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Imperialismus | Kolonialzeit

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Deutscher Kolonial-Atlas mit Illustriertem Jahrbuch herausgegeben auf Veranlassung der Deutschen Kolonialgesellschaft, bearbeitet von P. Sprigade und M. Moisel. Berlin 1910 - Rückblick auf die Entwicklung des Schutzgebietes Togo im Jahre 1909
Rückblick auf die Entwicklung des Schutzgebietes Togo im Jahre 1909.

Mit 330 weissen Bewohnern begann das Schutzgebiet das Berichtsjahr. Die sehr starke Zunahme erklärt sich mit der Zuwanderung infolge des Baues der Eisenbahn Lome-Atakpame. So hatte die weisse Bevölkerung auch eine starke Vermehrung erfahren, als im Jahre 1905 die Bahn Lome-Palime begonnen wurde; die Zahl der Ingenieure und Techniker hat also besonders zugenommen.
Aber auch die übrigen Bevölkerungsteile haben eine Vermehrung erfahren dank der günstigen wirtschaftlichen Lage der Kolonie. Zwar kennen wir die Zahlen der Wirtschafts- und Handelsstatistik für das Jahr 1909 noch nicht. Da aber sogar in dem wenig günstigen Jahr 1908 Einfuhr und Ausfuhr einen beträchtlichen Aufschwung genommen haben, ist das sicherlich im Berichtsjahre noch mehr der Fall gewesen, zumal die für die Hauptlandesprodukte erzielten Preise gut waren.
Ueber die Ergebnisse der europäischen Pflanzungs-Unternehmungen ist besonderes nicht zu bemerken; namhafte Gewinne hat keine Gesellschaft erzielt.
Die Bautätigkeit in den Hauptplätzen kann als ein Zeichen stetiger Weiterentwicklung gedeutet werden. Nicht nur in Lome und Anecho sind neue Faktoreihäuser und grössere Gebäude entstanden, sondern auch in inneren Plätzen wie Atakpame, Palime und Ho. Dabei ist erfreulicherweise festzustellen, dass auch die Eingeborenen immer mehr Häuser nach europäischem Vorbild anlegen. So hat ein Farbiger ein grosses Wohnhaus mit Laden und Lagerraum errichtet, das auf längere Jahre an eine französische Firma verpachtet wurde.
Das wird sich immer weiter ins Hinterland ausdehnen mit dem Fortschreiten der Eisenbahn. Von amtlicher Seite wird mit Recht darauf hingewiesen, dass die Völkerstämme im Innern Togos produktionswillig sind, dass ihnen aber infolge des Mangels an billigen Transportmitteln heute jede Absatzmöglichkeit fehlt, dass sie also des Anschlusses an den Weltmarkt ermangeln. Die Vollendung der Strecke Lome-Atakpame wird das zu einem Teil wettmachen, indessen muss schon heute die Forderung einer Weiterführung über Bassari, Banjeli usw. erhoben werden. Dann werden, wie schon in den letzten Jahren, die eingeborenen Bauern auch in den entlegenen Landesteilen ihre Kulturen intensiver gestalten und ausdehnen.
Mit dem Bau der neu bewilligten Bahn Lome-Atakpame war am 7. September 1908 begonnen worden. Die Arbeiten sind gleichmässig fortgeschritten. Die Einnahme der gesamten Verkehrsanlagen, nämlich der Landungsbrücke, die um ein bedeutendes Stück verlängert wurde (Abnahme erfolgte am 27. Januar 1909), der Küstenbahn und der Linie Lome-Palime sind im Jahre 1908 und in der ersten Hälfte von 1909 (spätere Zahlen liegen noch nicht vor) recht günstig gewesen und haben den Jahres-Mindest-Pachtzins von 306.500 Mark beträchtlich überschritten. (Siehe oben.)
Beim Bau der neu bewilligten Strecke begann man mit 200 Arbeitern und schritt fort bis zu 2000. Die Arbeiter stellte das Gouvernement der Bauleitung. Daraus erklärt sich sein Interesse, ständig durch Arbeiterkommissare überwachen zu lassen, ob sie gerecht und anständig behandelt werden. Die Farbigen haben sich rasch daran gewöhnt, den Arbeitskommissar, als welcher ein der Ewe-Sprache vollkommen mächtiger Gouvernementssekretär ernannt wurde, als ihren Anwalt zu betrachten. Sie fanden Schutz gegen Uebergriffe, mussten es aber auch hinnehmen, wenn träge und unbotmässige unter den Farbigen bestraft wurden. Das Angebot von Arbeitern war zu allen Zeiten ausreichend und lies nur nach, wenn die Farmenarbeit der Eingebornen die Schwarzen in Anspruch nahm.
Die Togoneger sind ein besonders hervorragendes Material, so dass die Verwaltung in der Lage ist, aus ihrer Reihe auch Beamtenpersonal zu wählen. Im Bureau-, Zoll- und Sanitätsdienst, für die Arbeiten in der Druckerei und im Schulwesen werden in dieser Kolonie eine Anzahl von Farbigen verwendet. Durch eine Verordnung sind (S. 13) ihre Verhältnisse geregelt und festgelegt worden. Sie bekommen recht verlockende Gehälter, erhalten nach Ablauf einer fünfjährigen Dienstperiode eine Prämie von zweihundert Mark und erwerben durch eine 25jährige Dienstzeit Anspruch auf eine einmalige Zahlung von tausend Mark.
Die Entwicklung des Baumwollbaues, der in Togo fast ganz auf Eingebornenkultur beruht, ist eine erfreuliche gewesen, insofern, als der Fortschritt der letzten Jahre auch in 1909 angehalten hat. Schon die Ausfuhr des Jahres 1908 im Gewicht von 419.000 kg hatte einen Wert von über 366.000 Mark gehabt. Die erwartete Steigerung in der Produktion der Oelpalme ist gleichfalls eingetreten. Die Verwaltung hält es aber dennoch für nötig, die Lebensbedingungen dieses Baumes studieren zu lassen, um Versuche zur Verbesserung seiner Kultur vorzunehmen. Doch hat sich dazu bisher noch keine geeignete Persönlichkeit gefunden.
Leider ist in den Bezirken Misahöhe und Kete-Kratschi die Schlafkrankheit aufgetreten, so dass deutsche Aerzte in die bedrohte Gegend gezogen werden mussten. Es ist leider wahrscheinlich, dass die Eingeborenen die Krankheit absichtlich verheimlichen, weil es ihnen unsympathisch ist, wenn die davon Befallenen isoliert werden. Im übrigen waren die Gesundheitsverhältnisse der Europäer wie Eingeborenen befriedigend. Das gilt besonders auch für die beim Bahnbau tätigen Europäer und Eingeborenen. Ja, man kann den Gesundheitszustand beim Eisenbahnbau sogar als andauernd gut bezeichnen. Es sind nur sechs Farbige gestorben, und unter den Europäern waren nur wenige Malariaerkrankungen zu verzeichnen. Das ist in der Hauptsache wohl darauf zurückzuführen, dass das Gouvernement auf die Baufirma eingewirkt hat, dass sie einen Zahnarzt anstellte und Krankensammelstellen einrichtete. - Alles in allem, zur Mitwirkung an unserer Kolonisationsarbeit werden in dieser Kolonie auch die Farbigen im weitesten Maße mit herangezogen


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Quelle: Deutscher Kolonial-Atlas mit Illustriertem Jahrbuch 1910, herausgegeben auf Veranlassung der Deutschen Kolonialgesellschaft, bearbeitet von P. Sprigade und M. Moisel. Berlin 1910, S. 12f

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