seine Unrast, die ihn unfähig machten zu folgerichtiger Arbeit, mit seiner Jugend. Aber bald musste man erkennen, dass es seine Wesenszüge waren. Wilhelm war vielseitig begabt, aber er war unausgeglichen und konnte keine in sich geschlossene Konzeption fassen und folgerichtig durchfuhren. Leicht beeinflussbar, wechselte er zwischen grenzenlosem Optimismus und tiefer Niedergeschlagenheit. Er wollte glänzen, alles selbst entscheiden und war doch innerlich schwach und unsicher. Äußere Aufmachung, Glanz und Prunk galten ihm viel. Er liebte Paraden, Feiern, Uniformen, Orden, Ringe und dergleichen mehr. Binnen kurzem bereiste er die Höfe Europas und trat überall redend und handelnd auf. Er war grenzenlos eitel. In betontem Herrscherbewusstsein wünschte er mehr Anteil an der Regierung. In vielem war er ein typischer Repräsentant seiner Zeit, hin- und hergezogen zwischen den Epochen: durchdrungen von einem mystischen Gottesgnadentum und gleichzeitig bereit, sich von der modernen Zeit mitreißen zu lassen.«

[...]

»Nach der Entlassung Bismarcks wollte Wilhelm II. sein »eigener Kanzler« sein. Die verfassungsmäßige Schwäche des Reichstages ermöglichte ihm dieses persönliche Regiment. »Der Kurs blieb der alte: Volldampf voraus!« Dieses Schlagwort des Kaisers, das sowohl die Vergangenheit wie die Gegenwart völlig verkannte, ließ bereits die künftigen Gefahren ahnen. In Wahrheit schlug Wilhelm einen neuen außenpolitischen Kurs ein.«



Grundriss der Geschichte für die Oberstufe der höheren Schulen. Gekürzte zweibändige Ausgabe B, Bd II: Die moderne Welt. Bearb. von J. Dittrich u. a., Stuttgart 1967; S. 135f, S. 146; nach: Gudrun Dormann und Alexander Decker, Die deutsche Sozialdemokratie, in: Materialien zum historisch-politischen Unterricht 1, hrsg. von H. Hoffacker. Stuttgart 1975/79, S. 1 mit frdl. Genehmigung für psm-data

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