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Imperialismus | Kolonialzeit

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Deutscher Kolonial-Atlas mit Illustriertem Jahrbuch herausgegeben auf Veranlassung der Deutschen Kolonialgesellschaft, bearbeitet von P. Sprigade und M. Moisel. Berlin 1911 - Rückblick auf die Entwicklung des Schutzgebietes Deutsch-Südwestafrika im Jahre 1910
Rückblick auf die Entwicklung des Schutzgebietes Deutsch-Südwestafrika im Jahre 1910

Nach den schweren Kämpfen des Jahres 1904/07 erfreut sich das Schutzgebiet des andauernden Friedens, der auch durch einige notwendige Unternehmungen gegen farbige Aufrührerbanden im Süden nicht ernstlich bedroht werden konnte. Die Hereros verhielten sich durchaus friedfertig. Das eigentliche Ambo-Land blieb dem Verkehr aber immer noch verschlossen. Die tatkräftige Hilfe durch die Regierung während der Hungersnot 1908/09 hat den Owambos aber ein gewisses Vertrauen eingeflößt. Im Caprivizipfel wurden durch den Residenten mit den Häuptlingen Schutzverträge abgeschlossen. Das Verhältnis des Residenten zu den benachbarten englischen Behörden war stets ein gutes.

Die Schutztruppe betrug nach ihrem Etat 2431 Köpfe. Sie hat in reger Weise an der Förderung des Verkehrswesens mitgewirkt. So hat sie den Oberbau der Bahnstrecke Seeheim-Kalkfontein verlegt. Technisch ausgebildete Offiziere haben bei der Trassen-Auswahl der Nord-Südbahn mitgeholfen. Mehrere hundert Kilometer neuer Telegraphenlinien und viele Wege-Anlagen sind durch die Truppe gebaut worden. Auch an karthographischen Aufnahmen ist die Truppe beteiligt gewesen.

Die weiße Zivilbevölkerung des Schutzgebietes betrug 1910 am 1. Januar 10.644.

Die Zunahme gegen das Jahr vorher betrug 1234 und zwar 531 Männer, 190 Knaben, 347 Frauen und 166 Mädchen unter 15 Jahren. Unter der Zivilbevölkerung befanden sich 7935 Deutsche, die übrigen sind Angehörige vieler Herren Länder. Bemerkenswert ist die Zunahme der Kolonial-Engländer, deren 1910 am 1. Januar 1483 gezählt wurden.

Die gesamte farbige Bevölkerung des Schutzgebietes ohne das Amboland und den Caprivizipfel wird auf 68.923 Köpfe geschätzt. Durch die Vorliebe der Eingeborenen für die großen Städte machte sich namentlich im Süden auf den Farmen ein Mangel an Arbeitern fühltbar.

Die Owambos sind als Farmarbeiter wenig geeignet. Sie arbeiten lieber in geschlossenen Trupps. Daher findet man sie auf den Diamantfeldern, wo sie auch besser bezahlt werden. 4422 Owambos wurden auf dem Durchmarsch in Ontjo gezählt. Zur Minenarbeit geben sich die meisten Eingeborenen nur mit Widerwillen her.

Die zum Arbeiterschutz gegebenen Eingeborenen-Verordnungen haben sich gut bewährt. Die Eingeborenen wissen über ihre Rechte und Pflichten jetzt Bescheid.

Die Malaria, die durch das ungemein reiche Regnen des Vorjahres heftig aufgetreten war, zeigte sich auch im letzten Jahre noch häufig bei Weißen und Farbigen. (S. 23) Sie wurde mit Erfolgt durch Chinin bekämpft, das die Regierung kostenfrei liefert. In Lüderitzbucht kamen 34 Typhusfälle und mehrere Erkrankungen an Ruhr und Dysenterie vor. Der Skorbut hat auf den Diamantfeldern die arbeitenden Owambos häufig befallen, unter den übrigen Eingeborenen is er gegen früher sehr zurückgegangen.

Die Verwaltungsgeschäfte erfuhren große Vermehrung durch die Einrichtung der Selbstverwaltung, die Zunahme der Besiedlung und die Diamantenfunde. Die Bekämpfung des Diamanten-Diebstahls und -Schmuggels erfordert allein schon zahlreiche Kräfte. Es wurde eine besondere Bergbehörde für den Süden in Lüderitzbucht und eine Bergpolizeibehörde in Swakopmund errichtet. Die Polizei mußte im letzten Jahre um 250 Mann verstärkt werden. Sie ist auf 105 Stationen, 4 Depots, 2 Offiziersposten und die Inspektion verteilt.

Die Einrichtung des Landesrats, der Bezirksräte und der Gemeindeselbstverwaltungen an einigen Orten haben bei der Wahl der Mitglieder zu diesen Körperschaften einen gewissen Gegensatz der verschiedenen Berufs- und Interessenkreise zu Tage gefördert, das früher noch nicht zu Tage getreten war.

Die Grund- und Umsatzsteuer wurde ebenfalls im verflossenen Jahre eingeführt. Einen erheblichen Fortschritt hat die Anlegung der Grundbücher und Landregister aufzuweisen. Es waren 1910 am 1. Januar 1246 Grundbuchblätter und 539 Landregisterblätter angelegt.

