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Imperialismus | Kolonialzeit

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Deutscher Kolonial-Atlas mit Illustriertem Jahrbuch herausgegeben auf Veranlassung der Deutschen Kolonialgesellschaft, bearbeitet von P. Sprigade und M. Moisel. Berlin 1914 - Die Entwicklung des Kiautschougebietes im Jahre 1913
Die Entwicklung des Kiautschougebietes im Jahre 1913.

Ungeachtet der chinesischen Wirren ist die Entwicklung Tsingtaus im Jahre 1913 eine günstige gewesen. Das Wirtschaftsleben hat Fortschritte gemacht und die Einflußsphäre unseres Hafens Tsingtau hat sich recht beträchtlich in das Hinterland ausgedehnt. Das wird hoffentlich noch mehr der Fall sein, wenn erst die Schantung-Eisenbahn westwärts weitergeführt ist bis zu der wichtigen Überlandverbindung Peking-Hankau und wenn die Abzweigung von Kaumi südwärts in Betrieb genommen sein wird. Über beide Projekte hatte unser Kiautschou-Gouvernement Jahre hindurch mit den Chinesen verhandelt; erst Ende 1913 ist eine Vereinbarung erzielt worden.
Wie dies im Zusammenhang steht mit der allgemeinen Entwicklung Tsingtaus und seines Hinterlandes, darüber läßt sich der amtliche Bericht folgendermaßen aus:
"Aus dem Stadium einer reinen Handelskolonie scheint Kiautschou nunmehr in dasjenige einer aussichtsvollen industriellen Entwicklung zu treten. Nach vieljährigen Bemühungen der Marineverwaltung scheint das Zustandekommen eines deutschen Eisenwerkes, an welches sich voraussichtlich weitere gewerbliche Unternehmungen anschließen werden, nunmehr Tatsache werden zu wollen. Fernerhin ist nach langjährigen Verhandlungen mit den chinesischen Behörden jüngst eine erhebliche Ausdehnung des Eisenbahnnetzes in dem Hinterland der Kolonie erreicht worden, die demnächst, nach Abschluß der noch schwebenden Einzelvereinbarungen, in Angriff genommen werden soll. Damit wird einerseits der deutschen Industrie die Aussicht auf neue, umfangreiche Aufträge eröffnet, anderseits aber dem deutschen Hafen von Tsingtau und dem deutschen Handel ein wesentlich vergrößertes, volkswirtschaftlich außerordentlich aussichtsreiches Betätigungsgebiet in Schantung und seinen Nachbarprovinzen erschlossen. Von diesen beiden, für die ganz fernere Zukunft des Schutzgebietes wichtigen Projekten wird im folgenden noch zu sprechen sein. Zunächst ist über die Entwicklung des abgelaufenen Jahres in ihren Hauptmomenten folgendes kurz zu berichten:
Die Zuwanderung von Chinesen, die in den beiden Jahresberichten als besonders charakteristische Erscheinung erwähnt wurde, hat im letzten Jahre weiter zugenommen. Die chinesische Bevölkerung im Stadtgebiete weist nach der Zählung vom Juli 1913 gegenüber der vorangegangenen Bevölkerungszunahme im Jahre 1910 eine Zunahme von 55,97 Prozent auf. Sie beziffert sich auf 53.312 Chinesen gegen 34.180 im Jahre 1910. Von einer Zählung der Chinesenbevölkerung der zahlreichen Dörfer des Landgebiets mußte mit Rücksicht auf die zeitraubende Arbeit bisher Abstand genommen werden. - Die europäische Bevölkerung des Schutzgebiets ist von 1.621 Personen im Jahre 1910 auf 2.069 im Jahre 1913, also um 27,62 Prozent gestiegen. Die Stadt Tsingtau hat einschließlich des Militärs und der Wasserbevölkerung eine Gesamteinwohnerzahl von 60.484 Personen gegen 40.264 im Jahre 1910. Wenn diese Vermehrung auch zum Teil auf das regelmäßige Wachstum Tsingtaus zurückzuführen ist, so beruht die Zunahme doch zum überwiegenden Teile auf der Zuwanderung der Chinesen infolge der unsicheren Zustände in China. Dieser Zuzug von Chinesen hat wiederum eine Steigerung des Gesamtverkehrs im Gefolge gehabt. Diese zeigt sich in der weiteren starken Nachfrage nach Land, die auch Europäer veranlaßt hat, ihren Landbedarf zu sichern und Wohn- und Geschäftshäuser zu erbauen. Die Bautätigkeit ist infolgedessen ebenfalls sehr lebhaft gewesen. Das Stadtbild von Tsingtau, das früher große, der Bebauung harrende Lücken aufwies, bietet jetzt ein geschlossenes Ganze, in dem nur noch wenige unbebaute Grundstücke verkäuflich liegen. Im eigentlichen Tsingtau sind kaum noch unbebaute Grundstücke verkäuflich. Auch die Bebauung in der Nähe des Großen und Kleinen Hafens ist erheblich fortgeschritten. Das Stadtviertel zwischen Tapautau und dem Großen Hafen beginnt sich zusammenzuschließen.
