Boris Gelfand „Meine besten Partien“

Aus der PSM Redaktion, geschrieben von Marcus Wegener am 18.10.2005

Boris Gelfand: „Meine besten Partien“. Mit einem Geleitwort von Wladimir Kramnik und einer Kurzbiographie von Dirk Poldauf. In Zusammenarbeit mit Ken Neat. Figurine Notation, 272 Seiten, Edition Olms 2005, kartoniert. 19,95 € unverb. Preisempf.

Dass Schachgroßmeister eine selbst kommentierte Sammlung ihrer Partien veröffentlichen, ist in der heutigen Zeit leider selten geworden. Dafür gibt es mehrere Gründe: Schachbücher müssen sich in einem sehr kleinen Marktsegment behaupten, ihre potentielle Käuferschaft ist klein, der Aufwand für den Druck (Diagramme) dagegen vergleichsweise groß, ebenso die Konkurrenz durch die elektronischen Medien (ChessBase u.a.), die darüber hinaus erheblich schneller produziert werden können. Eine Partiensammlung könnte sich da schnell als Ladenhüter entpuppen. Der aus Sicht eines Großmeisters sicherlich schwerwiegendste Faktor: Die gründliche Analyse einer denkwürdigen Schachpartie kann sich über viele Stunde, ja Tage und Wochen hinziehen – bei einer Partiensammlung wie der vorliegenden mit ungefähr 50 Partien rechnet man sich da besser keinen Stundenlohn aus, sonst fängt man mit der Arbeit gar nicht erst an. Und schließlich: Wer seine Partien kritisch kommentiert, wird dabei unweigerlich über seine Stärken und Schwächen, seine Vorbereitung auf die Partie, seine Eröffnungsvorlieben und -abneigungen, seine Gefühle und Gedanken während der Partie sprechen, kurz, er wird etwas von sich preisgeben, was Gegnern möglicherweise wertvolle Informationen liefert. Welcher Schachspieler, der sich noch etwas von seiner Karriere erhofft, ist dazu schon bereit?
Es verwundert nicht, dass einige Großmeister deshalb einen bequemeren Weg gehen: Sie kommentieren ihre Partien nur flüchtig und geben dabei Belanglosigkeiten zum Besten oder sie lassen gar die Arbeit von anderen erledigen und stellen für das Produkt anschließend nur ihren (guten?!) Namen zur Verfügung. Garniert mit dem Ausdruck von einigen hundert unkommentierten Partien entstehen so zwar voluminöse, aber schachlich wertlose Machwerke.

Boris Gelfand zählt nicht zur letzten Kategorie von Schachgroßmeistern und alleine deshalb verdient sein Werk „My most memorable games“ eine Empfehlung. (Jetzt im Olms Verlag als „Meine besten Partien“ in teils etwas unbeholfen wirkender deutscher Übersetzung erschienen.)







