| Primaerliteratur |
| 20. Jahrh. | Deutschland | Drittes Reich | [P|S|M] |
Die Katastrophen-Nacht von
Bremerhaven (Wesermünde) (1) am 18.9.1944
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von Heinrich Kloppenburg
(1888-1981),
Bremerhaven
(Teil 2) Am Tage danach, den 19.9.1944
(S. 22) Die Sonne stand schon hoch am Himmel, als wir erwachten und uns in der ungewohnten Umgebung erst darauf besinnen mußten, daß kein wüster Traum uns genarrt hatte, sondern rauhe Wirklichkeit uns umgab, die uns schonungslos enthüllte, daß wir, gleich ungezählten Leidensgenossen, unseres Heimes und gewiß auch unserer gesamten Habe beraubt waren. Jetzt, nachdem wir uns von der ersten Betäubung des nächtlichen Schlages erholt hatten, fiel uns im hellen Licht des Tages die materielle Einbuße schon etwas schwerer auf die Seele. Zwar vermochten wir sie in ihrer ganzen Tragweite noch gar nicht zu erfassen, aber einen Vorgeschmack davon vermittelte uns bereits beim Aufstehen und Ankleiden die nackte Tatsache, daß wir weder Zahnbürste, noch Seife und Handtuch mehr besaßen.
Wir ließen uns kaum Zeit zu einem hastig eingenommenen, von Bürgerhoffs dargebotenen Frühstück, und beeilten uns, an den Schauplatz der Katastrophe zurückzukehren und nach unserem Hause zu sehen, im Innersten eine leise Hoffnung nährend, es könnte durch ein Wunder nicht ganz heruntergebrannt, zum wenigsten aber der Keller erhalten geblieben sein, der immerhin noch einige Dinge von Wert enthielt, die wir ihm Früher schon anvertraut hatten.
Der Tag war wieder hochsommerlich schön, warmer Sonnenschein lag über den Feldern und Gärten hier draußen; am Himmel wanderten weiße Wolken, herrührende Dunstschicht, die, selbst kaum wahrnehmbar, dennoch keinen der sonst mehrfach vorhandenen Kirchtürme sichtbar werden ließ, sodaß ich anfangs glaubte, es rage auch keiner mehr zum Himmel empor.
Von Bürgerhoffs Hause zunächst in unserem danebenliegenden Garten einkehrend, zählte ich in seinem Erdreich sieben abgebrannte Stabbrandbomben, die weiter keinen Schaden angerichtet hatten. Unser kleines Gartenhäuschen, wie auch die abseits davon gelegene offene Laube waren zum Glück nicht getroffen worden. Eine achte Stabbrandbombe lag seltsamerweise, ohne sich entzündet zu haben, unversehrt flach auf dem Boden.
Die zur Stadt führende Chaussee war mit den Resten ausgebrannter Stabbandbomben geradezu übersät und sie lagen umso dichter, je mehr wir uns der Stadt näherten. Der Weg durch die Stadt selbst zeigte uns erst das volle Ausmaß der Vernichtung, soweit sie das ehemalige Geestemünde betroffen hatte. Wenn wir bisher angenommen hatten, der Stadtteil Alt-Geestemünde, in dem wir wohnten, sei das vorwiegend betroffene Zentrum des Angriffs gewesen, so sahen wir nun, daß fast die ganze Stadt, von wenigen Ausnahmen
(S. 23) abgesehen, eine einzige, zusammenhängende Brandstätte bildete. Nur in der Gegend des Bahnhofes, am östlichen Rande der Stadt, waren ein paar Häuserblocks einigermaßen erhalten geblieben, während alle übrigen Bezirke fast vollständig zerstört waren. Straßenzeile auf Straßenzeile wiesen nur leere Fassaden ausgebrannter Häuser auf, deren Erdgeschosse an vielen Stellen noch schwelten und brannten, und an denen nichts mehr zu retten war. Feuerwehren waren zwar in der Nacht und am frühen Morgen von überall her erschienen, hatten aber nicht viel mehr ausrichten können, weil sie sich bei der gewaltigen Ausdehnung der Feuersbrunst nur auf einzelne, isoliert liegende Objekte beschränken und angesichts des Versagens der Hydranten nur Motorspritzen in der Nähe von Löschteichen und anderen Wasserflächen einsetzen konnten.
