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Imperialismus | Kolonialzeit

[P|S|M]

Deutscher Kolonial-Atlas mit Illustriertem Jahrbuch herausgegeben auf Veranlassung der Deutschen Kolonialgesellschaft, bearbeitet von P. Sprigade und M. Moisel. Berlin 1910 - Allgemeine Bemerkungen: Deutsch-Südwestafrika
Deutsch-Südwestafrika (S. 18)
Grösse: 835.100 qkm (= 1 ½ Deutsches Reich).
Die der Küste vorgelagerten Guanoinseln (zwischen 24 Grad 37 und 28 Grad S), sowie das Gebiet der Walfischbai, von Swakopmund nur eine halbe Stunde Weges, sind im Besitz Englands (Kapkolonie), das auch im Süden und Osten unser Nachbar ist, während wir nördlich an portugiesisches Gebiet (Angola) grenzen. Der schmale Landstreifen bis zum Sambesi (oberhalb der Katarakte!) heisst vulgär: "Caprivi-Zipfel".

Bevölkerung: Am 1. Januar 1908: 8213 Weisse, darunter 6215 Deutsche und 1446 Frauen. 1909: 9410 Weisse, darunter 6629 Deutsche, darunter 1358 deutsche Frauen (Die deutsche Kolonialgesellschaft hat von 1898 bis März 1910 fast eintausend deutschen Frauen und Mädchen Beihilfen zur Uebersiedlung in das Schutzgebiet gewährt). Dagegen 1903 Zahl der weissen Bewohner 3815, der Deutschen 2173, der Frauen 670. Die eingeborene Bevölkerung, soweit sie der Verwaltung unterworfen ist, wird auf 63.117 Köpfe geschätzt (ohne Amboland und Caprivi-Zipfel). Die Owambos (ungefähr 60.000), ein Bantustamm im Ambolande, zwischen dem 18. Grad südlicher Breite und dem Kunene sind auf den Farmen, beim Eisenbahnbau und dergleichen geschätzte Arbeiter.

Bodengestalt: In seiner ganzen Ausdehnung ist Deutsch-Südwestafrika eine bis zu 1200 m, anfangs sanft, dann meist steil ansteigende Terrassen-Landschaft, die sich ungefähr 300 km vom Meere binnenwärts zu senken beginnt. Die Breite des wüsten Küstengürtels (Namib) beträgt mehrere Tagesreisen, doch bilden die Täler der größeren Flüsse (Riviere, nach dem Kapholländischen) Oasen. Im Innern befinden sich vereinzelt und unregelmässig verteilt zahlreiche Gebirgszüge, Kuppen und Bergreihen, die um mehrere 100 m über die durchschnittliche Landesoberfläche emporragen (Gneis und Granit). Im Süden das 2000 m hohe Karasgebirge, zwischen Rehoboth und Windhuk das Auasgebirge (2481 m hoch), weiter nördlich der Omatakoberg (2680 m hoch). Nach Osten fällt die Hochebene zu der im Innern 500 m tiefer gelegenen Kalaharisteppe ab, die man sich aber keineswags als unfruchtbar und wüst vorstellen darf.

Bewässerung: Von den Flüssen führen nur der Orange und Kunene, sowie der sich in den Ngamisee ergiessende Okawango das ganze Jahr hindurch fliessendes Wasser, sind aber nicht schiffbar. Auch der in den Oranjefluss mündende Fischfluss versiegt nie ganz. Die übrigen sich in den Atlantischen Ozean ergießenden Flüsse liegen während des größten Teils des Jahres trocken und bilden selbst zur Regenzeit selten ununterbrochene Wasseradern (Swakop, Kuiseb). Quellen befinden sich in größerer Zahl im Hererolande; hier ist auch die Regenmenge bedeutender als in Gross-Namaland. Die Frage der Wassererschliessung, der Staudämme usw. ist die wichtigste des Schutzgebietes. Quellenerschließung durch Bohrkolonnen.

Klima: Das Klima ist im Sommer heiss, aber trocken und gesund. Der Winter ist durchaus gemässigt. Nachtfröste sind im Innern nicht selten. Der Küstenstrich ist gleichmäßig kühl und hat bis 50 km landeinwärts nur Nebelniederschläge. Vorherrschende Winde aus südlicher Richtung, in der wärmeren Jahreshälfte (Oktober-März) auch Winde aus nördlicher Richtung, welche die Hauptregenzeit von Januar bis März verursachen. In Windhuk beträgt die mittlere Jahrestemperatur 20 Grad, im kühlsten Monat, Juli, 19 Grad, im wärmsten, Januar, 25 Grad.

Pflanzenwelt: In dem wüsten Küstengürtel der Namib fehlt fast jeder Pflanzenwuchs. Amboland: rein tropisch (Affenbrotbäume, Palmen usw.). Damaraland: Steppe und Dornbusch mit oasenartigen Hainen von Ana- und Dornbäumen. Namaland: Grassteppe, fast baumlos. Mit künstlicher Bewässerung ist die Kultur von Getreide, Mais, Feigen, Datteln, Tabak usw. möglich. Im Norden Baumwolle.(S. 19)

Tierwelt: Küstengewässer fischreich, auf den vorgelagerten Inseln Wassvögel (Guanolager). Im nördlichen Teile eine rein tropische Fauna (Grosswild, wie Elefanten und Giraffen, Raubtiere, Affen). Damaraland ist mehr für Grossviehzucht, Namaland für Kleinvieh geeignet. Ergebnisse der Viehzählung: Rindvieh 1909: 96.000, 1908: 73.000, 1903: 90.385, Fleischschafe 1909: 281.000, 1908: 193.000, 1903: 182.541, Wollschafe 1909: 20.000, 1908: 12.000, 1903: 4.201, Angoraziegen 1909: 4.500, 1908: 4.000, 1903: 3.391, gewöhnliche Ziegen 1909: 238.000, 1908: 156.000, 1903: 156.727, Pferde 1909: 8.300, 1908: 6.500, 1903: 5.265; alles ohne die im Besitz der Schutztruppe befindlichen Tiere.

