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Unterrichtsmaterialien
Frühe Neuzeit | Reformation

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Frühe Neuzeit | Absolutismus | Frankreich

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Unterrichtseinheit: Die Aufnahme der Hugenotten in Hessen-Kassel
1. Sachanalyse

Ausgehend vom Ende der universalen Monarchie des Mittelalters kennzeichnet sich die frühe Neuzeit durch eine Folge von Konkurrenzkämpfen, die nicht nur im zwischenstaatlichen, sondern auch im inneren Bereich ausgetragen wurden. Zwar bekannten sich die Hauptgegner, der deutsche Kaiser und der französische König, zum katholischen beziehungsweise gallikanischen Glauben, innenpolitische sahen sich hingegen beide mit dem Widerstand reformierter Stände und Landesfürsten konfrontiert. Die hieraus resultierenden Religionskriege zwischen Katholiken und Protestanten im Habsburgerreich liefen auf einen Ausgleich hinaus, der die partikularen Gewalten im Land gegenüber dem Kaisertum konsolidierte. Die Religionsfrage wurde bekanntlich zugunsten der einzelnen Landesherren entschieden. Den Preis der innenpolitischen Schwächung zahlten die deutschen Kaiser um eines erfolglosen Versuchs zur Aufrichtung der Universalmonarchie willen: Vor allem für ihre "Kreuzzüge" gegen die Wien bedrängenden Osmanen (seit 1523) war ein Arrangement mit den reformierten Landesfürsten nötig. Frankreichs Interesse, sich als Verteidiger der Christenheit zu profilieren, konnten die Habsburger zurückweisen (1519-44). Vielleicht erklärt sich so, dass in Frankreich über die internen Glaubenskriege gegen die Hugenotten (1) eine gewisse Kompensation stattfand. Mehrere Autoren sprechen von einem "Kreuzzug im Landesinneren" (z.B. Duchhardt 1985, S.33). Am Ende stand die französische Monarchie gefestigt dar; die partikularen Gewalten wichen der absoluten Staatsgewalt. Auch die Glaubensfrage wurde zugunsten der Krone entschieden; die Konversion der Reformierten gewaltsam erzwungen.

Über die genaue Zahl der Hugenotten, die deshalb Frankreich trotz Auswanderungsverbots verließen, herrscht Unklarheit; sie variiert zwischen 300.000 und 500.000 (ca. 5% der Bevölkerung). Die folgenden Ausführungen wenden sich der Frage zu, unter welchen Bedingungen die Aufnahme dieser Menschen erfolgte. Dabei erscheint opportun, sich an zwei Kriterien zu orientieren, die in dem antiken Fremdenrechts Solons ebenso wiederzufinden sind wie in der modernen Unterscheidung in Ausländer- und Asylrecht: Humanität und Ökologie.

