„Die schönsten Partien der Schachgeschichte“ - Dr. Helmut Pfleger

Aus der PSM Redaktion, geschrieben von Heinz-Willi-Jansen am 31.10.2012
 Auf Amazon.de kaufenBand 1 – 3 Neuauflage incl. Bonuspartien (Dr. Helmut Pfleger) aus der Reihe: fritztrainer weltklasseschach
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Bei welchem deutschsprachigen Schachinteressierten klingen nicht sofort die Ohren, wenn man den Namen Dr. Helmut Pfleger in den Mund nimmt? Er war es doch vermutlich, der uns alle, denen die Begeisterung für das Schachspiel gemeinsam ist, in seiner Zeit beim WDR so richtig auf den Geschmack gebracht hat. Seine Markenzeichen waren jahrelang Sendungen wie „Schach der Großmeister“ oder „Schach – Zug um Zug“, mit denen er seinen hohen Ruf als Analyst, Kommentator oder auch einfach nur als sympathischer, eloquenter Plauderer erwarb. An seiner Seite stand lange Jahre GM Vlastimil Hort, der im Duett mit dem Arzt aus Bamberg ebenfalls glänzte und für niveauvolle Unterhaltung sorgte. Darüber hinaus kommentierte der deutsche GM (beste ELO-Zahl 2477 im Februar 2009 – seit 1998 keine weitere Teilnahme an Turnierereignissen) zahlreiche große Schachturniere und schrieb lange Zeit Schachkolumnen in der „Welt am Sonntag“, sowie in der „Zeit“, für die er auch 120 wöchentliche Schachprobleme veröffentlicht hatte. Wir wollen letztlich nicht vergessen, welche Auszeichnungen Dr. Pfleger für sein Bemühen um den Schachsport erhalten hat:

1975 - Silbernes Lorbeerblatt
1976 - Goldene Ehrennadel des Deutschen Schachbundes
1981 - Goldener Gong für „Schach zum Anfassen“
1982 - Medienpreis des Deutschen Schachbundes
2009 - Breitensport-Ehrenpreis des Deutschen Schachbundes

