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Unterrichtsmaterialien
20. Jahrh. | Deutschland | Drittes Reich
[P|S|M]
Begriffliche Bestimmung: Widerstand
Rieber, C., Politischer Widerstand in der NS-Diktatur, in: Politik und Unterricht, 2/1994, S. 3f

"Der Begriff Widerstand ist nicht leicht zu definieren. Versteht man ihn sehr allgemein, wird der Begriff unklar, fasst man ihn enger, so können zahlreiche Handlungen nicht mehr als Widerstand gelten. Das eine Extrem steht für die Auffassung, der Begriff "Widerstand" sei auf jene Handlungen begrenzt, die geeignet waren, die NS-Diktatur zu beseitigen. Dies würde den Begriff auf den Widerstand des Militärs einschränken. Das andere Extrem liegt dort, wo die Grenze zwischen bloßem Nonkonformismus und Widerstand verwischt wird. Beiden Extremen versucht die Definition von Klaus Schönhoven zu entgehen: "Widerstand ist eine Provokation, welche die Toleranzschwelle des nationalsozialistischen Regimes unter den jeweils gegebenen Umständen bewusst überschreitet mit einer Handlungsperspektive, die auf eine Schädigung oder Liquidation des Herrschaftssystems abzielt. "Der politische Widerstand ist nach Richard Löwenthal als "bewusste politische Opposition" zu verstehen, die von der "weltanschaulichen Dissidenz" und der ,,gesellschaftlichen Verweigerung" abzugrenzen ist."

 

Wolfgang Benz - Informationen zur politischen Bildung Nr.243, S.8

  • Widerstand ist Oberbegriff für Einstellungen, Haltungen und Handlungen gegen NS-Regime (Ideologie und praktizierte Herrschaft)
  • Weiter Begriff: Passiver und aktiver Widerstand (geistige Unabhängigkeit - Versuch, etwas gegen die Regierung Hitlers zu unternehmen)
  • Enger Begriff: bewusste Anstrengungen zur Änderung der Verhältnisse; persönlicher Einsatz und Inkaufnahme, der damit verbundenen Gefährdungen
  • => Verweigerung, Opposition und Widerstand (im engeren Sinne) greifen ineinander und steigerten sich von der passiven Abwehr zum aktiv verwirklichten Wunsch nach Veränderung des Regimes => Prozeßhaftigkeit / dennoch kein koordiniertes Handeln (!)
  • Widerstand im eigentlichen Sinne ist nicht nur Haltung, sondern Haltung muss sich zum Handeln verdichten

Wigbert Benz - Zustimmung und Widerstand im Nationalsozialismus, in: Praxis Geschichte 1994/3, S.4ff

  • Ausgegrenzt wird in der BRD bis Mitte der 60er Jahre der linke Widerstand, insbesondere der Arbeiterparteien, während die Bedeutung des bürgerlich-militärischen Widerstandes, vor allem die Bewegung des 20. Juli 1944, wächst und zu dem Widerstand schlechthin hochstilisiert wird.
  • Erst die schrittweise Überwindung des Kalten Krieges, die veränderten außenpolitischen Konstellationen und ein Wandel des innenpolitischen Klimas erweitern Ende der 60er Jahre die Perspektiven der Widerstandsforschung.
  • Hans Mommsen analysiert die in der Tendenz undemokratischen Gesellschafts- und Verfassungsvorstellungen des deutschen Widerstandes und Hans Graml untersucht die großmacht- und expansionsorientierten, stark traditionsgebundenen außenpolitischen Zielsetzungen der Bewegung des 20. Juli.
  • Ernst Wolf untersucht die tatsächliche Bedeutung des Kirchenkampfes nüchtern und ohne Pathos und weist darauf hin, dass dieser in der Regel nicht bis zum politischen Widerstand vorstieß.
  • Martin Broszat (Münchener Institut für Zeitgeschichte): [frühe 80er Jahre] Widerstandsbegriff durch „Resistenz" gegen die Zumutungen der NS-Führung ersetzen.  Das Ergebnis dieses umfassenden Projekts von Broszat zeigt deutlich, dass das Dritte Reich in seiner gesellschaftlichen Wirklichkeit keinesfalls so monolithisch war, wie es sich nach außen hin gern darstellte. Für den einzelnen gab es immer wieder Möglichkeiten, sich dem totalitären Anspruch des Regimes in Teilbereichen zu verweigern, ohne dass sich daraus ein auf das Ganze oder wesentliche Teile des Systems zielender Widerstand konstruieren ließe.
  • Definition von Christoph Kleßmann: „Widerstand (lässt sich bestimmen) als bewußter Versuch, dem NS-Regime entgegenzutreten in einem für die Ideologie und Etablierung und Erhaltung der Herrschaft wichtigen Bereich, und zwar ausgehend von Wertevorstellungen, die den national-sozialistischen partiell oder total entgegengesetzt waren und die zugleich über die bloße Verteidigung der eigenen oder der  Gruppeninteressen hinaus die Herstellung elementarer Menschenwürde und Gerechtigkeit zum Ziel hatten" („Widerstand und Exil 1932-1945", S. 15).

Joachim Woock - Festnahme! ... weil ihm Sabotageakte zuzutrauen sind, in:  Praxis Geschichte 1994/3, S.34f

  • Es ist schwierig, die individuellen Formen von Widersetzlichkeiten zu definieren. "Widerstand" im engeren Sinne -  bezogen auf die Situation der Zwangsarbeiter -  war Streik, Flucht, Sabotage und der Aufbau organisierter und explizit politischer Widerstandsgruppen. Fälle von langsamem Arbeiten ("Schildkröten-Taktik"), Nichterfüllung der geforderten Arbeitsleistung, Diebstahl, Tauschhandel, Vortäuschen von Krankheiten, Verschweigen von Berufskenntnissen oder das Entfernen der Abzeichen von ihrer Kleidung lassen sich nicht unbedingt als Widerstandshandlungen im engeren Sinne definieren. Unter den Lebensbedingungen der Zwangsarbeiter waren sie ebenso Überlebensstrategien wie z. B. der heimliche Verzehr von Kartoffeln oder das Verwenden leerer Zementtüten als Kälteschutz.
  • Würde man alle diese Handlungen unter Widerstand subsumieren, wäre dieser Begriff bis zur völligen Unschärfe ausgeweitet. Trotz der hier verwandten Eingrenzung des eigentlich streng wissenschaftlichen Begriffs "Widerstand" sei darauf hingewiesen, daß die gesamte Skala von Widerstandsverhalten im sicherheitspolitischen Sprachgebrauch der Gestapo als Widerstand deklariert wurde, um so die Betroffenen drangsalieren und verfolgen zu können. So wurde das Vortäuschen von Krankheiten oder die Selbstinfektion von den Nazis als „Wirtschaftssabotage" mit äußerster Brutalität verfolgt, Selbstverstümmelungen bei der Gestapo generell unter der Rubrik "Sabotage" geführt. Ob man nun diese spontanen Reaktionen auf unzumutbare Lebensbedingungen als Resistenz, Opposition oder Widerstand bezeichnet, den Betroffenen war klar, daß sie die Folgen zu tragen hatten.



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