Überall auf den Straßen und Plätzen lagen die Reste der Stabbrandbomben umher, die mit unvorstellbarer Dichte gefallen waren. Ihre Durchschlagskraft erwies sich daran, daß sie mit ihrem stählernen Fuß tief in den Asphalt eingedrungen waren, oder die Zementplatten der
Fußsteige durchschlagen, ja, sogar Stahlplatten durchstanzt hatten. Daneben sah man aber auch zahlreiche Ausbläser von neuartigen Flüssigkeits-Brandbomben, rote Blechzylinder von 15 kg Gewicht, die mit Preßluft und einer Benzin-Kautschuklösung gefüllt gewesen waren und nach dem Aufschlag in kreisender Bewegung als Flammenwerfer gewirkt hatten. Sie waren an kleinen Fallschirmen heruntergekommen, letztere offenbar darauf berechnet, ihren Fall so weit zu hemmen, daß sie bei der Landung auf nackter Erde nicht zu tief in den Boden eindringen und dadurch unwirksam werden konnten. Offenbar sind dies jene Bomben, die in angeblich fachkundigen deutschen Darstellungen fälschlich "Phosphorbrandbomben" genannt wurden. Dabei diente die sehr geringe Phosphorbeigabe nur als Zünder. Der Schaden wurde ausnahmslos durch das zähflüssige, hochbrennbare Benzin-Kautschuk-Gemisch verursacht. Ferner fanden sich große, schwarze Blechröhren die an Ofenrohre erinnerten sowie eigenartige Blechgebilde, bei denen es sich wahrscheinlich um die Traggerüste der am Abend zuvor zahlreich in Erscheinung getretenen Leuchtbomben, den sogenannten "Tannenbäumen" handelte.
Es war ersichtlich, daß der Angriff mit allergrößtem Aufwand und mit erstaunlich präziser Planung durchgeführt war, und dem entsprach denn auch die über alle Maßen verheerende Wirkung. Besonders die Hauptverkehrsstraßen, die Georg- und die Borriesstraße, boten einen trostlosen Anblick, da sie vor allem mit ihren größeren Bauten der Zerstörung restlos anheimgefallen waren.
Als wir schließlich, nach dem bisher Gesehenen auf alles gefaßt, vor unserem eigenen Hause in der Borriestraße anlangten, griff uns der Anblick
(S. 24) dieses leere Gehäuses denn doch ans Herz. Dieser bisher so stattliche, vom Schwiegervater August Seebeck bestens gepflegte Bau, in dessen Erdgeschoß Gerda, von ihren Eltern behütet, sorglos aufgewachsen war, und in dessen erstem Stock wir seit Beginn unserer Ehe 22 Jahre lang eine schöne, geräumige Wohnung innegehabt hatten, war ebenfalls vollständig, bis ins Erdgeschoss herunter, ausgebrannt. Die reich ornamentierte Vorderfront, vom zweiten Stock aufwärts mit dem schweren Gesimse darüber, war herabgestürzt und lag als mächtiger Steinhaufen vor dem Hause, obendrauf der schalenartige untere Abschluß unseres Erkers, während der gewölbeartige Eingang zum Hause von einem Schuttberg angefüllt war, worin der verkohlte Rest der schweren, eichenen Haustür steckte. Auch die unteren Parterreräume waren angefüllt mit dem Schutt und Gestein aus den oberen vier Stockwerken und deren teilweise eingestürzten Zwischenwänden. Von unserer Wohnung im ersten Stock war nichts mehr da, was an unser Heim hätte erinnern können. Nur nackte Ziegelwände ohne Verputz und einige eiserne Träger waren zurückgeblieben. Um die leise, wenn auch wirklichkeitsferne Hoffnung, das Feuer könnte durch eine Laune des Zufalls die unteren Stockwerke verschont haben, waren wir also betrogen und wir standen nun tatsächlich vor dem Grabe unserer Habe.
Noch verblieb indessen die schwache Aussicht, der Keller möchte verschont geblieben sein und betreten werden können, wenngleich die letztere Möglichkeit angesichts des Trümmerhaufens im vorderen Teil des Hauses wenig Wahrscheinlichkeit besaß . Wir gingen also um den ehemaligen Häuserblock herum und an dem tatsächlich auch völlig ausgebrannten Amtsgericht vorbei in die rückwärtige Schönianstraße. Diese bot einen gegenüber früher total veränderten Aspekt, da die an ihr gelegenen langgestreckten Holzlagerschuppen restlos niedergebrannt waren und einen überraschenden Blick über jetzt ganz freies Gelände und über den Querkanal hinweg auf die immer noch ungebändigt brennende Butterzentrale am jenseitigen Ufer freigaben. So vor der Rückseite unseres Hauses angelangt, sahen wir, daß die Außenwand nach dieser Seite hin, wenn auch mit leeren Fensterhöhlen, erstaunlicherweise in voller Höhe erhalten war. Auch stand noch die nach der Straße gerichtete Wand der Farbenfabrik, allerdings im oberen Teil durch die gewaltigte Hitze nach außenhin geneigt, während die nach der Hofseite gerichtete Wand, in noch erhaltener Steinschichtung, vollständig in den Garten gekippt war, dort vermutlich die beiden Schildkröten erschlagend, die unsere Kinder in dem kleinen Garten gehalten hatten. Das Innere der Fabrik war ein wirrer Haufen unter Trockenfarben, deren Substanz nach dem Wegbrennen der Umhüllung dem Feuer widerstanden hat.
