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Deutscher
Kolonial-Atlas mit Jahrbuch herausgegeben von der Deutschen
Kolonialgesellschaft. Berlin 1908 - Rückblick
auf die Entwicklung des ostafrikanischen Schutzgebiets im Jahre 1907.
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Rückblick
auf die Entwicklung des ostafrikanischen Schutzgebiets im Jahre 1907.
Im Jahre 1907 hat der Staatssekretär des
Reichs-Kolonialamts, Herr Dernburg, Deutsch-Ostafrika vom August bis zum
Oktober besucht und nicht nur unser Schutzgebiet, sondern auch Sansibar und die
benachbarte englische Kolonie, nicht nur die Küste, sondern auch einen Teil des
Binnenlandes zwischen dem Victoriasee und Tabora kennen gelernt. Exzellenz
Dernburg war nicht er erste der obersten deutschen Kolonialbeamten, der seine
Schirtte in eine der Kolonien lenkte, sondern hatte in Herrn Kayser, dem ersten
deutschen Kolonialdirektor, einen Vorgänger, aber niemand in seiner Stellung
hat vor ihm so lange die Kolonie besucht und vor allem hat niemand es sich so
angelegen sein lassen, alle kolonialen Probleme des Schutzgebiets an Ort und
Stelle zu studieren und daraus seine Schlüsse zu ziehen, wie es der derzeitige
Leiter der zentralen deutschen Kolonialverwaltung getan hat.
Exzellenz Dernburg hat über die Ergebnisse und Früchte seiner Reise
sich an verschiedenen Stellen ausgesprochen, zuerst bei der 25jährigen
Jubelfeier der Deutschen Kolonialgesellschaft zu Frankfurt a. M. am 5. Dezember,
zuletzt ausführlich in der Budgetkommission des Reichstags am 18. Februar.
Es kann nicht verschwiegen werden, dass sich zwischen seinen Auffassungen
und den Wünschen der an der Nutzbarmachung der Kolonie beteiligten
Kreise weittragende Meinungsverschiedenheiten geltend gemacht haben, aber der
Reichstag, der doch schliesslich im Verein mit dem Staatssekretär die
Richtlinien der deutschen Kolonialpolitik zu bestimmen hat, und ein nicht
kleiner Teil der deutschen Oeffentlichkeit - vielleicht sogar die überwiegende
Mehrheit - hat sich im grossen und ganzen zu seinen Anschauungen bekannt. Man
hat diese zu Eingeborenen freundlich genannt und hat einen Aufstand an die Wand
gemalt, den zu unternehmen die Eingeborenen gelüsten sollte, weil sie nicht
mehr die Empfindung haben, dass eine strenge und scharfe Herrscherhand auf ihnen
ruht.
Den gleichen Grund hat der Staatssekretär für seine Eingeborenenpolitik
ins Feld geführt: er besorgt, dass schärfere und übertriebene Strenge die
Eingeborenen zur Empörung treiben kann. Der Kern seiner Anschauungen kommt zum
Ausdruck in folgenden Sätzen seiner Rede vom 18. Februar 1908:
"Wir müssen - und das ist die Basis unserer Macht - in Ostafrika durch das
Ansehen, das die Verwaltung besitzt, durch die Schärfe, mit der sie gegen jede
Unbotmässigkeit vorgeht, durch die technischen Hilfsmittel der Eisenbahnen,
die, wie sie wissen, ihr noch unvollkommen zur Seite stehen, und durch das Mass
von Vertrauen, welches sie bei den Schwarzen geniesst, alles zusammenhalten. Wir
müssen eine kräftige, gerechte, vertrauenswerte Verwaltung dort einführen und
halten und vor allen Dingen den Leuten beibringen, dass sie von der deutschen
Herrschaft einen Vorteil haben. Das ist ihnen sehr schwer beizubringen, schon
deshalb, weil die Vorteile, die sie bisher gehabt haben, sehr gering waren gegenüber
den Nachteilen, die die deutsche Verwaltung für sie nach ihrem Empfinden hat in
bezug auf Abänderung ihrer Gewohnheiten, auf Steuerzahlen, Kontrollen
usw."
In jedem Fall kann man behaupten, dass es dem Schutzgebiete nur von Nutzen sein
kann, wenn der oberste Leiter der Kolonialpolitik in der Heimat ihm seinen
Besuch zuteil werden lässt und dadurch mehr, als es sonst denkbar war, die
Aufmerksamkeit der heimischen Oeffentlichkeit auf Deutsch-Ostafrika lenkt und
die Arbeit, die dort 1956 Deutsche zur Ehre und zum Nutzen des Vaterlandes
leisten.