Aber der Reihe nach: Boris Gelfand ist einer jener Schachspieler, denen der Sprung an die absolute Spitze stets verwehrt blieb. Seit den neunziger Jahren des letzten Jahrhunderts ist Gelfand ein ernsthafter Aspirant auf einen Titelkampf, er erlebte das Auseinanderbrechen der Schachwelt hautnah mit und dürfte das kaum wiederholbare Kunststück vollbracht haben, zwei im Schweizer System ausgetragene Interzonenturniere hintereinander zu gewinnen – zu einem Weltmeisterschaftskampf reichte es jedoch noch nie. Auch ein 1. Platz im „Wimbledon des Schachs“, dem Turnier in Linares, blieb ihm stets verwehrt; überhaupt weist Gelfand für einen Spieler seiner Kategorie verhältnismäßig wenige Turniersiege auf. Im Moment belegt Boris Gelfand mit einer ELO-Zahl von 2717 den 13. Platz der FIDE-Weltrangliste und zählt sicherlich immer noch zur absoluten Top-Elite des Schachs. Dennoch ist es in den letzten Jahren relativ still um ihn geworden, zu sehr ziehen gegenwärtig Namen wie Sergej Karjakin, Teimur Radjabow, Magnus Carlsen usw. die Aufmerksamkeit auf sich, zu selten werden noch hochklassige Rundenturniere mit einer vernünftigen Bedenkzeit ausgetragen, bei denen ein Spieler vom Schlage Gelfands eingeladen würde.
Dies mag auch damit zu tun haben, dass Gelfand in gewisser Hinsicht ein Dinosaurier ist: Er wurde groß in einer Zeit, in der das schachliche Denken noch nicht von Analysemodulen geprägt wurde und zählt überdies zu den klassisch-positionellen Schachspielern. Seine Partieanlage beruht also mehr auf strategisch- korrektem Spiel (nicht umsonst gibt er als Vorbild den Positionsspieler und Endspielkünstler Akiba Rubinstein an), worin aber möglicherweise auch die Ursache für die fehlenden ganz großen Erfolge zu suchen sind. Obwohl er brillant kombinieren kann, legt er seine Partien ungern auf ein wildes Gemetzel an. Stattdessen ist Gelfand einer der wenigen Spitzengroßmeister mit einer ausgeprägten Vorliebe für bestimmte Eröffnungen, denen er über Jahre hinweg die Treue hält (z.B. der Najdorf-Sizilianer und der bereits angesprochene Grünfeldinder mit 8. Tb1).
Gelfands Verhalten als Schachspieler ist im positiven Sinne unspektakulär; mir ist kein Ereignis bekannt, bei dem Gelfand durch irgendwelche Mätzchen in Erscheinung getreten wäre. Trotzdem enthält seine Vita durchaus interessante Momente: Seine Frau Zoe Tran Ngyen (Schreibweise des Namens, wie ich sie erinnere, Anm. d. Rezensenten) spannte Boris seinem Großmeisterkollegen Mickey Adams aus, um ihn kurz darauf auch noch in einem Kandidatenwettkampf zu besiegen. Außerdem siedelte der frühere Weißrusse Gelfand aus religiösen Gründen nach Israel aus, was ihn 2004 die Teilnahme an der WM in Tripolis kostete, da die libysche Staatsführung ziemlich unverhohlen den Israelis die Teilnahme an der WM zu verwehren suchte. (Nebenbei: Die Duldung dieses Vorgangs, ja überhaupt die Ausrichtung einer WM in Libyen sowie die Tatsache, dass es keine nennenswerte Solidaraktion anderer Schachspieler für die Israelis gab, sagt alles über die FIDE und sehr viel über die Schachwelt aus.)

Was erwartet den Leser von „Meine besten Partien“? Zunächst einmal ein in drucktechnischer Hinsicht ordentlich aufgemachtes Buch: Klar gedruckte Diagramme und figurine Notation auf hochwertigem Papier im Softcover. Die Gestaltung der Diagramme lässt Liebe zum Detail erkennen: Ein kleiner weißer bzw. schwarzer Pfeil neben dem Diagramm macht deutlich, wer in der abgebildeten Stellung am Zuge ist. Die Strukturierung des Textes würde ich mir für den Variantenteil allerdings manchmal etwas übersichtlicher wünschen (etwa durch Fett- oder Kursivdruck), die serifenlose Schrifttype wird der Qualität des Buches ebenfalls nicht richtig gerecht. Insgesamt aber bleibt der Leseeindruck angenehm, wie man es von einem renommierten Verlag wie Olms auch erwarten darf. Ein übersichtliches Inhaltsverzeichnis sowie ein sorgfältig gestaltetes Register (nein, das ist bei einem Schachbuch leider nicht selbstverständlich!) runden den guten äußerlichen Eindruck ab.

Die Gliederung des Buches ist ungewöhnlich, aber gelungen: Nach einem kurzen Vorwort von Wladimir Kramnik und einer knappen Einleitung des Autors stellt der bekannte Schachjournalist Dirk Poldauf Boris Gelfand in einem kleinen Porträt vor. Im Hauptteil widmet Gelfand zunächst ein ganzes Kapitel seiner Lieblingsvariante: Dem Grünfeld-Inder mit 8. Tb1. Erst dann folgt eine Anzahl der „besten Partien“ in chronologischer Reihenfolge, gefolgt von einigen Kombinationen und interessanten Endspielen des Autors.