In den protestantischen deutschen Territorien fanden etwa 10% der Hugenotten Zuflucht. Obwohl die Emigration über einen längeren Zeitraum erfolgte, löste das 1685 von Ludwig XIV. erlassene Revokationsedikt (2) den größten Einwanderungsschub aus. Von der Schweiz ging es über "Drehscheiben" (z.B. Frankfurt a.M.) zu den Zielorten im Reich, wobei Brandenburg-Preußen (20.000 Personen) und Hessen-Kassel (3.800 Personen) Schwerpunkte bildeten. Dass der Kurfürst und der hessische Landgraf dem calvinistischen Glauben angehörten, mag die Entscheidung der Exulanten erleichtert haben. Doch die Aufnahme geschah nicht allein aus christlicher Nächstenliebe. Schon in Brandenburg-P. standen ökonomische Interessen hinter der Einwanderungspolitik, die - bedingt durch Bevölkerungsverluste und territoriale Größe - ebenso auf bäuerliche Einwanderer wie auf qualifizierte Arbeiter abgestimmt wurde. In diesem Sinne ziele auch das Potsdamer-Edikte (im Grunde eine Werbebroschüre, die an den "Drehscheiben" verteilt wurde) auf die Gesamtheit der Réfugiés. Ihr in der calvinistischen Prädestinationslehre begründeter Feliß wird ebenso zur erfolgreichen Ansiedlung wie zum Aufschwung Brandenburg-P. beigetragen haben. Demgegenüber verblasst die Aufnahme in Hessen-Kassel: sie scheint von lokalem Interesse, was nur bedingt gerechtfertigt ist, denn im Verhältnis zu Größe und Bevölkerung nahm die kleine Landgrafschaft weitaus mehr Hugenotten auf. Ähnlich dem Potsdamer-Edikt warb der hessische Landgraf Karl die Glaubensflüchtlinge mit einer "Freiheitskonzession" (1685) an. Der Unterschied zum Edikt seines Onkels lag darin, dass allein qualifizierte Handwerker und Manufakturisten angesprochen wurden. Der Landgraf konzessionierte ihnen (neben der Glaubensfreiheit) Freiheit von Steuern- und Zunftzwängen und erhoffte sich die Gründung fortschrittlicher französischer Werkstätten. Die Wirklichkeit sollte seine Erwartungen gründlich widerlegen und ihn vor Probleme stellen. So trafen 1685 wenige Manufakturisten, aber unerwartet viele bäuerliche Exulanten in Hessen-Kassel ein. "Alle waren durch die Anreise verarmt und erschöpft". (Weitzel 1985, S.123) O. Dascher (1985, S.143) hat darauf hingewiesen, dass im hessischen Gebiet "trotz der Bevölkerungsversluste des 30jährigen Krieges keine Bauernstellen zur Verfügung standen." AUch war die hessische Administration nicht auf eine größere Zahl von Flüchtlingen vorbereitet. Die Flüchtlinge wurden "zumeist bei den Einwohnern einquartiert." (Weitzel ebd.) Für einen Versuch, die bäuerlichen Neuankömmlinge z.B. nach Preußen abzuschieben, finden sich keine Belege. Dennoch wurde bereits 1686 - teilweise gegen einheimischen Widerstand - begonnen, durch Rodungen und Vermessungen Gründungen ländlicher Kolonien für die Bauern einzuleiten. Das Baumaterial erhielten die Hugenotten gratis.

Doch kam es im Kontext der ersten Einwanderung offenbar auch zu gewerblichen Niederlassungen in Form von Manufakturen (vgl. Dascher 1985, S.132). Sie mussten jedoch bal wieder geschlossen werden. "Vorhandene Eigenmittel verwendeten die ersten Manufakturisten für Grundbedürfnisse und nicht für Investitionen." (ebd.) Da auch die staatlichen Aufträge und Subventionen (mit den umfangreichen Maßnahmen zur Existenzsicherung hatte sich Hessen-Kassel finanziell übernommen (vgl. ebd. S.136) nicht die erforderliche Höhe erreichten, wichen sie als Bauern in die ländlichen Siedlungen aus. Erst später kam es zu dem erhofften Effekt: "Es entbehrt nicht der Ironie, dass in Hessen-Kassel Manufakturen ausgerechnet zu dem Zeitpunkt entstanden, in dem der Staat sich seinen Misserfolg eingestehen musste. Träger dieser Gründungen wurden die Söhne der Gescheiterten." (ebd. S.140) Es ist die finale Bestätigung für eine Politik, die es offenbar vermochte, ökonomische Interessen zurückzustellen und eigene Ressourcen zur Versorgung und Aufnahme der Réfugiés zu mobilisieren. Bleibt festzustellen, dass die Entscheidung des Landgrafen zur Aufnahme und Ansiedlung der bäuerlichen Exulanten durch kein materielles Kalkül zu erklären ist und vermutlich aus einer ethisch-moralischen Haltung resultierte. Sicherlich sollte aber auch darauf hingewiesen werden, dass ein nebengeordnetes Ziel der "Freiheitskonzession" darin bestand, die alten Zunftschranken niederzureißen. Tatsächlich stießen die Freiheiten von Anfang an auf Kritik bei den Zünften. Die Handwerker reagierten letztlich flexibel: Schon 1699 leitete der Schneidermeister Kisselbach eine Tuchmanufaktur (vgl. Dascher ebd., S.137)

(1) Hugenotten = Anhänger der Lehre Calvins (husgenoten = Hausgenossen oder Schweiz = Eidgenossen)

(2) Hatten Ludwigs Vorgänger das "Edikt von Nantes", welches in einer kurzen Phase des Ausgleichs (1598-1610) formuliert worden war, noch insofern respektiert, als sie den reformierten Glauben zwar tolerierten und allein seine räumliche Konzentration (besonders Richelieu) bekämpften, postulierte der Sonnenkönig durch sein Revokationsedikt zweifellos einen härteren Kurs.

Literatur:

Dascher, O. (1985) - Die Bedeutung der Hugenotten für Hessen Kassel

Weitzel, J. (1985) - Maßnahmen zur Eingliederung hugenottischer Flüchtlinge



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