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Imperialismus | Kolonialzeit

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Deutscher Kolonial-Atlas mit Illustriertem Jahrbuch herausgegeben auf Veranlassung der Deutschen Kolonialgesellschaft, bearbeitet von P. Sprigade und M. Moisel. Berlin 1910 - Rückblick auf die Entwicklung des Schutzgebietes Deutsch-Ostafrika im Jahre 1909
Rückblick auf die Entwicklung des Schutzgebietes Deutsch-Ostafrika im Jahre 1909.

Am 1. Januar 1909 wurden in Deutsch-Ostafrika 3387 Weisse gezählt. Die Zunahme von 542 gegen das Vorjahr ist zu erklären in der Hauptsache mit dem wiederaufgenommenen Eisenbahnbau. Im Norden wurde die Usambarabahn über Mombo hinaus weitergeführt und die Zentralbahn landeinwärts von Morogoro.
Aber auch die schwarze Bevölkerung hat zugenommen, wenigstens wollen das übereinstimmend alle Bezirksämter festgestellt haben. Eingeborene, die in den Aufstandsjahren 1905 und 1906 abgewandert waren, sind zurückgekehrt; im Lindi-Bereich beispielsweise 10.000 Leute. Auch die Aufständischen des Bezirkes Mahenge haben zum grössten Teil ihre alten Wohnstätten wieder aufgesucht, und ebenso dauert der Rückzug in den Bezirk Langenburg nach wie vor an.
Der amtliche Bericht glaubt, dass die vom Gouvernement eingeleiteten hygienischen Massnahmen allmählich anfangen, eine günstige Wirkung auf den Gesundheitszustand und damit auf die Vermehrung der Bevölkerung auszuüben. Bedauerlicherweise hat im Nordwesten der Kolonie die Schlafkrankheit immer mehr an Ausdehnung gewonnen, und sogar Europäer sind von ihr befallen worden. Nicht nur die Ufer des Victoriasees, sondern auch die Hauptplätze des Tanganjikasees sind verseucht; die Bekämpfung der Schlafkrankheit ist erschwert, weil, wie in Togo, die Bevölkerung sich dagegen sträubt, in den Isolierungslagern untergebracht zu werden. So haben ja auch bei uns einzelne Schichten eine Abneigung dagegen, sich im Krankheitsfalle in ein Hospital zu begeben. Im Reichstage war man angesichts der Schlafkrankheitsgefahr allgemein der Meinung, dass die im Etat aufgewendeten Mittel nicht zureichten, um nachhaltig der Seuche entgegen zu treten.
An besonderen Ereignissen ist zu erwähnen, dass im Hinterlande des Bezirks Lindi eine Langerstätte von Ueberresten riesiger Dinosaurier entdeckt und durch eine wissenschaftliche Expedition ausgebeutet wurde, dass im August 1908 und im Februar 1909 je ein leichtes Erdbeben stattfand, durch welches aber keinerlei Schaden angerichtet wurde.
Die Produktion der Eingeborenen, auf die von amtlicher Seite sonst grosser Wert gelegt wurde, ist im Berichtsjahre zurückgegangen, zum Teil wegen des Preisfalles der Hauptprodukte. Die Wachsausfuhr hat abgenommen, der Kautschukexport hat einen Rückgang erfahren, auch mit der Baumwolle ist nicht überall günstig ausgegangen, obwohl der Neger in einzelnen Distrikten sich bewusst wird, dass er durch dieses hochwertige Produkt für seine Wirtschaft besondere Vorteile erzielt. In Useguha heisst man Baumwolle "Mali", wörtlich "Vermögensstück" und setzt es dem Bargeld und dem Vieh gleich, und allenthalben spielt Baumwolle die Rolle des Steuererzeugnisses, deckt sie doch den Bargeldbedarf des Negers für die Hüttensteuer, die in Deutsch-Ostafrika für den Kopf (s. 25) auf das Jahr M. 4.- beträgt und im Jahre 1908 mit 2.854.000 M. 854.000 M. über das Etats-Soll erbracht hat. Die europäischen Pflanzungen, die sich für Baumwolle interessieren, bevorschussen den Anbau der Neger im weitesten Maße. Die Leipziger Baumwollspinnerei in Sadani hatte 1908 etwa 4500 Rps. als Vorschüsse ausgegeben und 1909 ungefähr 10.000 Rps. dafür angesetzt. Es zeigt sich auch hier, dass der Neger aus dem Beispiel und der Anregung der Europäer lernt. Er gewöhnt sich daran, für seine eigene Feldarbeit europäische Werkzeuge zu verwenden, und in einzelnen Gegenden ist er sogar dazu gekommen, die Düngung zu verwerten.
Sonst ist seine Wirtschaft von vornherein auf den eigenen Bedarf abgestimmt. Wenn er eine Schambe anlegt, so dehnt er sie kaum weiter aus, als seine Bedürfnisse zu berechnen sind. Ein anderweitiger Erwerb durch Verkauf von pflanzlichen Erzeugnissen könnte ihm wohl Bargeld verschaffen, aber was soll er damit anfangen, wenn er sich nicht Nahrungsmittel genug kaufen kann. Wo Verkehrswege vorhanden sind, sind die gesamten Verhältnisse erleichtert; wo indessen eine Zufuhr oder Absatzmöglichkeit stockt oder mit Hindernissen zu kämpfen hat, wird ein Anbau über den eigenen Bedarf hinaus fast zur Unmöglichkeit gemacht. Immerhin steht heute der Neger schon ganz bedeutend und tiefgreifend unter dem Einfluss europäischer Wirtschaft. Früher war er dazu fähig, sich Feuer durch Reibung zweier Hölzer zu bereiten; seitdem die billigen Zündhölzer in einem sehr grossen Teile der Kolonie verbreitet sind, sind die Kunstgriffe der Väter zur Erzeugung des Feuers nach der Urvölker Weise bei den Söhnen in Vergessenheit geraten.
