Startseite Grundlagen Antike Mittelalter Frühe_Neuzeit 18/19Jh/International18/19Jh/Deutschland20Jh/International20Jh/Deutschland Länderverzeichnis Neue_EinträgeForum1GästebuchSuche Impressum
 
Primaerliteratur
Imperialismus | Kolonialzeit

[P|S|M]

Deutscher Kolonial-Atlas mit Illustriertem Jahrbuch herausgegeben auf Veranlassung der Deutschen Kolonialgesellschaft, bearbeitet von P. Sprigade und M. Moisel. Berlin 1914 - Die Entwicklung Deutsch-Ostafrikas im Jahre 1913
Die Entwicklung Deutsch-Ostafrikas im Jahre 1913.

Deutsch-Ostafrika ist im Berichtsjahre ruhig gewesen. Trotzdem an der portugiesischen Grenze unruhige Elemente es leicht haben, über den Rovuma zu setzen, ist der Landfriede nirgends gestört worden. Freilich sind in diesem Schutzgebiet, das doppelt so groß ist als das Mutterland, in abgelegenen schwer zugänglichen Gegenden, besonders im Gebirge, die Eingeborenen wenig an die Europäer gewöhnt und daher teilweise scheu und widerspenstig. Doch sind in 1913 Ueberfälle auf Karawanen nirgends zu verzeichnen gewesen. Das ist ein sehr gutes Zeichen für die Tätigkeit und den Ruf unserer Schutztruppe.
Erfreulich für die eingeborene Bevölkerung ist der Umstand, daß es uns geglückt ist, am Victoria-See die Schlafkrankheit zum Stillstand zu bringen. Die Bekämpfung der Schlafkrankheit hat hier und da kleine Verschiebungen der Eingeborenen erforderlich gemacht, um stark verseuchte und vorläufig nicht zu gesundende Gebiete zu sperren. Sonst sind an vielen Stellen farbige Neusiedlungen entstanden, beispielsweise längs der Tanganjika-Bahn.
Zum ersten Mal seit langer Zeit erfahren wir Näheres über die Zahl der Inder in der Kolonie. Die Statistik hat ihre Zahl mit weniger als 9000 ermittelt, wovon etwas mehr als die Hälfte, jedenfalls noch nicht 5600, Männer sind. Ob das folgende vom amtlichen Bericht hierzu Bemerkte nicht zu optimistisch aufgefaßt ist, wird die Zeit lehren: "Diese verhältnismäßig geringe Zahl, verglichen mit der Bevölkerung von 7 1/2 Millionen, die auf einem Areal wohnen, das beinahe doppelt so groß wie Deutschland ist, beweist, daß die landläufigen Klagen, Deutsch-Ostafrika sei bereits durch Inder "überschwemmt", keineswegs stichhaltig sind. Die mohammedanischen Inder sind teils Meman (Sunniten der hamitischen Richtung), teils Thenaschiri (persische Nationalkirche Schiiten), teils Kodja Ismaili (extreme, noch Mohammedaner zu nennende Schiiten), teils Bohoro (Schiiten, und zwar Mustaliten). Die heidnischen Inder sind Hindu, Buddhisten, Sikhs, Animisten und dergleichen. Die jüdischen Inder (fast alle Flottilen usw. Handwerker) gehören zu dem Bann Israel aus Bombay, den früheren sogenannten verwilderten kriegerischen Juden Afghanistans. Was die unter Araber usw. geführten Zahlen anbetrifft, so läßt sich bei der seit Jahrhunderten stattgehabten Vermischung dieser Stämme untereinander und mit den Eingeborenen nicht immer scharf unterscheiden, (S. 34) wer als Araber usw. und wer als Suaheli, also als Eingeborener zu zählen ist. Dabei entscheidet vielfach Religion und bessere Lebenshaltung. Natürlich gibt sich jeder wohlhabende, hellfarbige Küstenmann, auch wenn er nur wenig arabisches Blut besitzt, mit Vorliebe für einen Araber aus." 

(bitte anklicken!)