Über diese Trümmer behutsam hinwegsteigend, gewahrten wir nun doch zu (S. 25) unserer Freude die dunkel gähnende, völlig zugängliche Öffnung des Kellerniederganges. Mit gespannter Erwartung sahen meine Lieben mich also gleich darin untertauchen. Im Schein meiner Taschenlampe fand ich die Kellerräume ganz unversehrt, zwar stickig warm und von scharfem Brandgeruch erfüllt, aber sonst in allem so, wie wir sie bei dem überstürzten Aufbruch verlassen hatten. Nur im Luftschutzraum fehlte die Apotheke, die dort an der Wand gehangen hatte. Offenbar war sie von Bergungstrupps, die nach der Katastrophe die Keller abgesucht hatten, mitgenommen worden. Solche Trupps waren leider viel zu spät eingesetzt worden. Sie stammten vorwiegend von der nahegelegenen Marineschule, deren starke Besatzung bis in die frühen Morgenstunden zurückgehalten worden war, weil während des Angriffs in Erwartung einer möglichen feindlichen Luftlandung auch Küstenalarm bestanden hatte. Wären sie früher eingesetzt worden, hätte ein beherztes und tatkräftiges Eingreifen dieser Mannschaften vermutlich manches Leben noch gerettet, und sicherlich wären unter ihrem entschlossenen Zugpacken Teile der kopflosen Bevölkerung in vielen Fällen noch erfolgreich an die Bergung einiger Habe herangegangen.
Ich wandte mich nun unserem eigenen Vorratskeller zu, dem wegen der darin untergebrachten Dinge natürlich mein Hauptinteresse galt. Die Tür dieses verhältnismäßig geräumigen und massiven Gelasses war vom Abend vorher noch unverschlossen, dennoch fand sich darin alles unversehrt vor. Welch beglückender Trost, doch einige Habseligkeiten vor der so umfassenden Vernichtung bewahrt geblieben zu sehen. Vor allem
Kleidungsstücke, die wir, einer glücklichen Eingebung folgend, einige Zeit zuvor in den Keller gebracht und dort an einer unter der Decke angebrachten Stange über Kleiderbügeln aufgehängt hatten. Ich häufte sie mir über den Arm und trug den jetzt so kostbaren Besitz in mehreren Lasten ans Tageslicht und über die Trümmer hinweg triumphierend zu den wartenden Lieben, die sie beglückt in Empfang nahmen. Nach den losen Kleidungsstücken folgten zwei Handkoffer mit Wäsche und dann, minder lebenswichtig zwar, doch mir besonders wertvoll, eine Anzahl anderer Gegenstände, wie meine Kofferschreibmaschine, ein kleines Lacklederköfferchen mit meiner Filmkamera, das zugehörige Stativ, und auch der Koffer mit dem Filmprojektor, sodann eine Anzahl Kunstgegenstände, insbesondere einige Bronzeplastiken, eine schwere silberne Fruchtschale, und schließlich aus zwei Kisten das meiste von unserem wertvollen Porzellan, dessen Sicherstellung im Keller die Gerda selbst eines Tages betrieben hatte.
Unablässig war ich am Schleppen dieser meist noch recht heißen Gegenstände und kam dabei recht ins Schwitzen, war doch der Keller einem nur mäßig abgekühlten Backofen vergleichbar und die Luft draußen hochsommerlich warm. Alle diese heraufgebrachten Dinge boten, als sie sich auf dem
(S. 26) Fußsteig der Schönianstraße zu Füßen einer der verkohlten, ehemals hochragenden Ulmenstämme ansammelten, einen wunderlichen Kontrast zu all dem Schutt und der Asche, und manchen Blick unterzog sie einer neugierigen Musterung. Vervollständigt wurde die Ansammlung der Schätze des weiteren durch die ebenfalls im Keller aufbewahrten Unterlagen für meine familiengeschichtlichen und biographischen Arbeiten, Sammelalben von Photographien, und schließlich, damit auch die leiblichen Bedürfnisse nicht zu kurz kamen, durch wohl über 150 gefüllte Weckgläser, dem Ergebnis von Gerda`s kurz zuvor beendeter Einmachetätigkeit, sowie zwei Kruken mit eingelegten Eiern. Das war im ganzen noch eine erfreuliche Ernte, sehr danach angetan, einen gelinden Neid unter einem Teil der übrigen Hausbewohner zu erregen, die sich inzwischen ebenfalls eingefunden und außer ihrem Leben so gut wie nichts gerettet hatten.