Zu den eingeladenen Spielern im TV gehörten seinerzeit die absoluten Schachgrößen, u. a. Kasparow, Kramnik, Anand, Lékó, Timman und quasi zum Aufgalopp der Sendereihe (im Jahr 1983) Karpow sowie der damals stärkste deutsche Spieler Dr. Robert Hübner. Mit Wehmut im Herzen muss jeder Schachfreund im Jahr 2005 die Einstellung der Ausstrahlungen zur Kenntnis genommen haben. Auch heute denke ich noch: „Schade – das waren wirklich unvergessliche Highlights des Schachs im deutschen Fernsehen“. (Für die Jüngeren unter uns darf ich noch darauf hinweisen, dass zu dieser Zeit keinerlei Werbeunterbrechungen und kein Handyklingeln den Ablauf der Sendungen unterbrachen – unvorstellbar!)
Mit den mir vorliegenden drei DVDs der Hamburger Firma ChessBase will Helmut Pfleger an diese Erfolgsgeschichte anknüpfen und uns per Bild / Ton Highlights der Schachgeschichte vorführen. Mehr als 13 (!!!) Stunden dieser Leckerbissen hat er auf den drei Silberscheiben zusammengetragen. Natürlich kann auch jeder Band für sich und völlig unabhängig von den übrigen betrachtet (und auch gekauft) werden, da der Aufbau für den jeweiligen Datenträger eigenständig ist. Jäger und Sammler werden hier natürlich nicht genau hinhören, sondern ohne Nachdenken sofort zum „Dreierschlag“ ausholen. Es darf jedoch nicht verschwiegen werden, dass Bd. 1 und 2 lediglich Neuauflagen bereits erschienener Ausgaben sind (sie wurden um jeweils eine Partie ergänzt, was einen Neukauf kaum rechtfertigen kann), lediglich Bd. 3 wurde neu erstellt und produziert.
Der 1. Band verwöhnt den Betrachter / die Betrachterin mit Spitzenpartien des vermutlich letzten Vertreters der romantischen Schachschule Adolf Anderssen, dem Perfektionisten Akiba Rubinstein, dem Verfechter des hypermodernen Schach Miguel Najdorf, sowie der Weltmeister Alexander Aljechin, Mihail Tal, Bobby Fischer, Anatoly Karpov und Garry Kasparov. (Bei der Namensschreibung orientiere ich mich hier an der DVD, mir sind auch andere Schreibweisen bekannt, aber das soll nun nicht den Ausschlag geben.) Pfleger belässt es allerdings nicht nur bei der Präsentation dieser ausgewählten Glanzlichter, sondern er versucht uns aufzuzeigen, welche unterschiedlichen Auffassungen vom Schachspiel diese Schachgrößen hatten. Natürlich durfte in der Liste der Partien auch nicht der legendäre Zweikampf Mensch gegen Maschine (Kasparow – Deep Fritz, aus dem Jahr 2003) fehlen. Somit liegen auf dieser 1. DVD insgesamt elf Meisterpartien vor, die nach meiner Einschätzung wirklich glänzend von Dr. Helmut Pfleger kommentiert und „zelebriert“ werden.
Auf der 2. DVD finden Schachfreunde erneut 11 Partien vor, deren zweifelsfrei herausragende Protagonisten von Steinitz und Lasker, über Casablanca, Nimzowitsch und Tarrasch, bis hin zu Fischer, Spassky, Karpov, Kasparov, Larsen, Anand, Topalov, Shiro, Leko und Kramnik reichen. Prägend für die Qualität des Ausgewählten ist auch hier wieder die charmante, sympathische Art unseres Kommentators, uns die zu vermittelnden Erkenntnisse wortreich zu erklären. So macht die Nachbetrachtung, bzw. das Nachspielen historischer Highlights wirklich Freude, wobei wir nebenbei noch eine Vielzahl biographischer Details der Berühmtheiten erfahren. Auch in Bd. 2 darf natürlich ein Zweikampf Mensch gegen Maschine nicht fehlen, wir können eine siegreiche Partie des damaligen russischen Weltmeisters Kramnik (2000 – 2007) gegen Deep Fritz ge- oder entspannt verfolgen.
Der letzte Datenträger aus der Trilogie (dieses Mal kein Aufgewärmtes, sondern eine echte Neuerscheinung) führt uns zu einer Serie von Partien aus den Jahren 2008 – 2012, also recht Neuwertiges aus dem Schachhighlights-Bereich. Aktuelle Welt- und Großmeister nehmen sich hier quasi die Figuren aus der Hand, bzw. vom Brett. Wir können wiederum unter fachkundiger Kommentierung Pflegers genießen und verstehen, welches Gedankengut, welche Strategie und Taktik unsere Lehrmeister zu ihren außergewöhnlichen Partien geleitet hat. In insgesamt 10 ausgewählten Spitzenpartien gaben folgende Experten Kostproben ihrer Genialität: Kramnik, Anand, Topalov, Gelfand, Larsen, Ivanchuk, Efimenko, Gustafsson, Yifan, Le Quang Liem, Aronian, Kortschnoj, Kamsky und Svidler.
Systemanforderungen: Pentium-Prozessor mit 300 MHz o. besser, 64 MB RAM, Windows XP, Vista oder Windows 7, DVD-ROM-Laufwerk, Maus und Soundkarte.
Fazit: Ein echter Schachlehrgang – so wie oft von ChessBase produziert – ist diese DVD-Reihe sicher nicht. Lediglich als Trainingsmaterial lässt sich dies nicht verwerten. Aber zum Genießen und Erfreuen bieten sich reichlich Gelegenheiten. Das vorgestellte System ist stimmig, die Qualität der präsentierten Schachpartien steht außer Frage. Zu danken ist auf jeden Fall dem deutschen Experten Dr. Helmut Pfleger, der in seiner für mich überaus angenehmen und nie überheblichen Art, diese Leckerbissen erst so recht aufbereitet hat. Nun gut – mit den ersten beiden Bänden dieser Ausgabe kam nichts wirklich weltbewegend Neues auf den Markt (wer diese also bereits in der Vergangenheit erworben hatte, muss nicht erneut zugreifen, wegen jeweils „einer“ neu hinzugekommenen Partie), aber Band 3 setzt mit einer weiteren guten Auswahl zeigenswerter Partien dem Dargebotenen ein Sahnehäubchen auf. Das Schachspiel mit seinen Protagonisten bleibt zwar immer ein Sport, aber durch die Präsentation Pflegers mit interessanten Hinter¬grund¬informationen zu den Personen und geschichtlicher Einordnung gibt es mehr her als nur bloßen Demonstrationscharakter. Letztlich darf noch ein (vielleicht leicht abwegiger) Vergleich erlaubt sein: Fußballenthusiasten sehen sich gerne immer wieder alte Endspiele oder Traumpaarungen mit außergewöhnlichen Ergebnissen an. Wer solches liebt und auch noch Schachfan ist, der wird mit „Die schönsten Partien der Schachgeschichte - Band 1 bis 3“ voll auf seine Kosten kommen. Ich stufe das Werk als erstklassige Schachunterhaltung ein.
Danke an ChessBase für die DVDs, die mir sehr viel Freude und Genuss bereitet haben.

Heinz-Willi Jansen
(stellvertr. Schulleiter an der Kath. Hauptschule Stadtmitte in Mönchengladbach)