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Titel: Anno 1701 erschienen Ende Oktober 2006 bei Related Designs / Sunflowers

Preis ab ca. 40,-- Euro, Altersfreigabe: ab 6 Jahre, geeignet ab ca. 8 - 10 Jahre (Limited Edition mit Zusatzmaterial in Holzschatulle ab ca. 80,-- Euro)

Nach den Vorgängerversionen „Anno 1602“ und „Anno 1503“ liegt nun das aktuelle „Anno 1701“ rechtzeitig zum Weihnachtsgeschäft als DVD–Version in den Regalen der Händler. Nach etlichen Tagen des Testens und Spielens soll nun das Geheimnis auf die Frage gelüftet werden, die die Simulations–Enthusiasten schon seit langem quält: Ist die strategische Aufbausimulation wie immer geblieben, schlechter geworden, so wenig zufrieden stellend wie die „1503er“ oder lohnt sich der Kauf der Neuausgabe wirklich? Am Ende dieser Rezension wird die Frage vielleicht immer noch nicht endgültig beantwortet worden sein, jedoch hoffe ich schon sehr viel Licht ins Dunkel gebracht zu haben, so dass jeder potentielle Aufbauspieler seine Entscheidung ein wenig erleichtert bekommen haben wird.



Rund 10 Millionen Euro soll die mehr als drei Jahre dauernde Entwicklung des Spieles gedauert haben, damit wäre es das bisher teuerste Computerspiel, das in Deutschland programmiert wurde. Pressemitteilungen konnte man entnehmen, dass alleine in der ersten Woche des Erscheinens über 100 000 Exemplare bereits verkauft wurden.
Auch in dieser aktuellen Ausgabe findet sich der Spieler / die Spielerin im 16. und 17. Jahrhundert wieder. Sein / ihr Ziel bleibt wie auch in den älteren Simulationen der Siedlungsbau auf einer geeigneten Insel, der Aufbau eines Handelsimperiums und die Besiedlung weiterer Kontinente. Viel besser als bei den Vorgängerversionen ist allerdings die phantastische, detailreiche, liebevoll animierte 3–D–Grafik, sie stellt vieles in den Schatten, was in ähnlichen Spielen bisher dargeboten wurde. Man sieht am Strand brechende Wellen mit Schaumkronen, Sonnenspiegelungen im klaren Wasser, Palmen wiegen sich im Wind, detailgenaue Felder und Wälder, auf und in denen sich Hirsche, Rehe, Bären und anderes Getier tummeln. Doch nicht nur die Landschaft, auch die Siedlungen sehen fantastisch aus. Auf dem Grund einer Lehmgrube sieht man Arbeiter schuften, Spielleute ziehen über den Dorfplatz, und aus vor der Küste im Wasser schlingernden Fässertrümmern winken Schiffbrüchige. Auch die Gebäude, die im weiteren Verlauf des Spieles immer größer und prunkvoller werden, sind mehr als nur einen flüchtigen Blick wert. Hier haben Grafiker und Designer absolut erstklassige Arbeit abgeliefert und verwöhnen den Entdecker mit wunderschönen Bildern und Darstellungen.





Aber man muss keineswegs Anhänger der Vorversionen sein, um den Spielgedanken verstehen zu können, ein einfacher und größtenteils selbsterklärender Einführungsteil nimmt den Beginner an die Hand und erläutert im Handumdrehen den Einstieg in die Simulation. Man beginnt mit einem Kontor und einem Ortszentrum, einigen Hütten oder Häusern, einer Fischer– oder Jägerhütte, eine Holzfällerhütte und vielleicht einige Felder zur Versorgung der Bevölkerung dürfen nicht fehlen. Mit zunehmendem Spielverlauf wachsen natürlich auch die Ansprüche der Menschen, so dass man Rohstoffe zur Befriedigung der Bedürfnisse fördern muss. Natürlich gibt es die Rohstoffe nicht auf jeder Insel, so ist man genötigt, Handel zu treiben und fremde Welten zu erschließen. Der Ausbau der Handelsbeziehungen ist also der erklärte Schwerpunkt der Siedlungs– und Handelssimulation.
Es gilt Produktionsketten zu entdecken und zu entwickeln, so führen einen z. B. mehrere Wege zur Produktion von Nahrung incl. Viehzucht, Baumaterial, Alkohol, Lampenöl, textilen Stoffen, Tabakwaren, Pralinen, Schmuck, zum Abbau von Bodenschätzen und zum Aufbau eines starken Militärinstrumentariums.