Aber im Grunde mussten wir uns doch sagen, dass, abgesehen von der Kleidung und den Nahrungsmitteln, alle übrigen Dinge für uns im Augenblick nur toter Ballast waren. Sie stellten zwar Wertobjekte und Kulturgüter dar, die für gehobene Lebensansprüche einige Bedeutung hatten und für die Zukunft einen nicht zu unterschätzenden Erinnerungswert, wenn nicht Tauschwert, besaßen, aber lebensnotwendig, worauf es jetzt allein ankam, waren sie nicht. Was konnten sie uns schon nützen, wenn wir in anderer Hinsicht so besitzlos geworden waren, dass wir nicht einmal über Betten mehr verfügten? Und was die notwendigste Kleidung anbelangt, so stellten die beborgenen Stücke nur einen Teil dessen dar, was sich kurz zuvor noch im Keller befunden hatte, da vieles davon, besonders meine diversen Anzüge und Mäntel, wieder heraufgeholt worden waren, weil sie in der feuchten Schwüle des Monats August zu verspaken begonnen hatten. Sie waren dann nach dem Auslüften oben im Kleiderschrank verblieben und nun dort verbrannt. Infolgedessen besaß ich jetzt nur noch den einen, dazu recht dürftigen Anzug, den ich am Leibe trug, und auch nur das eine Paar alter Schuhe an den Füßen und die bescheidene blaue Mütze auf dem Kopfe. Ersatzwäsche für mich war überhaupt nicht in den Keller gelangt, ich hatte kein Hemd, keinen Kragen und keine Socken zum Wechseln, war also in des Wortes wahrster Bedeutung völlig abgebrannt. Und wie reichlich war ich vordem mit allem ausgestattet gewesen. Eingedenk dessen musste man sich mit Recht vorwerfen, dass in Voraussicht einer solchen Katastrophe nicht viel mehr lebenswichtige Dinge an einen sicheren Ort verbracht worden waren. Auch sonstiger Besitz, dessen Verlust nicht leicht zu verschmerzen war, hätte auf diese Weise vor der Vernichtung bewahrt geblieben sein können, so z.B. einige wertvolle Gemälde, die uns vererbt worden waren, meine etwa 500 Bände umfassende Bibliothek, die von mir gedrehten Familienfilme, wie auch meine kunstphotographischen Bildwerke, einschließlich der Porträts unserer beiderseitigen Vorfahren, die ich im Laufe meiner langjährigen familiengeschichtlichen
(S. 27) Arbeit gesammelt und reproduziert hatte. Diese Reproduktionen, einheitlich gestaltet, hatten in ovalen schwarzen Rähmchen eine halbe Wand in meinem Zimmer eingenommen. Sie sowohl, wie auch die Originale waren nun dahin und nicht wieder zu ersetzen. Im Rückblick auf alle diese verschwundenen, erinnerungsträchtigen Dinge kann ich kaum begreifen, dass ich nicht Vorsorge getroffen habe, sie rechtzeitig, selbst während des Brandes noch, in Sicherheit zu bringen.
Überhaupt, wenn wir bedachten, wie reich mit materiellen Gütern unser Heim ausgestattet war, und wie schwer es halten musste, jemals etwas gleichartiges wieder zu besitzen, wollte eine stille Wehmut immer wieder durchbrechen. Besonders tat uns auch Suse leide um den Verlust ihres reizenden Damenzimmers, zu welchem ich die vollständige, gediegene Ausstattung noch im Kriege unter Aufbietung erheblicher Bemühungen und dank guter Beziehungen zusammengebracht hatte, um sie durch den Besitz eines eigenen, behaglich eingerichteten Raumes dafür zu entschädigen, dass sie infolge des 1943 eingetretenen totalen Kriegseinsatzes gezwungen worden war, unter Aufgabe des von ihr beabsichtigten Studiums der Kunstgeschichte von Marburg zurückzukehren und bei der hiesigen Nachrichtenmittelstelle der Kriegsmarine Dienst zu leisten. Wie gern hatte sie gelegentlich nach beendeten Dienst ihre ehemaligen Klassenfreundinnen in diesem bewunderten Zimmer zum Tee bei sich gesehen, und wie hatte die muntere, durch den Krieg noch nicht erstorbene Fröhlichkeit der Mädchen hier ihren passenden Rahmen gefunden.