Mineralien: Bei Karibib anscheinend guter Marmor. Im Otawi-Gebiet, bei Gorob und an noch einigen Stellen die Ausbeute lohnender Kupferlager. Wert der 1908 verschifften Mineralien rund 7 Millionen Mark. Bei Lüderitzbucht sind in den Sanddünen der Namib seit Sommer 1908 zahlreiche Diamanten gefunden worden, zumeist im Gewicht von weniger als ein Karat, aber auch bis zu drei Karat.

Handel: Eingeführt werden fast alle Gegenstände des europäischen Marktes, insbesondere Getränke, Tabak, Kaffee, Zucker, Konserven, Mehl, Reis, Bekleidungsstücke.
Ausgeführt werden Viehhäute, Rindvieh, Kleinvieh, Kupfer, Hörner, Straussenfedern, Harze, Gerbstoffe, Guano (Cap Cross). Werte der Ein- und Ausfuhr siehe Tabelle auf Seite 5 und 6.

Verkehrswesen. Schiffsverkehr: Die Reede von Swakopmund wurde 1908 von 191 Dampfern mit 593.000 Reg. Tons, der Hafen von Lüderitzbucht von 145 Dampfern mit rund 525.000 Reg. Tons angelaufen. Die überwiegende Mehrheit waren Deutsche, während im Vorjahre noch nahezu ein Drittel unter englischer Flagge fuhr. Im Jahre 1907/08 (April bis März) kamen in Swakopmund an 2441 Personen (ohne Schutztruppe), fuhren ab 1592 Personen (ohne Militär); in Lüderitzbucht im gleichen Zeitraum ankommend 1373, ausgehend 1489. Ueberfahrtspreis: Woermannlinie Hamburg-Swakopmund I. Klasse 602,50 M., II. Klasse 402,50 M., Zwischendeck 252,50 M.
Landverkehr: Verkehrsmittel im Innern für Personen und Frachten ist der Ochsenwagen; mit 10 bis 20 Ochsen bespannt, legt er täglich mit Lasten von 30 bis 50 Zentnern 18 bis 35 km zurück. Zwischen Swakopmund und Windhuk besteht seit Juli 1902 eine 60 cm-spurige Feldbahn (382 km). Bahn Swakopmund-Otawi bis Tsumeb (570 km), im September 1906 fertiggestellt; davon abzweigend Linie Otawi Grootfontein, erbaut 1908 von der South West Afrika Company, 93 km, 60 cm-Spur; wöchentlich zwei Züge; täglich ein Zug zwischen Swakopmund und Karibib, dreimal wöchentlich zwischen Usakos und Tsumeb. Strecke Lüderitzbucht-Keetmanshoop seit Juli 1908 in Betrieb. Im Jahre 1908 fertiggestellt Zweigstrecke von Seeheim unweit Keetmanshoop südlich bis Kalkfontein (183 km). Vom Reichstage bewilligt 1910: Verstaatlichung der Otawibahn, Ausbau der Strecke Karibib-Windhuk, Neubau der Nord-Südbahn Windhuk-Keetmanshoop. Neuerlich gelungene Transportversuche mit Kamelen und zweifelhaftere mit Kraftwagen.
Post und Telegraphie: Ende 1908: 66 Anstalten, darunter 34 mit Telegraphenbetrieb und 12 mit Ortsfernsprecheinrichtungen; 3.157 km Telegraphenleitungen und 246 km Seekabel. Verkehr 1908: 5.866.300 Briefsendungen, 171.765 Postanweisungen mit 32.620.947 M., 91.078 Pakete, 844.190 Zeitungsnummern, 269.135 Telegramme, 886.521 Gespräche. Postverbindungen: fünfmal monatlich, Beförderungsdauer 20-26 Tage. Telegrammgebühr für das Wort 2,75 M.

Verwaltung: An der Spitze der Gouverneur (zurzeit v. Schuckmann), Sitz des Gouvernements: Windhuk. Das Schutzgebiet zerfällt in die Bezirke bezw. Distrikte: Keetmanshoop, Lüderitzbucht, Maltahöhe, Warmbad, Hasuur, Gibeon, Rehoboth, Gobabis, Windhuk, Swakopmund, Karibib, Okahandja, Omaruru, Grootfontein, Outjo, Okaukuejo und Zessfontein. Dazu die Residentur Caprivizipfel. Die Bergbehörde befindet sich in Windhuk. (Neue Bergverordnung seit 1. Januar 1906 in Kraft. Spätere Sonderabkommen mit den einzelnen Gesellschaften). Durch Reichskanzlerverordnung vom 28. Januar 1909 ist für Deutsch-Südwestafrika die Selbstverwaltung eingeführt worden durch Einrichtung von Gemeindeverbänden (Windhuk, Swakopmund und Lüderitzbucht, Keetmanshoop, Karibib, Omaruru, Okahandja, Tsumeb, Warmbad und Usakos), Bezirksverbände und des Landesrats.





Quelle: Deutscher Kolonial-Atlas mit Illustriertem Jahrbuch 1910, herausgegeben auf Veranlassung der Deutschen Kolonialgesellschaft, bearbeitet von P. Sprigade und M. Moisel. Berlin 1910, S. 18f

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