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Primaerliteratur
International | Frankreich | 1789-1815
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Jacques Pierre Brissot: Für den Krieg (16. Dezember 1791)
Brissot war Wortführer der Girondisten in der Nationalversammlung und Herausgeber der Zeitung "Le Patriote francais"; die folgende Rede hielt er am 16. Dezember 1791 im Jakobiner-Klub.

Seit sechs Monaten, eigentlich schon seit dem Beginn der Revolution, überlege ich, welche Partei ich unterstützen soll. Zauberkunststücke unserer Gegner werden es nicht dahinbringen, dass ich die Revolution im Stich lasse. Überlegungen und Tatsachen haben mich zu der Überzeugung gebracht, dass für ein Volk, das nach tausend Jahren Sklaverei die Freiheit erobert hat, der Krieg ein Bedürfnis ist. Der Krieg ist notwendig, um die Freiheit zu befestigen; er ist notwendig, um sie von den Lastern des Despotismus zu reinigen; er ist notwendig, um Männer zu entfernen, welche sie vergiften könnten. Lobt den Himmel für die Mühe, die er sich gemacht hat und dafür, dass er Euch die Zeit gegeben hat, Eure Verfassung aufzurichten. Ihr habt Rebellen zu strafen und Ihr habt auch die Stärke dazu; also entschließt Euch, es zu tun. Ich möchte denjenigen meine Hochachtung bezeigen, die redlich und patriotisch die gegenteilige Meinung unterstützen; doch ich beschwöre sie, meine Gründe zu prüfen und zu widerlegen. Falls ich mich geirrt haben sollte, werde ich ihre Meinung verteidigen, ich werde sie auch vor der Nationalversammlung verteidigen; aber wenn sie sich haben irreführen lassen, dann mache ich mich anheischig, auch noch den letzten ihrer Einwände zu vernichten. Alle hier anwesenden Deputierten müssen ebenso denken; welches Unglück, wenn unsere Meinung hinsichtlich einer Sache geteilt wäre, die über das Glück Frankreichs entscheiden wird. In zwei Jahren hat Frankreich seine friedlichen Mittel erschöpft, um die Rebellen in seinem Schoß zurückzuführen; alle Versuche, alle Aufforderungen waren fruchtlos; sie beharren auf ihrer Rebellion, die fremden Fürsten beharren darauf, sie in derselben zu unterstützen: kann man noch schwanken, ob man sie angreifen soll? Unsere Ehre, unser öffentlicher Kredit, die Notwendigkeit, unsere Revolution moralisch zu machen und zu konsolidieren - all das macht es uns zum Gesetz. Denn wäre Frankreich nicht entehrt, wenn es nach der Vollendung seiner Verfassung eine Handvoll Aufwiegler dulden würde, die seiner zu Recht bestehenden Staatsgewalt Hohn sprechen würden; wäre Frankreich nicht entehrt, wenn es länger Beleidigungen hinnähme, die ein Despot nicht vierzehn Tage geduldet hätte. Ein Louis XIV. erklärte Spanien den Krieg, weil sein Gesandter vom spanischen Gesandten beleidigt worden war; und wir, die frei sind, sollten auch nur einen Augenblick schwanken!

Was sollen sie denn von uns denken? Dass wir unfähig sind, gegenüber den fremden Mächten zu handeln oder dass die Rebellen uns Ehrfurcht einflößen? Das würden sie ja nur als Zeichen dafür ansehen, dass wir uns in einem Zustand der Verwirrung befinden. Was also wird das Ergebnis dieses Krieges sein? Wir müssen uns rächen oder uns damit abfinden, für alle Nationen ein Schandmal zu sein; wir müssen uns rächen, indem wir diese Räuberbande vernichten oder uns damit abfinden, dass die Parteiungen, die Verschwörungen, die Verwüstungen ewig werden und die Frechheit unserer Aristokraten noch größer wird, als sie es jemals war. Die Aristokraten glauben an die Armee von Koblenz; von daher rührt die Halsstarrigkeit dieser Fanatiker. Wollt Ihr mit einem Schlag die Aristokratie, die Widerspenstigen und die Unzufriedenen vernichten: dann zerstört Koblenz; das Oberhaupt der Nation wird gezwungen sein, nach der Verfassung zu regieren, wird zu der Einsicht kommen müssen, dass sein Heil nur in der Anhänglichkeit an die Verfassung liegt, wird gezwungen sein, seine Handlungen nach der Verfassung zu richten.



Aus: Reden der Französischen Revolution, hrsg. von P. Fischer. München 1974, S. 144f; zit. nach: Geschichte und Geschehen. Bd. 1. Stuttgart 1995, S. 314f