Das alles gehörte nun wie ein Traum der Vergangenheit an oder war zu kläglichen, unverbrennbaren Überresten zusammengeschrumpft. Ausgeglühte Drahtmatratzen aus Betten und Polstersesseln, Wracks eiserner Öfen und Badewannen, Scherben von Steingut und Porzellan, geschmolzenes Glas und ausgeglühte Bestecke ragten aus dem Schutthaufen hervor, wohin sie nach dem Durchbrennen der Decken aus den oberen Stockwerken gelandet waren. Von meinem Fahrrad, das auf dem Flur unserer Wohnung gestanden hatte, war das bizarr verglühte Gestell an einem Eisenträger frei schwebend hängen geblieben. Die beiden Räder von Suse und Margret, die sich in einem Raum zu ebener Erde befunden hatten, waren ebenfalls vernichtet, wie auch der kleine sogenannte Bollerwagen, den ich erst kurz zuvor erstanden und mit dem ich vor zwei Tagen noch eine Ladung Birnen vom Garten geholt hatte.
Jetzt mussten wir einen gleichen Wagen von der uns befreundeten Familie Hamann entleihen, um damit die aus dem Keller geborgenen Schätze abzufahren und sie zunächst einmal in dem Keller ihrer erhalten gebliebenen Villa in der nahen Hohenstaufenstraße unterzubringen.
(S. 28) Der größte Teil der geborgenen Einmachgläser war noch auf dem Gehsteig verblieben, als Hans Seebeck, Gerdas Vetter und Inhaber einer Maschinenfabrik im Stadtteil Lehe, mit seinem Wagen gefahren kam, um sich nach unserem Schicksal zu erkundigen. Mit Hilfe seines Wagens wurden darauf diese Gläser zu unserem Gartenhäuschen geschafft. Ich saß auf beiden Fahrten neben ihm, jedes Mal eine der beiden Kruken mit eingelegten Eiern auf den Knien schaukelnd, damit sie keinen Schaden nahmen. Wir waren froh, mit diesen Reserven in den Winter gehen zu können. Leider waren etwa 40 - 50 Glas Erdbeermarmelade, von Gerda ebenfalls eingemacht und in der Wohnung verblieben, mit vernichtet worden.
Überall in den Straßen war in diesen sonnigen Vormittagsstunden die vom nächtlichen Schicksal geschlagene Bevölkerung emsig dabei, vom Feuer irgendwie verschont gebliebene Habseligkeiten zu bergen und in Sicherheit zu bringen. Gruppen verstörter Menschen, die alles verloren hatten, standen umher und tauschten ihre grausigen Erlebnisse aus. Das Entsetzen, das ihnen noch in den Gliedern steckte und aus ihren vom Rauch verquollenen Augen sprach, fiel sie von neuem an, als das Gerücht umging, es herrsche wieder Fliegeralarm. Ob Vollalarm oder nur Voralarm, konnte keiner sagen, weil die Sirenen, soweit sie überhaupt noch vorhanden waren, mangels Stromzufuhr schwiegen. Es hieß, von der schweren Flak seinen drei Schüsse gelöst worden, und das solle nach dem Ausfall der Sirenen jetzt die Ankündigung von Luftgefahr bedeuten. Es war nicht auszumalen, welche Panik entstehen musste, wenn jetzt unter erneut geworfenen Bomben die zu Tode geängstigten Menschen nur in den offenen Ruinen Zuflucht finden konnten. Besorgte Blicke suchten den Himmel ab, dessen vorüberziehende Wolken den erbarmungslosen Feind verhüllen mochten. Doch es zeigte sich nichts, obwohl anzunehmen ist, dass zum mindesten ein oder zwei Erkundungsflieger Aufnahmen gemacht haben werden, denen vermutlich die drei Schüsse gegolten hatten. So verlief der angebliche Alarm ohne weitere Folgen.
Die Mittagszeit ging vorüber, ohne dass uns ein Hungergefühl aufgekommen wäre. Zwar waren in rascher Improvisation von der Parteileitung Massenspeisungsstellen eingerichtet worden, so zum Beispiel im Cafe´ Roux, zu denen das Essen in Lastwagen von Cuxhaven und anderen Orten herbeigebracht wurde. Auch die Marineschule, deren ausgedehnte Gebäudekomplexe seltsamerweise fast unversehrt geblieben waren, teilte aus ihren großen Küchenanlagen nahrhafte Suppen in Geschirren und Papierbechern an die Bevölkerung aus, aber wir kamen erst am nächsten Tage dazu, von dieser Einrichtung in bescheidenem Maße Gebrauch zu machen.