Inhaltlich bietet Gelfand seriöse Partienanalyse auf höchstem Niveau. Sympathisch, dass er auch einige Verlustpartien für denk- und analysierwürdig hält; nicht vielen Schachspielern gelingt es, diesbezüglich über ihren Schatten zu springen und Niederlagen ebenso in eine solche Sammlung aufzunehmen (in dieser Hinsicht wäre vielleicht auch eine wortgetreuere Übersetzung des Titels angebracht gewesen).
Eines der wichtigsten Kriterien zur Beurteilung von Partienanalysen ist der Umgang des Autors mit den Kommentierungssymbolen „!“ und „?“. Es herrscht allgemein Einigkeit darüber, dass Weiß in der Ausgangsstellung etwas besser steht (dank des Anzugvorteils), dass dieser Vorteil aber nicht zum Sieg ausreichend ist. Wird also eine Partie entschieden, muss die unterlegene Partei einen Fehler gemacht haben (selbst wenn dieser Fehler erst in der Aufgabe der Partie zu finden wäre). Ohne ein „?“ oder zumindest „?!“ geht es bei einer entschiedenen Partie also nicht! Nun kann es zwar manchmal vorkommen, dass sich gar nicht so leicht feststellen lässt, an welcher Stelle die betreffende Partei fehlgegriffen hat, aber eine gute Partieanalyse wird sich dennoch immer dazu verpflichtet sehen, diesen kritischen Punkt der Partie herauszuarbeiten oder sich ihm zumindest anzunähern.
Boris Gelfand hat sich diese Mühe gemacht: Die Vergabe der einschlägigen Kommentierungszeichen ist so gut wie immer logisch und nachvollziehbar, Gelfand lässt den Leser nicht im Unklaren über den Verlauf der Partie, sondern legt stets den analytischen Finger – auch in die eigene! – Wunde. Umgekehrt ist es für einen honorigen Spieler wie Gelfand selbstverständlich, dass er das „!“ nicht für sich gepachtet hat, sondern auch die Züge seiner Gegner hiermit schmückt.
Auch die Varianten machen klar: Hier hat sich jemand richtig in die Partien hineingekniet (wie aus Gelfands Anmerkungen deutlich wird manchmal sogar nach einigen Jahren Abstand zur ersten Analyse der Partie zum zweiten oder dritten Mal). Da kann es dann auch schon mal eine Doppelseite brauchen (Gelfand-Shirow, Paris 1992), bis wieder die tatsächlich gespielten Züge zur Debatte stehen.
Aber Achtung! Boris Gelfand ist kein Mann der vielen Worte! Wer sich von ihm ausführliche Erläuterungen der Eröffnungssysteme, Sophistereien über die Entwicklung des Schachspiels, philosophische Gedanken über Gott und die Welt oder auch einen intimeren Blick in die Privatsphäre eines Schachgroßmeisters erhofft, wird hier nicht fündig werden. Einige der angeführten Aspekte werden sicherlich auch von einigen Käufern gar nicht vermisst werden, bezüglich der Partiekommentare heißt dies jedoch, dass Gelfand einfach ein gewisses schachspielerisches Niveau voraussetzt. Insbesondere in den zur Länge neigenden Nebenvarianten wird der Autor ziemlich still; vom Leser wird halt erwartet, dass er sowieso versteht, was Gelfand mit der Zugfolge sagen möchte. Wer es gewohnt ist, mit dem Informator zu arbeiten, wird damit schon klarkommen; in DWZ ausgedrückt würde ich bei 1800 eine Grenze ziehen – Leser, die darunter liegen, sollten zumindest eine Vorliebe für Gelfands Eröffnungen pflegen, wenn die Lektüre einen angemessenen Gewinn erbringen soll. Im Übrigen will dieses Buch erarbeitet werden, als Nachttischlektüre eignet sich Boris’ Variantenfülle nicht!

Fazit: Neben hochklassigen Partieanalysen, die jeden Cent des Kaufpreises wert sind, ist es Gelfand gelungen, seine Persönlichkeit in dieses Buch einfließen zu lassen. „Meine besten Partien“ ist seriös, bescheiden, analytisch und dem Schachspiel verpflichtet – wie Boris Gelfand. Persönlich wünschte ich mir von einem solchen Werk mehr „human touch“: Vielleicht eine kleine Gehässigkeit gegenüber Kollegen, einen deftigen Analysekommentar wie „1.Sf3 ist was für Feiglinge!“ oder in größerem Umfang Einblicke in die Zugfindungsprozesse eines Großmeisters. (Offenbar hat der Olms-Verlag dies ähnlich gesehen und mit der Kurzbiographie aus der Feder Poldaufs versucht, dieses kleine Manko ein wenig auszugleichen.) Selbst das üble Kapitel der WM in Libyen erwähnt Gelfand mit keiner Silbe. Es wäre zu hoffen, dass die Käufer diese Integrität zu honorieren wissen...

Marcus Wegener, Realschullehrer und B-Trainer des Deutschen Schachbundes Ich danke dem Olsm-Verlag, der das Rezensionsexemplar kostenlos zur Verfügung gestellt hat.