Der Einfuhrhandel hat eine nicht unerhebliche Steigerung erfahren, während das Bild der Einfuhr sich weniger günstig stellt. Dagegen sind die Einnahmen des chinesischen Seezollamtes in die Höhe gegangen. Die Zahlen finden sich an anderer Stelle. Der Schiffsverkehr des Tsingtauer Hafens ist wiederum wesentlich gestiegen. Im Berichtsjahr Oktober 1912/13 wurde er von 902 Schiffen mit 1.291.000 Netto-Registertonnen angelaufen gegen 727 Schiffe mit 1.133.000 Netto-Registertonnen im Vorjahre. Die Hamburg-Amerika-Linie plant eine neue Verbindung mit Europa über Suez nach der amerikanischen Westküste, die auch regelmäßig Tsingtau anlaufen soll. Dadurch erhalten die dortigen Exporteure Gelegenheit, Waren ohne Umladung von Shanghai nach Kanada und den Vereinigten Staaten zu schicken. Dieselbe Linie hat im letzten Jahre zum ersten Male auf einer Weltreise begriffene Dampfer nach Tsingtau geschickt, und die Passagiere haben mit staunender Verwunderung die schnelle Entwicklung unserer Kolonie gesehen.
Tsingtau hatte bisher unmittelbare Verbindung mit der Heimat durch die Reichspostdampfer des Norddeutschen Lloyd, die alle vier Wochen auf der Aus- und Heimreise anliefen. Vom Herbst dieses Jahres soll die Verbindung eine erhebliche Verbesserung erfahren, indem alsdann die Dampfer des Norddeutschen Lloyd vierzehntägig auf jeder Aus- und Heimreise Tsingtau berühren werden, und außerdem noch allmonatlich ein ausreisender und ein heimkehrender Dampfer der Hamburg-Amerika-Linie den Hafen anlaufen wird.
Ins wirtschaftliche Gebiet gehört noch das Aufforstungswesen. In unmittelbarer Nähe der Stadt Tsingtau sind hochgewachsene Forstgelände entstanden und auch im Landgebiet sind allenthalben Aufforstungsarbeiten vorgenommen worden. Die umwohnenden Chinesen melden sich freiwillig als Arbeiter, wenn sie dafür vom Forstamte zur Aufforstung der ihnen gehörigen Ölländereien und zum Bepflanzen der Wegeränder (S. 44) und Flußufer Saat- und Pflanzengut erhalten. Nebenher sind noch eine Million Akazienpflanzen verkauft worden.
Wie sich hier unsere Wirksamkeit als eine zivilisatorische und kulturelle erweist, so ist sie das noch mehr im Schulwesen. Wir lassen nichts unversucht zum Ausbau des deutsch-chinesischen Schulwesens. Im Mittelpunkt dieser Bestrebungen steht die Deutsch-Chinesische Hochschule. Sie soll weiterhin ausgebaut werden; das neue Hauptlehrgebäude wurde im Sommer, die sich daran anschließende große Aula im Herbst des letzten Jahres bezogen. In den Lehrgebäuden findet auch die Lehrmittelsammlung ihre Aufstellung, die den Unterricht in der technischen Abteilung erleichtern soll. Durch Gaben der deutschen Industrie ist diese Sammlung im vergangenen Jahr wesentlich vervollkommnet worden. Die Oberstufe dieser Anstalt zählte am Schluß des letzten Schuljahres 67, die Unterstufe 301 Schüler. Seit Oktober vorigen Jahres erscheint von der Deutsch-Chinesischen Hochschule herausgegeben, die Monatsschrift "Westöstlicher Bote" in deutscher Sprache mit chinesischen Anmerkungen. Sie mag ein Wahrzeichen dafür sein, daß die gemeinsame Arbeit von Deutschen und Chinesen für beide und nicht zum mindesten für die nach dem Sturz der Dynastie in Unruhe und Auflösung geratenen chinesischen Verhältnisse fruchtbringend sind


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Quelle: Deutscher Kolonial-Atlas mit Illustriertem Jahrbuch 1914, auf Veranlassung der Deutschen Kolonialgesellschaft herausgegeben, bearbeitet von P. Sprigade und M. Moisel, S. 43f

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