Am frühen Nachmittag ereignete es sich, dass Heinz Rebehn sich bei uns einfand, jenes männliche Wesen, um dessen ungewisses Schicksal Suses
(S. 29) Gedanken nach unserem glücklichen Entkommen aus der Bedrohung des Vorabends gekreist haben mochten und dem das wie entrückt von unserer Gegenwart halbhin gehauchte Eingeständnis: "nun weiß ich erst, wie lieb ich ihn
hab`" gegolten hatte. Das war er also, der ihrem Herzen so nahe stand, ohne dass wir davon gewusst hatten, ein langer, etwas überschlanker Mensch mit sympathischen, obwohl reichlich hohlwangigem Gesicht und mit welligem, dunkelblonden Haarschopf. Er sah von den Anstrengungen der Schreckensnacht recht mitgenommen aus, und berichtete, dass er nach dem Ablauf des Angriffs, der auch die Villa seiner Wirtsleute in der Bachstraße fest gänzlich einäscherte, angestrengt mit löschen und bergen geholfen und dann in vorgerückter Nacht noch versucht habe, zu unserem Hause vorzudringen, das Unternehmen aber habe aufgeben müssen, weil der Feuergürtel um die Gegend unseres Hauses von keiner Seite zu durchdringen gewesen sei. Daß die ganze Boriestrasse in Flammen stand und unser Haus davon nicht ausgeschlossen war, war ihm nicht verborgen geblieben, doch wenn ihn das Verlangen getrieben hatte, unser Schicksal zu erkunden, so hatte er sich einstweilen mit der Zuversicht trösten müssen, dass es uns sicherlich gelungen sei, rechtzeitig dem Inferno zu entrinnen und an einen sicheren Ort zu gelangen. Er war dann nach den Belastungen der Nacht in einen Schlaf der Erschöpfung verfallen und erst jetzt wieder zu sich gekommen.
Hatte zwischen ihm und unserer Suse bereits vor diesem Zeitpunkt eine gegenseitige Neigung und sogar ein geheimes Einverständnis über eine künftige Bindung bestanden, so lässt sich denken, dass das Geschehen dieser Nacht eine fühlbare Beeinträchtigung ihrer auf die Zukunft gerichteten Hoffnungen bedeuten musste, jedenfalls soweit die äußere materielle Seite dabei in Frage kam. Andererseits war die gegenwärtige Situation mit ihrem allgemeinen, die Menschen einander näherbringenden Notstand danach angetan, alle konventionellen Hemmungen beiseite zu schieben und einen Zustand der Beziehungen als gegeben hinzunehmen, ohne darüber Worte zu verlieren. So gehörte denn Heinz Rebehn, der sein Quartier in der Bachstraße verloren hatte, für die Folge zu uns, und wir richteten es so ein, dass er, während wir selbst bei Bürgerhoffs Wohnung behielten, in unser benachbartes winziges Gartenhäuschen übersiedelte, welches für eine Person ausreichende Schlafgelegenheit bot.
Nachdem wir aus dem Keller alles, was uns gehörte, in Sicherheit gebracht hatten, wandten wir unsere Aufmerksamkeit dem stehengebliebenen rückwärtigen Teil des Hauses zu, der das Treppenhaus mit seinem auf den Hof gerichteten Fenstern umschloß. Im Gegensatz zu der Vorderfront stand dieser Teil des Hauses noch in voller Höhe aufrecht da. Es zeigte sich
(S. 30) jetzt, dass das Treppenhaus mit seinem eichenen Stufenbelag, besonders im unteren Teil, dem
Feuer widerstanden hatte und dass darüber hinaus die rechts und links von ihm gelegenen Küchen erhalten geblieben waren, weil deren Terrazzoböden ein Durchbrennen von Stockwerk zu Stockwerk verhütet hatten. Man konnte infolgedessen vom fliesenbelegten Hausflur aus die Treppe fast in ihrer ganzen Höhe noch besteigen und von den luftigen Stellen, wo sich ehemals die Flurtüren zu den Wohnungen befunden hatten, in die ausgebrannte Ruine blicken. Jedoch ein Zugang zu den Küchen bestand nicht mehr, weil dieser nur über die jetzt nicht mehr vorhandenen Flure hätte erfolgen können. Dem körperlich nicht ungewandten Rebehn gelang es jedoch, über einen lose aufliegenden, schwankenden Eisenträger hinwegbalanzierend und mit den Händen an der nackten Ziegelwand Halt suchend, den Eingang zu unserer Küche zu gewinnen und uns vom anschließenden Balkon herab über deren Zustand Aufschluß zu geben. Danach war der emailierte Kohleherd so gut wie unversehrt, der daneben stehende Gasherd nur an einer Seite angeschmort, hingegen der große Reform-Küchenschrank, der Speiseschrank, der Tisch und alle sonstigen, aus Holz gefertigten Möbelstücke restlos zu Asche verbrannt. Von ihrem vielseitigen Inhalt war nichts übrig geblieben, als verglühte Beschläge, teilweise ineinanderverschmolzene Töpfe, Pfannen, Bestecke und sonstige Küchenutensilien, wie auch zahlreiche Scherben. Der elektrische Kühlschrank war aber leider, im Gegensatz zu den Herden, vollständig verglüht und nicht mehr zu retten. Eine Schüssel mit Eiern, die sich in ihm noch befand, ließ Rebein einem Strick vom Balkon herab. Die Eier waren zwar geschwärzt und steinhart geröstet, aber im Kern noch essbar und die harten Dotter schmeckten nicht übel.