Die weisse Bevölkerung ist im letzten Jahre nicht in dem Tempo
gestiegen, wie es zuvor der Fall war, sie hat immerhin um 7 vom Hundert
zugenommen, d. h. von 2465 auf 2629. Diese Zahl besagt übrigens nicht viel, sie
lässt nicht erkennen, dass z. B. Beamte, Soldaten und Missionare sich nur um
eine ganz kleine Anzahl vermehrt haben, während die erwerbstätige Bevölkerung,
sagen wir der Nährstand, um rund 25 vom Hundert gestiegen ist. Die Statistik
ergiebt, dass die Ziffer der Kinder um fast ebensoviel gesunken ist. Diese
auffallende Tatsache findet eine sehr natürliche Erklärung in dem Umstand,
dass aus dem Bezirk Moschi am Meruberge eine grosse Anzahl der mit Kindern reich
gesegneten Treckburen, die sich dort niederzulassen begonnen hatten, in die
benachbarte englische Kolonie ausgewandert sind.
Die Zahl der farbigen Bevölkerung kennen wir bekanntlich in
Deutsch-Ostafrika nicht. In der letzten Zeit sind schätzungsweise häufig 9 -
10 Millionen genannt worden, was vielleicht zu hoch sein dürfte. Leider geht
diese Eingeborenen-Bevölkerung, soweit wir es zu übersehen vermögen, an Zahl
zurück. Einen schweren Verlust hat der Aufstand, der im August 1905 begann, für
weite Bezirke des Südens gehabt, und insgesamt dürften 75.000 Menschen im
Berichtsjahre durch Krieg, Missernte, Hungersnot und Seuchen dahingerafft worden
sein.
Sonst ist über die Gesundheitsverhältnisse in dem Schutzgebiet
nicht zu klagen. Eine grosse Schwierigkeit ist besonders in der letzten Zeit
unangenehm empfunden worden, nämlich, dass die farbigen Bewohner der Hochebene
und Gebirge nicht willens und nicht imstande sind, in der Ebene Arbeiten zu
leisten.
(S. 19) Die Arbeiterfrage ist wohl das Hauptproblem der ganzen Kolonie
Deutsch-Ostafrika. Allerdings ist sie zurzeit nicht besonders brennend, aber mit
der natürlichen Ausdehnung des Plantagenbetriebs wird sie sich mehr und mehr
bemerkbar machen. Die Kolonialregierung hat es abgelehnt, durch Zwangsmassregeln
die Eingeborenen zur Arbeit zu treiben, ist sich anderseits aber nicht ganz schlüssig,
welche Massnahmen sie denn zu ergreifen gedenkt. Von Kennern wir von der
Ausdehnung des Eisenbahnnetzes viel erhofft, weil dadurch die schon jetzt im
Schutzgebiet häufige "Sachsengängerei" erleichtert wird, d. h. weil
es möglich sein wird, aus dem dichter bevölkerten Innern Arbeiter an die Küste
oder wo sonst sie gebraucht werden, zu befördern. Freilich wird es noch Jahre
dauern, ehe wir von einem Eisenbahnnetz in diesem Schutzgebiet werden sprechen können.
Das verflossene Jahr hat uns zwar die Vollendung der Linie Daressalam-Mrogoro
gebracht. Aber was wollen diese 220 km bedeuten gegen die Gesamtentfernung
Daressalam-Tanganjikasee von rund 1000 km! Die Mittel für die Strecke
Daressalam-Mrogoro waren, wie man sich erinnert, durch Reichstagsbeschluss vom
16. Juni 1904 bereit gestellt worden, und den ersten Spatenstich hatte, wie
bekannt, der dritte Sohn unseres Kaiserpaares, Prinz Adalbert, getan. Allerlei
widrige Verhältnisse, schlechtes Wetter und Arbeitermangel, Aufstand und
dergl., haben den Bahnbau so lange verzögert. Am 9. Oktober endlich hat
Staatssekretär Dernburg als erster die vollendete Strecke befahren.
