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Deutscher
Kolonial-Atlas mit Illustriertem Jahrbuch herausgegeben
auf Veranlassung der Deutschen Kolonialgesellschaft, bearbeitet von P.
Sprigade und M. Moisel. Berlin 1909 - Rückblick
auf die Entwickelung des Schutzgebietes Kiautschou im Jahre 1908
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Rückblick auf
die Entwickelung des Schutzgebietes Kiautschou im Jahre 1908.
(S. 34) Ganz Ostasien steht noch immer unter den Nachwirkungen des
russisch-japanischen Krieges und leidet unter einer allgemeinen Depression.
Entgegen den gehegten Hoffnungen hat sich die Lage im Zusammenhang mit den
gesamten Verhältnissen des Weltmarktes seit dein Jahre 1907 noch bedeutend
verschlechtert und an verschiedenen Plätzen zu ernsten Krisen geführt. So
mussten auch in Tsingtau zahlreiche chinesische Kaufleute ihre Zahlungen
einstellen, und andere schon lange in Ostasien, ansässige Handelshäuser
konnten sich nur unter grossen Opfern erhalten. Dass auch Tsingtau in
Mitleidenschaft gezogen wurde, ist ein Beweis für die wirtschaftliche Geltung
unseres "Platzes an der Sonne". Seit Ende des Jahres 1907 kam noch der
Sturz des Silberkurses hinzu und eine starke Entwickelung der neu eingeführten,
chinesischen, kupfernen Zehn-Kasch-Münzen.
Demnach ist für das Berichtsjahr Oktober 1907 bis September 1908 eine Abnahme
des Gesamtwertes des Handels festzustellen, von 51,6 Mill. Dollar auf 49,7 Mill.
Dollar. Die Ausfuhr allerdings ist gestiegen, von 15,1 Mill. auf 18,4 Mill.
Dollar. Hingegen machte sich eine starke Abnahme bemerkbar in der Einfuhr von
Waren nicht chinesischen Ursprungs, d. h. eben, die Bevölkerung unseres
Hinterlandes war nicht in dem Masse kaufkräftig, wie es der deutschen Industrie
zu wünschen gewesen wäre. Ein Lichtblick liegt darin, dass in den letzten
Monaten des Jahres 1908 eine erhebliche Besserung eingetreten ist; sind doch im
Dezember die Einnahmen des chinesischen Seezollamts in Tsingtau um mehr als 50 %
in die Höhe gegangen, und ist doch auch der Schiffsverkehr, was Zahl und
Tonnage angeht, grösser geworden.
So besteht Hoffnung, dass nach Massgabe der Gesundung der Wirtschaftsverhältnisse
auf dem gesamten Weltmarkt auch 1909 sich wieder in aufsteigender Linie bewegen
wird.
(S. 35) Tsingtau als ein Stapelplatz und Umtraghafen, von dem aus die seewärts
eingehenden europäischen, besonders die deutschen Waren verteilt werden, ist
eben mehr als jede andere unserer Kolonion Verkehrskolonie.
Aus diesem Grunde ist ein grosser Wert darauf gelegt worden, dort moderne und
gross angelegte Hafeneinrichtungen zu schaffen, die in der Tat durch ihre Lösch-
und Ladeeinrichtungen alle ostasiatischen Küstenplätze übertreffen. In
Tsingtau können selbst die grössten Schiffe unmittelbar am Kai ihre Waren in
die Bahnzüge überladen. Im Berichtsjahre gab es bei der Neuordnung des Lade-,
Lösch- und Lagerhausbetriebes eine kleine Krise, die sich zum Glück als ein
Sturm im Wasserglase herausstellte und durch kluges Eingreifen des Gouverneurs
bald behoben wurde.
Hand in Hand mit dem Hafen arbeitet das Bahnnetz, das im Anschluss an die nun
seit beinahe fünf Jahren bestehende Schantungeisenbahn tiefer in das Hinterland
eindringt. Tsi-nan-fu, der Endpunkt unserer Schantungeisenbahn, erhält nun
Anschluss nach Norden wie nach Süden, an die grosse, neue, von Tientsin bis zum
Jantsekiang führende Bahnlinie, die amtlich als Tientsin-Pan-koubahn bezeichnet
wird und als chinesische Staatsbahn gebaut und betrieben werden soll. Zwei
Drittel der über 1000 km langen Linie, die Strecke von Tientsin bis zur Südgrenze
der Provinz Schantung soll aus Mitteln einer deutsch-chinesischen Anleihe gebaut
worden. Im laufenden Jahre soll der Bau von Tsingtau aus gleichzeitig nordwärts
und südwärts in Angriff genommen werden. (1)
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An
den Lotusteichen von Tsinanfu. |
Die Lieferung des gesamten Oberbaumaterials sowie der Brücke
der Nordstrecke ist deutschen Firmen übertragen worden, und die Aufträge, die
hieraus unserer Eisenbahn- und Maschinenindustrie zunächst zufliessen, belaufen
sich auf rund 22 Mill. Mark. Dabei sei erwähnt, dass auch von dem Baukapital
der Schantungeisenbahn in Höhe von 64 Mill. Mark seinerzeit mehr als die Hälfte
der deutschen Industrie zugute gekommen ist, und zwar zu einer Zeit, als auf dem
heimischen Wirtschaftsmarkte kein günstiger Zustand herrschte.