Die Städte werden im Laufe des Spieles immer gigantischer, auch der Luxus, nach dem die Bewohner sich sehnen, wird immer weiter ansteigen. Es gibt jedoch genügend Handelspartner – auch andere Völker – die dem Spieler beim Erwerb wichtiger Handelsgüter behilflich sind oder zumindest sein könnten, denn nicht alle Computerpartner sind dem Spieler wohl gesonnen, man trifft auch auf erbitterte Widersacher, die ihren eigenen Vorteil sehen und ausnutzen möchten. Es gibt im Spiel zwar einige Missionen, die man erfüllen muss, aber wer sich unabhängig das Spiel erschließen will, dem sei der Endlosmodus empfohlen, der für stunden– und sogar tagelanges Siedlungsvergnügen sorgt. Steckt man einmal in einer finanziellen Klemme, so hat man immer noch die eigene Königin, die ihre Hand schützend über den Entdecker hält, und ihn auch mit neuen Geldmitteln versorgt, aber Achtung: sie fordert auch am Ende ihren Tribut vom Spieler – fast wie im richtigen Leben. Besonders schlimm für den Siedler und Entdecker sind vor allem Naturkatastrophen und Plagen, die über die Siedlungen und Städte hinwegbrausen. Da gibt es Erdbeben, Vulkanausbrüche, verheerende Wirbelstürme, Rattenplagen, die Pest und einiges mehr – auch vor den Piraten sollte man sich stets in Acht nehmen.
Die Weiterentwicklung der im Spiel vorkommenden Menschen ist recht schnell beschrieben: man beginnt seine Wirtschaftssimulation mit einfachen Pionieren, die nach kurzer Zeit (vorausgesetzt sie sind glücklich und zufrieden) zu Siedlern werden, deren Ansprüche aber schon etwas höher liegen. Sie verlangen auch nach Erfüllung ihrer Vorlieben, als da wären Glaube, Gemeinschaft, Nahrungsmittel und (man staune) Alkohol sowie Tabak. Der Wunsch nach Schulbildung und ein wenig Kultur ist auch vorhanden, ehe man dann zum Bürger einer Stadt aufsteigt. Wenn sich auch der Wunsch nach kultureller Unterhaltung im Theater oder Lampenöl und Pralinen einstellt, hat man es schon fast zum Kaufmann gebracht. Dieser wiederum entwickelt sich dank Schmuck, Kolonialwaren (wie Jade und Edelsteinen), Parfüm und politischer Mitbestimmung schließlich zum Aristokraten. Mit jedem „Entwicklungsabschnitt“ kann man neue Gebäude bauen. Erst die Kaufleute können Marmor abbauen, den sie für besonders prunkvolle Gebäude wie die Universität benötigen. Dieses Freischalten von Baumöglichkeiten motiviert ungemein. Selbst wenn man den Ablauf nach vielen Spielzeiten schon kennt, treibt einen der Ehrgeiz, noch effizienter und schneller aufzusteigen. Das liegt nicht zuletzt an der optischen Belohnung: Aristokraten–Villen sehen einfach viel besser aus als Pionierhütten.



Doch Vorsicht, die Inselherrscher brauchen immer Geld, um den Unterhalt der jeweiligen Gebäude und Luxusartikel zu finanzieren. Es werden also höhere Steuereinnahmen notwendig, wenn jedoch die Bewohner nicht mehr zufrieden sind – und wer wäre das bei stetig wachsenden Steuerbelastungen – dann steigt man eben nicht mehr in die nächst höhere Spielstufe auf und tritt auf der Stelle.
Wie man sehen kann, ist dieses PC–Spiel schon eine recht komplexe Angelegenheit, die auch nach langem Spielen immer wieder aufs Neue fasziniert, ja mehr noch: es vergeht Stunde um Stunde, ohne dass dem ins Spiel Vertieften das Vergehen der Zeit bewusst wird – ein herrlicher Zeitdiebstahl!!!

Systemanforderungen:
Minimum: 2,2 GHz Pentium IV oder vergleichbar, 512 MB RAM, Grafikkarte mit 64 MB und 1.1 Pixel Shader, DVD-ROM 4-fach, Festplattenbedarf 3,5 GB, Soundkarte DirectX 9 kompatibel
Empfohlen: 3 GHz Pentium IV oder vergleichbar, 1 GB RAM, Grafikkarte mit 256 MB und 2.0 Pixel Shader, für Multiplayer–Modus Netzwerk TCP/IP–kompatibel, Internet ISDN oder besser Breitbandmodus

Trotz dieser zum Teil recht hohen Anforderungen an das Computersystem kann ich jedem, dem der intendierte Spielgedanke Aufbau, Strategie, Handel, (Geheim–)Diplomatie und Spionage gefällt, uneingeschränkt empfehlen, dieses Spiel auf seinem PC zu installieren: stunden-, tage- und wochenlanger Spielespaß ist garantiert. Neu ist übrigens in dieser Version auch die Möglichkeit über Netzwerk oder Internet mit bis zu drei Mitstreitern zu spielen. Wer nichts mit Aufbau– oder Wirtschaftssimulationen anfangen kann, dem dürfte trotz der exzellenten Grafikdarstellung mit dieser DVD nicht gedient sein; man muss dieses Genre von Simulationen einfach mögen, damit man auch komplexere Zusammenhänge noch motiviert meistert.

Heinz-Willi Jansen (stellvertr. Schulleiter an der Kath. Hauptschule Stadtmitte in Mönchengladbach)

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