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Imperialismus | Kolonialzeit

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Deutscher Kolonial-Atlas mit Jahrbuch herausgegeben von der Deutschen Kolonialgesellschaft. Berlin 1907 - Rückblick auf die Entwicklung des Schutzgebietes Deutsch-Südwestafrika im Jahre 1906
Rückblick auf die Entwicklung des Schutzgebietes Deutsch-Südwestafrika im Jahre 1906.

Die kriegerischen Ereignisse des Schutzgebietes Südwestafrika zeigten das ganze Jahr nur den Charakter des Kleinkrieges. Seit dem Kampfe am Waterberg haben sich die Herero kaum mehr geregt. Und seit dem Tode Hendrik Witbois und der Ergebung Samuel Isaaks bestand die Tätigkeit unserer farbigen Gegner nur darin, durch Räubereien uns Schaden zu tun. Jedem ernsthaften Kampfe wichen sie aus. Endlich ergaben sich dann nacheinander die einzelnen Kapitäne, zuletzt kurz vor dem Weihnachtsfest Johannes Christian, der Bondelszwartsführer, der mehr als drei Jahre zuvor als erster in Südwestafrika gegen unsere Herrschaft aufgestanden war. Einige seiner Leute stehen noch im Felde oder sitzen auf englischem Gebiete. Es lässt sich immer noch nicht übersehen, ob nicht Operationen, wie sie uns im letzten Jahre auferlegt wurden, von neuem wieder nötig werden sollten. Insgesamt aber kann man annehmen, dass die Ruhe nach dreijährigem Kampfe wieder hergestellt ist; (S. 15) jedenfalls wird die Regierung vom 1. April 1907 ab den Friedenszustand für das Schutzgebiet erklären.
Als ein Zeichen für den Frieden kann wohl der gewaltige Zustrom von Ansiedlungslustigen nach Swakopmund und Lüderitzbucht gelten. Dadurch hat die weisse Bevölkerung des Schutzgebietes eine ganz beträchtliche Vermehrung erfahren. Nicht nur in grösseren Plätzen, wie Windhuk, Swakopmund und Lüderitzbucht ist sie gewachsen, sondern allerorten haben sich Farmer, Händler und Handwerker niedergelassen. Auch viele, die der Aufstand vertrieben hatte, sind wieder in das Land zurückgekehrt. Man darf hoffen, dass ihnen zum Wiederaufbau ihrer zerstörten Plätze die gerechte Entschädigung für ihre Verluste von dem neuen Reichstag nicht versagt wird; denn ohne die alten Farmer, den Stamm der erfahrenen und wetterharten Elemente, wird die Wiederaufrichtung des deutschen Südwestafrika Schwierigkeiten und Zeitverluste kosten.
Das Jahr 1906 hat für Südwestafrika die Verkehrsverhältnisse ganz bedeutend verbessert. Im September lief der erste Zug der Otavi-Eisenbahn in die Endstation Tsumeb ein (570km von Swakopmund entfernt). Damit ist die bergmännisch wichtige Gegend der Otavi-Minen mit dem nächsten Hafen des Schutzgebietes verbunden, und an ihre wirtschaftliche Nutzbarmachung kann nun mit Nachdruck gegangen werden. Früher als es zu erwarten stand, hat am 10. Oktober die Eisenbahn von Lüderitzbucht aus Kubub erreicht. Vor einigen Jahren galt es noch als ausgemacht, dass es unmöglich sei, den breiten Dünengürtel hinter Lüderitzbucht zu überwinden. Deutsche Ingenieurkunst hat aber diese Schwierigkeiten sich und dauernd beseitigt. Ausserdem ist beobachtet worden, dass das Wandern der Dünen nicht so schnell vorgeht, als die bisher bekannt gewordenen Laienbeobachtungen besagten. Freilich ist die ganze Bahn bisher nur ein Torso und kann den Zweck, den Süden unseres Schutzgebietes zu eröffnen, nur dann erfüllen, wenn sie zum mindesten bis Keetmanshopp weitergeführt wird, das übrigens im letzten Jahre sich gleichfalls bedeutend entwickelt hat.