Im ganzen gewöhnt sich der ostafrikanische Neger daran, bei der Eisenbahn oder in Pflanzungen Arbeit zu suchen, um Bargeld zu erwerben. Die Arbeiterverhältnisse werden für das Berichtsjahr als gebessert bezeichnet. Wenn als Zahl der sich Meldenden 50.000 Mann angegeben werden, so ist das im Vergleich mit anderen Kolonien nicht hoch, z.B. haben nach amtlicher Feststellung allein die Jaunde in Kamerun aus einer Zahl von höchsten 60.000 Männern annähernd 40.000 als Träger und Plantagenarbeiter aufgebracht.
In den europäischen Unternehmungen macht sich eine sehr beträchtliche Zunahme der Kaffeeausfuhr bemerkbar, und es steht zu erwarten, dass die inzwischen bewilligte Verlängerung der Usambara-Bahn bis Moschi noch weiter günstig auf die Kaffeeausfuhr einwirken wird. Gestiegen ist ferner der Export von Sisal, und er deckt von dem bedarf des Mutterlandes schon mehr als ein Viertel. Kautschuk litt unter dem niedrigen Stande des Weltmarktpreises und dürfte demgemäss am Ende des Jahres 1909, wo die Preise wieder anzogen, eine günstige Entwicklung gewährleisten. Noch mehr danieder liegt die Viehzucht am Victoriasee, sodass die Ausfuhr von Häuten und Fellen ganz beträchtlich zurückgegangen ist.
Bessere Aussichten als man erwarten durfte, eröffnen sich für die Besiedlung. Im Beirke Moschi sassen 37 Buren, 8 Reichs-Deutsche, 8 Deutsch-Russen, 3 Engländer, 1 Grieche. Sie bauen Reis, Kaffee und Manihot ausser eigenen Bedarfsartikeln und züchten Vieh. Neuerlich ist, durch englisches Vorbild aus der Nachbarkolonie angeregt, die Aufmerksamkeit auf dei Wollschafzucht gerichtet worden; doch lässt sich naturgemäss noch nicht absehen, ob auch unser Schutzgebiet dafür geeignete Flächen und sonstige Vorbedingungen bietet. (S. 26)
Die ganze Frage der Besiedlung hat Klärung erfahren durch eine Expedition, die mit auserlesenen fachmännischen und wissenschaftlichen Begleitern der Unterstaatssekretär im Reichs-Kolonialamt, Herr von Lindequist, im Jahre 1908/09 unternahm. Leider ist bisher  über die Ergebnisse dieser Fahrt wenig bekannt geworden. Herr von Lindequist hat einzig in der Budget-Kommission, also nicht öffentlich, mitgeteilt, was er von einer weissen, einer deutschen Besiedlung Deutsch-Ostafrikas erwartet. Sie ist bisher vor sich gegangen nicht nur ohne, sondern sozusagen wider den Willen der Verwaltung. Beispielsweise haben von 1907 auf 1908 die beiden Bezirke Wilhelmstal und Moschi um 110 weisse Einwohner zugenommen. Sie wird noch mehr an Umfang gewinnen, wenn erst, wie es der Reichstag im Frühjahr 1910 angenommen hat, die Usambarabahn die hauptsächlich zur Siedlung geeigneten Gegenden am Kilimandscharo und Meru erreicht haben wird. Raum ist noch für viele vorhanden: An den Abhängen der Vulkane Kitumbeine, Gelei, Meandet und Mondul werden sich europäische Viehfarmer ansiedeln können und ebenso ist in den Gebieten westlich vom Grabenrand viel gutes Weideland vorhanden.
Die Spannung, die früher zwischen Ansiedlerschaft und Gouvernement vorhanden war, hat, wie mit Freuden festzustellen ist, nachgelassen. Man hat es im Schutzgebiet auch ohne weiteres hingenommen, dass am 1. April 1909 die kommunalen Verbände bis auf die Stadtbezirke Daressalam und Tanga zu bestehen aufgehört haben.
Ein kleiner Vorgang kann vielleicht als Symptom der ganzen Entwicklung angesehen werden: Die seinerzeit als Versuchsstation angelegte Domäne Kwei, die durch Ackerbau und Viehzucht unter einem tüchtigen Pächter gute Erfolge erzielt hatte, ist diesem bisherigen Pächter verkaufsweise überlassen worden. So wird in Deutsch- (S. 27) Ostafrika mehr als bisher Privatwirtschaft ersetzen, was vorher mit staatlicher Unterstützung in die Wege geleitet wurde. So werden sich in den durch günstiges Klima ausgezeichneten Höhenlagen immer mehr Deutsche ansetzen. Man braucht diese Entwicklung nicht zu ermutigen, aber man soll sie auch nicht von massegebender Stelle entmutigen


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Quelle: Deutscher Kolonial-Atlas mit Illustriertem Jahrbuch 1910, herausgegeben auf Veranlassung der Deutschen Kolonialgesellschaft, bearbeitet von P. Sprigade und M. Moisel. Berlin 1910, S. 24ff.

GM (digitale Umsetzung) und AG (Übersetzung) für psm-data
mit freundlicher Unterstützung durch die
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