Eine Eisenbahn in Deutsch-Ostafrika bietet die besten Aussichten, wie die Usambarabahn
bezeugt; sie hat nämlich im Berichtsjahre einen namhaften Ueberschuss ergeben,
so dass die Baufirma sich bereit erklärt hat, auf Grund dieses Ueberschusses
einen allmählichen Weiterbau eintreten zu lassen. Freilich kann auf diese Weise
manches Jahr vergehen, ehe man zum Meruberge käme. Dabei ist es doch so
dringend notwendig, in den Bezirk Moschi, diesen Bezirk am Meruberge, wo nach
der Statistik schon 386 weisse Ansiedler sitzen, eine Eisenbahn zu leiten, weil
die Verbindung mit der Küste zum Warenbezug wie zum Absatz der Produkte
dringend erforderlich ist. Das Jahr 1907 mit seiner vermehrten Auswandererlust
nach den deutschen Kolonien hat auch die Aufmerksamkeit der gebildeten Schichten
der Bevölkerung auf Deutsch-Ostafrika gelenkt. Zwar klagt die Behörde, dass
diese Auswanderer mit einer gewissen Sorglosigkeit alles von der Verwaltung
erhoffen und aus dem Eigenen nichts leisten möchten. Anderseits kann man aber
wohl behaupten, dass ohne weitreichende Förderung und Unterstützung, eben
durch Eisenbahnlinien und andere Vergünstigungen, an eine weisse Besiedlung der
gesunden innerostafrikanischen Hochländer nicht gedacht werden kann.
Am Meruberge sitzen seit dem Jahre 1906 etwa zehn Schwabenfamilien,
die vorher am Kaukasus gewohnt hatten. Die Denkschrift bemerkt hierüber, dass
sie Zufriedenstellendes leisten und sich fast durchweg als fleissige Leute
erwiesen haben. Allerdings seien sie unpraktisch, schwerfällig und
Analphabeten. Ob das Urteil stimmt, ist zweifelhaft. Jedenfalls soll man dankbar
sein, dass sich in der Kolonie, die man lange Zeit als rein tropisches
Plantagengebiet angesehen hat, weisse Ansiedler niederlassen.
Ob nicht von seiten der Regierung die Bedeutung, auch die politische,
der weissen Einwanderung unterschätzt wird? Freilich bedürfen sie Förderung
und Hütung in der ersten Zeit, aber eine grosse Reihe von Plantagen, grosser
wie kleiner, hat sich doch heute, abgesehen von den Nöten der
Arbeiterbeschaffung, auf eigene Füsse gestellt. Die Zeiten sind eben vorbei,
wo, wie es noch 1895 der Fall war, die Elefantenzähne die Hälfte der gesamten
deutsch-ostafrikanischen Produktion ausmachten. Mit dem Kautschuk geht es
gleichfalls abwärts. Da müssen eben Plantagen- oder Kleinkulturen der
Eingeborenen für neue Ausfuhrwerte Sorge tragen. Welches Erzeugnis hier als
erstes in Frage kommen kann, ist zweifelhaft und hängt vor allem von der
jeweiligen Weltkonjunktur ab. Kautschuk steht ja wohl noch auf der Höhe, während
es mit Sisal schon etwas abwärts gegangen ist. Beide Produkte bieten aber
keinen Anlass zu irgendwelchen Befürchtungen. Zu besonderen Hoffnungen
berechtigt aber die Entwicklung der deutsch-ostafrikanischen Baumwollerzeugung,
wenn wir freilich auch noch sehr weit entfernt sind, der amerikanischen
Konkurrenz Abbruch zu tun.
Ohne Zweifel ist unser deutsch-ostafrikanisches Schutzgebiet, unsere grösste
Kolonie, auch dasjenige, das dem Mutterlande dereinst den grössten Nutzen
bringen wird. Das Gebiet, das doppelt so gross ist, wie unser Deutsches Reich,
ist von höchsten 10 Millionen Farbigen bewohnt. Da findet sich auf Raum für
eine weisse Bevölkerung, die als Lehrmeisterin der Eingeborenen die Schätze
des Bodens erschliessen kann und wird.
Gerade die letzten Jahre und ihre Ergebnisse beweisen, dass die Erträgnisse
des Landes bedeutend zu vermehren sind; hat sich doch der Gesamthandel der
Kolonie von 1903 - 1906 verdoppelt, auch die Ausfuhr von 1902 - 1906 um mehr als
das Doppelte zugenommen. Bei solchen Erfolgen brauchen wir nicht zu verzagen,
wenn wir nur in jeder Hinsicht unsere kolonisatorische Pflicht tun.