Am 27. Dezember war der Bau der südlichen Eisenbahn in Lüderitzbucht mit einer beschränkten Anzahl Eingeborenenarbeiter begonnen worden, und zwar zunächst die Sprengarbeiten am Bahnhof Lüderitzbucht und an dem Felseinschnitt südlich von Lüderitzbucht. Anfang März 1906 konnte, da weitere Sendungen kriegsgefangener Herero als Arbeiter ankamen, mit den Bauarbeiten im vollen Umfange begonnen werden. Auch weisse Arbeiter, Italiener und Engländer, wurden angeworben, und die ganzen Arbeiten gingen bis auf einen kürzeren Streik gut vonstatten, so dass die Bahn am 1. November 1906 bis Aus dem Verkehr übergeben werden konnte.
Die Wegebauten des Schutzgebietes beschränkten sich hauptsächlich auf Ausbesserungen der Strassen, die durch die starken Transporte für die Truppe besonders gelitten hatten. Neue Wege wurden in geringer Zahl angelegt.
Die Bautätigkeit der Behörden und von Privaten im Schutzgebiet war ausserordentlich lebthaft; freilich machte sich auch ein Mangel an Gebäulichkeiten überall auf das Empfindlichste bemerkbar. Es muss mit Anerkennung festgestellt werden, dass die Lieferung der Baumaterialien durchweg auf Grund von Ausschreibungen an im Lande ansässige Firmen vergeben wurde. In Swakopmund hat die private Bautätigkeit nachgelassen, nachdem sie im Vorjahr besonders rege gewesen war. Dagegen herrschte in Lüderitzbucht reges Bauleben. Ende 1904 bestanden in diesem südlichen Hafenplatze an Privatbauten nur die Baulichkeiten dreier Firmen. In einem Jahre, von April 1905 bis März 1906, entstanden neu im Orte 34 Gebäude ohne Nebenhäuser und ausserhalb des Ortes eine ganze Reihe von neuen Häusern. Und während früher nur das nüchterne Wellblech verwandt worden war, hat man sich in letzter Zeit bemüht, auch durch Anlage von Veranden und Türmen, durch bunten Anstrich und dergleichen dem Schönheitsbedürfnis Rechnung zu tragen. 
Etwas fast ganz Neues sind die an mehreren Stellen entstandenen Kleinsiedlungen. Durch Aufteilung eines Landstriches bei Osona an der Otavibahn ist ein weites Feld zur Entwicklung von kleineren Siedlungen, die hauptsächlich für den Acker- und Gartenbau bestimmt sein sollen, eröffnet worden. Auch an den Grenzen der Ortsbezirke von Windhuk und Okahandja sind neue Kleinsiedlungen entstanden. Die einen verlegen sich hauptsächlich auf den Weinbau (sie ziehen Trauben von gewaltiger Grösse), andere werfen sich mehr auf die Tabakkultur. Beide arbeiten in erster Linie für den inneren südwestafrikanischen Markt. Als weitere Produkte kommen in Frage: Mais, Kartoffeln, Luzerne und Gemüse aller Art. Von der Farm Rietfontein wird berichtet, dass sie eine ganz vorzügliche Weizenernte hatte, "es wurde das dreissigste Korn geerntet, was in den besten Weizenbodengegenden Deutschland nie erreicht wird."
In der Viehzucht hat man versucht, ausser aus dem Kapland auch aus Argentinien Muttervieh herbeizuholen, aber nicht mit eben günstigem Erfolge. Die südamerikanischen Tiere sind für die bergigen und steinigen Weiden Deutsch-Südwestafrikas zu weich und kommen auch infolge des langen Transportes teurer zu stehen. Bessere Erfolge hat man mit der Simmentaler Rasse erzielt. Bei der starken Nachfrage waren natürlich die Preise recht hoch. Noch mehr hatten sie angezogen auf dem Kleinviehmarkt. Diese Kapitalanlage ist begehrter, weil schon in kurzer Zeit Renten zu erwarten sind. Ein fleissiger Farmer kann auch durch Hühnerzucht Geld machen, denn für Eier finden sich immer Abnehmer. Praktische Erfahrungen in der Straussenzucht, die ein Grootfonteiner Farmer gemacht hat, haben erwiesen, dass auch der Norden des Schutzgebietes (S. 16) für die Straussenzucht sich eignet. Bemerkt zu werden verdient, dass im ganzen Schutzgebiet, und namentlich im nördlichen Teile, sich auch die wilden Straussenherden sehr vermehrt haben. Deutsche Fische, die man in einem Stauweiher ausgesetzt hat, haben sich recht gut entwickelt. Versuche mit der Einführung deutscher Bienen kann man wohl als fehlgeschlagen bezeichnen.