Wenn etwas zu Gunsten der deutsch-ostafrikanischen Eingeborenen zu buchen ist, so sind es ihre erfreulichen Erfolge im Anbau der Baumwolle. Er gewinnt ständig an Ausbreitung und dürfte heute schon mehr Ertrag liefern, als die europäischen Baumwollplantagen. Von Jahr zu Jahr findet eine schärfere Trennung der für die Kultur geeigneten und ungeeigneten Gebiete statt. Man wird fürderhin nur in passenden Strichen die Kultur fördern, dabei aber nicht versäumen, die Farbigen zum Anbau von Nahrungsmitteln anzuhalten. Ueber den europäischen Baumwollanbau finden wir im Bericht die folgenden Angaben:
"Der schon bei der Baumwollkultur der Eingeborenen betonte Vorgang der allmählichen Ausscheidung der für Baumwollbau nicht geeigneten Bezirke unter gleichzeitiger Ausdehnung der Kultur in den geeigneteren Gebieten läßt sich auch bei den europäischen Betrieben verfolgen. Kompliziert wird er dadurch, daß sich durch die Erfahrungen privater Pflanzer und in steigendem Maße durch die Tätigkeit der Baumwollversuchsstationen herausstellt, daß viele Gegenden nicht für den Baumwollbau überhaupt, sondern nur für den Anbau der ägyptischen Sorten ungeeignet sind, während Uplandsorten, besonders Nyassa-Upland, befriedigend bis sehr gute Erträge geben. So macht in vielen Gegenden der Rückgang des Anbaus ägyptischer Wolle dem entschiedenen Fortschreiten der Uplandsorten Platz, wie z. B. im Bezirk Morogoro. Allgemein läßt sich feststellen, daß sowohl bei Neuanlagen von Baumwollpflanzungen wie in den bereits bestehenden Betrieben auf sorgfältigere Boden- und Sortenwahl auf die im Lande gemachten Erfahrungen und besonders auch auf die Versuche der staatlichen Stationen ein größeres Gewicht gelegt wird und daß auch die Güte der Feldbearbeitung und der Pflege der Baumwolle steigt. Ein Fortschritt im Baumwollbau in technischer Hinsicht ist somit unverkennbar.
Neben weiterer Förderung in dieser Richtung, wofür die staatlichen Baumwollstationen, die zunehmendes Interesse bei den Pflanzern finden, besonders wirksam sind, ist eine Zentralisierung des ostafrikanischen Baumwollhandels und die Schaffung einer Standardmarke zu erstreben, um die einheitliche Bewertung der Wolle zu sichern. Krankheiten sind in der Baumwolle nur noch vereinzelt aufgetreten. Das Rufiji-Gebiet hat unter Ueberschwemmungen gelitten, doch sind die Schäden durch günstige nachträgliche Gestaltung der Regenzeit teilweise wieder ausgeglichen worden.
Zur Förderung der landwirtschaftlichen Kulturbestrebungen bestehen heute außer dem Biologisch-Landwirtschaftlichen Institut in Amani eine landwirtschaftliche Versuchsstation in Kibognoto im Bezirk Moschi, ferner Baumwollstationen am Rufiji, bei Kilossa, im Bezirk Tabora und im Bezirk Lindi und schließlich noch eine Fruchtkulturstation Morogoro zur Förderung des Obstbaues in der Kolonie und beim landwirtschaftlichen Referat in Daressalam eine Pflanzenschutzstelle, deren Aufgabe das Studium der Pflanzenkrankheiten und -schädlinge ist.
Die europäischen Bewohner des Schutzgebietes vertreten ihre Interessen durch Zusammenschluß. Dem Wirtschaftlichen Landesverbande von Deutsch-Ostafrika gehören an der Wirtschaftliche Verband für Daressalam und Hinterland, der für die Nordbezirke und der Mittellandbahn. Außerhalb hält sich der Wirtschaftliche Verband für die Südbezirke.
Eine Ueberraschung bereiten uns die neueren Angaben über den Viehbestand Deutsch-Ostafrikas. Der amtliche Bericht nimmt nämlich 4 Millionen Rind- und weit über 6 Millionen Kleinvieh an. Zweifelsohne ist hiermit noch keineswegs die ganze Viehhaltung der Farbigen und Europäer des Schutzgebietes ergriffen. Sie verschafft schon heute der Ausfuhr Werte von rund 5 Millionen Mk., woran den Hauptanteil die Häute und Felle haben, die vor allem von den Bezirken am Victoria-See exportiert werden.
In diesen Bezirken, besonders aber in Bukoba, hat der Kaffeeanbau eine großartige Entwicklung genommen, so daß im Jahre 1912 für 3/4 Millionen Mark allein aus dem Bezirk Bukoba zur Ausführung gelangen konnten.
An den Küstenorten und den Karawanenplätzen im Innern bilden sich immer mehr Märkte. An der Strecke der Tanganjika-Bahn reihen sie sich auf, denn der Neger hat von Natur eine Lust am Feilschen und Handeln. Den Jahresumsatz der Markthalle in Daressalam muß man mit 1/2 Million Rupies annehmen. Auch in der Markthalle von Muansa gehen große Umsätze vor sich; viele hunderttausend Kilogramm Lebensmittel Reis, Fische, Fleisch und dergl. werden dort gehandelt. (S. 35)