Eine brennende Sorge Margrets galt unserem Kanarienvogel "Hansi", der sich in einem Messingbauer an der Wand der Küche befunden hatte. Das Bauer hing verglüht noch an der alten Stelle, doch von dem armen Vögelchen war nicht die winzigste Spur nachgeblieben. Wir konnten Margret damit trösten, dass es sicherlich durch die Gitterstäbe ins Freie habe entweichen können.
Einer ähnlichen frommen Illusion schien sich Frau Esch aus dem zweiten Stock hinzugeben. Sie hatte beim hastigen Aufbruch in den Keller ihren geliebten schwarzen Kater "Peter" in der Wohnung zurückgelassen und konnte sich offenbar von der Vorstellung nicht losreißen, dass er die Feuersbrunst überstanden habe und leibhaftig und lebendig wieder auftauchen werde. So gesellte sie sich denn zu uns und sandte unaufhörlich den sehnsüchtig lockenden Ruf
"Peter .. Peter!" zu ihrem Balkon hinauf, ohne dass ihr eine miauende Antwort zuteil wurde. Selbst am nächsten Tag
(S. 31) setzte sie ihr Rufen noch fort mit einer Beharrlichkeit, die, wäre durch sie nicht deutlich geworden, wie ihr die Trennung von dem Tiere nahe ging, gelinde Zweifel an der Klarheit ihres Verstandes hätte aufkommen lassen können.
Wie manche Tragödie im Kleinen mag sich in den verlassenen, langsam vom Feuer ergriffenen und verzehrten Wohnungen unter den eingeschlossenen Tieren abgespielt haben, wenngleich die Vorstellung davon bei weitem übertroffen wird von der Ausmalung schrecklichen Sterbens der in dieser Nacht dem Flammen- oder Erstickungstod verfallenen unschuldigen Menschen jeden Alters, deren Zahl nie offiziell bekanntgegeben wurde, sich auf etwa 400 belaufen haben soll.
Ich selbst habe von all den Opfern nur eine einzige Leiche zu Gesicht bekommen, als ich am Mittag während eines kurzen Ganges zu der durch den Angriff ebenfalls fast ganz zerstörten Seebeckwerft durch die Ulmenallee kam. In dem längs der einen Seite dieser Straße aufgeworfenen Deckungsgraben fiel mein Blick auf eine Tote, die mit dem Rücken nach oben ausgestreckt auf der Grabensohle lag und deren Oberkörper mit loser Erde bedeckt war. Ich vernahm, dass es sich um eine Frau handelte, die während des Angriffs hier in diesem Deckungsgraben von einer Stabbrandbombe getroffen wurde, weshalb man den zerschlagenen Oberkörper sofort mit Erde bedeckte.
Zu unserem Hause zurückgekehrt, gab es nach der bereits durchsuchten Küche noch eine kleine Überraschung. Außer der Toilette im Badezimmer hatte sich am Ende des Balkons noch ein zweites, ehemaliges Klosett befunden. Dieses kleine, von uns "Kabuff" genannte und als Abstellraum benutzte Gelaß war seiner Außenlage wegen vom Feuer nicht mit ergriffen worden und sein Inhalt erwies sich als vollständig unversehrt. Auf diese Weise kamen noch eine Anzahl sonst kaum geachteter Dinge zum Vorschein, vor allem unser elektrischer Staubsauger, ein Bohnerklotz, Wäscheleinen und sonstige "Puddermojen", wie Gerda das weniger wertvolle Gerümpel zu nennen liebte. Jetzt erschien uns jedes Stück als ein kostbarer Gewinn, wenn zunächst auch keine Verwendung dafür bestand.
Es war eigentlich erstaunlich, dass die Rückseite unseres Hauses besser erhalten geblieben war als die Vorderseite, obwohl sie doch der Feuersglut aus der Farbenfabrik und den jenseits der Schönianstraße sich erstreckenden Holzlagerschuppen direkt zugewendet gewesen war. Wie stark allein die Hitzestrahlung von diesen Schuppen her gewirkt hatte, ergab sich daraus, dass das Steinpflaster der Straße, insbesondere die Bordsteine unter der Hitze zerbröckelt und die an der Außenwand der Farbenfabrik befindlich gewesenen metallenen Hydrantenschilder abgeschmolzen waren.