Das evangelisch-kirchliche Leben blüht in Deutsch-Südwestafrika immer mehr auf. Nach jahrelangem Daniederliegen, das sich durch die Gründung und Eroberung der Kolonie erklären läßt, obwohl die katholische Kirche auch in diesen Zeiten rüstig an der Arbeit war, haben wir jetzt in Südwestafrika bereits 8 Kirchengemeinden der Weißen mit staatlich angestellten oder doch in Bälde zu erwartenden Pfarrern. Gouverneur Leutwein hatte die erste Gemeinde 1896 in Windhuk gegründet, Gouverneur Lindequist gab 1906 den Anstoß zur Gründung der Gemeinde Swakopmund, Gouverneur von Schuckmann regte die Gründung der Gemeinde Lüderitzbucht 1909 an und bald entstanden auch Karibib, Omaruru, Grottfontain und Keetmanshoop. Unter Schriftleitung des Swakopmunder Pfarrers Hasenkamp wird vom 1. Januar 1911 an ein monatlich erscheinendes "Evangelisches Gemeindeblatt für Deutsch-Südwestafrika" herausgegeben, in dem sich das kirchliche Leben widerspiegeln soll.

Auch das Schulwesen ist in kräftiger Aufwärtsbewegung. In 15 Schulen des Schutzgebietes werden 470 weiße Schüler unterrichtet. An der Realschule in Windhuk wurde die Quinta mit 14 Schülern eröffnet.

Die Tätigkeit der Missionen beider Konfessionen bewegte sich in dem bewährten Rahmen. Die deutsche Sprache wird in den Missionsschulen bewußt gefördert.

Die wirtschaftliche Lage des Schutzgebietes hat sich zwar nicht besonders gehoben, doch zeigt sie eine nach aufwärts gerichtete Stetigkeit, die zu guten Hoffnungen berechtigt. Die in Windhuk abgehaltene Landesausstellung gab ein erfreuliches Bild, was Farmer, Industrielle und Gewerbetreibende in der kurzen Friedenszeit geleistet haben.

Die Entwickelung des durch die Diamantfunde bedingten Wirtschaftslebens muß als eine besondere Erscheinung für sich bewertet werden. Von dauernder allgemeiner Bedeutung ist dabei das Entstehen einer Anzahl von Diamantbaubetriebe, die über 200 Weißen und 2000 Farbigen dauernden Erwerb bieten und dadurch die kaufmännischen Betriebe in Lüderitzbucht gehoben haben.

Besondere Aufmerksamkeit wurde der Wassererschließung zugewandt, und hierin sind große Fortschritte zu verzeichnen.

Das sog. Katarrhalfieber verursachte namentlich unter den Fettschwanzschafen des Südens große Verluste. Dazu kommt noch die Pockenseuche, so daß ein schwerer Rückschlag in der Wollschaftzucht zu verzeichnen ist.

An Farmen wurde im verflossenen Jahre von der Regierung nur 88 verkauft. Am 1. April 1910 standen insgesamt 1081 Farmen im Privatbesitz, von denen 69 gepachtet waren. Das letzte Jahr war für die Farmwirtschaft günstig.

Der Viehbestand hat wieder eine erhebliche Zunahme erfahren. Es sind jetzt in runden Zahlen vorhanden: 121.000 Rinder, 345.000 Fleischschafe, 30.000 Wollschafe, 8123 Angoraziegen, 319.500 Ziegen, 10.700 Pferde und 5200 Schweine.

Die Diamantförderung betrug 656.710 Karat. Der Gesamtwert der Förderung war rund 20.000.000 Mark, wovon der Fiskus für 3.000.000 gefördert hatte. Im Otawitale wurden 158 Tonnen Vanadin-Erze (Mottramit) gewonnen, ferner Bleiglanze, Kupferglanz. An Erzen wurden dort 48.672.935 t gefördert, von denen 14.175.520 t am Orte verhüttet wurden. Diese letzteren ergaben 3.142.715 t Kupferstein und 2.754.755 t Werkblei. 

(S. 24) Die Verkehrseinnahmen auf der Staatsbahn Swakopmund-Windhuk betrugen im letzten Betriebsjahre 1.986.489 M., diejenigen der Otavi-Eisenbahn im Rechnungsjahre 1909/10 3.232.384 M., d.i. über 1 Million Mark weniger als im Vorjahre.

Die Bahn Otawi-Grootfontain hat im Jahre 1909/10 erst ihre Fahrten begonnen. Sie hat zwar 120.132 M. eingenommen, die Ausgaben betrugen aber 126.947 M., so daß hier noch ein Fehlbetrag zu verzeichnen ist.

Der Bahnbau Keetmanshoop-Windhuk (Nordsüdbahn) und der Umbau Windhuk-Karibib sollen spätestens am 1. April 1912 in Kapspur benutzbar und 1913 völlig fertig sein. Am 1. April 1910 waren 73 Post- und Telegraphenanstalten im Schutzgebiet vorhanden.

Die Einfuhr Deutsch-Südwestafrikas betrug im letzten Jahre 34.713.000 M., die Ausfuhr 22.070.000 M., so daß der Gesamthandel


56.784.000 M. betrug.


Quelle: Deutscher Kolonial-Atlas mit Illustriertem Jahrbuch 1911, herausgegeben auf Veranlassung der Deutschen Kolonialgesellschaft, bearbeitet von P. Sprigade und M. Moisel. Berlin 1911, S. 22f

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