In der bergbaulichen Entwickelung des Hinterlandes der Kolonie sind die Arbeiten
der Schantung-Bergbau-Gesellschaft auf ihren beiden Kohlenfeldern bei Po schau
und Wei-hsien rüstig vorgeschritten. Auf dem erstgenannten Felde ist in der
Hungschangrube eine Kohle gefördert worden, mit der das Kommando des
ostafrikanischen Kreuzergeschwaders grössere Heizversuche veranstaltet hat,
nach denen sie guter Cardifkohle durchaus gleichwertig ist. Infolgedessen wurde
mit der Schantung-Bergbau-Gesellschaft ein Vertrag abgeschlossen auf Errichtung
eines Lagers von Hungschankohle auf dem Tsingtauer Werft-Gebiet, aus dem künftig
das Kreuzungsgeschwader seinen gesamten Ofenbedarf, soweit er in Tsingtau zu übernehmen
ist, decken wird. Der Indiensthaltungsposten des Kreuzergeschwaders wird dadurch
nicht unwesentlich entlastet. Die Zahl der chinesischen Bergleute, die in
Diensten der Schantung-Bergbau-Gesellschaft im Kiautschougebiet tätig sind, übersteigt
weit 4000.
Ueber der Ausgestaltung in wirtschaftlicher Hinsicht vernachlässigt die
Kiautschou-Verwaltung auch die kulturelle Seite ihrer grossen kolonisatorischen
Aufgabe keinesfalls. Sie betrachtet es als ihr Ziel, die nun seit elf Jahren
unter deutscher Verwaltung stehende Kolonie zu einem Zentrum europäischer,
insbesondere deutscher Kultur in Ostafrika [sic!] auszubauen. Diesem Ziel dient
die in Tsingtau zu errichtende Lehranstalt junger Chinesen, die ihnen nicht nur
eine gründliche Kenntnis der deutschen Sprache vermitteln soll, sondern ihnen
auch Ausbildung (S. 36) in modernen Fachwissenschaften zuteil werden lassen
wird, auf dass sie ihrem Lande nutzbringende Dienste zu leisten vermögen.
Auf der Grundlage einer sechsstufigen Vorbereitungsanstalt für Knaben im Alter
von etwa 13-19 Jahren ruht als Oberbau eine Hochschule mit vier voneinander
getrennten Abteilungen, nämlich einer staatswirtschaftlichen, einer
technischen, einer medizinischen und einer landforstwirtschaftlichen. Hier wird
der Lehrgang 3-4 Jahre währen. Die Leitung dieser gesamten Schule ist
ausschliesslich deutsch, und ebenso wird das deutsche Lehrpersonal von
Deutschland ernannt werden. Die chinesische Regierung zahlt eine nicht gerade
hohe Subvention und entsendet ihrerseits einen Studieninspektor, und ebenso zu
den Abgangsprüfungen einen besonderen Regierungskommissar aus Peking.
Diese rein kulturellen Bestrebungen auf dem Gebiet des Erziehungswesens
werden hoffentlich die Folge haben, dass auch unsere deutschen wirtschaftlichen
Interessen dadurch Förderung erfahren. Von amtlicher Seite wird betont, dass
die von uns zu gewährende Hilfe in der Unterrichtsform für unser Verhältnis
zur chinesischen Regierung geradezu von ausschlaggebender Bedeutung ist.
Ueberdies reichen die deutschen Aufwendungen auch jetzt noch nicht entfernt
an das hinan, was andere Völker in dieser Hinsicht bereits geleistet haben. Auf
dem genannten Wege werden wir naturgemäss auch der chinesischen Regierung in
anderer Hinsicht näher kommen, und hüben wie drüben wird das wechselseitige
Verständnis wachsen.
Koloniale Literatur und Karten
1908/09: Kiautschou.
Adressbuch des Deutschen Kiautschougebiets für 1907-08. 3
Mark.
Denkschrift, betr. die Entwickelung des Kiautschougebiets in
der Zeit vom Oktober 1806 [sic!] bis Oktober 1907. Reichsdruckereim Berlin 1908.
3 Mark.
- betr. die Entwicklung des Kiautschougebietes in der Zeit vom
Oktober 1907 bis Oktober 1908. 85 S., mit 7 Anlagen, darunter 2 Karten. 1909. 3
Mark.
Rohrbach, P. Deutsch-Chinesische Studien. 124 S. 1909. 1,50
Mark.
Stenz, Geo. M. Beiträge zur Volkskunde Süd-Schantungs. 1908.
8 Mark.
Weitere Literatur und Kartennachweise sind in Dietrich
Reimer's Mitteilungen für Ansiedler, Farmer, Tropenpflanzer,
Forschungsreisende, Beamte und Kaufleute enthalten. Jährlich 4 ilusstr. Hefte
à 30 Pfg. Ein Jahrgang mit Porto 1,60 Mark. Zu beziehen durch alle
Buchhandlungen sowie direkt von Dietrich Reimer (Ernst Vohsen), Sort.-Abtlg.,
Berlin
SW. 48.
(1) Anmerkung der Bearbeiter: Tsingtau ist ein
Irrtum; offensichtlich ist an dieser Stelle Tsinan-fu gemeint.
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| Quelle:
Deutscher Kolonial-Atlas mit Illustriertem Jahrbuch 1909, herausgegeben
auf Veranlassung der Deutschen Kolonialgesellschaft, bearbeitet von P.
Sprigade und M. Moisel. Berlin 1909, S. 34ff. |
GM
(digitale Umsetzung) und AG
(Übersetzung) für psm-data
mit freundlicher Unterstützung durch die
Staatsbibliothek
zu Berlin / Preußischer Kulturbesitz

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