(S. 32) Von den mächtigen Ulmen an der Straße, die mit ihren hochragenden Wipfeln die Sicht nach Osten zu meinem Verdruß selbst dann versperrt hatten wenn ich bei Alarmen in den vierten Stock hinaufgestiegen war, um von dort nach jener Richtung Ausschau zu halten, standen nur noch verkohlte Stümpfe. Ein üppiger Birnbaum, der fast in Reichweite unseres Balkons sich erhoben und voll reifer Früchte gehangen hatte, war ebenfalls zu einem kümmerlichen Gebilde zusammengeschrumpft, während unter ihm die Früchte als schwärzliche schmierige Klümpchen, die ich anfangs für verfaulte Kartoffeln hielt, auf der Erde umher lagen.
So ließe sich das Gesamtbild der Erlebnisse und Eindrücke dieses Tages noch durch manche Einzelheit ergänzen, wenn nicht allzu vieles Beiwerk dem Ganzen abträglich sein möchte.
Der Tag neigte sich auch seinem Ende zu und wir machten uns daran, von der Stätte zu scheiden, die so lange Jahre unser gepflegtes Heim umschlossen hatte und an der nach wie vor, ungeachtet ihrer schrecklichen Verwandlung inmitten des Ruinenfeldes, unser Herz hing.
Wie an allen Ruinen, hatten sich zu beiden Seiten unseres Hauseinganges die Wandflächen mit Kreideeinschriften bedeckt, die vom Überleben und Verbleib der Hausbewohner Kunde gaben. Da stand denn auch, von meiner Hand
geschrieben: "Kloppenburg, Schiffdorfer Chaussee 124". Nirgends indessen fand sich an den Wänden irgendein Ressentiment, wie etwa den naheliegenden
Spruch: "Das danken wir unserem Führer!", der eigentlich an jeder Ruine und über jeder zerbombten Straße von Rechts wegen hätte stehen müssen. Aber wenn sich auch diese bittere Erkenntnis in viele Herzen mit der Glut dieser verhängnisvollen, opferreichen Nacht unauslöschlich eingebrannt hatte, durfte doch niemand wagen, ihr öffentlich Ausdruck zu geben. Noch lief der totale Krieg auf vollen Touren, jede Opposition wurde als Zersetzung der Widerstandskraft der Heimat grausam geahndet, und so blieb der misshandelten, doch mit der Verheißung einer baldigen Wendung des Kriegsgeschehens durch den Einsatz neuer "Wunderwaffen" gefügig gehaltenen Bevölkerung nichts übrig, als in unseligem Fatalismus widerstandslos jedes noch so maßlose Opfer auf sich zu nehmen.
In unserem Falle beschränkte sich das Opfer allerdings nur auf materielle Einbußen, wenn man von der damit verbundenen Entbehrung des Heims und der Beeinträchtigung der Lebensweise absieht. Daß uns für die materiellen Verluste jemals eine angemessene Entschädigung zugesprochen werden würde, war bei dem ungeheuren Umfang der im ganzen Lande bis dahin schon ein Jahr zuvor von einem vereidigten Schätzer vorsorglich eine genaue Bestandsaufnahme unseres gesamten Mobiliars und Hausrates hatte vornehmen
(S. 33) lassen, die einen Schätzwert von über 60.000,-- RM ergab, das schuldenfreie Haus nicht eingerechnet. Das wir uns mit einem solchen Schaden abzufinden hatten, war nicht das bedrückendste. Schlimmer wog, dass wir nach menschlichem Ermessen kaum hoffen durften, jemals wieder zu einem auch nur annähernd gleichen Sachbesitz zu kommen.
Ungewiß überhaupt, was die weitere Zukunft sonst noch an dunklen Losen in Ihrem Schoße bergen mochte, traten wir den mehr als halbstündigen Weg zu unserer neuen Bleibe an der Schiffdorfer Chaussee an, den wir nicht recht als "Heimweg" in des Wortes eigenem Sinne empfinden konnten, da unser wahres Heimatgefühl in der Borriesstraße wurzeln blieb.
Unterwegs, am Eingang des Bürgerparks berührten wir das Café Roux in dessen Garten an die Bevölkerung Butterbrote ausgeteilt wurden. Auch wir ließen uns einige Stullen geben und nahmen sie mit in unsere kleine Küche bei Bürgerhoffs, die nun für die nächste Zukunft unseren täglichen Wasch-, Eß- und Wohnraum abgab, doch immerhin noch ein Eldorado bedeutete gegenüber den Verhältnissen, unter denen die Mehrzahl der obdachlosen Mitbewohner in der ländlichen Umgebung der Stadt in Notquartieren zu hausen hatte.
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Teil 1: Die Katastrophen-Nacht von Bremerhaven (Wesermünde) am 18. September 1944
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| Quelle: unveröffentlichtes
Schreibmaschinen-Manuskript aus den Jahren 1945/46, im Besitz der Familie Rebehn (Bremerhaven), mit frdl.
Genehmigung für psm-data; digitale Umsetzung GM |

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