Auf dem Gebiete des Bergbaus ist zu erwähnen, dass ein Farmer aus der Gegend von Karibib den auf seinem Sitz stehenden Marmor zu brechen und industriell zu verwerten begonnen hat. Mit grösserem Eifer ist man nun an die Erschliessung der Otavi-Mienen gegangen, Schmelzöfen sind gebaut, eine Wasserleitung ist eingerichtet; von den Resultaten dürften wir binnen sehr kurzer Zeit etwas vernehmen. Dann werden sich auch die Zahlen der Einfuhr in der Handelsstatistik, die naturgemäss in den letzten Aufstandsjahren sehr zurückgegangen sind, wieder bedeutend heben.
Ueber die Schulen des Schutzgebietes liegen nur verspätete Berichte aus dem Jahre 1905 vor. Danach war die Schule in Windhuk von 65, die in Swakopmund von 42, die in Keetmanshoop von 80 Schülern besucht. In Windhuk wird über unregelmässigen Schulbesuch geklagt und der Hauptgrund hierfür in dem Mangel des Schulzwanges gesucht. Hinzu kam noch eine Masern-Epidemie. In Keetmanshoop sind eine Reihe von gemischtblütigen Schülern. Doch wird der Hoffnung Ausdruck gegeben, dass mit der Rückkehr von Buren nach Beendigung des Aufstandes die weissen Schüler wieder in der Ueberzahl sein würden.
Die Eingeborenenfrage ist ohne Zweifel eine der wichtigsten, die zurzeit das Schutzgebiet beschäftigen. Wir können diese Kolonie nicht nutzbar machen, ohne die Mithilfe der allmählich zur Arbeit zu erziehenden Farbigen. Das ist geschehen, indem man die in Sammelstellen sich einfindenden kriegsgefangenen Herero den Privatleuten zur Verfügung stellte. Leicht wird diese Erziehung nicht sein. So erzählt unser Bericht von den Bergdamara, dass bisher nur ein Teil auf Stationen und Farmen sesshaft geworden sei. Aber auch diese Leute überkommt von Zeit zu Zeit der Freiheitsdrang und, ihren Dienst im Stiche lassend, laufen sie ohne erkennbaren Grund fort. Manche kommen ja wieder, die Mehrzahl aber nicht. Gerade die Jahreszeit, wo die sogenannte Feldkost, d. h. allerlei Wurzeln und Zwiebeln, in der Erde am reichlichsten vorhanden sind, lockt sie hinaus. Daneben essen sie Fleisch von gefangenem und erlegtem Wild, Wurzeln, Blätter, Früchte. Anders ist es, wenn der Bergdamara schon als kleiner Junge in den Dienst eines Weissen getreten ist und das Nomadisieren gar nicht kennen gelernt hat. Noch ungünstiger steht es mit den Buschleuten. Dagegen sind die Hottentotten und vor allem die Herero infolge ihrer körperlichen Eigenschaften für Farm- und Landwirtschaftsarbeiten recht brauchbar. Die Ovambo im Norden des Schutzgebietes haben sich das ganze Jahr hindurch ruhig verhalten.
Hoffentlich bleibt dem schwer heimgesuchten Schutzgebiete nun ein dauernder Friede erhalten, damit es sich von den Wunden, die ein drei Jahre währender Aufstand ihm geschlagen hat, erholen


kann.

 

Quelle: Deutscher Kolonial-Atlas mit Jahrbuch, herausgegeben von der Deutschen Kolonialgesellschaft. Berlin 1907, S. 14ff.

GM (digitale Umsetzung) und AG (Übersetzung) für psm-data
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