Deutsch-Ostafrika
betreffende Bücher und Karten aus dem Jahre 1907.
Assmuth, H.:
Baumwollen-Kultur in Deutsch-Ostafrika. Mit 13 Abbild. 1907. M. 1,-.
Brandis, Hauptm. a.
D. L. v. Deutsche Jagd am Victoria-Nyansa m. K. Dietrich Reimer (Ernst Vohsen).
Berlin S.W.48, 1907. M. 8.
(S. 20) Busse, W.:
Vegetationsbilder aus Deutsch-Ostafrika. I. Zentrales Steppengebiet. 1907. M.
4,-.
Fonck, Hauptm. H.
Deutsch-Ostafrika. Eine Schilderung deutscher Tropen nach zehn Wanderjahren. I.
Die Schutztruppe. II. Reisen und Expeditionen im Innern, m. Sk. III. Land und
Leute. Vossische Bucht., Berlin 1907-08. M. 1,50, 2.-, M. 2,-.
Fuchs, A.,
Wirtschaftliche Eisenbahn-Erkundungen im mittleren und nördlichen
Deutsch-Ostafrika unt. Mitwirk. des Landwirts A. Haunter, m. K.
Kol.-Wirtschaftl. Komitee, Berlin 1907.
Kalkhof,
Oberamtsrichter, Parlamentarische Studienreise nach Deutsch-Ostafrika.
Reisebriefe. D. Reimer, Berlin 1907. M. 2.
Paasche, Oberlt. z.
S. H. Im Morgenlicht. Kriegs-, Jagd- und Reise-Erlebnisse in Ostafrika. 2. Aufl.
C. A. Schwetschke & Sohn, Berlin 1907. M. 12.
Perrot, B., Die
Zukunft Deutsch-Ostafrikas. Soll Deutsch-Ostafrika eine deutsche Kolonie werden
oder eine hamburgisch-indische Domäne bleiben? H. Walther, Verlagsbuchh.
G.m.b.H., Berlin 1908. M. 3.
Pfeil, Dr. J. Graf
v. Zur Erwerbung von Deutsch-Ostafrika. Ein Beitrag zu seiner Geschichte. K.
Curtius, Berlin 1907.
Schrabisch, H. K. v.
Leitfaden für Ansiedler. Unter spezieller Beurteilung von West-Usambara. C. A.
Schwetschke & Sohn, Berlin 1907. M. 1.
Velten, Prof. Dr. C.
Prosa und Poesie der Suaheli. Im Selbstverl. d. Verf., Berlin 1907. M. 7,50.
Karten
Moisel, M. Karte von
Deutsch-Ostafrika. 1 : 2.000.000 mit Angabe der nutzbaren Bodenschätze u. mit
einem Karton zur Ueberischt der Beziehungen D.-Ostafrikas zu den übrigen
deutsch-afrikanischen Kolonien. 3. Aufl. D. Reimer, Berlin 1907. M. 6.
Karte von
Deutsch-Ostafrika, in 29 Bl. und 6 Ansatzstücken, im Massstabe 1 : 300.000.
Beg. unter Leitung von Dr. R. Kiepert, fortgesetzt unter Leitung von Paul
Sprigade und Max Moisel. Im Auftrage und mit Unterstützung des
Reichs-Kolonialamtes. Blatt C. 1, Udjidji 65x50 cm. C. 2., Rutschugi-Posten.
58x76 cm. M. 1,50 und M. 2,-. 1907. Dietrich Reimer (Ernst Vohsen). Berlin SW.
48.
Weitere Literatur
und Kartennachweise über D. O. A. finden sich in "Dietrich Reimer's
Mitteilungen". Jährl. 4 Hefte à 30 Pfg. Dietrich Reimer (Ernst Vohsen)
Berlin
, SW. 48.
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| Quelle:
Deutscher Kolonial-Atlas mit Jahrbuch, herausgegeben auf Veranlassung der
Deutschen Kolonialgesellschaft, bearbeitet von P. Sprigade und M. Moisel,
Jahrbuch und Bemerkungen von Hubert Henoch. Berlin 1908, S. 18ff. |
GM
(digitale Umsetzung) und AG
(Übersetzung) für psm-data
mit freundlicher Unterstützung durch die
Staatsbibliothek
zu Berlin / Preußischer Kulturbesitz

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