Durch den Bahnverkehr sind die alten Karawanenstraßen, besonders die von Tabora nach Udjidji verödet. Karawanenwege spielen heute nur noch als Zubringer eine Rolle. Der Bau der großen Strecke hat sich so schnell vollzogen, daß die Gleisspitze am 1. Februar 1914, d. h. beinahe 1 1/2 Jahre früher als vorgesehen war, ihr Endziel Kigoma erreicht hat. Dabei boten sich zuletzt noch einige Schwierigkeiten dar. Ueber Arbeitshände verfügte die Bauleitung in genügender Zahl; zeitwilig waren bis zu 16.000 Arbeiter beschäftigt, zumeist Wanjamwesi. Mit jedem Kilometer, den man dem See näher kam, blieben die Küstenbewohner aus, während dafür Stämme aus dem tiefsten Innern sich zur Arbeit meldeten. Keiner aber kann sich an Eifer und Geschick mit dem Wanjamwesi messen. Solche geschickten Arbeiter können bis zu 2 1/2 Rupies den Tag verdienen, d. h. also über 3 Mk., während der Lohnsatz für ungelernte Arbeiter 8 - 13 Rp. (12 - 20 Mk.) beträgt, ungerechnet die Verpflegung. In Gegenden, wo die Beschaffung von Landeserzeugnissen leicht war, lieferte nicht die Bahnleitung die Nahrungsmittel, sondern gewährte dafür ein tägliches Verpflegungsgeld von 15 Hellern. Der Gesundheitszustand unter den Arbeitern war befriedigend. Auf jeden Farbigen kam durchschnittlich 10 Behandlungstage, bei den Weißen hingegen mehr als das Doppelte. Für die Schwarzen waren allenthalben Lazarette eingerichtet. Die anfängliche Scheu, sich ihnen anzuvertrauen, wich gar bald.
Allenthalben im Schutzgebiet waren wir darauf bedacht, den Gesundheitszustand der farbigen Bevölkerung zu heben. So wurden im letzten Berichtsjahre 3/4 Millionen Menschen gegen Pocken geimpft. Am Kilimandscharo ereignete sich einmal ein Pestausbruch; durch Vernichtung der Ratten wurde er gar bald zum Erlöschen gebracht. Die Pestbekämpfungsexpeditionen bei Muansa und am Kilimandscharo sowie an einigen Küstenplätzen vernichteten über 100.000 Ratten.
Zur geistigen Hebung der Eingeborenen bestehen eine große Anzahl von Schulen, wovon allein 100 Regierungsschulen sind, während die übrigen von den Missionen beider Bekenntnisse unterhalten werden. Einen beträchtlichen Aufschwung nahm die Farbigen-Regierungsschule in Tabora, denn die Schülerzahl stieg dort von 60 auf über 300. Hier meldeten sich zum Unterricht auch Erwachsene, Soldaten und Händler. Von den entlassenen Schülern gingen viele in irgend eine Stellung bei Privaten oder bei der Regierung über. Die beiden Handwerkerschulen in Daressalam und Tanga konnten aufgelöst werden, da infolge des erfreulichen Anwachsens der Privatbetriebe sie nicht mehr notwendig sind. Die Regierung hat dafür weiter im Innern Handwerkerschulen angelegt, zunächst in größerem Umfang in Tabora.
Leider hat es im letzten Jahre Unstimmigkeiten zwischen den Missionaren beider Bekenntnisse gegeben. Hoffentlich lassen sich diese durch Vereinbarungen aus der Welt schaffen.
In erster Linie sollen die Missionen doch ihrem Ziele, der Heidenbekämpfung, obliegen und vor allem sich einer weiteren Ausbreitung des Islams entgegenstellen. Selbst wenn dessen Agitationskraft im letzten Jahre nicht so in die Erscheinung getreten ist, so hat er doch in den Wanderhändlern, Askaris und dergl. rührige Apostel, die stets darauf aus sind, Eingeborene zur Lehre Mohammeds zu bekehren.
Wenn wir aus Deutsch-Ostafrika ein neues Deutschland machen wollen, so muß in jedem Falle verhindert werden, daß dort der Islam noch weiter an Ausbreitung gewinnt.
Die Ziffer der weißen Bevölkerung Deutsch-Ostafrikas ist im letzten Jahre nicht unerheblich gestiegen, nämlich von 4866 auf 5333. Auch die Bevölkerung der einer weißen Dauersiedlung zugänglichen Striche hat sich vermehrt. Wir werden alles daran setzen müssen, in dieser Richtung fortzufahren, wenn Deutsch-Ostafrika eine deutsche Kolonie werden soll



Quelle: Deutscher Kolonial-Atlas mit Illustriertem Jahrbuch 1914, auf Veranlassung der Deutschen Kolonialgesellschaft herausgegeben, bearbeitet von P. Sprigade und M. Moisel, S. 33ff.

GM (digitale Umsetzung) und AG (Übersetzung) für psm-data
mit freundlicher Unterstützung durch die
Staatsbibliothek zu Berlin / Preußischer Kulturbesitz 

Stiftung Preußischer Kulturbesitz

Kartenabteilung

Document in English Language